Kin­der­geld für ver­hei­ra­te­te Kin­der in Erst­aus­bil­dung

Für ver­hei­ra­te­te voll­jäh­ri­ge Kin­der in Erst­aus­bil­dung besteht auch dann ein Kin­der­geld­an­spruch, wenn die eige­nen Ein­künf­te des Kin­des und die Unter­halts­leis­tun­gen des Ehe­gat­ten den Grenz­be­trag von 8.004 € über­schrei­ten.

Kin­der­geld für ver­hei­ra­te­te Kin­der in Erst­aus­bil­dung

Mit die­ser Ent­schei­dung stellt sich das Finanz­ge­richt Köln gegen die – von ihm als rechts­wid­rig ange­se­he­ne – anders­lau­ten­de Dienst­an­wei­sung des Bun­des­zen­tral­amts für Steu­ern [1].

In dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ver­wehr­te die Fami­li­en­kas­se der Klä­ge­rin das Kin­der­geld ab Janu­ar 2012 für ihre 21-jäh­ri­ge ver­hei­ra­te­te Toch­ter. Dies begrün­de­te die Fami­li­en­kas­se damit, dass sich die Toch­ter der Klä­ge­rin selbst unter­hal­ten kön­ne, da die Sum­me aus ihrer Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und dem Unter­halts­bei­trag ihres Ehe­manns den Grenz­be­trag von 8.004 € über­schrei­te. Damit läge kein sog. "Man­gel­fall" und damit kei­ne zwin­gen­de Unter­halts­be­las­tung der Klä­ge­rin für ihre Toch­ter vor.

Dem folg­te das Finanz­ge­richt Köln nicht und gewähr­te der Klä­ge­rin as bean­trag­te Kin­der­geld: Die Toch­ter der Klä­ge­rin befin­de sich in Erst­aus­bil­dung, so das Finanz­ge­richt Köln, habe das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet und das Gesetz ent­hal­te kei­ne wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für den Bezug von Kin­der­geld. Ins­be­son­de­re sei­en seit der Geset­zes­än­de­rung zum 1. Janu­ar 2012 die eige­nen Bezü­ge der Kin­der ohne Bedeu­tung. Dies gel­te genau­so für ver­hei­ra­te­te Kin­der. Daher müs­se auch bei die­sen – ent­ge­gen der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs – kei­ne "typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on" mehr vor­lie­gen.

Die Toch­ter der Klä­ge­rin erfüll­te im Zeit­punkt der Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung die beson­de­ren Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für voll­jäh­ri­ge Kin­der bis zur Voll­endung des 25. Lebens­jah­res gemäß §§ 62, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i. V. m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG, da sie sich in einer Berufs­aus­bil­dung zur Han­dels­as­sis­ten­tin befand. Die Ein­schrän­kung nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG in der ab 2012 gül­ti­gen Fas­sung, wonach ein Kind nach Abschluss einer erst­ma­li­gen Berufs­aus­bil­dung und eines Erst­stu­di­ums nur dann berück­sich­tigt wird, wenn es kei­ner Erwerbs­tä­tig­keit nach­geht, greift im Streit­fall nicht, da es sich unstrei­tig um eine Erst­aus­bil­dung han­delt. Ein vor­an­ge­gan­ge­ner Besuch des Gym­na­si­ums und einer Berufs­schu­le erfüllt zwar den Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand der Berufs­aus­bil­dung nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG, stellt aber kei­ne "erst­ma­li­ge Berufs­aus­bil­dung" im Sin­ne der enger aus­zu­le­gen­den Vor­schrift des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG dar. Letz­te­re liegt nur vor, wenn dem Kind alle not­wen­di­gen fach­li­chen Fer­tig­kei­ten und Kennt­nis­se ver­mit­telt wur­den, die es für die Aus­übung des von ihm ange­streb­ten Beru­fes benö­tigt [2].

Wei­te­re tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Kin­der­geld ent­hält das Gesetz nicht. Die Höhe der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung der Toch­ter ist für den Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin nicht maß­geb­lich, da die in § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG in der bis zum 31. Dezem­ber 2011 gül­ti­gen Fas­sung (EStG a.F.) ent­hal­te­ne Rege­lung zum 1. Janu­ar 2012 ent­fal­len ist (Art. 1 Nr. 17 Buchst. a. Art. 18 Abs. 1 des Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­set­zes 2011 [3]). Glei­ches gilt für den Unter­halts­an­spruch der Toch­ter gegen ihren Ehe­mann nach §§ 1608 Satz 1, 1360, 1360a BGB, der bis 2011 zu den maß­geb­li­chen Ein­künf­ten und Bezü­gen gehör­te [4].

Die Ein­künf­te des Ehe­man­nes der Toch­ter sind für den Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin eben­falls nicht von Bedeu­tung. Ob ein sog. Man­gel­fall vor­liegt, ist uner­heb­lich, weil der Umstand, dass die Toch­ter ver­hei­ra­tet ist, dem Kin­der­geld­an­spruch nicht ent­ge­gen­steht.

Für ver­hei­ra­te­te Kin­der sieht das Gesetz kei­ner­lei beson­de­ren Ein­schrän­kun­gen vor. Der Kin­der­geld­an­spruch setzt ent­ge­gen der frü­he­ren Recht­spre­chung des BFH kei­ne "typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on" mehr vor­aus. Nach die­sem unge­schrie­be­nen Tat­be­stands­merk­mal war ein Kin­der­geld­an­spruch nicht gege­ben, wenn ein Kind ver­hei­ra­tet war und kein sog. Man­gel­fall vor­lag [5] oder das Kind einer Voll­zeit­be­schäf­ti­gung nach­ging [6].

Das Erfor­der­nis des unge­schrie­be­nen Tat­be­stands­merk­mals der "typi­schen Unter­halts­si­tua­ti­on" hat der BFH in sei­ner neue­ren Recht­spre­chung aus­drück­lich auf­ge­ge­ben. Dies gilt sowohl für die Fäl­le der Voll­zeit­be­schäf­ti­gung [7] als auch für die Fäl­le des ver­hei­ra­te­ten Kin­des [8]. Zur Begrün­dung führt der BFH aus, dass eine typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on kein unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal der Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stän­de sei. Die Fra­ge, ob ein Kind typi­scher­wei­se nicht auf Unter­halts­leis­tun­gen sei­ner Eltern ange­wie­sen ist, sei nach der gesetz­li­chen Rege­lung erst im Rah­men der eige­nen Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des (§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG a. F.) zu prü­fen.

Das FG Müns­ter hat sich die­ser Recht­spre­chung im Urteil vom 30. Novem­ber 2012 [9] ange­schlos­sen und dar­aus abge­lei­tet, dass der Kin­der­geld­an­spruch für ein ver­hei­ra­te­tes Kind auch für die Geset­zes­fas­sung ab dem 1.01.2012 nicht von einer "typi­schen Unter­halts­si­tua­ti­on" abhängt. Der erken­nen­de Senat teilt die­se Auf­fas­sung aus den vom FG Müns­ter dar­ge­leg­ten Grün­den. Man­gels gesetz­li­cher Rege­lung kann das Feh­len einer typi­schen Unter­halts­si­tua­ti­on einen nach dem Gesetz bestehen­den Kin­der­geld­an­spruch nicht aus­schlie­ßen. An die­ser Rechts­la­ge, die durch die Ent­schei­dun­gen des BFH zur Rechts­la­ge bis zum 31.12.2011 geklärt ist, hat sich mit dem Weg­fall der Prü­fung der eige­nen Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des zum 1.01.2012 nichts geän­dert. Nach der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung ist Kin­der­geld nun­mehr bei Vor­lie­gen eines Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stan­des unab­hän­gig von der Höhe der Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des zu gewäh­ren, so dass es auf einen Unter­halts­an­spruch des Kin­des gegen­über sei­nem Ehe­gat­ten nicht mehr ankommt. Dabei hat der Gesetz­ge­ber eine Aus­wei­tung der Begüns­ti­gungs­fäl­le bewusst in Kauf genom­men. Nach der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wurfs soll die­se Aus­wei­tung den Umfang der begüns­tig­ten Fäl­le nicht wesent­lich erwei­tern. Der Weg­fall des Grenz­be­tra­ges soll viel­mehr zu einer erheb­li­chen Ent­las­tung von Eltern, voll­jäh­ri­gen Kin­dern, Fami­li­en­kas­sen und Finanz­äm­tern füh­ren [10]. Die­ser gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung lie­fe das Erfor­der­nis eines unge­schrie­be­nen Tat­be­stands­merk­mals "typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on" zuwi­der. Hät­te der Gesetz­ge­ber den Kin­der­geld­an­spruch für ver­hei­ra­te­te Kin­der aus­schlie­ßen wol­len, hät­te er einen ent­spre­chen­den Aus­schluss­tat­be­stand ein­ge­führt bzw. ein­füh­ren müs­sen.

Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 16. Juli 2013 – 9 K 935/​13

  1. BZSt – 31.2.2 DA FamEStG[]
  2. vgl. Loschel­der in Schmidt, EStG, 32. Auf­la­ge 2013, § 32 Rn 49 und BMF-Schrei­ben vom 07.12.2011, BStBl I 2011, 1243, Tz 21[]
  3. vom 01.11.2011, BGBl I 2011, 2131 ff.[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 22.12.2011 – III R 8/​08, BStBl II 2012, 340[]
  5. BFH, Urteil vom 19.04.2007 – III R 65/​06, BStBl II 2008, 756[]
  6. BFH, Urtei­le vom 20.07.2006 – III R 78/​04, BFH/​NV 2006, 2248; und III R 58/​05, BFH/​NV 2006, 2249[]
  7. BFH, Urtei­le vom 17.06.2010 – III R 34/​09, BStBl II 2010, 982; vom 27.01.2011 – III R 57/​10, BFH/​NV 2011, 1316; vom 22.12.2011 – III R 64/​10, BFH/​NV 2012, 927; III R 65/​10, BFH/​NV 2012, 929; III R 67/​10, BFH/​NV 2012, 930; III R 93/​10, BFH/​NV 2012, 932; und III R 66/​10, BFH/​NV 2012, 1301[]
  8. BFH, Urteil vom 11.04.2013 – III R 24/​12[]
  9. FG Müns­ter, Urteil vom 30.11.2012 – 4 K 1569/​12, EFG 2013, 298 m. zustim­men­der Anm. Sie­gers[]
  10. BT-Drs. 17/​5125, S. 41[]