Kin­der­geld – und die Kin­der­zu­la­ge für EU-Bediens­te­te

Der Anspruch auf Kin­der­geld einer im Inland wohn­haf­ten Beam­tin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für ihr im Inland leben­des, min­der­jäh­ri­ges Kind ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil sie mit dem bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on beschäf­tig­ten Kin­des­va­ter, der für das betref­fen­de Kind Anspruch auf eine Zula­ge für unter­halts­be­rech­tig­te Kin­der hat, nicht ver­hei­ra­tet ist.

Kin­der­geld – und die Kin­der­zu­la­ge für EU-Bediens­te­te

Die im Inland woh­nen­de Klä­ge­rin hat gemäß §§ 62 Abs. 1 (nun­mehr Satz 1) Nr. 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG einen Anspruch auf Zah­lung von Kin­der­geld für T für den strei­ti­gen Zeit­raum von Dezem­ber 2012 bis August 2013.

Die­ser Anspruch der Klä­ge­rin auf Gewäh­rung von Kin­der­geld ist nicht nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG aus­ge­schlos­sen.

Die Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­schluss des Kin­der­geld­an­spruchs nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG, der inhalt­lich § 8 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 des Bun­des­kin­der­geld­ge­set­zes (BKGG) in der bis zum 31.12 1995 gel­ten­den Fas­sung (a.F.) ent­spricht, sind im Streit­fall nach dem Wort­laut die­ser Rege­lung zwar erfüllt.

Kin­der­geld wird danach nicht für ein Kind gezahlt, für das eine Leis­tung, die von einer zwi­schen- oder über­staat­li­chen Ein­rich­tung gewährt wird und dem Kin­der­geld ver­gleich­bar ist, zu zah­len ist oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wäre (§ 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG).

Danach wäre der Anspruch der Klä­ge­rin auf Gewäh­rung von Kin­der­geld aus­ge­schlos­sen. Denn die dem Kin­des­va­ter seit Juli 2012 gemäß Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut gewähr­te Zula­ge für unter­halts­be­rech­tig­te Kin­der stellt eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tung i.S. des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG dar (vgl. A 26.4 Abs. 3 Spie­gel­strich 1 der Dienst­an­wei­sung zum Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz ‑DA-KG 2015-) 1.

Auch greift der Aus­schluss des Kin­der­geld­an­spruchs der Klä­ge­rin nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG, da die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Rück­aus­nah­me nach § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG dem Wort­laut nach nicht erfüllt sind.

Steht ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter u.a. ‑wie die Klä­ge­rin- im Inland in einem öffent­lich-recht­li­chen Dienst- oder Amts­ver­hält­nis, wird sein Anspruch auf Kin­der­geld für ein Kind nicht nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG mit Rück­sicht dar­auf aus­ge­schlos­sen, dass sein Ehe­gat­te als Beam­ter, Ruhe­stands­be­am­ter oder sons­ti­ger Bediens­te­ter der EU für das Kind Anspruch auf Kin­der­zu­la­ge hat (§ 65 Abs. 1 Satz 3 EStG).

Der natio­na­le Gesetz­ge­ber hat­te in § 8 Abs. 1 Satz 2 BKGG a.F. die­se mit § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG fort­ge­führ­te Rück­aus­nah­me für unselb­stän­dig täti­ge Ehe­gat­ten geschaf­fen, um dem EuGH, Urteil Kommission/​Deutschland 2Rech­nung zu tra­gen 3.

Da die Klä­ge­rin mit dem Kin­des­va­ter nicht ver­hei­ra­tet ist, sie mit­hin nicht die Vor­aus­set­zung erfüllt, Ehe­gat­te eines hin­sicht­lich der Kin­der­zu­la­ge berech­tig­ten Beam­ten der EU zu sein, lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Rück­aus­nah­me nach § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG nicht vor.

Die Aus­le­gung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EStG hat jedoch unter Beach­tung der Anfor­de­run­gen des Pri­mär­rechts der EU zu erfol­gen 4.

Die Dienst­be­zü­ge des EU-Beam­ten umfas­sen nach Art. 62 Satz 3 EU-Beam­ten­sta­tut ein Grund­ge­halt, Fami­li­en­zu­la­gen und ande­re Zula­gen. Nach Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut ist Teil der Fami­li­en­zu­la­gen auch die Zula­ge für unter­halts­be­rech­tig­te Kin­der. Beam­te, die eine sol­che Zula­ge erhal­ten, haben nach Art. 67 Abs. 2 Halb­satz 1 EU-Beam­ten­sta­tut ander­wei­tig gezahl­te Zula­gen glei­cher Art anzu­ge­ben. Die­se wer­den von den dem EU-Beam­ten gezahl­ten Zula­gen abge­zo­gen (Art. 67 Abs. 2 Halb­satz 2 EU-Beam­ten­sta­tut).

Die­se Vor­schrift ermög­licht nach dem EuGH, Urteil Kommission/​Deutschland 5 einen Aus­gleich zwi­schen der gemein­schafts­recht­li­chen Rege­lung und den ver­schie­de­nen natio­na­len Rege­lun­gen in der Wei­se, dass die Fami­li­en­zu­la­gen nach dem EU-Beam­ten­sta­tut nur inso­weit gezahlt wer­den, als sie "ver­gleich­ba­re" natio­na­le Zula­gen der Mit­glied­staa­ten über­stei­gen; der auf Art. 67 Abs. 2 EU-Beam­ten­sta­tut beru­hen­de (nur) ergän­zen­de Cha­rak­ter der von den Gemein­schaf­ten gewähr­ten Fami­li­en­zu­la­gen ist für die Mit­glied­staa­ten ver­bind­lich und darf durch natio­na­le Rechts­vor­schrif­ten nicht in Fra­ge gestellt wer­den. Hin­sicht­lich der "Ver­gleich­bar­keit" der Zula­gen ist nach Auf­fas­sung des EuGH zu berück­sich­ti­gen, dass die Fami­li­en­zu­la­gen nach Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut als Bestand­teil der Dienst­be­zü­ge im Zusam­men­hang mit einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis oder all­ge­mein mit einer unselb­stän­di­gen Berufs­tä­tig­keit ste­hen 6. Art. 67 Abs. 2 EU-Beam­ten­sta­tut kommt danach nur dann zur Anwen­dung, wenn in dem ent­spre­chen­den Mit­glied­staat, nach des­sen natio­na­lem Recht an sich ein Anspruch auf Kin­der­geld gege­ben wäre, Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen gel­ten, die den­je­ni­gen für die Gewäh­rung von Zula­gen nach dem Sta­tut ver­gleich­bar sind 7.

Mit­hin kann nach Auf­fas­sung des EuGH einem nach natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten Kin­der­geld­be­rech­tig­ten die Zah­lung von Kin­der­geld unter Hin­weis auf die Kin­der­zu­la­ge nach Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut nicht ver­wei­gert wer­den, wenn die­ser eine unselb­stän­di­ge Tätig­keit in dem betref­fen­den Mit­glied­staat aus­übt, weil in die­sem Fall die nach Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut zu gewäh­ren­de Fami­li­en­bei­hil­fe nach Art. 67 Abs. 2 EU-Beam­ten­sta­tut nach­ran­gig ist. Der EuGH hat daher in sei­nen Urtei­len Kommission/​Deutschland 8 und Kommission/​Bel­gi­en 9 ‑bezo­gen auf Ehe­gat­ten des EU-Beam­ten- ent­schie­den, dass es einem Mit­glied­staat unter­sagt ist, die Zah­lung von in sei­nem eige­nen Recht vor­ge­se­he­nen Fami­li­en­bei­hil­fen unter Hin­weis auf die Mög­lich­keit zu ver­wei­gern, dass für das­sel­be Kind Zula­gen nach dem EU-Beam­ten­sta­tut in Anspruch genom­men wer­den kön­nen.

Abs. 2 EU-Beam­ten­sta­tut ist hin­sicht­lich nicht ver­hei­ra­te­ter Eltern­tei­le in glei­cher Wei­se anzu­wen­den.

Sowohl das EU-Beam­ten­sta­tut (Anhang 7 Art. 2 Nr. 2) als auch § 63 EStG stel­len nicht dar­auf ab, dass es sich bei dem betref­fen­den Kind ‑was gleich­heits­wid­rig wäre- um ein ehe­li­ches Kind han­delt. Auch sind ‑wie das Finanz­ge­richt zutref­fend erkannt hat- aus der gesam­ten Begrün­dung des EuGH-Urteils Kommission/​Deutschland 5 kei­ne Erwä­gun­gen ersicht­lich, die eine Beschrän­kung der vom EuGH vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung des Art. 67 Abs. 2 EU-Beam­ten­sta­tut auf Ehe­gat­ten begrün­den könn­ten.

Danach darf der Klä­ge­rin, der mit dem ‑nach Art. 67 Abs. 1 Buchst. b EU-Beam­ten­sta­tut zula­gen­be­rech­tig­ten- Kin­des­va­ter nicht ver­hei­ra­te­ten, als Beam­tin unselb­stän­dig täti­gen und nach §§ 62 ff. EStG kin­der­geld­be­rech­tig­ten Kin­des­mut­ter der Anspruch auf Kin­der­geld nicht ver­wei­gert wer­den.

Die hier­ge­gen erho­be­nen Ein­wen­dun­gen der Fami­li­en­kas­se grei­fen nicht durch.

Soweit die Fami­li­en­kas­se der Ansicht ist, die Rege­lung nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3, Satz 3 EStG ent­spre­che den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben, trifft dies ‑wie vor­ste­hend aus­ge­führt- nicht zu.

Dem hier gefun­de­nen Ergeb­nis steht nicht ent­ge­gen, dass der Wort­laut der Rück­aus­nah­me des § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG ein­deu­tig auf Ehe­gat­ten abstellt. Denn es obliegt den natio­na­len Gerich­ten, den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten, der sich für den Ein­zel­nen aus den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen ergibt, und dabei die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts sicher­zu­stel­len 10. Soweit die Rück­aus­nah­me des § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG nicht ein­greift, ist die Lage in Bezug auf nicht­ehe­li­che Kin­der nicht anders zu beur­tei­len als vor Ein­füh­rung des § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG. Der Anwen­dungs­be­reich des Aus­schlus­ses ist zu redu­zie­ren 11.

Im Übri­gen wen­det selbst die Ver­wal­tung die Rück­aus­nah­me des § 65 Abs. 1 Satz 3 EStG ‑wor­auf schon die Vor­ent­schei­dung zutref­fend hin­ge­wie­sen hat und wie sich aus A 26.4 Abs. 4 Satz 3 DA-KG 2015 ergibt- nicht nur bei ver­hei­ra­te­ten und getrennt leben­den, son­dern auch bei geschie­de­nen Ehe­gat­ten an.

Zwei­fel an der Aus­le­gung des für die Ent­schei­dung im Streit­fall ein­schlä­gi­gen Uni­ons­rechts bestehen ange­sichts der bereits vor­lie­gen­den EuGH-Recht­spre­chung nicht. Eine Vor­la­ge an den EuGH nach Art. 267 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on ist daher nicht gebo­ten 12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Juli 2016 – XI R 16/​15

  1. zu § 8 Abs. 1 Nr. 4 BKGG a.F. vgl. EuGH, Urteil Kommission/​Deutschland, EU:C:1987:209[]
  2. EU:C:1987:209[]
  3. vgl. Ent­wurf eines Zwölf­ten Geset­zes zur Ände­rung des Bun­des­kin­der­geld­ge­set­zes, BT-Drs. 11/​4508, S. 6; Anmer­kung Hoff­mann, EFG 2015, 1727[]
  4. vgl. zu § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG: BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040, Rz 29, m.w.N.[]
  5. EuGH, EU:C:1987:209[][]
  6. vgl. auch EuGH, Urteil Kommission/​Belgien vom 07.05.1987 – C-186/​85, EU:C:1987:208, Rz 29[]
  7. vgl. EuGH, Urtei­le Kommission/​Deutschland, EU:C:1987:209, Rz 27; Kommission/​Belgien, EU:C:1987:208, Rz 30[]
  8. EuGH, EU:C:1987:209, Rz 28[]
  9. EuGH, EU:C:1987:208, Rz 31[]
  10. vgl. dazu z.B. BVerfG, Beschluss vom 10.12 2014 – 2 BvR 1549/​07, Zeit­schrift für Wirt­schafts­recht 2015, 335, Rz 30, m.w.N.[]
  11. vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040, Rz 29[]
  12. zu den Vor­aus­set­zun­gen einer EuGH-Vor­la­ge, vgl. z.B. EuGH, Urtei­le CILFIT vom 06.10.1982 – C-283/​81, EU:C:1982:335, NJW 1983, 1257, Rz 21; Gas­ton Schul Doua­ne-expe­di­teur vom 06.12 2005 – C‑461/​03, EU:C:2005:742, HFR 2006, 416, Rz 16; Inter­mo­dal Trans­ports vom 15.09.2005 – C‑495/​03, EU:C:2005:552, HFR 2005, 1236, Rz 31; auch BFH, Urteil vom 18.03.2015 – XI R 8/​13, BFHE 249, 369, BFH/​NV 2015, 1219, Rz 57, m.w.N.[]