Kin­der­geld – und die Zustän­dig­keit der Fami­li­en­kas­sen für Aus­lands­fäl­le

Die Fami­li­en­kas­sen der Bun­des­agen­tur für Arbeit sind ‑außer in den Fäl­len des § 72 EStG- für den Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich sach­lich zustän­dig. Die Fami­li­en­kas­se Sach­sen ist ört­lich zustän­dig, wenn ein "Anspruchs­be­rech­tig­ter oder ande­rer Eltern­teil bzw. ein anspruchs­be­grün­den­des Kind ihren Wohn­sitz in Polen" haben. Hat eine ört­lich unzu­stän­di­ge Fami­li­en­kas­se den Antrag auf Kin­der­geld abge­lehnt, kann sie auf den Ein­spruch hin ent­we­der ihren Ableh­nungs­be­scheid auf­he­ben und den Antrag an die ört­lich zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se wei­ter­lei­ten oder die Ent­schei­dung über den Ein­spruch der zustän­di­gen Fami­li­en­kas­se über­las­sen.

Kin­der­geld – und die Zustän­dig­keit der Fami­li­en­kas­sen für Aus­lands­fäl­le

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te die Mut­ter, eine in Ber­lin leben­de und ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tig­te pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, Kin­der­geld für ihre in Polen beim geschie­de­nen Ehe­mann leben­de Toch­ter bean­tragt. Die Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg lehn­te den Antrag mit der Begrün­dung ab, dass das Kin­der­geld dem Vater zuste­he. Der dage­gen ein­ge­leg­te Ein­spruch wur­de nicht von der Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg, son­dern von der Fami­li­en­kas­se Sach­sen zurück­ge­wie­sen.

Das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hob die Ein­spruchs­ent­schei­dung auf und ver­trat die Auf­fas­sung, der Ableh­nungs­be­scheid der sach­lich unzu­stän­di­gen Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg rege­le ledig­lich, dass die Mut­ter gegen die­se Behör­de kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld habe; über Ansprü­che gegen ande­re Kin­der­geld­kas­sen tref­fe der Bescheid kei­ne Aus­sa­ge 1. Der Bun­des­fi­nanz­hof ist dem ent­ge­gen­ge­tre­ten:

Die Zustän­dig­keits­an­ord­nung der Bun­des­agen­tur für Arbeit begrün­det kei­ne sach­li­che, son­dern (nur) eine ört­li­che Zustän­dig­keit ihrer Fami­li­en­kas­sen. Der Ableh­nungs­be­scheid war daher nicht nich­tig und auch nicht auf­zu­he­ben, wenn kei­ne ande­ren Rechts­feh­ler vor­la­gen. Die unzu­stän­di­ge Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg konn­te auf den Ein­spruch hin ent­we­der ihren Ableh­nungs­be­scheid auf­he­ben und den Antrag an die ört­lich zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se wei­ter­lei­ten oder ‑wie gesche­hen- die Ent­schei­dung über den Ein­spruch der zustän­di­gen Fami­li­en­kas­se Sach­sen über­las­sen. Die Ableh­nung war auch mate­ri­ell recht­mä­ßig, denn der in Polen leben­de geschie­de­ne Ehe­mann war vor­ran­gig kin­der­geld­be­rech­tigt, weil er die Toch­ter in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat­te.

Die beklag­te Fami­li­en­kas­se Sach­sen war für die Ent­schei­dung über den Ein­spruch der Mut­ter zustän­dig und hat auch zu Recht ent­schie­den, dass das Kin­der­geld für die Toch­ter nicht der Mut­ter, son­dern vor­ran­gig dem Vater zusteht.

Die Fami­li­en­kas­se Sach­sen war für die Ent­schei­dung über den Kin­der­geld­an­spruch der Mut­ter sach­lich und ört­lich zustän­dig.

Die sach­li­che Zustän­dig­keit der Finanz­be­hör­den rich­tet sich, soweit nichts ande­res bestimmt ist, gemäß § 16 AO nach dem Gesetz über die Finanz­ver­wal­tung (FVG). Nach § 5 Abs. 1 Nr. 11 FVG hat das Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern die Auf­ga­be, den Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich nach Maß­ga­be der §§ 31, 62 bis 78 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) durch­zu­füh­ren. Dazu stellt die Bun­des­agen­tur für Arbeit (Bun­des­agen­tur) ihre Dienst­stel­len als Fami­li­en­kas­se zur Ver­fü­gung. Die­se Dienst­stel­len sind somit sach­lich zustän­dig, soweit nicht aus­nahms­wei­se gemäß § 72 EStG eine Kör­per­schaft, Anstalt oder Stif­tung des öffent­li­chen Rechts oder die Deut­sche Post AG, Deut­sche Post­bank AG oder Deut­sche Tele­kom AG als Fami­li­en­kas­se das Kin­der­geld an Ange­hö­ri­ge des öffent­li­chen Diens­tes fest­zu­set­zen und zu zah­len haben 2. Davon geht auch die Dienst­an­wei­sung zum Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (DA-KG) 2014 aus.

Der Vor­stand der Bun­des­agen­tur für Arbeit kann auf­grund der Kon­zen­tra­ti­ons­er­mäch­ti­gung des § 5 Abs. 1 Nr. 11 Satz 4 FVG 3 "inner­halb sei­nes Zustän­dig­keits­be­reichs abwei­chend von den Vor­schrif­ten der Abga­ben­ord­nung über die ört­li­che Zustän­dig­keit von Finanz­be­hör­den die Ent­schei­dung über den Anspruch auf Kin­der­geld für bestimm­te … Grup­pen von Berech­tig­ten einer ande­ren Fami­li­en­kas­se über­tra­gen". Dar­aus ergibt sich, dass es sich bei der Zustän­dig­keit der Fami­li­en­kas­se Sach­sen für Fäl­le, in denen ein "Anspruchs­be­rech­tig­ter oder ande­rer Eltern­teil bzw. ein anspruchs­be­grün­den­des Kind … ihren Wohn­sitz … in Polen" haben 4, um eine ört­li­che Zustän­dig­keit han­delt 5.

Sach­lich zustän­dig waren somit die Fami­li­en­kas­sen der Bun­des­agen­tur, d.h. sowohl die Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg als auch die Fami­li­en­kas­se Sach­sen, ört­lich zustän­dig indes­sen nur die Fami­li­en­kas­se Sach­sen.

Die Ein­spruchs­ent­schei­dung der Fami­li­en­kas­se Sach­sen ist nicht allein des­halb auf­zu­he­ben, weil der Ableh­nungs­be­scheid von der ört­lich unzu­stän­di­gen Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg erlas­sen wor­den war.

Dem Ein­spruch muss­te nicht wegen der ört­li­chen Unzu­stän­dig­keit der Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg statt­ge­ge­ben wer­den. Denn die Ent­schei­dung über die Kin­der­geld­fest­set­zung (§ 70 EStG) ist ein gebun­de­ner Ver­wal­tungs­akt und unter­liegt daher der Vor­schrift des § 127 AO 6. Die Auf­he­bung des Beschei­des des Ableh­nungs­be­schei­des konn­te daher nicht wegen der Ver­let­zung der sich aus dem Beschluss des Vor­stands der Bun­des­agen­tur für Arbeit Nr. 21/​2013 vom 18.04.2013 gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 11 FVG erge­ben­den Rege­lung über die ört­li­che Zustän­dig­keit bean­sprucht wer­den, wenn kei­ne ande­ren Rechts­feh­ler vor­la­gen 7.

Der Ableh­nungs­be­scheid war schließ­lich auch nicht allein dadurch nich­tig, dass er durch die ört­lich unzu­stän­di­ge Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg erlas­sen wur­de (§ 125 Abs. 3 Nr. 1 AO).

Die Ein­spruchs­ent­schei­dung ist auch nicht des­halb auf­zu­he­ben, weil sie nicht von der Aus­gangs­be­hör­de getrof­fen wur­de.

Über den Ein­spruch hat die Finanz­be­hör­de zu ent­schei­den, die ihn erlas­sen hat, soweit nicht nach­träg­lich eine ande­re Behör­de zustän­dig gewor­den ist (§ 367 Abs. 1 AO). Da die Fami­li­en­kas­se Sach­sen von Anfang an ört­lich zustän­dig war und die Zustän­dig­keit somit nicht nach­träg­lich gewech­selt hat 8, hät­te nach dem Wort­laut des § 367 Abs. 1 Satz 1 AO die Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg den Ein­spruch beschei­den müs­sen. Im Ein­spruchs­ver­fah­ren ist die Sache indes­sen gemäß § 367 Abs. 2 Satz 1 AO noch­mals vol­len Umfangs zu prü­fen 9. Die­se Prü­fung bezieht sich auch auf die sach­li­che und ört­li­che Zustän­dig­keit 10. Im Rah­men die­ser umfas­sen­den Über­prü­fung hät­te die Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg ange­sichts ihrer feh­ler­haf­ten Beur­tei­lung der ört­li­chen Zustän­dig­keit dem Ein­spruch abhel­fen, den Ableh­nungs­be­scheid auf­he­ben und den Antrag der Mut­ter zur Ent­schei­dung an die Fami­li­en­kas­se Sach­sen wei­ter­lei­ten kön­nen. Denn der Ableh­nungs­be­scheid blieb rechts­wid­rig, da § 127 AO kei­ne Hei­lungs­vor­schrift ist, son­dern dem Adres­sa­ten ledig­lich den Anspruch auf Auf­he­bung des Ver­wal­tungs­ak­tes nimmt 11. Sie konn­te statt­des­sen aber auch ‑wie gesche­hen- die Ent­schei­dung über den Ein­spruch der tat­säch­lich zustän­di­gen Fami­li­en­kas­se Sach­sen über­las­sen 12.

Die Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt, die Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg habe nur einen gegen sie bestehen­den Anspruch auf Kin­der­geld abge­lehnt, trifft nicht zu. Die Ableh­nung der Fest­set­zung von Kin­der­geld zu Guns­ten der Mut­ter regelt den Anspruch der Mut­ter auf (deut­sches) Kin­der­geld für ihre Toch­ter und stün­de im Rah­men der sach­li­chen Zustän­dig­keit der Bun­des­agen­tur für Arbeit der Fest­set­zung von Kin­der­geld durch eine ande­re Fami­li­en­kas­se (für den maß­geb­li­chen Zeit­raum) ent­ge­gen. Eine nur das Ein­spruchs­ver­fah­ren gegen den von ihr erlas­se­nen Ableh­nungs­be­scheid betref­fen­de Zustän­dig­keit der Fami­li­en­kas­se Ber­lin-Bran­den­burg ‑anstel­le der für den Kin­der­geld­an­spruch zustän­di­gen Fami­li­en­kas­se Sach­sen- kommt daher nicht in Betracht.

Die Ein­spruchs­ent­schei­dung ist auch nicht wegen mate­ri­el­ler Rechts­wid­rig­keit auf­zu­he­ben. Die Mut­ter kann kein Kin­der­geld für ihre beim geschie­de­nen Ehe­mann leben­de Toch­ter bean­spru­chen, weil der geschie­de­ne Ehe­mann vor­ran­gig berech­tigt ist 13.

Im Streit­fall gibt es kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der geschie­de­ne Ehe­mann nicht pol­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, son­dern nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ter Aus­län­der ist und daher für eine vor­ran­gi­ge Anspruchs­be­rech­ti­gung die Vor­aus­set­zun­gen i.S. des § 62 Abs. 2 EStG erfül­len müss­te 14. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt besteht auch weder in Deutsch­land ‑wo die Mut­ter wohnt- noch in Polen, wo ihr geschie­de­ner Ehe­mann mit der Toch­ter zusam­men lebt, ein gemein­sa­mer Haus­halt der bei­den Eltern­tei­le, in den das gemein­sa­me Kind auf­ge­nom­men ist. Die vor­ran­gi­ge Anspruchs­be­rech­ti­gung der Mut­ter kann sich daher auch nicht nach § 64 Abs. 2 Sät­ze 2 bis 4 EStG rich­ten 15. Uner­heb­lich ist, ob der Kin­des­va­ter selbst einen Antrag auf (deut­sches) Kin­der­geld gestellt hat 16.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2017 – III R 31/​15

  1. FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 23.04.2015 – 3 K 3006/​15[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 28.12 2006 – III B 91/​05, BFH/​NV 2007, 864[]
  3. dazu Schmies­zek in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 5 FVG Rz 122[]
  4. Beschluss des Vor­stands der Bun­des­agen­tur für Arbeit Nr. 21/​2013 vom 18.04.2013 gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 11 FVG, Amt­li­che Nach­rich­ten der Bun­des­agen­tur für Arbeit, Aus­ga­be Mai 2013, S. 6 ff., Nr. 2.2 der Anla­ge 2; dazu BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040[]
  5. eben­so DA-KG 2014, unter – V 2 Ört­li­che Zustän­dig­keit[]
  6. BFH, Urteil vom 19.04.2012 – III R 85/​11, BFH/​NV 2012, 1411, Rz 11[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 25.11.1988 – III R 264/​83, BFH/​NV 1989, 690, Rz 18; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 127 AO Rz 10; Rozek in HHSp, § 127 AO Rz 30[]
  8. vgl. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 367 AO Rz 4[]
  9. BFH, Urteil in BFH/​NV 1989, 690, Rz 17[]
  10. Bir­ken­feld in HHSp, § 367 AO Rz 60[]
  11. Rozek in HHSp, § 127 AO Rz 6, m.w.N.[]
  12. vgl. Bir­ken­feld in HHSp, § 367 AO Rz 61 f.[]
  13. vgl. BFH, Urtei­le vom 04.02.2016 – III R 17/​13, BFHE 253, 134, BSt­Bl II 2016, 612; und vom 10.03.2016 – III R 8/​13, BFH/​NV 2016, 1164[]
  14. BFH, Urteil vom 07.07.2016 – III R 11/​13, BFHE 254, 558, Rz 23[]
  15. vgl. BFH, Urteil vom 04.08.2016 – III R 10/​13, BFHE 255, 46, BSt­Bl II 2017, 126, Rz 24[]
  16. z.B. BFH, Urteil vom 13.04.2016 – III R 14/​13, BFH/​NV 2016, 1464[]