Kin­der­geld – und das bei der Mut­ter im Aus­land leben­de Kind

Der Vater ist zwar kin­der­geld­be­rech­tigt, wenn er in Deutsch­land lebt und Vater eines Soh­nes ist, der sei­nen Wohn­sitz in Groß­bri­tan­ni­en hat­te (§ 62 Abs. 1 Nr. 1, § 63 Abs. 1 Satz 1 und Satz 3 EStG) und für den ein Anspruch auf Kin­der­geld besteht (§ 32 Abs. 3 EStG). Er hat aber kei­nen Anspruch auf Zah­lung des Kin­der­gel­des, da mit Blick auf das Uni­ons­recht die Kin­des­mut­ter nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt ist.

Kin­der­geld – und das bei der Mut­ter im Aus­land leben­de Kind

Nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG wird bei meh­re­ren Berech­tig­ten das Kin­der­geld dem­je­ni­gen gezahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat.

Eine Per­son hat nach Art. 67 Satz 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit ‑wie hier der Vater nach Art. 2 Abs. 1 VO Nr. 883/2004- Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen (wie hier Kin­der­geld nach Art. 1 Buchst. z, Art. 3 Abs. 1 Buchst. j VO Nr. 883/​2004) nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats (hier: Deutsch­land gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. a VO Nr. 883/​2004) auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die zwar in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, die aber so behan­delt wer­den, als wohn­ten sie im zustän­di­gen Mit­glied­staat. Denn bei der Anwen­dung von Art. 67 und 68 VO Nr. 883/​2004 ist nach Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.09.2009 zur Fest­le­gung der Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 über die Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen, als wür­den alle Betei­lig­ten ‑ins­be­son­de­re was das Recht zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt- unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats (hier: Deutsch­land) fal­len und dort woh­nen 1.

Die­se Fik­ti­on führt dazu, dass der Anspruch auf Kin­der­geld nicht dem in Deutsch­land, son­dern dem im EU-Aus­land leben­den Eltern­teil zusteht, wenn die­ser das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat 2.

So ver­hält es sich im Streit­fall: T leb­te im Haus­halt der eben­falls kin­der­geld­be­rech­tig­ten Kinds­mut­ter, so dass der Vater gemäß § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG kei­nen Anspruch auf Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des hat. Die dage­gen vor­ge­brach­ten Ein­wen­dun­gen des Vaters grei­fen nicht durch.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Vaters ist Art. 60 Abs. 1 Satz 2 VO Nr. 987/​2009 bereits über Art. 67 VO Nr. 883/​2004 anwend­bar und setzt kei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on nach Art. 68 VO Nr. 883/​2004 vor­aus 3.

Der Vater kann sich auch nicht dar­auf beru­fen, dass die Fami­li­en­kas­se anläss­lich des Umzugs der Kinds­mut­ter nach Groß­bri­tan­ni­en die Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, dass die Kinds­mut­ter nicht mehr anspruchs­be­rech­tigt sei. Der Grund­satz der Gesetz­mä­ßig­keit der Besteue­rung (§ 85 der Abga­ben­ord­nung ‑AO-) gebie­tet der Fami­li­en­kas­se grund­sätz­lich, eine als unrich­tig erkann­te Rechts­auf­fas­sung zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt auf­zu­ge­ben. Eine Bin­dung an eine als unrich­tig erkann­te Rechts­auf­fas­sung kommt nur unter beson­de­ren Bedin­gun­gen in Betracht 4, die hier nicht gege­ben sind. Ins­be­son­de­re kann in der Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung gegen­über der Kinds­mut­ter kei­ne ver­bind­li­che Aus­kunft (§ 89 Abs. 2 AO) hin­sicht­lich der Kin­der­geld­be­rech­ti­gung des Vaters gese­hen wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 23. August 2016 – V R 16/​13

  1. dazu ein­ge­hend EuGH, Urteil Trap­kow­ski, EU:C:2015:720, DSt­RE 2015, 1501[]
  2. vgl. dazu im Ein­zel­nen BFH, Urteil vom 04.02.2016 – III R 17/​13, BFHE 253, 134, BSt­Bl II 2016, 612[]
  3. EuGH, Urteil Trap­kow­ski, EU:C:2015:720, DSt­RE 2015, 1501, Rz 35 ff.; BFH, Urteil vom 10.03.2016 – III R 62/​12, BFHE 253, 236, BSt­Bl II 2016, 616, Rz 21[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 29.11.2012 – IV R 37/​10, BFH/​NV 2013, 910, Rz 37 f.[]