Kin­der­geld für den Archi­tek­ten in Grie­chen­land

Einem deut­schen Selb­stän­di­gen, der in Grie­chen­land als Archi­tekt tätig war, steht ein Teil-Kin­der­geld­an­spruch in Höhe der Dif­fe­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld und den grie­chi­schen Fami­li­en­leis­tun­gen zu.

Kin­der­geld für den Archi­tek­ten in Grie­chen­land

In dem vom Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­de­nen Rechts­streits war der Klä­ger in Grie­chen­land als Archi­tekt selb­stän­dig tätig, er hat­te jedoch, eben­so wie auch sei­ne leib­li­che Toch­ter, in Deutsch­land einen Wohn­sitz. Damit hat­te er grund­sätz­lich einen Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nach § 62 ff EStG. Der Kin­der­geld­an­spruch ist nicht nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen. Hier­nach wird Kin­der­geld für ein Kind nicht gezahlt, für das Leis­tun­gen im Aus­land gewährt wer­den, die dem Kin­der­geld ver­gleich­bar sind. Die­se natio­na­le Kol­li­si­ons­vor­schrift wird durch das euro­päi­sche Gemein­schafts­recht, ins­be­son­de­re durch Art. 13 Abs.1 und 2 Buchst. b) VO (EWG) Nr. 1408/​71 ver­drängt [1].

Die VO (EWG) Nr. 1408/​71 ist auf den Klä­ger anwend­bar. Er gilt als Selb­stän­di­ger im Sin­ne der VO (EWG) Nr. 1408/​71. Der per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich der VO (EWG) Nr. 1408/​71 wird in deren Art. 2 Abs. 1 dahin umschrie­ben, dass sie für "Arbeit­neh­mer" und "Selb­stän­di­ge" gilt, für wel­che die "Rechts­vor­schrif­ten" eines oder meh­re­rer Mit­glied­staa­ten gel­ten, soweit sie Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats sind. Nach Art. 1 Buchst. j Unter­abs. 4 der VO (EWG) Nr. 1408/​71 umfasst der Begriff "Rechts­vor­schrif­ten" nicht die Bestim­mun­gen für Son­der­sys­te­me für Selb­stän­di­ge, deren Schaf­fung der Initia­ti­ve den Betref­fen­den über­las­sen ist oder deren Gel­tung auf einen Teil des Gebiets des betref­fen­den Mit­glieds­staats beschränkt ist. Wegen der betref­fen­den Son­der­sys­te­me, die nicht in den Rege­lungs­be­reich der Ver­ord­nung fal­len, wird auf den Anhang II ver­wie­sen. Dies führt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu einer "Ver­klam­me­rung" von per­sön­li­chem und sach­li­chem Gel­tungs­be­reich der Ver­ord­nung mit der Fol­ge, dass die in einem Son­der­sys­tem pflicht­ver­si­chert sind, des­sen Gel­tung auf einen Teil des Gebiets des betref­fen­den Mit­glieds­staats beschränkt ist, ins­ge­samt nicht in den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung fal­len [2]. Da die TSMED nicht auf einen bestimm­ten Bereich Grie­chen­lands beschränkt ist und dar­über hin­aus der Anhang II zur VO (EWG) Nr. 1408/​71 kei­ne Aus­nah­me für die­se Ver­sor­gungs­ein­rich­tung ent­hält, gehör­te der Klä­ger somit einem Son­der­sys­tem für Selb­stän­di­ge an.

Eine Ein­schrän­kung des per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs ergibt sich nicht aus dem Anhang I zur VO (EWG) Nr. 1408/​71. Nach Anhang I Teil I Buchst. C Unter­abs. b ers­ter Gedan­ken­strich der Ver­ord­nung gilt als Selb­stän­di­ger i.S. von Art. 1 Buchst. a Ziff. ii der VO (EWG) Nr. 1408/​71, wer eine Tätig­keit als Selb­stän­di­ger aus­übt und in einer Ver­si­che­rung der selb­stän­dig Erwerbs­tä­ti­gen für den Fall des Alters ver­si­che­rungs- oder bei­trags­pflich­tig ist. Zu den Ver­si­che­run­gen in die­sem Sin­ne gehö­ren nur deut­sche Ver­si­che­run­gen [3]. Aller­dings gilt die­se Ein­schrän­kung, wie sich aus dem Wort­laut des Anhang I Teil I Buchst C. ergibt, nur wenn ein deut­scher Trä­ger für die Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen nach Titel III Kapi­tel 7 der Ver­ord­nung zustän­dig ist. Nach Art. 73 VO (EWG) Nr. 1408/​71 hat ein Arbeit­neh­mer oder Selb­stän­di­ger, der den Vor­schrif­ten eines Mit­glied­staa­tes unter­liegt, für sei­ne im Aus­land leben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen, nach den Vor­schrif­ten des ers­ten Staa­tes, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Staat wohn­ten. Hier­aus ergibt sich, dass die Ein­schrän­kung des per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs der VO (EWG) Nr. 1408/​71 nach deren Anhang I Teil I Buchst C. aus­schließ­lich auf sol­che Fami­li­en­leis­tun­gen Anwen­dung fin­det, die für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge gezahlt wer­den sol­len, die nicht in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land woh­nen. Die Toch­ter des Klä­gers wohn­te aber im frag­li­chen Zeit­raum bereits in der Bun­des­re­pu­blik.

Nach der all­ge­mei­nen Regel des Art. 13 Abs. 1 und 2 Buchst. b) VO (EWG) Nr. 1408/​71 unter­liegt ein Selb­stän­di­ger den Rechts­vor­schrif­ten des Staa­tes, in dem er sei­ne selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­übt. Der Klä­ger übte nach sei­nem Umzug aus Grie­chen­land aus­schließ­lich in Deutsch­land eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus. Folg­lich gel­ten für den Klä­ger aus­schließ­lich die deut­schen Vor­schrif­ten. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus Art. 14a Nr. 2 VO (EWG) 1408/​71. Die­se Vor­schrift setzt vor­aus, dass ein Selb­stän­di­ger in mehr als einem Land eine beruf­li­che Tätig­keit aus­übt. Dies ist vor­lie­gend jedoch nicht der Fall, da der Klä­ger seit sei­nem Weg­zug aus Grie­chen­land dort kei­ner selb­stän­di­gen Erwerbs­tä­tig­keit mehr nach­ging.

Aller­dings besteht der Anspruch des Klä­gers nicht in vol­ler Höhe, son­dern, wie sich aus Art. 10 DVO (EWG) Nr. 574/​72 ergibt, nur in Höhe der Dif­fe­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld und den ent­spre­chen­de grie­chi­schen Leis­tun­gen, die der Ehe­frau des Klä­gers gezahlt wer­den.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 17. Juni 2010 – 7 K 2496/​08 Kg

  1. vgl. nur: BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, BFHE 200, 204, BStBl II 2002, 869[]
  2. BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, a.a.O.[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, a.a.O.[]