Kin­der­geld wäh­rend der Eltern­zeit in Bel­gi­en

Nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf steht es dem Anspruch eines Vaters auf Kin­der­geld nicht ent­ge­gen, wenn er kei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat. Sei­ne Anspruchs­be­rech­ti­gung bestehe, so das Finanz­ge­richt, fort, soweit er auf­grund einer Eltern­zeit in der inlän­di­schen Arbeits­lo­sen- und Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­chert sei. Der Kin­der­geld­an­spruch des Vaters bestehe, auch wenn die Mut­ter im Aus­land einen Anspruch auf Kin­der­geld habe.

Kin­der­geld wäh­rend der Eltern­zeit in Bel­gi­en

Der Anspruch des Vaters auf Kin­der­geld für sei­ne Töch­ter ist nicht dadurch ent­fal­len, dass er Eltern­zeit zur Erzie­hung sei­ner Toch­ter genom­men hat, weil er wäh­rend die­ser Zeit gemäß § 26 Abs. 2a Satz 1 Nr. 1 i. V. m. Satz 3 SGB III und § 56 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 Satz 2SGB VI in der Arbeits­lo­sen- und in der Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­chert war.

Der Vater gehör­te auch ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ohne unbe­schränk­te Steu­er­pflicht gemäß § 1 Abs. 2 oder § 1 Abs. 3 EStG nach sei­nem Weg­zug nach Bel­gi­en so lan­ge zum Kreis der in § 62 Abs. 1 EStG auf­ge­führ­ten Anspruchs­be­rech­tig­ten, als er auf­grund der Eltern­zeit in der inlän­di­schen Arbeits­lo­sen- und Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­chert war. Dies ergibt sich aus den der Vor­schrift des § 62 Abs. 1 EStG vor­ge­hen­den Rege­lun­gen des Art. 1 Buch­sta­be a, Art. 2 Abs. 1, Art. 4 Abs. 1 Buch­sta­be h, Art. 13 Abs. 2 Buch­sta­be a, 73, 75 Abs. 1 Satz 1 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates zur Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern [1].

Die­se über­staat­li­chen Vor­schrif­ten sehen als Rechts­fol­gen vor, dass ein Arbeit­neh­mer auch dann den Rechts­vor­schrif­ten des Beschäf­ti­gungs­staa­tes unter­liegt, wenn er in einem ande­ren Staat sei­nen Wohn­sitz hat (Art. 13 Abs. 2 Buch­sta­be a VO [EWG] Nr. 1408/​71), und lösen eine Anspruchs­kon­kur­renz für ein und das­sel­be Kind auf­grund von Ansprü­chen bei­der Eltern­tei­le wegen der Zuge­hö­rig­keit zu den Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­men zwei­er Mit­glied­staa­ten in der Wei­se auf, dass Kin­der­geld von dem Mit­glied­staat zu zah­len ist, der den höhe­ren Leis­tungs­be­trag vor­sieht. Die hier­für ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung, dass der Klä­ger auch wäh­rend der Eltern­zeit in min­des­tens einem Zweig der deut­schen Sozi­al­ver­si­che­rung ver­si­chert war, ist im Streit­fall gege­ben.

Nach § 15 Abs. 1 Satz 1 BEEG haben Arbeit­neh­mer Anspruch auf Eltern­zeit, wenn sie mit ihrem Kind in einem Haus­halt leben und die­ses Kind selbst betreu­en und erzie­hen. Dies traf auf bei­de Töch­ter des Klä­gers zu, wobei der Anspruch des Klä­gers auf Eltern­zeit nur für das 1. Kind bestand, weil es wäh­rend der Eltern­zeit vom 4. Juni 2007 bis zum 31. August 2008 das drit­te Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat­te, das 2. Kind es dage­gen bereits am 2. Juli 2007 voll­ende­te (§ 15 Abs. 2 Satz 1 BEEG). Die Eltern­zeit konn­te auch vom Klä­ger allein genom­men wer­den (§ 15 Abs. 3 Satz 1 BEEG).

Der Klä­ger blieb auf­grund der Eltern­zeit gemäß § 26 Abs. 2a SGB III in der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung ver­si­chert; zugleich wur­de die Eltern­zeit gemäß § 56 SGB VI in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung berück­sich­tigt [2].

Nach § 26 Abs. 2a Satz 1 Nr. 1 SGB III sind Per­so­nen in der Zeit, in der sie ein Kind, das das drit­te Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat, erzie­hen, ver­si­che­rungs­pflich­tig, wenn sie unmit­tel­bar vor der Kin­der­er­zie­hung ver­si­che­rungs­pflich­tig waren. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt der Klä­ger, weil er bis zur Zustim­mung der AG zur Eltern­zeit auf­grund sei­nes dor­ti­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses, das durch die Eltern­zeit nicht been­det wur­de, son­dern ledig­lich ruh­te, in der gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung ver­si­chert war. Die AG hat dem Klä­ger des­halb zu Recht beschei­nigt, dass er wäh­rend der Eltern­zeit in einem Ver­si­che­rungs­pflicht­ver­hält­nis zur Bun­des­agen­tur für Arbeit stand. Da der Klä­ger sei­ne Toch­ter allein erzo­gen hat, war auch nur er in der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung ver­si­chert (§ 26 Abs. 2a Satz 3 SGB III) und war die Erzie­hungs­zeit gemäß § 56 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 SGB VI auch nur ihm ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­lich zuzu­rech­nen. Da er vor der Eltern­zeit in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land eine Beschäf­ti­gung aus­ge­übt hat­te, steht die Erzie­hung in Bel­gi­en zudem der Erzie­hung im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gleich (§ 56 Abs. 3 Satz 2 SGB VI).

Dabei ist es, so das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, auch uner­heb­lich, dass der Klä­ger in den Nie­der­lan­den über die Kin­des­mut­ter mit­ver­si­chert war. Die­se Ver­si­che­rung bezieht sich nicht auf Ansprü­che in der Arbeits­lo­sen- und Ren­ten­ver­si­che­rung, son­dern besteht nur für den Krank­heits­fall. Der Klä­ger hat zwar im Kin­der­geld­an­trag vom 26. Juni 2008 ange­kreuzt, dass er wegen sei­ner Erwerbs­tä­tig­keit in Deutsch­land nicht sozi­al­ver­si­chert sei. Er hat dies aber durch den Zusatz "Eltern­zeit v(or). Wech­sel in KKV d. Frau in Holland/​Belgien" dadurch ein­ge­schränkt, dass sich die Mit­ver­si­che­rung nur auf die Kran­ken­ver­si­che­rung bezie­he. Nur dies ent­spricht auch dem all­ge­mei­nen Prin­zip, dass eine Fami­li­en­mit­ver­si­che­rung im Bereich der Kran­ken­ver­si­che­rung üblich ist, nicht aber im Bereich der Ren­ten- und Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, in denen jeder Ver­si­cher­te – bis auf eine Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in der Ren­ten­ver­si­che­rung – nur eige­ne Ansprü­che erwirbt.

Der Klä­ger war damit wäh­rend der Eltern­zeit in zwei Ver­si­che­run­gen der deut­schen gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung ver­si­chert. Er war folg­lich Arbeit­neh­mer i. S. von Art. 1 Buch­sta­be a Zif­fer i VO (EWG) Nr. 1408/​71, sodass die VO (EWG) Nr. 1408/​71 wäh­rend die­ser Zeit auf ihn anzu­wen­den war (Art. 2 Abs. 1 VO [EWG] Nr. 1408/​71). Nach Art. 4 Abs. 1 Buch­sta­be h VO (EWG) Nr. 1408/​71 gilt sie auch für Fami­li­en­leis­tun­gen und somit für das Kin­der­geld. Der Klä­ger unter­lag daher nach Art. 13 Abs. 2 Buch­sta­be a VO (EWG) Nr. 1408/​71 unge­ach­tet sei­nes Weg­zugs nach Bel­gi­en bis Ende August 2008 wei­ter­hin den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten über das Kin­der­geld. Dass er die Merk­ma­le des § 62 Abs. 1 Nr. 2 EStG nicht erfüll­te, ist ange­sichts des Vor­rangs der VO (EWG) Nr. 1408/​71 gegen­über den inlän­di­schen Vor­schrif­ten uner­heb­lich [3]. Jede ande­re Aus­le­gung des § 62 Abs. 1 EStG stün­de nicht im Ein­klang mit dem Gemein­schafts­recht. Die­ses ver­bie­tet es, dass Wan­der­ar­beit­neh­mer, die von ihrem Recht auf Frei­zü­gig­keit Gebrauch machen, Ansprü­che auf Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit ver­lie­ren oder gerin­ge­re Leis­tun­gen erhal­ten, weil sie das ihnen vom EG-Ver­trag ver­lie­he­ne Recht auf Frei­zü­gig­keit aus­üben (vgl. EugH-Urteil vom 20. Mai 2008 in der Rechts­sa­che C‑352/​06, Bos­mann, Slg. 2008, I0327). Viel­mehr sind nach Art. 75 Abs. 1 Satz 1 i. V. m. Art. 73 VO (EWG) Nr. 1408/​71 dann, wenn die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen des Arbeit­neh­mers so zu behan­deln sind, als hät­ten sie ihren Wohn­sitz im Beschäf­ti­gungs­staat, Fami­li­en­leis­tun­gen vom zustän­di­gen Trä­ger des Beschäf­ti­gungs­staats zu gewäh­ren. Dies ist im Streit­fall die Beklag­te.

Dem Kin­der­geld­an­spruch des Klä­gers steht nicht ent­ge­gen, dass auch die Kin­des­mut­ter auf­grund ihrer Erwerbs­tä­tig­keit in den Nie­der­lan­den nach nie­der­län­di­schem Recht Anspruch auf Kin­der­geld für die Töch­ter hat. § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG, der den inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruch für den Fall aus­schließt, dass ein Kin­der­geld­an­spruch für das Kind im Aus­land besteht, wird durch die vor­ran­gi­ge Rege­lung in Art. 10 Abs. 3 DVO (EWG) Nr. 574/​72 ver­drängt.

Art. 10 Abs. 3 DVO (EWG) Nr. 574/​72 bestimmt für den Fall, dass nach Art. 73 VO (EWG) Nr. 1408/​71 Fami­li­en­leis­tun­gen für ein und den­sel­ben Zeit­raum für ein und den­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen von zwei Mit­glied­staa­ten geschul­det wer­den, der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staa­tes, des­sen Rechts­vor­schrif­ten den höhe­ren Leis­tungs­be­trag vor­se­hen, die­sen gan­zen Betrag aus­zahlt, der ihm dann von dem zustän­di­gen Trä­ger des ande­ren Mit­glied­staa­tes zur Hälf­te zu erstat­ten ist, wobei der nach den Rechts­vor­schrif­ten des letz­te­ren Mit­glied­staa­tes vor­ge­se­he­ne Leis­tungs­satz die obe­re Gren­ze bil­det.

Art. 73 VO (EWG) Nr. 1408/​71 regelt, dass ein Arbeit­neh­mer, der den Rechts­vor­schrif­ten eines Mit­glieds­staa­tes unter­liegt, vor­be­halt­lich der Bestim­mun­gen in Anhang VI für sei­ne Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die im Gebiet eines ande­ren Mit­glied­staa­tes woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des ers­ten Staa­tes hat, als ob die­se Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen im Gebiet die­ses Staa­tes wohn­ten. Damit wird gewis­ser­ma­ßen ein Wohn­sitz der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen im Beschäf­ti­gungs­staat fin­giert, sodass es nach inner­staat­li­chem Recht nicht zum Anspruchs­aus­schluss für den Fall kommt, dass die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ihren Sitz nicht im Beschäf­ti­gungs­staat haben. Art. 73 VO (EWG) Nr. 1408/​71 ist im Streit­fall anwend­bar, weil die Kin­der des Klä­gers nicht in einem Beschäf­ti­gungs­staat (Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bzw. Nie­der­lan­de), son­dern im Wohn­sitz­staat (Bel­gi­en) woh­nen.

Die Kin­des­mut­ter hat zwar auf­grund ihrer Erwerbs­tä­tig­keit in den Nie­der­lan­den einen Anspruch auf Kin­der­geld nach nie­der­län­di­schen Rechts­vor­schrif­ten [4]. Das Kin­der­geld für nach dem 1. Janu­ar 1995 gebo­re­ne, noch kei­ne sechs Jah­re alten Kin­der betrug in den Nie­der­lan­den bis zum Juni 2008 jedoch ledig­lich 187,41 € je Quar­tal, d. h. 62,47 € monat­lich und ab Juli 2008 193,73 € je Quar­tal, d. h. 64,57 € monat­lich. Das Kin­der­geld in Deutsch­land belief sich dage­gen im Streit­zeit­raum für das ers­te und zwei­te Kind auf jeweils 164 € monat­lich. Damit sind die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 10 Abs. 3 DVO (EWG) Nr. 574/​72 von Okto­ber 2007 bis August 2008 erfüllt, sodass die Beklag­te im Außen­ver­hält­nis gegen­über dem Klä­ger zur Zah­lung des Kin­der­gel­des in der begehr­ten Höhe ver­pflich­tet ist und ledig­lich vom nie­der­län­di­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger – wie von die­sem auch bereits ange­bo­ten – eine Erstat­tung nach Maß­ga­be des Art. 10 Abs. 3 DVO (EWG) Nr. 574/​72 für die­sen Zeit­raum ver­lan­gen kann [5].

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 18. Dezem­ber 2009 – 3 K 3986/​08 Kg

  1. VO [EWG] Nr. 1408/​71), Art. 10 Abs. 3 DVO (EWG) Nr. 574/​72 und Nr. 2 Buch­sta­be b Zif­fer iii des Kom­mis­si­ons­be­schlus­ses Nr. 207 vom 7. April 2006[]
  2. vgl. dazu auch Schle­gel in Eicher/​Schle­gel, SGB III, § 26 Rn. 83 bis 108[]
  3. vgl. auch BT-Drs. 16/​1889, 18 u. 27 zu § 1 Abs. 1 und § 15 BEEG; EuGH, Urteil vom 07.06.2005 – C‑543/​03, Dodl und Ober­hol­len­zer, Slg. 2005, I‑05049; Nr. 2 Buch­sta­be b Zif­fer iii des Kom­mis­si­ons­be­schlus­ses Nr. 207 vom 7. April 2006[]
  4. vgl. MIS­SOC-Tabel­le Nie­der­lan­de[]
  5. eben­so DA 206.5 der Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung der über- und zwi­schen­staat­li­chen Vor­schrif­ten –DAüzV‑, abge­druckt bei Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Fach D Abschn. IV[]