Kin­der­geld für einen aus Polen nach Deutsch­land ent­sand­ten Sai­son­ar­beit­neh­mer

Pol­ni­sche Sai­son­ar­bei­ter kön­nen – trotz der allei­ni­gen Rechts­zu­stän­dig­keit Polens – in Deutsch­land einen Kin­der­geld­an­spruch haben.

Kin­der­geld für einen aus Polen nach Deutsch­land ent­sand­ten Sai­son­ar­beit­neh­mer

Hin­sicht­lich des Kin­der­geld­an­spruchs für einen aus Polen nach Deutsch­land ent­sand­ten Sai­son­ar­beit­neh­mer ist der per­sön­li­che und sach­li­che Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 eröff­net. Kol­li­si­ons­recht­lich ist nach Art. 14 Nr. 1 Buchst. a, Art. 73 der VO Nr. 1408/​71 die Rechts­zu­stän­dig­keit des Wohn­sitz­mit­glied­staats (Polen) für Fami­li­en­leis­tun­gen begrün­det, wäh­rend die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Beschäf­ti­gungs­mit­glied­staat im Hin­blick auf die Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen der nicht zustän­di­ge Mit­glied­staat ist.

Die Rechts­zu­stän­dig­keit Polens nach Art. 14 Nr. 1 Buchst. a, Art. 73 der VO Nr. 1408/​71 hat aber nicht zur Fol­ge, dass ein mög­li­cher­wei­se nach § 62 Abs. 1 EStG bestehen­der inlän­di­scher Kin­der­geld­an­spruch des­halb aus­ge­schlos­sen wird. Denn die aus­schließ­li­che Rechts­zu­stän­dig­keit Polens nach der VO Nr. 1408/​71 ent­fal­tet kei­ne Sperr­wir­kung für die Anwen­dung des Rechts des nicht zustän­di­gen Mit­glied­staats (Deutsch­land).

Der III. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs hat sei­ne gegen­tei­li­ge Ansicht auf­ge­ge­ben 1. Der V. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs hat sich im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 2- der geän­der­ten Auf­fas­sung des III. Senats 3 ange­schlos­sen 4.

Im Zusam­men­hang mit einem Wohn­sitz i.S. des § 8 AO weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass ein Steu­er­pflich­ti­ger gleich­zei­tig meh­re­re Wohn­sit­ze haben kann und die­se auch im Inland und Aus­land bele­gen sein kön­nen. Ohne Bedeu­tung ist dabei, wel­cher Wohn­sitz den Mit­tel­punkt der Lebens­in­ter­es­sen bil­det 5.

Im Zusam­men­hang mit einem gewöhn­li­chen Auf­ent­halt i.S. des § 9 Satz 1 AO im Inland weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass das FG den Sach­ver­halt ins­be­son­de­re unter dem Gesichts­punkt des zeit­lich zusam­men­hän­gen­den Auf­ent­halts von mehr als sechs Mona­ten zu prü­fen haben wird (§ 9 Satz 2 AO) 6.

Auch bei Vor­lie­gen eines Wohn­sit­zes oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts im Inland ist zu beach­ten, dass sich der Kin­der­geld­an­spruch danach rich­tet, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Kin­der­geld im jewei­li­gen Monat vor­la­gen 7.

Soweit ein Kin­der­geld­an­spruch nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG nicht in Betracht kommt, wird das FG hin­sicht­lich eines mög­li­cher­wei­se bestehen­den Kin­der­geld­an­spruchs nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG fest­zu­stel­len haben, ob der Klä­ger einen Antrag nach § 1 Abs. 3 EStG gestellt hat­te und für die Kalen­der­jah­re 2004 bis 2007 ent­spre­chend zur Ein­kom­men­steu­er ver­an­lagt wur­de. Denk­bar wäre auch, dass der Klä­ger aus ande­ren Grün­den als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig (§ 1 Abs. 1 EStG) oder aber als beschränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wur­de 8.

Der Bun­des­fi­nanz­hof weist dar­auf hin, dass bei einer mög­li­chen Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG der Kin­der­geld­an­spruch nur in den Mona­ten des betref­fen­den Kalen­der­jahrs bestehen kann, in denen der Kin­der­geld­be­rech­tig­te inlän­di­sche Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt hat 9. In die­sem Zusam­men­hang wird das FG fest­zu­stel­len haben, zu wel­chem Zeit­punkt dem Klä­ger die Ein­künf­te nach § 49 Abs. 1 Nr. 4 EStG i.V.m. § 11 EStG zuge­flos­sen sind 10. Auf die Mit­wir­kungs­pflicht des Klä­gers wird hin­ge­wie­sen 11.

Soweit sich hier­nach eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung des Sai­son­ar­bei­ters erge­ben soll­te, ist wei­ter zu prü­fen, in wel­cher Höhe bereits gewähr­te oder zu gewäh­ren­de pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen auf das Kin­der­geld anzu­rech­nen sind (Dif­fe­renz­kin­der­geld). Eine etwai­ge Kon­kur­renz­si­tua­ti­on mit pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tun­gen in den betref­fen­den Mona­ten des Streit­zeit­raums wäre ent­we­der nach den vor­ran­gi­gen uni­ons­recht­li­chen Anti­ku­mu­lie­rungs­re­ge­lun­gen oder soweit die­se nicht ein­schlä­gig sein soll­ten- nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG auf­zu­lö­sen 12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2014 – V R 45/​11

  1. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BSt­Bl – II 2013, 1040, unter II. 2.; zustim­mend BFH, Urtei­le vom 11.07.2013 – VI R 68/​11, BFHE 242, 206; und vom 05.09.2013 – XI R 52/​10, BFH/​NV 2014, 33, Rz 29[]
  2. EuGH, Urtei­le "Bos­mann" in Slg. 2008, I3827, Rdnr. 33; und vom 12.06.2012 – C611/​10, C612/​10, Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak, DSt­RE 2012, 999, Rdnrn. 56 f.[]
  3. vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 511, BSt­Bl – II 2013, 1040, unter II. 2.[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 30.01.2014 – V R 38/​11[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 10.08.1983 – I R 241/​82, BFHE 139, 261, BSt­Bl – II 1984, 11, juris Rz 16; und vom 10.04.2013 – I R 50/​12, BFH/​NV 2013, 1909, unter II. 2.a, m.w.N.[]
  6. vgl. hier­zu z.B. BFH, Urtei­le vom 22.06.2011 – I R 26/​10, BFH/​NV 2011, 2001, unter II. 1.b; und vom 07.04.2011 – III R 89/​08, BFH/​NV 2011, 1324, unter II. 2.[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 24.10.2012 – V R 43/​11, BFHE 239, 327, BSt­Bl – II 2013, 491, Rz 13[]
  8. vgl. zur Bei­zie­hung der Ein­kom­men­steu­er­ak­ten: BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 59/​11, BFHE 242, 228, Rz 45 f. und 49[]
  9. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 239, 327, BSt­Bl – II 2013, 491, Rz 17; vom 18.04.2013 – VI R 70/​11, BFH/​NV 2013, 1554, Rz 11 und 14, und in BFHE 242, 228, Rz 19 ff., m.w.N.[]
  10. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 239, 327, BSt­Bl – II 2013, 491, Rz 33; in BFHE 242, 228, Rz 50; und vom 05.09.2013 – XI R 26/​12 Rz 33[]
  11. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 242, 228, Rz 24[]
  12. vgl. dazu BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 51/​09, BFH/​NV 2013, 1973, Rz 19 f.[]