Kin­der­geld – und die zu weit gehen­de Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts

Ent­schei­det das Finanz­ge­richt auch über Kin­der­geld­an­sprü­che, die einen nicht vom Kla­ge­be­geh­ren umfass­ten Zeit­raum betref­fen, liegt inso­weit ein von Amts wegen zu beach­ten­der Ver­stoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO vor. Ein der­ar­ti­ger Fall kann gege­ben sein, wenn das Finanz­ge­richt über Kin­der­geld­an­sprü­che ent­schei­det, die nach dem Monat der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung lie­gen. Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler kann in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 126 Abs. 3 FGO zur iso­lier­ten Auf­he­bung des finanz­ge­richt­li­chen Urteils füh­ren.

Kin­der­geld – und die zu weit gehen­de Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts

Inso­weit liegt ein Ver­stoß gegen den in § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO nie­der­ge­leg­ten Grund­satz vor, wonach das Finanz­ge­richt nicht über das Kla­ge­be­geh­ren hin­aus­ge­hen darf ("ne ultra peti­ta").

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in Kin­der­geld­an­ge­le­gen­hei­ten zur Bestim­mung des Kla­ge­zeit­raums fol­gen­de Grund­sät­ze auf­ge­stellt:

Das Finanz­ge­richt kann den Anspruch auf Kin­der­geld grund­sätz­lich nur in dem zeit­li­chen Umfang in zuläs­si­ger Wei­se zum Gegen­stand einer gericht­li­chen Inhalts­kon­trol­le machen, in dem die Fami­li­en­kas­se den Kin­der­geld­an­spruch gere­gelt hat. Dabei umfasst ein mit einer Anfech­tungs­kla­ge bzw. Ver­pflich­tungs­kla­ge ange­grif­fe­ner Auf­he­bungs­be­scheid bzw. Ableh­nungs­be­scheid eine Rege­lung des Kin­der­geld­an­spruchs ab dem Monat der Auf­he­bung bzw. Ableh­nung bis längs­tens zum Ende des Monats der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung 1. Dies gilt jeden­falls dann, wenn die Fami­li­en­kas­se in dem ange­grif­fe­nen Bescheid nicht aus­drück­lich einen hier­von abwei­chen­den Zeit­raum gere­gelt hat.

Dem­nach ist in einem der­ar­ti­gen Fall eine Kla­ge unzu­läs­sig, soweit mit ihr Kin­der­geld für einen nach Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung lie­gen­den Zeit­raum begehrt wird 2. Es ent­spricht daher (regel­mä­ßig) dem recht ver­stan­de­nen Inter­es­se eines Klä­gers, dass er ‑sofern er im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nicht aus­drück­lich etwas Abwei­chen­des bean­tragt- eine Kin­der­geld­re­ge­lung für den Zeit­raum ab Auf­he­bung bzw. Ableh­nung der Kin­der­geld­fest­set­zung bis längs­tens zum Ende des Monats der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung begehrt 3.

Über­trägt man die­se Grund­sät­ze auf den Streit­fall, bedeu­tet dies, dass das Finanz­ge­richt ‑wie sich aus dem Tenor und den Ent­schei­dungs­grün­den der Vor­ent­schei­dung ergibt 4- auch über die Kin­der­geld­an­sprü­che für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 ent­schie­den hat, obwohl die­se Ansprü­che nicht vom erst­in­stanz­li­chen Kla­ge­be­geh­ren umfasst waren.

Die Fami­li­en­kas­se hat­te mit den ange­grif­fe­nen Ableh­nungs­be­schei­den kei­ne Kin­der­geld­an­sprü­che gere­gelt, die den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 betra­fen. In dem Ableh­nungs­be­scheid vom 27.04.2011 hieß es, dass der Antrag auf Kin­der­geld für P und B ab Mai 2010 abge­lehnt wird. Eben­so lässt sich der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 06.05.2011 nicht ent­neh­men, dass eine Kin­der­geld­re­ge­lung für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 getrof­fen wur­de.

Dem­entspre­chend begehr­te der Klä­ger in sei­ner Kla­ge­schrift vom 09.06.2011, die Fami­li­en­kas­se zu ver­pflich­ten, Dif­fe­renz­kin­der­geld für P und B ab Mai 2010 in Höhe von jeweils 161, 41 EUR fest­zu­set­zen. Dass der Klä­ger hier­mit eine Kin­der­geld­re­ge­lung für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 anstreb­te, ergibt sich aus die­ser Kla­ge­schrift nicht. Ein sol­ches Begeh­ren ist auch nicht im Rah­men der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 16.05.2012 erkenn­bar gewor­den. Aus­weis­lich der Sit­zungs­nie­der­schrift bean­trag­te der Klä­ger, die Fami­li­en­kas­se unter Auf­he­bung der ange­grif­fe­nen Ableh­nungs­be­schei­de zu ver­pflich­ten, "ihm Kin­der­geld ab Mai 2010 für die Kin­der B und P in Höhe von jeweils 161, 41 EUR zu gewäh­ren". Er führ­te dort nicht expli­zit aus, (auch) Kin­der­geld für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 zu begeh­ren.

Nach alle­dem hät­te das Kla­ge­be­geh­ren bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung so ver­stan­den wer­den müs­sen, dass der Klä­ger kei­ne teil­wei­se unzu­läs­si­ge Kla­ge erhe­ben woll­te, son­dern nur Dif­fe­renz­kin­der­geld für den Zeit­raum ab Ableh­nung der Kin­der­geld­fest­set­zung (hier Mai 2010) bis zum Ende des Monats der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung (hier Mai 2011) begehr­te.

Auch wenn der Bun­des­fi­nanz­hof die genann­ten Grund­sät­ze zur Bestim­mung des Kla­ge­zeit­raums erst­mals kurz vor Erge­hen der Vor­ent­schei­dung in dem BFH, Urteil in BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, Rz 40 ff. höchst­rich­ter­lich nie­der­ge­legt hat, führt deren Nicht­be­ach­tung zu einem Ver­stoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO. Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler ist ohne Rüge von Amts wegen zu beach­ten 5.

Die Vor­ent­schei­dung ist in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 126 Abs. 3 FGO iso­liert auf­zu­he­ben.

Hebt der BFH eine nicht ent­schei­dungs­rei­fe Sache auf, so muss er bei strik­tem Wort­ver­ständ­nis des § 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO die Sache auch zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück­ver­wei­sen. Eine iso­lier­te Auf­he­bung der Vor­ent­schei­dung sieht der Wort­laut des § 126 FGO nicht vor. Aller­dings muss ein sol­ches Vor­ge­hen dann mög­lich sein, wenn der Ver­fah­rens­feh­ler nur durch eine Auf­he­bung besei­tigt wer­den kann und es einer Zurück­ver­wei­sung an das Finanz­ge­richt nicht mehr bedarf 6.

So ver­hält es sich im Streit­fall. Das Finanz­ge­richt erließ für den Zeit­raum ab Sep­tem­ber 2011 ein Urteil, das als sol­ches nicht hät­te erge­hen dür­fen. Nach Auf­he­bung die­ses Teils des Urteils gibt es im Streit­fall für die­sen Zeit­raum kei­ne Rechts­sa­che mehr, die vom Finanz­ge­richt noch zu ent­schei­den wäre.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2014 – III R 36/​12

  1. BFH, Urteil vom 22.12 2011 – III R 41/​07, BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, Rz 40 ff.; vgl. auch BFH, Urtei­le vom 05.07.2012 – V R 58/​10, BFH/​NV 2012, 1953, Rz 14 ff.; vom 24.07.2013 – XI R 24/​12, BFH/​NV 2013, 1920, Rz 18 ff.[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, Rz 40[]
  3. BFH, Urteil vom 27.09.2012 – III R 70/​11, BFHE 239, 116, BSt­Bl II 2013, 544, Rz 14[]
  4. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 24.08.2005 – VIII B 36/​04, BFH/​NV 2006, 86, unter II. 2.a zur Bestim­mung des Ent­schei­dungs­ge­gen­stan­des[]
  5. z.B. BFH, Urteil vom 31.01.2013 – III R 15/​10, BFH/​NV 2013, 1071, Rz 12, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 25.01.2005 – I B 83/​04, BFH/​NV 2005, 1314, unter II. 1. zu § 116 Abs. 6 FGO[]