Kin­der­geld für einen pol­ni­schen Sai­son­ar­beit­neh­mer

§ 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG sieht zwar vor, dass Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt wird, für das Leis­tun­gen für Kin­der, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder einer der unter § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind, zu zah­len ist oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wäre. Die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift hat jedoch in den Fäl­len, in denen der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 eröff­net und Deutsch­land nach Art. 13 ff. VO Nr. 1408/​71 der nicht zustän­di­ge Mit­glied­staat und auch nicht der Wohn­mit­glied­staat des betref­fen­den Kin­des ist, unter Beach­tung der Anfor­de­run­gen des Pri­mär­rechts der Euro­päi­schen Uni­on auf dem Gebiet der Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer zu erfol­gen 1.

Kin­der­geld für einen pol­ni­schen Sai­son­ar­beit­neh­mer

Wer­den in einem sol­chen Fall in dem ande­ren Mit­glied­staat dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt, darf der Anspruch auf Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nur in ent­spre­chen­der Höhe gekürzt, jedoch nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn ande­ren­falls das Frei­zü­gig­keits­recht des Wan­der­ar­beit­neh­mers beein­träch­tigt wäre.

Nach die­sen Grund­sät­zen kann eine Anspruchs­be­rech­ti­gung eines pol­ni­schen Sai­son­ar­beit­neh­mers bestehen.

Dabei kommt es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 2 nicht dar­auf an, ob der Sai­son­ar­beit­neh­mer nicht dem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 unter­liegt, weil er nicht die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, die in ihrem Anhang I Teil I Buchst. D auf­ge­führt sind.

Nach der von der pol­ni­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­an­stalt (ZUS) aus­ge­stell­ten Beschei­ni­gung war der Sai­son­ar­beit­neh­mer im vor­lie­gen­den Fall im Streit­zeit­raum zwar nicht bei der ZUS sozi­al­ver­si­chert, er soll aber frei­wil­lig der Land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung (KRUS) unter­le­gen haben. Die frei­wil­li­ge Mit­glied­schaft eines Selb­stän­di­gen kann aus­rei­chen, um den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 zu eröff­nen 3. Es sind daher nun­mehr Fest­stel­lun­gen zum pol­ni­schen Sys­tem der sozia­len Sicher­heit und zu dem kon­kre­ten Ver­si­cher­ten­sta­tus des Sai­son­ar­beit­neh­mers ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die für Selb­stän­di­ge gel­ten­den Rege­lun­gen in Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 zu tref­fen. Ist die VO Nr. 1408/​71 ein­schlä­gig, was nicht fern­lie­gend erscheint, dann kommt im Hin­blick auf die aus­ge­üb­te Tätig­keit als Sai­son­ar­beit­neh­mer gemäß Art. 13 Abs. 1 i.V.m. Art. 14a Nr. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 zwar pol­ni­sches Recht zur Anwen­dung. Dies schließt für sich genom­men die Gewäh­rung deut­schen (Differenz-)Kindergeldes aber nicht aus 4.

Aus­gangs­punkt für die Prü­fung des Kin­der­geld­an­spruchs des Sai­son­ar­beit­neh­mers ist die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 1 EStG vor­ge­le­gen haben. Wenn § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG nicht ein­greift, muss das Finanz­ge­richt prü­fen, ob der Sai­son­ar­beit­neh­mer gemäß § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG kin­der­geld­be­rech­tigt war. Dies setzt vor­aus, dass der Antrag­stel­ler auf­grund eines ent­spre­chen­den Antra­ges vom zustän­di­gen Finanz­amt (Finanz­amt) nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wur­de. Maß­geb­lich ist nach der Bun­des­fi­nanz­hofs­recht­spre­chung nicht die Antrag­stel­lung durch den Steu­er­pflich­ti­gen, son­dern wie er die hier­auf erfol­gen­de Reak­ti­on des Finanz­amt in dem maß­geb­li­chen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid ver­ste­hen durf­te 5.

Ein Kin­der­geld­an­spruch nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG i.V.m. § 1 Abs. 3 EStG kann nur für die Zeit­räu­me ent­ste­hen, in denen der Sai­son­ar­beit­neh­mer inlän­di­sche Ein­künf­te erzielt hat 6. Inso­weit ist dem­nach für den Fall, dass das Finanz­amt den Sai­son­ar­beit­neh­mer nach § 1 Abs. 3 EStG behan­delt hat, zu prü­fen, ob die­sem im Streit­zeit­raum Ein­künf­te nach § 49 Abs. 1 Nr. 4 EStG i.V.m. § 11 EStG zuge­flos­sen sind.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2013 – III R 50/​11

  1. EuGH, Urteil vom 12.06.2012 – C‑611/​10, C‑612/​10, Hudzinski/​Wawrzyniak, DSt­RE 2012, 999[]
  2. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 55/​08, BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619[]
  4. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040[]
  5. s. hier­zu im Ein­zel­nen BFH, Urtei­le vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897; in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040; und vom 18.07.2013 – III R 9/​09, BFHE 243, 170[]
  6. BFH, Urtei­le vom 24.10.2012 – V R 43/​11, BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491; in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040; und vom 18.07.2013 – III R 59/​11, BFHE 242, 228[]