Kin­der­geld und das NATO-Trup­pen­sta­tut

Ver­liert ein nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ter Aus­län­der einen zum Bezug von Kin­der­geld berech­ti­gen­den Auf­ent­halts­ti­tel, weil sich sein Auf­ent­halts­sta­tus auf­grund sei­ner Ehe­schlie­ßung mit einer Ange­hö­ri­gen des zivi­len Gefol­ges der NATO-Trup­pen nun­mehr nach dem NATO-Trup­pen­sta­tut rich­tet, so ist er den­noch auf­grund einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 62 Abs. 2 EStG kin­der­geld­be­rech­tigt.

Kin­der­geld und das NATO-Trup­pen­sta­tut

Der Vater ist in die­sem Fall nach § 62 Abs. 1 EStG per­sön­lich anspruchs­be­rech­tigt. Nach die­ser Vor­schrift hat Anspruch auf Kin­der­geld für Kin­der i.S. des § 63 i.V.m. § 32 Abs. 1 EStG, wer im Inland einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat oder wer ohne inlän­di­schen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt nach § 1 Abs. 2 EStG unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig ist oder nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig behan­delt wird. Der Vater ist vom zustän­di­gen Finanz­amt nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig behan­delt wor­den und hat wäh­rend des gesam­ten strei­ti­gen Zeit­raums Ein­künf­te bezo­gen. Die steu­er­li­che Behand­lung durch das Finanz­amt ist für die Kin­der­geld­fest­set­zung bin­dend [1]. Der Vater hat somit nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG einen Anspruch auf Kin­der­geld. Es kann offen blei­ben, ob er dar­über hin­aus nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG anspruchs­be­rech­tigt war, falls ein inlän­di­scher Wohn­sitz (§ 8 AO) trotz Art. – X Abs. 1 Satz 1 NATO­TrS­tat i.V.m. Art. 68 Abs. 4 NATO­TrStatZ­Abk zu beja­hen sein soll­te.

Auch nach § 62 Abs. 2 EStG ist der Vater anspruchs­be­rech­tigt, obwohl er über kei­nen der in der Vor­schrift genann­ten Auf­ent­halts­ti­tel ver­fügt.

Der Vater war bis zu sei­ner Ehe­schlie­ßung im Besitz einer befris­te­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis nach §§ 15 ff. Aus­lG 1990, die gemäß § 101 Abs. 1 und 2 Auf­en­thG als Auf­ent­halts­er­laub­nis ent­spre­chend dem ihrer Ertei­lung zu Grun­de lie­gen­den Auf­ent­halts­zweck und Sach­ver­halt als Auf­ent­halts­ti­tel nach dem Auf­en­thG fort­ge­gol­ten hät­te. Der vom Finanz­ge­richt fest­ge­stell­te Sach­ver­halt erlaubt zwar kei­ne exak­te Zuord­nung der Auf­ent­halts­er­laub­nis nach dem Aus­lG 1990 zu einem auf­ent­halts­recht­li­chen Titel nach dem Auf­en­thG. Jedoch ent­spricht die Auf­ent­halts­er­laub­nis des Vaters nach dem Aus­lG 1990 zumin­dest der in § 62 Abs. 2 Nr. 2 EStG genann­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 7 Auf­en­thG, die in Ver­bin­dung mit der –hier vor­lie­gen­den– Berech­ti­gung zur Erwerbs­tä­tig­keit einen Anspruch auf Kin­der­geld ver­schafft. Ein Aus­nah­me­tat­be­stand nach § 62 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. a und b EStG, der einen Kin­der­geld­an­spruch bei bestimm­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen aus­schließt, lag offen­sicht­lich nicht vor.

Auf­grund sei­ner Ehe­schlie­ßung mit einer Ange­hö­ri­gen des zivi­len Gefol­ges der US-Trup­pen im Dezem­ber 1998 ver­lor der Vater sei­nen vor­he­ri­gen aus­län­der­recht­li­chen Sta­tus. Ein- und Aus­rei­se sowie Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet rich­te­ten sich fort­an nicht mehr nach dem Aus­län­der­recht, son­dern nach dem NATO­TrS­tat. Zwar ist den hier­von erfass­ten Per­so­nen die jeder­zei­ti­ge Ein- und Aus­rei­se erlaubt, zu einem dau­er­haf­ten Auf­ent­halt im Gebiet des Auf­nah­me­staa­tes sind sie damit jedoch nicht berech­tigt (Art. – III Abs. 1 Satz 2 NATO­TrS­tat). Mit­glie­der der NATO-Trup­pe oder des zivi­len Gefol­ges kön­nen somit grund­sätz­lich nicht Aus­län­dern gleich­ge­stellt wer­den, die im Besitz eines Auf­ent­halts­ti­tels sind, der –ggf. in Kom­bi­na­ti­on mit einer Erwerbs­tä­tig­keit oder der Berech­ti­gung hier­zu– einen Auf­ent­halt von gewis­ser Dau­er typi­siert und des­halb in § 62 Abs. 2 EStG auf­ge­führt ist [2].

Gleich­wohl ist es gerecht­fer­tigt, den Vater im Wege einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 62 Abs. 2 EStG so zu behan­deln, als sei er im Besitz einer Auf­ent­halts­er­laub­nis nach dem Aus­lG 1990 geblie­ben, die der in § 62 Abs. 2 Nr. 2 EStG genann­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis nach dem Auf­en­thG ent­spricht.

Eine Ana­lo­gie setzt eine Geset­zes­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit vor­aus. Eine Geset­zes­lü­cke liegt vor, wenn eine Rege­lung gemes­sen an ihrem Zweck unvoll­stän­dig, d.h. ergän­zungs­be­dürf­tig ist und wenn ihre Ergän­zung nicht einer vom Gesetz­ge­ber beab­sich­tig­ten Beschrän­kung auf bestimm­te Tat­be­stän­de wider­spricht [3].

Nach der BFH-Ent­schei­dung in BFHE 218, 356, BStBl II 2008, 758 wider­sprä­che es dem Zweck der Kin­der­geld­re­ge­lung, wenn aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die sich recht­mä­ßig in Deutsch­land auf­hal­ten, vor­aus­sicht­lich dau­er­haft in Deutsch­land einer erlaub­ten Erwerbs­tä­tig­keit nach­ge­hen, die in das Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem ein­ge­glie­dert und ein­kom­men­steu­er­pflich­tig sind, vom Kin­der­geld aus­ge­schlos­sen wür­den, weil sie für ihren recht­mä­ßi­gen Auf­ent­halt kraft gesetz­li­cher Rege­lung vom Erfor­der­nis eines Auf­ent­halts­ti­tels befreit sind und des­halb kei­nen Auf­ent­halts­ti­tel erhal­ten.

Die­ser Grund­satz trifft auch auf den Streit­fall zu. Der Vater ver­lor nur auf­grund sei­ner Ehe­schlie­ßung einen Auf­ent­halts­ti­tel, der zum Bezug von Kin­der­geld berech­tigt hät­te. Wür­de er nicht mehr dem NATO­TrS­tat unter­lie­gen –z.B. nach einem Arbeit­ge­ber­wech­sel sei­ner Ehe­frau– so hät­te er wie­der Anspruch auf einen zum Dau­er­auf­ent­halt berech­ti­gen­den Titel, der ihm einen Anspruch auf Kin­der­geld ver­schaf­fen wür­de. Zwar hat der BFH ent­schie­den, dass es für die Anspruchs­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 2 EStG nicht dar­auf ankommt, ob eine Per­son einen Anspruch auf einen in der Vor­schrift genann­ten Auf­ent­halts­ti­tel hat; ent­schei­dend ist viel­mehr der „Besitz“ eines der­ar­ti­gen Titels [4]. Von die­sem Grund­satz ist aller­dings jeden­falls dann eine Aus­nah­me zu machen, wenn ein Aus­län­der nur des­halb einen zum Bezug von Kin­der­geld berech­ti­gen­den Auf­ent­halts­ti­tel ver­lo­ren hat, weil er nach sei­ner Ehe­schlie­ßung nicht mehr dem Aus­län­der­recht, son­dern dem NATO­TrS­tat unter­liegt.

Der Kin­der­geld­an­spruch des Vaters ist auch nicht nach Art. 13 Abs. 1 Satz 1 NATO­TrStatZ­Abk aus­ge­schlos­sen.

Nach die­ser Vor­schrift wer­den –sofern nicht aus­drück­lich etwas ande­res vor­ge­se­hen ist– zwi­schen­staat­li­che Abkom­men oder ande­re im Bun­des­ge­biet gel­ten­de Bestim­mun­gen über sozia­le Sicher­heit und Für­sor­ge auf Mit­glie­der einer Trup­pe, eines zivi­len Gefol­ges und auf Ange­hö­ri­ge nicht ange­wen­det. Es han­delt sich um eine Regel des zwi­schen­staat­li­chen Rechts, die nach § 2 Abs. 1 AO dem inner­staat­li­chen Recht grund­sätz­lich vor­geht. Das nach §§ 62 ff. EStG zu gewäh­ren­de Kin­der­geld gehört zu den Bestim­mun­gen über sozia­le Sicher­heit und Für­sor­ge [5].

Der Rege­lungs­ge­halt des Art. 13 Abs. 1 Satz 1 NATO­TrStatZ­Abk ist aller­dings begrenzt. Die Vor­schrift lässt zu, inner­staat­li­che Bestim­mun­gen über sozia­le Sicher­heit und Für­sor­ge auf Mit­glie­der der Streit­kräf­te und auf deren Ange­hö­ri­ge anzu­wen­den, wenn dabei an außer­halb die­ses Sta­tus lie­gen­de zusätz­li­che Umstän­de ange­knüpft wird, durch die ein Bezug zu den Sys­te­men Sozia­ler Sicher­heit und Für­sor­ge in Deutsch­land her­ge­stellt wird [6]. Hier­nach gibt es kei­nen Grund, recht­li­che Bezie­hun­gen zur deut­schen Sozi­al­ver­si­che­rung, die außer­halb der Mit­glied­schaft zu den Streit­kräf­ten oder ihrem zivi­len Gefol­ge begrün­det wor­den sind, nur des­halb zu beschnei­den, weil es sich gleich­zei­tig um Mit­glie­der der NATO-Streit­kräf­te, des zivi­len Gefol­ges oder um Ange­hö­ri­ge han­delt [7].

Im Streit­fall hat­te der Vater, der als nicht­selb­stän­dig Beschäf­tig­ter sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ist, recht­li­che Bezie­hun­gen zur deut­schen Sozi­al­ver­si­che­rung, die außer­halb sei­ner Eigen­schaft als Ehe­mann einer Ange­hö­ri­gen des zivi­len Gefol­ges der US-Streit­kräf­te begrün­det waren. Sei­nem Kin­der­geld­an­spruch steht somit Art. 13 Abs. 1 Satz 1 NATO­TrStatZ­Abk nicht ent­ge­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. August 2013 – III R 22/​12

  1. s. BFH, Urteil vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BStBl II 2012, 897[]
  2. s. Hess. FG, Urteil vom 06.06.2002 – 3 K 5708/​00, EFG 2002, 1313; Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach A, I. Kom­men­tie­rung, § 62 Rz 54[]
  3. z.B. BFH, Urteil in BFHE 218, 356, BStBl II 2008, 758[]
  4. BFH, Urteil vom 28.04.2010 – III R 1/​08, BFHE 229, 262, BStBl II 2010, 980, m.w.N.[]
  5. s. Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts –BSG– vom 02.10.1997 14/​10 RKg 12/​96, Sozi­al­recht –SozR– 3–6180 Art. 13 Nr. 8, zum Kin­der­geld nach dem Bun­des­kin­der­geld­ge­setz 1990; See­wald in Seewald/​Felix, Kin­der­geld­recht, EStG § 62 Rz 148[]
  6. BSG, Urtei­le vom 15.12.1992 – 10 RKg 22/​91, SozR 3–6180 Art. 13 Nr. 3; und vom 18.07.1989 – 10 RKg 21/​88, SozR 6180 Art. 13 Nr. 6[]
  7. BSG, Urteil in SozR 3–6180 Art. 13 Nr. 8[]