Kin­der­geld und Ver­letz­ten­ren­te

Ent­ste­hen dem Kind als Fol­ge eines Unfalls Auf­wen­dun­gen zur Hei­lung einer gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gung, die von der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung nicht erstat­tet wer­den, ist die im Rah­men der Kin­der­geld­ge­wäh­rung als Bezug anzu­set­zen­de Ver­letz­ten­ren­te um die­se Auf­wen­dun­gen zu min­dern.

Kin­der­geld und Ver­letz­ten­ren­te

Unter wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen hat der Kin­der­geld­be­rech­tig­te Anspruch auf Kin­der­geld für ein voll­jäh­ri­ges Kind, wenn es Ein­künf­te und Bezü­ge, die zur Bestrei­tung des Unter­halts und der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sind, von (im Kalen­der­jahr 2003) nicht mehr als 7.188 € hat (§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG).

Die nach § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG steu­er­freie sog. Ver­letz­ten­ren­te aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gehört nicht zu den Ein­künf­ten, son­dern in vol­lem Umfang zu den Bezü­gen [1], da hier­un­ter alle Zuflüs­se in Geld oder Natu­ral­leis­tun­gen fal­len, die nicht im Rah­men der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Ein­künf­teer­mitt­lung erfasst wer­den, also nicht steu­er­ba­re oder für steu­er­frei erklär­te Ein­nah­men [2].

Die Nach­zah­lung der Ver­letz­ten­ren­te ist im Jahr 2003, in dem sie zuge­flos­sen ist, zu berück­sich­ti­gen. Der Betrag ist nicht auf den Zeit­raum zu ver­tei­len, für den er gezahlt wur­de [3].

Die Ver­letz­ten­ren­te ist jedoch nur soweit zur Bestrei­tung des Unter­halts von T bestimmt oder geeig­net, als sie die Auf­wen­dun­gen für the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men über­steigt, die T als Fol­ge des Unfalls ent­stan­den sind. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat es in einem frü­he­ren Urteil [4] offen gelas­sen, ob und inwie­weit Krank­heits- oder Krank­heits­fol­ge­kos­ten zu den nach der Recht­spre­chung des BVerfG [5] unver­meid­ba­ren, die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des min­dern­den Auf­wen­dun­gen gehö­ren kön­nen. Auch im Streit­fall braucht die­se Fra­ge nicht ent­schie­den zu wer­den, da sich der gemin­der­te Ansatz der Ren­ten­nach­zah­lung allein aus der Zweck­be­stim­mung der Ver­letz­ten­ren­te ergibt.

Grund­sätz­lich über­nimmt die gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung die Kos­ten für die Heil­be­hand­lung und für Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men des Schü­lers, der auf dem Schul­weg einen schwer­wie­gen­den Unfall erlit­ten hat. Nur wenn der Schü­ler durch den Unfall trotz der Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men in sei­ner Erwerbs­fä­hig­keit gemin­dert ist, erhält er eine Ren­te. Die­se wird in der Regel erst bezahlt, wenn alle sinn­vol­len und zumut­ba­ren Reha­bi­li­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft sind (vgl. § 26 Abs. 3 SGB VII) [6]. Die Ver­letz­ten­ren­te soll den Mehr­be­darf durch die blei­ben­den Ver­let­zun­gen auf­grund des Unfalls und den Ein­nah­men­ver­lust auf­grund der gemin­der­ten Erwerbs­fä­hig­keit aus­glei­chen [7].

Aus den unter­schied­li­chen Funk­tio­nen der Ver­letz­ten­ren­te hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt gefol­gert, dass die­se bei der Bemes­sung für den Bei­trag einer Ersatz­kas­se, der sich nach den „Ein­nah­men zum Lebens­un­ter­halt“ rich­tet [8], und bei der Ent­schei­dung, ob wegen des nied­ri­gen Ein­kom­mens eine Befrei­ung von Zuzah­lun­gen nach § 61 SGB V bei der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung in Betracht kommt [9], nur ange­rech­net wer­den darf, soweit sie Ein­kom­mens­er­satz­funk­ti­on hat.

Ande­rer­seits ist die Ver­letz­ten­ren­te aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung bei der Berech­nung der Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach der Recht­spre­chung des BSG ins­ge­samt als Ein­kom­men i.S. des § 11 Abs. 1 Satz 1 SGB II zu berück­sich­ti­gen. Sie ist in vol­lem Umfang kei­ne zweck­be­stimm­te Ein­nah­me i.S. des § 11 Abs. 3 Nr. 1 Buchst. a SGB II, die als Ein­kom­men außer Betracht bleibt [10]. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts blei­ben nach § 11 Abs. 3 Nr. 1 Buchst. a SGB II nur sol­che Ein­nah­men außer Betracht, deren Zweck sich aus­drück­lich aus der gesetz­li­chen Vor­schrift ergibt. §§ 56 ff. SGB VII regel­ten aber nur Beginn, Dau­er, Höhe und Berech­nungs­mo­da­li­tä­ten der Ver­letz­ten­ren­te. Eine aus­drück­li­che und ein­deu­ti­ge Zweck­be­stim­mung las­se sich aus die­sen Vor­schrif­ten nicht able­sen. Die Ver­letz­ten­ren­te habe zwar unter­schied­li­che Funk­tio­nen (Mehr­be­darfs­er­satz, Kom­pen­sa­ti­on imma­te­ri­el­ler Schä­den, Ein­kom­mens­er­satz), die­se sei­en aber nicht einer „Zweck­be­stim­mung“ i.S. des § 11 Abs. 3 Nr. 1 Buchst. a SGB II gleich zu ach­ten.

Bei der Berech­nung der Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach § 11 SGB II wer­den alle Ein­nah­men in Geld oder Gel­des­wert ange­rech­net, die nicht aus­drück­lich für einen ande­ren Zweck als den Lebens­un­ter­halt bestimmt sind. Nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG sind dage­gen nur Ein­künf­te und Bezü­ge anzu­set­zen, die für den Unter­halt bestimmt oder geeig­net sind. Wird eine als Bezug zu berück­sich­ti­gen­de steu­er­freie Ren­te gezahlt, ist daher zu prü­fen, wel­chem Zweck die Ren­te dient. Allein dar­aus, dass in den gesetz­li­chen Rege­lun­gen der Zweck der Ren­te nicht aus­drück­lich bestimmt wird, ist nicht zu fol­gern, dass die Zah­lun­gen aus­schließ­lich für den Lebens­un­ter­halt bestimmt sind.

Für das Kin­der­geld wird ein Kind dann nicht mehr berück­sich­tigt, wenn es eige­ne Ein­künf­te und Bezü­ge in Höhe des –am Exis­tenz­mi­ni­mum eines Erwach­se­nen aus­ge­rich­te­ten– Jah­res­grenz­be­tra­ges hat. Der Gesetz­ge­ber unter­stellt, dass die Eltern in die­sen Fäl­len nicht mehr durch Auf­wen­dun­gen für den Unter­halt des Kin­des belas­tet sind. Ent­ste­hen dem Kind aber Kos­ten für Maß­nah­men zur Behe­bung von kör­per­li­chen oder psy­chi­schen Schä­den auf­grund eines Unfalls, für die nach den Rege­lun­gen der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung kei­ne Erstat­tung vor­ge­se­hen ist, steht die Ver­letz­ten­ren­te dem Kind inso­weit nicht für den Unter­halt zur Ver­fü­gung. Da die Ver­letz­ten­ren­te auch gezahlt wird, um den auf­grund des Unfalls ent­ste­hen­den Mehr­be­darf aus­zu­glei­chen, ist sie nur zum Unter­halt und zur Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net, soweit die Ren­ten­zah­lun­gen die Kos­ten über­stei­gen, die zur Wie­der­her­stel­lung der durch den Unfall ver­ur­sach­ten gesund­heit­li­chen Schä­den ange­fal­len sind.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2009 – III R 74/​07

  1. BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 182/​98, BFHE 189, 457, BStBl II 2000, 79, unter II. 4. c[]
  2. BFH, Urteil vom 26.09.2000 – VI R 85/​99, BFHE 192, 485, BStBl II 2000, 684, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil vom 16.04.2002 – VIII R 76/​01, BFHE 199, 116, BStBl II 2002, 525[]
  4. BFH, Urteil vom 26.09.2007 – III R 4/​07, BFHE 219, 112, BStBl II 2008, 738, betr. ansetz­ba­re Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit[]
  5. in BVerfGE 112, 164, BFH/​NV 2005, Bei­la­ge 3, 260[]
  6. Becker, Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung, 1. Aufl. 2004, S. 156[]
  7. BSG, Urteil vom 19.06.1986 – 12 RK 7/​85, SozR 2200 § 180 Nr. 31; Mucha in Jahn SGB VII § 56 Rz 4, 12; a.A. –nur Lohn­er­satz­funk­ti­on– mög­li­cher­wei­se BFH, Urteil in BFHE 189, 457, BStBl II 2000, 79, unter II. 4. c[]
  8. BSG in SozR 2200 § 180 Nr. 31[]
  9. BSG, Urteil vom 08.12.1992 – 1 RK 11/​92, BSGE 71, 299[]
  10. BSG, Urteil vom 05.09.2007 – B 11b AS 15/​06 R, BSGE 99, 47, m.w.N.[]