Kin­der­geld – wäh­rend der Unter­su­chungs­haft eines Kin­des

Ein Kin­der­geld­an­spruch nach §§ 62 Abs. 1 Satz 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG für die Dau­er der Unter­su­chungs­haft setzt u.a. eine nur vor­über­ge­hen­de Unter­bre­chung der Aus­bil­dung vor­aus. Eine sol­che ledig­lich vor­über­ge­hen­de Unter­bre­chung der Berufs­aus­bil­dung liegt nicht vor, wenn das Kind zwar zu einem Zeit­punkt, in dem es Aus­bil­dungs­maß­nah­men durch­führt, in Unter­su­chungs­haft genom­men wird, jedoch weder wäh­rend der Unter­su­chungs­haft noch im Anschluss an deren Ende eine Aus­bil­dung beginnt oder fort­setzt.

Kin­der­geld – wäh­rend der Unter­su­chungs­haft eines Kin­des

Nach §§ 62 Abs. 1 Satz 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr, aber noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat, kin­der­geld­recht­lich berück­sich­tigt, wenn es für einen Beruf aus­ge­bil­det wird. Für die Fra­ge, ob das Kind für einen Beruf „aus­ge­bil­det wird”, kommt es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht auf das for­ma­le Wei­ter­be­stehen eines Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses an, son­dern dar­auf, dass auf die Aus­bil­dung gerich­te­te Maß­nah­men tat­säch­lich durch­ge­führt wer­den 1.

Im Streit­fall ist daher ent­ge­gen der Ansicht des Vaters nicht dar­auf abzu­stel­len, ob das Aus­bil­dungs­ver­hält­nis wäh­rend der Inhaf­tie­rung des Soh­nes vom Aus­bil­dungs­be­trieb wirk­sam gekün­digt wur­de. Denn auch im Fal­le des Fort­be­stehens des Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses trat durch die Unter­su­chungs­haft eine Unter­bre­chung der Aus­bil­dung ein. Der Sohn führ­te wäh­rend der Unter­su­chungs­haft jeden­falls weder im Rah­men sei­nes bei dem Aus­bil­dungs­be­trieb begon­ne­nen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses wei­te­re auf die Aus­bil­dung gerich­te­te Maß­nah­men (inner­be­trieb­li­che Aus­bil­dung, Berufs­schul­be­su­che) durch noch fand in der Haft­an­stalt eine ande­re Berufs­aus­bil­dung statt.

Bei einer Unter­bre­chung der Aus­bil­dung durch eine Unter­su­chungs­haft des Kin­des hat der Bun­des­fi­nanz­hof im Urteil in BFH/​NV 2006, 2067 einen Kin­der­geld­an­spruch nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG aus­nahms­wei­se trotz Feh­lens von Aus­bil­dungs­maß­nah­men aner­kannt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Thü­rin­ger Finanz­ge­richts 2 genügt es aber inso­weit nicht, dass das Kind spä­ter frei­ge­spro­chen wird und des­halb die Unter­bre­chung sei­ner Aus­bil­dung nicht zu ver­tre­ten hat. Vor­aus­set­zung ist viel­mehr auch, dass es sich um eine nur vor­über­ge­hen­de Unter­bre­chung der Aus­bil­dung han­delt 3.

An letz­te­rer Vor­aus­set­zung fehlt es im Streit­fall, da der Sohn auch nach der im Novem­ber 2013 been­de­ten Unter­su­chungs­haft sei­ne Aus­bil­dung in dem Betrieb nicht fort­ge­setzt und kei­ne auf eine Aus­bil­dung gerich­te­ten Maß­nah­men mehr durch­ge­führt hat.

Die vom Finanz­ge­richt getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen rei­chen nicht aus, um einen Kin­der­geld­an­spruch des Vaters unter dem Gesichts­punkt zu beja­hen, dass S eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen konn­te.

Nach §§ 62 Abs. 1 Satz 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr, aber noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat, kin­der­geld­recht­lich berück­sich­tigt, wenn es eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen kann. Dabei ist zwar grund­sätz­lich jeder Aus­bil­dungs­wunsch des Kin­des zu berück­sich­ti­gen; sei­ne Ver­wirk­li­chung darf jedoch nicht an den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen des Kin­des schei­tern 4. Zudem muss das Kind die Aus­bil­dungs­stel­le im Fal­le des Erfolgs sei­ner Bemü­hun­gen auch antre­ten kön­nen 5.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung erfor­dert die­ser Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand, dass sich das Kind ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht 6. Dabei ist das Bemü­hen um einen Aus­bil­dungs­platz glaub­haft zu machen. Pau­scha­le Anga­ben, das Kind sei im frag­li­chen Zeit­raum aus­bil­dungs­be­reit gewe­sen, es habe sich stän­dig um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht oder sei stets bei der Agen­tur für Arbeit als aus­bil­dungs­su­chend gemel­det gewe­sen, rei­chen nicht aus. Um einer miss­bräuch­li­chen Inan­spruch­nah­me des Kin­der­gel­des ent­ge­gen­zu­wir­ken, muss sich die Aus­bil­dungs­be­reit­schaft des Kin­des durch beleg­ba­re Bemü­hun­gen um einen Aus­bil­dungs­platz objek­ti­viert haben 7.

Der Bun­des­fi­nanz­hof weist fer­ner dar­auf hin, dass das Bestehen einer typi­schen Unter­halts­si­tua­ti­on nach mitt­ler­wei­le stän­di­ger Recht­spre­chung nicht mehr als unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal der ein­zel­nen Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stän­de gefor­dert wird 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Janu­ar 2018 – III R 16/​17

  1. BFH, Urtei­le vom 20.07.2006 – III R 69/​04, BFH/​NV 2006, 2067, Rz 13, m.w.N.; vom 24.09.2009 – III R 79/​06, BFH/​NV 2010, 614, Rz 14; und vom 05.07.2012 – III R 80/​09, BFHE 238, 76, BSt­Bl II 2012, 816, Rz 14; BFH, Urteil vom 23.01.2013 – XI R 50/​10, BFHE 240, 300, BSt­Bl II 2013, 916, Rz 13
  2. Thür. FG, Urteil vom 06.04.217 – 1 K 276/​15
  3. BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067, Rz 15
  4. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 71/​99, BFH/​NV 2004, 473, Rz 13, m.w.N.
  5. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 79/​99, BFHE 203, 94, BSt­Bl II 2003, 843, Rz 13; BFH, Urteil vom 27.09.2012 – III R 70/​11, BFHE 239, 116, BSt­Bl II 2013, 544, Rz 26
  6. BFH, Urtei­le vom 19.06.2008 – III R 66/​05, BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005, Rz 12; und vom 22.09.2011 – III R 30/​08, BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411, Rz 9; BFH, Urtei­le vom 26.08.2014 – XI R 14/​12, BFH/​NV 2015, 322, Rz 21; und vom 18.06.2015 – VI R 10/​14, BFHE 250, 145, BSt­Bl II 2015, 940, Rz 24
  7. BFH, Urtei­le in BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005, Rz 13 f., und in BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411, Rz 10 f.
  8. z.B. BFH, Urtei­le vom 17.06.2010 – III R 34/​09, BFHE 230, 61, BSt­Bl II 2010, 982, Rz 13; und vom 08.09.2016 – III R 27/​15, BFHE 255, 202, BSt­Bl II 2017, 278, Rz 28