Kin­der­geld – und die Anrech­nung der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung

Fami­li­en­leis­tun­gen nach dem pol­ni­schen Gesetz über staat­li­che Bei­hil­fen zur Kin­der­er­zie­hung vom 17.02.2016 (sog. "500+") sind auf das in Deutsch­land gezahl­te Kin­der­geld anzu­rech­nen. Es han­delt sich auch nach euro­pa­recht­li­chen Grund­sät­zen um Fami­li­en­leis­tun­gen glei­cher Art.

Kin­der­geld – und die Anrech­nung der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung

Die Mit­tei­lung einer aus­län­di­schen Behör­de über die Gewäh­rung einer Fami­li­en­leis­tung hat Bin­dungs­wir­kung für die Fami­li­en­kas­se [1]. Erfolgt die­se erst nach der Kin­der­geld­fest­set­zung, so stellt die­se eine nach­träg­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se i.S. des § 70 Abs. 2 EStG dar.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te ein pol­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger und Vater zwei­er Töch­ter geklagt. Er wur­de von sei­nem pol­ni­schen Arbeit­ge­ber nach Deutsch­land ent­sandt und hat­te hier einen Wohn­sitz. Mit Bescheid vom 23.06.2016 bewil­lig­te die Fami­li­en­kas­se dem Vater Kin­der­geld ab Sep­tem­ber 2015 für bei­de Kin­der in vol­ler Höhe. Am 18.09.2017 teil­te die pol­ni­sche Behör­de ROPS der Fami­li­en­kas­se mit dem For­mu­lar F003 mit, dass an den Vater für den Streit­zeit­raum monat­lich 500 PLN nach dem pol­ni­schen Gesetz über staat­li­che Bei­hil­fen zur Kin­der­er­zie­hung vom 17.02.2016 (sog. "500+") gezahlt wor­den sei­en. Dar­auf­hin änder­te die Fami­li­en­kas­se mit Bescheid vom 09.10.2017 die Kin­der­geld­fest­set­zung . Sie rech­ne­te nun für den Zeit­raum April 2016 bis Sep­tem­ber 2017 die pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tun­gen in Höhe von monat­lich 500 PLN, ins­ge­samt 2.122, 38 €, auf das dem Vater gezahl­te Kin­der­geld an und for­der­te die­sen Betrag zurück.

Die nach erfolg­lo­sem Ein­spruch erho­be­ne Kla­ge hat­te vor dem Säch­si­schen Finanz­ge­richt kei­nen Erfolg [2], eben­so­we­nig wie die Revi­si­on zum Bun­des­fi­nanz­hof:

Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs ist die Fami­li­en­leis­tung "500+" dem Kin­der­geld gleich­ar­tig. Sowohl beim deut­schen Kin­der­geld als auch bei der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung "500+" han­de­le es sich um regel­mä­ßi­ge Geld­leis­tun­gen, die aus­schließ­lich nach Maß­ga­be der Zahl und des Alters der Kin­der gewährt wer­den. Die pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung sei daher nach Art. 68 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­tem der sozia­len Sicher­heit anzu­rech­nen. Die Mit­tei­lung einer aus­län­di­schen Behör­de über die Gewäh­rung einer Fami­li­en­leis­tung habe dar­über hin­aus Bin­dungs­wir­kung für die Fami­li­en­kas­se. Erfolgt die­se erst nach der Kin­der­geld­fest­set­zung, stel­le dies eine nach­träg­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se dar, die nach § 70 Abs. 2 EStG zur Ände­rung des Bescheids berech­ti­ge.

Der im Inland woh­nen­de Vater erfüllt, was zwi­schen den Betei­lig­ten unstrei­tig ist, die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für den Bezug von Kin­der­geld gemäß § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG i.V.m. §§ 62 ff. EStG i.V.m. § 32 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 3 EStG für sei­ne in Polen leben­de Toch­ter W.

Die­ser Anspruch des Vaters auf Gewäh­rung von Kin­der­geld ist jeden­falls in Höhe der in Polen geleis­te­ten Fami­li­en­leis­tung (500+) nach Art. 68 Abs. 2 Satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit [3] in der für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Fas­sung (VO Nr. 883/​2004 ‑Grund­ver­ord­nung-) aus­ge­schlos­sen.

Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net und lie­gen kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che i.S. der Ver­ord­nung vor, dann sind die Ansprü­che aus­schließ­lich nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 zu koor­di­nie­ren. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig [4].

Der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 ist im Streit­fall eröff­net.

Der Vater ist Staats­an­ge­hö­ri­ger eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on (EU) und fällt damit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Grund­ver­ord­nung. Eben­so ist das Kin­der­geld nach dem EStG eine Fami­li­en­leis­tung i.S. des Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004, wes­halb auch deren sach­li­cher Anwen­dungs­be­reich nach Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004 eröff­net ist.

Wei­ter­hin ist auch die Koor­di­nie­rungs­re­gel des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 anwend­bar, da kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che i.S. die­ser Vor­schrift vor­lie­gen.

Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den beim Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Eine Kumu­lie­rung von kon­kur­rie­ren­den Ansprü­chen liegt nach die­ser Vor­schrift auch dann vor, wenn eine Per­son gleich­zei­tig Anspruch auf zwei Fami­li­en­leis­tun­gen für den­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen hat [5].

Für die Fra­ge, ob ein Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt, ist es im Grund­satz aus­rei­chend, dass ein mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch auf die ent­spre­chen­de Leis­tung nach deut­schem und aus­län­di­schem Recht besteht. Dabei hat die Prü­fung eines mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruchs nach aus­län­di­schem Recht zu unter­blei­ben, wenn hier­über bereits eine aus­län­di­sche Behör­de für den Streit­zeit­raum ent­schie­den hat und die­ser Ent­schei­dung Bin­dungs­wir­kung für die deut­schen Behör­den und Gerich­te zukommt [6].

Im vor­lie­gen­den Fall tref­fen die Ansprü­che des Vaters auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach deut­schem Recht und die Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach pol­ni­schem Recht für das­sel­be Kind und den­sel­ben Zeit­raum auf­ein­an­der. Die pol­ni­sche Behör­de hat mit Bin­dungs­wir­kung für den deut­schen Trä­ger (die Fami­li­en­kas­se) eine pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung in Höhe von 500 PLN für die Toch­ter W für den Streit­zeit­raum fest­ge­stellt.

Auf­grund der abge­ge­be­nen Noti­fi­zie­rungs­er­klä­rung der Repu­blik Polen gemäß Art. 9 der VO Nr. 883/​2004 zäh­len zu den Rechts­vor­schrif­ten, Sys­te­men und Rege­lun­gen i.S. des Art. 3 der VO Nr. 883/​2004 ab dem 01.04.2016 als Fami­li­en­leis­tun­gen die mit Gesetz vom 17.02.2016 über staat­li­che Hil­fe bei der Kin­der­er­zie­hung [7] ein­ge­führ­te "Kin­der­bei­hil­fe 500 PLN".

Nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 ist der Anspruch auf pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung 500+ gegen­über dem Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld vor­ran­gig.

Für die Fra­ge, was die Ansprü­che i.S. des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 aus­löst, ist dar­auf abzu­stel­len, auf­grund wel­chen Tat­be­stands die berech­tig­te Per­son den Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats nach Art. 11 bis 16 der VO Nr. 883/​2004 unter­stellt ist [8]. Inso­weit unter­schei­det das EU-Recht in Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 nur zwi­schen den vier Anknüp­fungs­punk­ten Beschäf­ti­gung, selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit, Ren­te und Wohn­sitz [9].

Der Vater ist nach den den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen (§ 118 Abs. 2 FGO) ent­sand­ter Arbeit­neh­mer und unter­liegt daher wei­ter­hin gemäß Art. 12 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 den pol­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten. Der Umstand, dass der Vater wäh­rend sei­ner begrenz­ten Ent­sen­dungs­tä­tig­keit wei­ter­hin den pol­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten unter­stellt ist, ent­fal­tet aber kei­ne euro­pa­recht­li­che Sperr­wir­kung hin­sicht­lich des Rechts­an­spruchs nach deut­schem Recht [10]. Es bedarf für die Anwen­dung des deut­schen Rechts auch kei­nes natio­na­len Anwen­dungs­be­fehls. Da der Tat­be­stand der Erwerbs­tä­tig­keit als ent­sand­ter Arbeit­neh­mer für die Anspruchs­aus­lö­sung der pol­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten her­an­zu­zie­hen ist und der Vater auch kei­ne inlän­di­sche Ren­te erhält, kommt in uni­ons­recht­li­cher Hin­sicht eine Anspruchs­aus­lö­sung der deut­schen Rechts­vor­schrif­ten nur durch den Wohn­ort in Betracht.

Die Anspruchs­ku­mu­lie­rung ist nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 auf­zu­lö­sen. Danach sind zur Ver­mei­dung grenz­über­schrei­ten­der Dop­pel­leis­tun­gen kon­kur­rie­ren­de Kin­der­geld­an­sprü­che wie folgt zu prio­ri­sie­ren: Sind für den­sel­ben Zeit­raum und für die­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten meh­re­rer EU-Mit­glied­staa­ten zu gewäh­ren, so ste­hen nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 an ers­ter Stel­le die durch eine Beschäf­ti­gung oder eine selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­lös­ten Ansprü­che. Hier­nach fol­gen die durch den Bezug einer Ren­te und schließ­lich die durch den Wohn­ort aus­ge­lös­ten Ansprü­che.

Danach war Polen im vor­lie­gen­den Fall der vor­ran­gi­ge und Deutsch­land der nach­ran­gi­ge Staat. Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 2 der VO Nr. 883/​2004 wird der inlän­di­sche Kin­der­geld­an­spruch in Höhe der aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tun­gen aus­ge­setzt, so dass nur die Dif­fe­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld und den pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tun­gen zu zah­len ist. Dif­fe­renz­kin­der­geld ist nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 jedoch nicht zu zah­len, wenn der Kin­der­geld­an­spruch in Deutsch­land aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird; ob dies hier zutrifft, braucht der Bun­des­fi­nanz­hof nicht zu ent­schei­den, da die Fami­li­en­kas­se im Streit­fall Dif­fe­renz­kin­der­geld gezahlt hat.

Soweit der Vater auf das EuGH-Urteil Wie­ring [11] hin­weist, kann der Bun­des­fi­nanz­hof die Fra­ge offen las­sen, ob die dort aus­ge­führ­ten Grund­sät­ze zur Gleich­ar­tig­keit der Leis­tun­gen bei der Aus­le­gung der alten Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14.06.1971 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern i.V.m. Art. 10 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der VO Nr. 1408/​71 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern auch auf die neue Ver­ord­nung Nr. 883/​2004 Anwen­dung fin­den [12]. Denn die vom Finanz­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen, die für den Bun­des­fi­nanz­hof nach § 118 Abs. 2 FGO bin­dend sind, rei­chen aus, um die Ver­gleich­bar­keit der Leis­tun­gen des deut­schen Kin­der­gel­des und der Fami­li­en­bei­hil­fe 500+ auch nach den euro­pa­recht­li­chen Grund­sät­zen zu beja­hen.

Unter Fami­li­en­leis­tun­gen, die in Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004 als Sach- oder Geld­leis­tun­gen zum Aus­gleich von Fami­li­en­las­ten defi­niert wer­den, sind nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on staat­li­che Bei­trä­ge zum Fami­li­en­bud­get zu ver­ste­hen, wel­che die Kos­ten für den Unter­halt von Kin­dern ver­rin­gern. Dadurch soll das Fami­li­en­bud­get ent­las­tet und der Lebens­stan­dard der Fami­lie ver­bes­sert wer­den. Fami­li­en­leis­tun­gen sol­len dazu die­nen, Arbeit­neh­mer mit Fami­li­en­las­ten dadurch sozi­al zu unter­stüt­zen, dass sich die All­ge­mein­heit an die­sen Las­ten betei­ligt [13].

Von Fami­li­en­leis­tun­gen glei­cher Art ist aus­zu­ge­hen, wenn ihr Sinn und Zweck sowie ihre Berech­nungs­grund­la­ge und die Vor­aus­set­zun­gen für ihre Gewäh­rung über­ein­stim­men [14]. Dabei hat der EuGH aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass ange­sichts der zahl­rei­chen Unter­schie­de zwi­schen den natio­na­len Sys­te­men der sozia­len Sicher­heit nicht ver­langt wer­den darf, dass die Berech­nungs­grund­la­gen und die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tungs­ge­wäh­rung völ­lig gleich sein müss­ten [15].

Nach die­sen Grund­sät­zen liegt eine Ver­gleich­bar­keit der hier gewähr­ten Fami­li­en­leis­tun­gen vor.

Das trifft zunächst für den Sinn und Zweck der inlän­di­schen und aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung zu.

Das Finanz­ge­richt hat zum einen zu Recht fest­ge­stellt, dass dem Kin­der­geld nach § 31 EStG eine Dop­pel­funk­ti­on zukommt. Es dient gemäß § 31 Satz 1 EStG der ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen steu­er­li­chen Frei­stel­lung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Kin­des ein­schließ­lich des Bedarfs für Betreu­ung und Erzie­hung und Aus­bil­dung und, soweit das Kin­der­geld hier­für nicht erfor­der­lich ist, nach § 31 Satz 2 EStG der sozi­al­recht­li­chen För­de­rung der Fami­lie [16].

Das Finanz­ge­richt hat zum ande­ren aus­ge­hend vom Inhalt des pol­ni­schen Geset­zes über staat­li­che Bei­hil­fen zur Kin­der­er­zie­hung vom 17.02.2016 (Art. 4) sowohl nach der von der Fami­li­en­kas­se vor­ge­leg­ten als auch der vom Vater vor­ge­leg­ten Über­set­zung aus­ge­führt, dass das Gesetz die teil­wei­se Deckung der Aus­ga­ben, die im Zusam­men­hang mit der Erzie­hung des Kin­des ein­schließ­lich der Betreu­ung des Kin­des und der Befrie­di­gung sei­ner Lebens­be­dürf­nis­se ent­ste­hen, bezwe­cke.

Es liegt auch eine aus­rei­chen­de Ver­gleich­bar­keit hin­sicht­lich der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen vor.

Sowohl bei dem deut­schen Kin­der­geld als auch bei der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung 500+ han­delt es sich um regel­mä­ßi­ge Geld­leis­tun­gen, die aus­schließ­lich nach Maß­ga­be der Zahl und des Alters der Kin­der gewährt wer­den. Das Finanz­ge­richt hat inso­weit zu Recht dar­auf abge­stellt, dass die pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung ‑eben­so wie das deut­sche Kin­der­geld- nicht den Aus­gleich eines Ver­dienst­aus­falls bezweckt.

Soweit der Vater gel­tend macht, das Finanz­ge­richt hät­te es ver­fah­rens­feh­ler­haft unter­las­sen, eine amt­li­che Über­set­zung des Geset­zes ein­zu­ho­len, hat die Rüge kei­nen Erfolg. Nach § 120 Abs. 3 Nr. 2 Buchst. b FGO sind, soweit Ver­fah­rens­män­gel gerügt wer­den, die Tat­sa­chen zu bezeich­nen, die den Man­gel erge­ben. Eine Ver­fah­rens­rüge genügt die­sen Anfor­de­run­gen nur, wenn der Revi­si­ons­klä­ger schlüs­sig Tat­sa­chen bezeich­net, aus denen sich ergibt, dass ein Ver­fah­rens­man­gel vor­liegt, und dar­legt, dass das ange­foch­te­ne Urteil auf ihm beru­hen kann [17]. Wird ein Ver­stoß gegen die Sach­auf­klä­rungs­pflicht (§ 76 FGO) mit der Begrün­dung gerügt, das Finanz­ge­richt habe auch ohne ent­spre­chen­den Beweis­an­tritt von Amts wegen den Sach­ver­halt wei­ter auf­klä­ren müs­sen, so ist genau anzu­ge­ben, wel­chen vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen das Finanz­ge­richt auch ohne Beweis­an­tritt hät­te nach­ge­hen müs­sen, wel­che Beweis­mit­tel sich dem Finanz­ge­richt hät­ten auf­drän­gen müs­sen, wel­che ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen sich aus die­sen Beweis­mit­teln für den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt erge­ben hät­ten und inwie­fern das ange­foch­te­ne Urteil auf der unter­las­se­nen Sach­auf­klä­rung beru­hen kann [18].

Im Streit­fall wird die Ver­fah­rens­rüge die­sen Anfor­de­run­gen nicht gerecht. Das Finanz­ge­richt war auf­grund der vor­ge­leg­ten Über­set­zun­gen nicht gehal­ten, den Sach­ver­halt wei­ter auf­zu­klä­ren. Die Fest­stel­lun­gen waren aus­rei­chend, um die Ver­gleich­bar­keit der Leis­tun­gen zu über­prü­fen. Selbst der Vater hat in sei­ner Revi­si­ons­be­grün­dung auf Art. 4 Nr. 1 des pol­ni­schen Geset­zes hin­ge­wie­sen, nach dem "durch das Erzie­hungs­geld … die Kos­ten der Kin­der­er­zie­hung und die Kos­ten für die häus­li­che Betreu­ung des Kin­des abge­deckt wer­den" sol­len.

Das Finanz­ge­richt hat im Ergeb­nis auch zu Recht die Befug­nis der Fami­li­en­kas­se zur Ände­rung des Bescheids vom 23.06.2016 bejaht. Soweit die Fami­li­en­kas­se eine fal­sche Ände­rungs­norm (§ 173 Abs. 1 Nr. 1 AO) in dem strei­ti­gen Bescheid ange­ge­ben hat, ist dies unschäd­lich.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH berech­tigt, bei Prü­fung der Recht­mä­ßig­keit eines Ände­rungs­be­scheids die von der Behör­de in dem Bescheid als Kor­rek­tur­norm her­an­ge­zo­ge­ne Vor­schrift des § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO gegen eine ande­re Rechts­grund­la­ge aus­zu­tau­schen [19].

Der Fest­set­zungs­be­scheid vom 23.06.2016 konn­te nach § 70 Abs. 2 EStG geän­dert wer­den.

Die­se Vor­schrift betrifft grund­sätz­lich den Fall, dass eine ursprüng­lich recht­mä­ßi­ge Fest­set­zung durch Ände­rung der für den Bestand des Kin­der­geld­an­spruchs maß­geb­li­chen Ver­hält­nis­se des Anspruchs­be­rech­tig­ten oder des Kin­des nach­träg­lich unrich­tig wird [20].

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im Streit­fall erfüllt.

Wegen der die Fami­li­en­kas­se für den Streit­zeit­raum bin­den­den Mit­tei­lung der aus­län­di­schen Behör­de über die Gewäh­rung der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung 500+ ist eine Ände­rung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se ein­ge­tre­ten, durch die die ursprüng­lich recht­mä­ßig erfolg­te Kin­der­geld­fest­set­zung nach­träg­lich unrich­tig gewor­den ist. Denn die pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung muss­te auf die deut­sche Fami­li­en­leis­tung ange­rech­net wer­den.

Im Unter­schied zu § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG [21] wird die Fami­li­en­kas­se bei der Prü­fung der Koor­di­nie­rungs­re­gel des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 nicht ver­pflich­tet, eine eige­ne Ent­schei­dung dar­über zu tref­fen, ob für ein Kind ein Anspruch auf Gewäh­rung dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­rer Leis­tun­gen nach aus­län­di­schem Recht bestehen könn­te [22]. Inso­weit ist bei der Prü­fung des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 vor­ran­gig das auf dem Prin­zip der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit der Mit­glied­staa­ten basie­ren­de Koor­di­nie­rungs­ver­fah­ren (dazu ins­be­son­de­re Art. 60 Abs. 3 der VO Nr. 883/​2004 und Art. 59 f. der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.09.2009 zur Fest­le­gung der Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 über die Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit [23] [Durch­füh­rungs­ver­ord­nung])- zwi­schen den jeweils zustän­di­gen Behör­den der Mit­glied­staa­ten durch­zu­füh­ren [24].

Schon seit der Vor­gän­ger­re­ge­lung zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 (Art. 76 der VO Nr. 1408/​71) wer­den bei der Fra­ge, ob ein dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­rer Anspruch auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, in allen Mit­glied­staa­ten ent­spre­chen­de Vor­dru­cke der EU ver­wen­det [25]. Die For­mu­la­re die­nen der Über­prü­fung, ob ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt und sind grund­sätz­lich ver­bind­lich (vgl. Art. 5 der VO Nr. 987/​2009). Der Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach Art. 4 Abs. 3 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on [26] ver­pflich­tet den aus­stel­len­den Trä­ger, den Sach­ver­halt, der für den Inhalt sei­ner Erklä­rung nach sei­nen eige­nen Rechts­vor­schrif­ten maß­ge­bend ist, ord­nungs­ge­mäß zu beur­tei­len und damit die Rich­tig­keit der in der Beschei­ni­gung auf­ge­führ­ten Anga­ben zu gewähr­leis­ten [27]. Damit ver­fol­gen die ent­spre­chen­den Vor­dru­cke über ent­spre­chen­de aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen auch den Zweck, die Trä­ger der Mit­glied­staa­ten, die die Anwend­bar­keit der in Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 getrof­fe­nen Koor­di­nie­rungs­re­ge­lung über­prü­fen, von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung zu ent­he­ben, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Bestehen eines mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat zu beant­wor­ten [28]. Inso­weit hat die Ent­schei­dung einer aus­län­di­schen Behör­de über das Bestehen eines Anspruchs auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach natio­na­lem Recht Bin­dungs­wir­kung mit der Fol­ge, dass die­se ohne eine wei­te­re Über­prü­fung bei der Kin­der­geld­fest­set­zung und ‑auf­he­bung zu berück­sich­ti­gen ist [28].

Hat eine Ent­schei­dung einer Behör­de im EU-Aus­land über das Bestehen aus­län­di­scher Fami­li­en­leis­tun­gen Bin­dungs­wir­kung, so stellt die Mit­tei­lung die­ser Ent­schei­dung eine nach­träg­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se i.S. des § 70 Abs. 2 EStG dar. Inso­weit haben sich die Ver­hält­nis­se gegen­über denen, die der ursprüng­li­chen Fest­set­zung zugrun­de lagen, in erheb­li­cher Wei­se i.S. des § 70 Abs. 2 EStG geän­dert.

Es liegt auch kei­ne geän­der­te Rechts­auf­fas­sung der Fami­li­en­kas­se vor, die nicht zu einer Ände­rung der bestands­kräf­ti­gen Fest­set­zung gemäß § 70 Abs. 2 EStG berech­ti­gen wür­de [29]. Die Fami­li­en­kas­se, ist ‑wie oben dar­ge­stellt- von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung ent­ho­ben, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Bestehen eines mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat zu beant­wor­ten. Die Fami­li­en­kas­se hat daher das Recht nicht von Anfang an feh­ler­haft ange­wandt.

Bei einer für den Kin­der­geld­an­spruch wesent­li­chen Ände­rung der Ver­hält­nis­se ist die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des nach § 70 Abs. 2 EStG vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se an auf­zu­he­ben. Da nach der Mit­tei­lung der aus­län­di­schen Behör­de der Vater für den gesam­ten Streit­zeit­raum die pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tung 500+ erhal­ten hat, war die inso­weit erfolg­te rück­wir­ken­de Ände­rung recht­mä­ßig. Die Fami­li­en­kas­se hat kei­nen Ermes­sens­spiel­raum. Auf eine etwai­ge Ver­let­zung der Amts­er­mitt­lungs­pflicht durch die Fami­li­en­kas­se kommt es nicht an [30].

Da auf­grund der recht­mä­ßi­gen Ände­rung der Kin­der­geld­fest­set­zung der recht­li­che Grund für die Zah­lung des Kin­der­gel­des in Höhe der pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tung 500+ weg­ge­fal­len war, konn­te die Fami­li­en­kas­se gemäß § 37 Abs. 2 AO das danach zu viel gezahl­te Kin­der­geld zurück­for­dern.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. Juli 2019 – III R 34/​18

  1. vgl. BFH, Urteil vom 26.07.2017 – III R 18/​16, BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237[]
  2. Sächs. FG, Urteil vom 24.01.2018 – 5 K 1711/​17 (Kg) []
  3. ABl.EU 2004 Nr. L 166, S. 1[]
  4. BFH, Urteil vom 04.02.2016 – III R 9/​15, BFHE 253, 139, BStBl II 2017, 121, Rz 17, m.w.N.[]
  5. vgl. EuGH, Urteil Wie­ring vom 08.05.2014 – C‑347/​12, EU:C:2014:300, Rz 56, ZESAR 2015, 113[]
  6. BFH, Urtei­le vom 13.06.2013 – III R 63/​11, BFHE 242, 34, BStBl II 2014, 711, Rz 22; – III R 10/​11, BFHE 241, 562, BStBl II 2014, 706, Rz 25; vom 26.07.2017 – III R 18/​16, BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz 16[]
  7. Geset­zes­blatt 2016, Pos.195[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz 25; Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Fach D Art. 68 VO Nr. 883/​2004, Rz 5; FG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 21.10.2013 – 3 K 3137/​12, Ent­schei­dun­gen der Finanz­ge­rich­te 2014, 214, Rz 11[]
  9. BFH, Urteil vom 22.02.2018 – III R 10/​17, BFHE 261, 214, BStBl II 2018, 717, Rz 30[]
  10. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BStBl II 2013, 1040, Rz 13, m.w.N.[]
  11. EU:C:2014:300, Rz 54 ff., ZESAR 2015, 113[]
  12. für eine Anwen­dung FG Müns­ter, Urteil vom 05.08.2016 – 4 K 3544/​15 (Kg), Rz 31; a.A. Fuchs, Zeit­schrift für Sozi­al­recht 2015, 121, 126; vgl. Helm­ke in Helmke/​Bauer, a.a.O., Fach D VO Nr. 883/​2004, Rz 40[]
  13. EuGH, Urtei­le Offer­manns vom 15.03.2001 – C‑85/​99, EU:C:2001:166, und Maahei­mo vom 07.11.2002 – C‑333/​00, EU:C:2002:641, jeweils m.w.N.; BFH, Urteil vom 17.04.2008 – III R 36/​05, BFHE 221, 50, BStBl II 2009, 921, Rz 23[]
  14. EuGH, Urteil Wie­ring, EU:C:2014:300, Rz 54[]
  15. EuGH, Urteil Wie­ring, EU:C:2014:300, Rz 55[]
  16. vgl. hier­zu BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BGBl I 2004, 2570, unter C.II. 1. am Ende; BFH, Beschluss vom 14.08.2012 – III B 58/​12, BFH/​NV 2012, 1977, Rz 9[]
  17. vgl. Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 120 FGO Rz 201, m.w.N.[]
  18. BFH, Beschluss vom 13.10.1994 – IV R 70/​93, BFH/​NV 1995, 529, Rz 9[]
  19. BFH, Urteil vom 12.06.2018 – VIII R 38/​14, BFH/​NV 2018, 1141, Rz 33, m.w.N.[]
  20. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 17.12.2014 – XI R 15/​12, BFHE 248, 188, BStBl II 2016, 100, Rz 18, m.w.N.[]
  21. vgl. hier­zu BFH, Urteil in BFHE 242, 34, BStBl II 2014, 711[]
  22. BFH, Urteil in BFHE 261, 214, BStBl II 2018, 717, Rz 20, m.w.N.[]
  23. ABl.EU 2009 Nr. L 284, S. 1[]
  24. im Ein­zel­nen BFH, Urteil in BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz 18 ff.[]
  25. vgl. Beschluss Nr. 147 der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on vom 10.10.1990, ABl.EG Nr. L 235/​21 vom 23.08.1991 zum Papier­vor­druck E 411; bzw. nach den Art. 1 Abs. 2 Buchst. d und Art. 2 ff. der VO Nr. 987/​2009, z.B. den Vor­druck F003 im Rah­men des struk­tu­rier­ten elek­tro­ni­schen Doku­ments[]
  26. ABl.EU 2012, Nr. C 326[]
  27. vgl. EuGH, Urtei­le Her­bosch Kie­re vom 26.01.2006 – C‑2/​05, EU:C:2006:69, Rz 22, m.w.N.; Kommission/​Belgien vom 11.07.2018 – C‑356/​15, EU:C:2018:555, Rz 86[]
  28. BFH, Urteil in BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz 20[][]
  29. BFH, Urteil vom 28.06.2006 – III R 13/​06, BFHE 214, 287, BStBl II 2007, 714[]
  30. BFH, Urtei­le in BFHE 248, 188, BStBl II 2016, 100, Rz 22; vom 25.07.2001 – VI R 18/​99, BFHE 196, 260, BStBl II 2002, 81, Rz 16; BFH, Urteil vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564, Rz 26[]