Kin­der­geld für ein arbeits­lo­ses behin­der­tes Kind

Gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht für ein voll­jäh­ri­ges Kind – unter wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen – ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 1 ist ein behin­der­tes Kind außer­stan­de, sich selbst zu unter­hal­ten, wenn es sei­nen gesam­ten not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt nicht mit den ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den finan­zi­el­len Mit­teln bestrei­ten kann.

Kin­der­geld für ein arbeits­lo­ses behin­der­tes Kind

Ein behin­der­tes Kind kann sowohl wegen der Behin­de­rung als auch wegen der all­ge­mein ungüns­ti­gen Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt oder wegen ande­rer Umstän­de (z.B. man­geln­der Mit­wir­kung bei der Arbeits­ver­mitt­lung, Ableh­nung von Stel­len­an­ge­bo­ten) arbeits­los und damit außer­stan­de sein, sich selbst zu unter­hal­ten. Ein Anspruch auf Kin­der­geld besteht nur dann, wenn die Behin­de­rung nach den Gesamt­um­stän­den des Ein­zel­fal­les in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich dafür ist, dass das Kind nicht sei­nen (gesam­ten) Lebens­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit bestrei­ten kann 2.

Nicht ursäch­lich ist die Behin­de­rung in der Regel bei einem GdB von weni­ger als 50. Bei einem GdB von 50 wie im Streit­fall- oder mehr müs­sen beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, auf­grund derer eine Erwerbs­tä­tig­keit unter den übli­chen Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes aus­ge­schlos­sen erscheint 3.

Ein Indiz für die Fähig­keit des behin­der­ten Kin­des zum Selbst­un­ter­halt kann zwar die Fest­stel­lung in ärzt­li­chen Gut­ach­ten z.B. von der Reha/​SBStelle der Agen­tur für Arbeit oder eines vom Gericht beauf­trag­ten ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen- sein, das Kind sei nach Art und Umfang sei­ner Behin­de­rung in der Lage, eine arbeits­lo­sen­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge, min­des­tens 15 Stun­den wöchent­lich umfas­sen­de Beschäf­ti­gung unter den übli­chen Bedin­gun­gen des für das Kind in Betracht kom­men­den Arbeits­mark­tes aus­zu­üben. Selbst wenn nach den Gut­ach­ten eine "voll­schich­ti­ge Tätig­keit" für mög­lich gehal­ten wird, ist die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, das behin­der­te Kind am all­ge­mei­nen Arbeits­markt zu ver­mit­teln, aber allein nicht geeig­net, die (Mit-)Ursächlichkeit der Behin­de­rung aus­zu­schlie­ßen. Ent­schei­dend kann nur die kon­kre­te Bewer­tung der jewei­li­gen Situa­ti­on des behin­der­ten Kin­des sein 4.

Auch dem GdB kommt eine wich­ti­ge indi­zi­el­le Bedeu­tung für die Prü­fung der Ursäch­lich­keit der Behin­de­rung für die man­geln­de Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt zu. Je höher der GdB ist, des­to stär­ker wird die Ver­mu­tung, dass die Behin­de­rung der erheb­li­che Grund für die feh­len­de Erwerbs­tä­tig­keit ist. Dage­gen spricht ein GdB unter 50 eher gegen eine Kau­sa­li­tät der Behin­de­rung 5.

Ein Indiz für eine Ver­mit­tel­bar­keit des behin­der­ten Kin­des auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt kann z.B. auch eine nicht behin­de­rungs­spe­zi­fi­sche- Berufs­aus­bil­dung sein. Ande­rer­seits gilt auch hier, dass noch wei­te­re Umstän­de hin­zu­kom­men müs­sen, bis eine Teil­nah­me am Erwerbs­le­ben als mög­lich ange­se­hen wer­den kann. Behin­de­rungs­spe­zi­fi­sche Aus­bil­dun­gen und Prak­ti­ka spre­chen eher gegen eine Ver­mit­tel­bar­keit am all­ge­mei­nen Arbeits­markt, da sie mög­li­cher­wei­se den Schluss auf nur beding­te Ein­satz­mög­lich­kei­ten zulas­sen 6.

Steht das behin­der­te Kind der Arbeits­ver­mitt­lung der Agen­tur für Arbeit zur Ver­fü­gung und kann die Agen­tur für Arbeit in einem mit­tel­fris­ti­gen Zeit­raum kei­ne Stel­len­an­ge­bo­te benen­nen oder hat sich das behin­der­te Kind mit­tel­fris­tig mehr­fach erfolg­los bewor­ben, wird dies in der Regel gegen des­sen Ver­mit­tel­bar­keit spre­chen und somit dafür, dass die Behin­de­rung in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich war für die man­geln­de Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit 7.

Ist kei­ne erheb­li­che Mit­ur­säch­lich­keit für die Arbeits­lo­sig­keit anzu­neh­men, besteht ein Anspruch auf Kin­der­geld auch dann, wenn die Ein­künf­te, die das Kind aus einer trotz der Behin­de­rung mög­li­chen- Erwerbs­tä­tig­keit erzie­len könn­te, nicht aus­rei­chen wür­den, sei­nen gesam­ten Lebens­be­darf (exis­ten­zi­el­len Grund­be­darf und behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf) zu decken 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. Dezem­ber 2011 – III R 46/​08

  1. BFH, Urteil vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.01.a, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.01.b und c[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.01.b[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.02.a[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.02.c[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.02.d[]
  7. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II.02.e[]
  8. BFH, Urteil vom 22.10.2009 – III R 50/​07, BFHE 228, 17, BSt­Bl II 2011, 38[]