Kin­der­geld – wäh­rend der Schul­aus­bil­dung in der Tür­kei

Nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Abs. 1 Satz 3 EStG steht dem­je­ni­gen, der ‑wie die Klä­ge­rin- einen inlän­di­schen Wohn­sitz hat, Kin­der­geld nur für die Kin­der zu, die im Inland, in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder in einem Staat, auf den das Abkom­men über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum Anwen­dung fin­det, einen Wohn­sitz oder ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt haben. Die Tür­kei zählt nicht zu den in § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG genann­ten Staa­ten 1.

Kin­der­geld – wäh­rend der Schul­aus­bil­dung in der Tür­kei

Einen Wohn­sitz hat jemand dort, wo er eine Woh­nung unter Umstän­den inne­hat, die dar­auf schlie­ßen las­sen, dass er die Woh­nung bei­be­hal­ten und benut­zen wird (§ 8 AO).

Das setzt neben zum dau­er­haf­ten Woh­nen geeig­ne­ten Räu­men ins­be­son­de­re das Inne­ha­ben der Woh­nung in dem Sin­ne vor­aus, dass der Steu­er­pflich­ti­ge tat­säch­lich über sie ver­fü­gen kann und sie als Blei­be ent­we­der stän­dig nutzt oder sie doch mit einer gewis­sen Regel­mä­ßig­keit ‑wenn auch in grö­ße­ren Zeit­ab­stän­den- auf­sucht.

Ein nur gele­gent­li­ches Ver­wei­len wäh­rend unre­gel­mä­ßig auf­ein­an­der fol­gen­der kur­zer Zeit­räu­me zu Erho­lungs- bzw. Besuchs­zwe­cken reicht nicht aus 2.

Die­se Rege­lung des § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG ist ver­fas­sungs­ge­mäß und uni­on­rechts­kon­form 3.

Aus dem Soz­Sich­Abk Tür­kei steht der Klä­ge­rin schon des­halb kein Kin­der­geld zu, weil deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge ‑wie die Klä­ge­rin- nicht von des­sen Anwen­dungs­be­reich umfasst sind 4. Hier­aus ergibt sich auch kei­ne Ungleich­be­hand­lung gegen­über in Deutsch­land leben­den tür­ki­schen Eltern, deren Kin­der in der Tür­kei leben, weil auf der Grund­la­ge des Soz­Sich­Abk Tür­kei für in der Tür­kei leben­de Kin­der gene­rell kein Kin­der­geld in Höhe der Beträ­ge des § 66 Abs. 1 EStG gezahlt wer­den kann 5.

Aus den Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten des euro­pä­isch-tür­ki­schen Asso­zia­ti­ons­rechts ergibt sich kein Anspruch der Klä­ge­rin auf Kin­der­geld 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2015 – V R 13/​15

  1. BFH, Urtei­le vom 15.07.2010 – III R 6/​08, BFHE 230, 545, BSt­Bl II 2012, 883, Rz 11; vom 27.09.2012 – III R 55/​10, BFHE 239, 109, BSt­Bl II 2014, 473, Rz 11[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 230, 545, BSt­Bl II 2012, 883, Rz 12; vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564; vom 28.04.2010 – III R 52/​09, BFHE 229, 270, BSt­Bl II 2010, 1013, jeweils m.w.N.[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 23.02.1994 – 1 BvR 1105/​91; BFH, Urtei­le in BFHE 230, 545, BSt­Bl II 2012, 883, Rz 45; vom 26.02.2002 – VIII R 85/​98, BFH/​NV 2002, 912, Leit­satz[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 239, 109, BSt­Bl II 2014, 473, Rz 18[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 239, 109, BSt­Bl II 2014, 473, Rz 21[]
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 230, 545, BSt­Bl II 2012, 883, Rz 13 ff.; in BFHE 239, 109, BSt­Bl II 2014, 473, Rz 13 ff.[]