Kin­der­geld­an­spruch auf­grund eines Frei­wil­li­gen­diens­tes aller Genera­tio­nen

Kin­der kön­nen nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG wegen der Teil­nah­me an einem Frei­wil­li­gen­dienst aller Genera­tio­nen nur berück­sich­tigt wer­den, wenn der Dienst die Vor­aus­set­zun­gen des § 2 Abs. 1a SGB VII erfüllt.

Kin­der­geld­an­spruch auf­grund eines Frei­wil­li­gen­diens­tes aller Genera­tio­nen

Die inso­weit erfor­der­li­che Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Kind und dem Trä­ger des Frei­wil­li­gen­diens­tes muss das Schrift­form­erfor­der­nis erfül­len und die Bezeich­nung des Trä­gers und der Ein­satz­stel­le, die Auf­ga­ben des Frei­wil­li­gen, die Anga­be des min­des­tens sechs­mo­na­ti­gen Ver­pflich­tungs­zeit­raums und der wöchent­li­chen Stun­den­zahl von min­des­tens acht Stun­den, die Ver­pflich­tung des Trä­gers zur Sicher­stel­lung des Haft­pflicht- und Unfall­ver­si­che­rungs­schut­zes sowie zur kon­ti­nu­ier­li­chen Beglei­tung des Frei­wil­li­gen und zu des­sen Fort- und Wei­ter­bil­dung im Umfang von min­des­tens durch­schnitt­lich 60 Stun­den je Jahr ent­hal­ten.

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof bereits zur frü­he­ren Fas­sung des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG aus­ge­führt hat, ergibt sich aus Wort­laut, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Zweck der Vor­schrift, dass der Gesetz­ge­ber die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung bei Frei­wil­li­gen­diens­ten eines voll­jäh­ri­gen Kin­des auf die kon­kret umschrie­be­nen Diens­te beschrän­ken woll­te [1]. Daher wer­den Kin­der, die einen Frei­wil­li­gen­dienst leis­ten, steu­er­recht­lich nur berück­sich­tigt, wenn der Dienst die Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG in Ver­bin­dung mit der jewei­li­gen Ver­wei­sungs­norm erfüllt. Da bei die­sen Diens­ten in der Regel kei­ne Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten für den ange­streb­ten Beruf ver­mit­telt wer­den, son­dern die päd­ago­gi­sche Beglei­tung und die vor­ge­schrie­be­nen Semi­na­re über­wie­gend der Per­sön­lich­keits­bil­dung und Ori­en­tie­rung der Jugend­li­chen die­nen, ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zwin­gend gebo­ten, das Exis­tenz­mi­ni­mum eines Kin­des, das einen sol­chen Dienst leis­tet, bei den Eltern von der Ein­kom­men­steu­er frei­zu­stel­len. Der Gesetz­ge­ber för­dert die­se Diens­te unter ande­rem durch die (Wei­ter-) Gewäh­rung von Kin­der­geld, um einen Anreiz für die Leis­tung sol­cher Diens­te zu schaf­fen und die damit ver­bun­de­nen Nach­tei­le aus­zu­glei­chen. Es liegt im Rah­men sei­nes Gestal­tungs­spiel­raums, nur sol­che Diens­te durch die Gewäh­rung von Kin­der­geld zu för­dern, bei denen durch die päd­ago­gi­sche Beglei­tung die mit der För­de­rung ver­folg­ten Zie­le gewähr­leis­tet wer­den [2].

Nichts ande­res gilt für den in den Kata­log des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG ein­ge­füg­ten Frei­wil­li­gen­dienst aller Genera­tio­nen. Auch inso­weit spre­chen Wort­laut, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Zweck der Vor­schrift für eine Anknüp­fung an die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen der Ver­wei­sungs­norm.

§ 2 Abs. 1a SGB VII wur­de durch das Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Rah­men­be­din­gun­gen für die Absi­che­rung fle­xi­bler Arbeits­zeit­re­ge­lun­gen und zur Ände­rung ande­rer Geset­ze vom 21.12.2008 [3] ein­ge­fügt. Die Rege­lung beruht auf einer Beschluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Arbeit und Sozia­les vom 12.11.2008 [4]. Ziel war es, den Ver­si­che­rungs­schutz auf alle Per­so­nen zu erwei­tern, die an dem neu­en Frei­wil­li­gen­dienst aller Genera­tio­nen teil­neh­men und bis­her nicht vom Ver­si­che­rungs­schutz nach den all­ge­mei­nen Rege­lun­gen erfasst wer­den. In die­sem Zusam­men­hang wur­de auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass allen Frei­wil­li­gen­diens­ten gesetz­li­che Rah­men­be­din­gun­gen gemein­sam sei­en, die die gemein­wohl­ori­en­tier­ten Diens­te struk­tu­rie­ren. Das beson­de­re Enga­ge­ment für das Gemein­we­sen sol­le durch die Absi­che­rung in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung Aner­ken­nung und Schutz durch die Soli­dar­ge­mein­schaft erfah­ren [5].

Die Auf­nah­me des Frei­wil­li­gen­diens­tes aller Genera­tio­nen in den Kata­log des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG durch das Bür­ger­ent­las­tungs­ge­setz Kran­ken­ver­si­che­rung vom 16.07.2009 [6] erfolg­te mit der Begrün­dung, dass der Frei­wil­li­gen­dienst aller Genera­tio­nen gesetz­lich gere­gel­te Rah­men­be­din­gun­gen habe, die die gemein­wohl­ori­en­tier­ten Diens­te struk­tu­rier­ten und ins­be­son­de­re eine Fort- und Wei­ter­bil­dung sicher­stell­ten. Der Gesetz­ge­ber hielt daher eine Gleich­stel­lung mit den bis­her nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG zu berück­sich­ti­gen­den Frei­wil­li­gen­diens­ten für sach­ge­recht [7].

Hier­aus ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber nicht jede Art von Frei­wil­li­gen­dienst durch die Berück­sich­ti­gung der dienst­tu­en­den Kin­der beim Kin­der­geld­an­spruch der Eltern erfas­sen woll­te. Auch wenn in § 2 Abs. 1a SGB VII nur die Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­be­zie­hung der Frei­wil­li­gen in den Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gere­gelt sind, folgt hier­aus ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin nicht, dass die dort an den Frei­wil­li­gen­dienst gestell­ten Anfor­de­run­gen hin­sicht­lich des Anspruchs auf Kin­der­geld kei­ne Rol­le spie­len. Viel­mehr nimmt § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG durch die Ver­wei­sung auf § 2 Abs. 1a SGB VII des­sen Vor­aus­set­zun­gen in sei­nen Tat­be­stand mit auf und begüns­tigt des­halb nur sol­che Frei­wil­li­gen­diens­te durch Gewäh­rung eines Kin­der­geld­an­spruchs, wel­che die Vor­aus­set­zun­gen des § 2 Abs. 1a SGB VII erfül­len.

Die in § 2 Abs. 1a SGB VII ent­hal­te­ne Defi­ni­ti­on des Frei­wil­li­gen­diens­tes setzt Fol­gen­des vor­aus:

Per­sön­li­che Anfor­de­rung an den Frei­wil­li­gen ist, dass die­ser sei­ne Schul­pflicht erfüllt hat.

Hin­sicht­lich des Trä­gers wird zum einen in orga­ni­sa­to­ri­scher Hin­sicht ver­langt, dass die­ser eine inlän­di­sche juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts oder eine unter § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG fal­len­de Ein­rich­tung zur För­de­rung gemein­nüt­zi­ger, mild­tä­ti­ger oder kirch­li­cher Zwe­cke (§§ 52 bis 54 AO) ist. Zum ande­ren wird eine beson­de­re Eig­nung des Trä­gers vor­aus­ge­setzt, die dar­aus abge­lei­tet wird, dass die­ser die Haft­pflicht­ver­si­che­rung und eine kon­ti­nu­ier­li­che Beglei­tung der Frei­wil­li­gen und deren Fort- und Wei­ter­bil­dung im Umfang von min­des­tens durch­schnitt­lich 60 Stun­den je Jahr sicher­stellt.

Zum Umfang des Frei­wil­li­gen­diens­tes for­dert § 2 Abs. 1a SGB VII eine wöchent­li­che Min­dest­stun­den­zahl von acht Stun­den und eine Min­dest­dau­er von sechs Mona­ten. Fer­ner wird die Unent­gelt­lich­keit der Tätig­keit vor­aus­ge­setzt.

Schließ­lich hat der Gesetz­ge­ber zur Absi­che­rung sei­ner Anfor­de­run­gen an den Frei­wil­li­gen­dienst auch for­ma­le Bedin­gun­gen auf­ge­stellt, die einer­seits durch die gefor­der­te Schrift­form der Ver­ein­ba­rung und ande­rer­seits durch die Auf­zeich­nungs- und Auf­be­wah­rungs­pflich­ten zum Aus­druck kom­men.

Die­sen Grund­sät­zen ent­spricht es, wenn das Finanz­ge­richt eine die Schrift­form wah­ren­de Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Trä­ger und der T gefor­dert hat. Nichts ande­res ergibt sich auch dar­aus, dass das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend in sei­nem Pra­xis­hand­buch zum Frei­wil­li­gen­dienst aller Genera­tio­nen unter Punkt 4.5 aus­führt: „Gene­rell ist die Schrift­form kei­ne Vor­aus­set­zung für die Auf­nah­me des Diens­tes. Bei glei­chem Gel­tungs­an­spruch kön­nen Ver­ein­ba­run­gen auch münd­lich getrof­fen wer­den.“ Denn dar­aus lässt sich aus der Sicht des Bun­des­fi­nanz­hofs bereits nicht klar ablei­ten, dass eine –mit Gel­tungs­an­spruch zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en getrof­fe­ne– münd­li­che Ver­ein­ba­rung auch den Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung und sons­ti­ge gesetz­li­che Begüns­ti­gun­gen, z.B. im Kin­der­geld­recht, aus­löst. Selbst wenn man aber die Aus­füh­run­gen im Pra­xis­hand­buch gegen­tei­lig deu­ten wür­de, wider­sprä­che eine sol­che Aus­le­gung des Geset­zes dem kla­ren Wort­laut des § 2 Abs. 1a SGB VII.

Ist durch Gesetz schrift­li­che Form vor­ge­schrie­ben, so muss gemäß § 126 Abs. 1 BGB die Urkun­de von dem Aus­stel­ler eigen­hän­dig durch Namens­un­ter­schrift oder mit­tels nota­ri­ell beglau­big­ten Hand­zei­chens unter­zeich­net wer­den. Bei einem Ver­trag muss die Unter­zeich­nung der Par­tei­en auf der­sel­ben Urkun­de erfol­gen. Wer­den über den Ver­trag meh­re­re gleich­lau­ten­de Urkun­den auf­ge­nom­men, so genügt es, wenn jede Par­tei die für die ande­re Par­tei bestimm­te Urkun­de unter­zeich­net (§ 126 Abs. 2 BGB). Nach den nicht mit Ver­fah­rens­rü­gen ange­grif­fe­nen und des­halb den Bun­des­fi­nanz­hof nach § 118 Abs. 2 FGO bin­den­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt lag im Streit­fall inso­weit zwar eine schrift­li­che Beru­fung der T zur Mis­sio­na­rin durch den Trä­ger vor. Es fehl­te jedoch an einer ent­spre­chen­den schrift­li­chen Annah­me­er­klä­rung der T. Ob bereits durch einen schrift­li­chen Beru­fungs­an­trag der T und eine Gegen­zeich­nung durch Ver­tre­ter des Trä­gers eine schrift­li­che Ver­ein­ba­rung zustan­de gekom­men ist, wie die Klä­ge­rin in der Revi­si­ons­be­grün­dung meint, kann der Bun­des­fi­nanz­hof dahin­ge­stellt sein las­sen. Denn inso­weit han­delt es sich um neu­es tat­säch­li­ches Vor­brin­gen, das im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht mehr berück­sich­tigt wer­den kann.

Auch ist zu for­dern, dass die schrift­li­che Ver­ein­ba­rung Fest­le­gun­gen über die Art und den zeit­li­chen Umfang des vom Kind über­nom­me­nen Diens­tes ent­hal­ten muss. Nach Sinn und Zweck des § 2 Abs. 1a SGB VII und der hier­auf ver­wei­sen­den Vor­schrift des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG genügt nicht jeg­li­che schrift­li­che Ver­ein­ba­rung. Der Schutz­zweck des Schrift­form­erfor­der­nis­ses, einer­seits die Ver­trags­par­tei­en –und hier im Rah­men des § 2 Abs. 1a SGB VII ins­be­son­de­re den Frei­wil­li­gen– vor der unüber­leg­ten Über­nah­me von Ver­pflich­tun­gen zu schüt­zen und ande­rer­seits eine kla­re Sach- und Beweis­la­ge zu schaf­fen, gebie­tet es, dass die wesent­li­chen Anfor­de­run­gen des § 2 Abs. 1a SGB VII in der schrift­li­chen Ver­ein­ba­rung nie­der­ge­legt wer­den. Die­se muss jeden­falls die Bezeich­nung des Trä­gers und der Ein­satz­stel­le, die Auf­ga­ben des Frei­wil­li­gen, die Anga­be des Ver­pflich­tungs­zeit­raums und der wöchent­li­chen Stun­den­zahl, die Ver­pflich­tung des Trä­gers zur Sicher­stel­lung des Haft­pflicht- und Unfall­ver­si­che­rungs­schut­zes sowie zur kon­ti­nu­ier­li­chen Beglei­tung des Frei­wil­li­gen und zu des­sen Fort- und Wei­ter­bil­dung im Umfang von min­des­tens durch­schnitt­lich 60 Stun­den je Jahr ent­hal­ten. Dies dient auch dem Schutz des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten, der sich dadurch vor Dienst­an­tritt sei­nes Kin­des dar­über klar wer­den kann, ob der Dienst geeig­net ist, einen Kin­der­geld­an­spruch zu begrün­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Mai 2012 – III R 68/​11

  1. BFH, Urteil vom 18.03.2009 – III R 33/​07, BFHE 224, 508, BStBl II 2009, 1010[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 224, 508, BStBl II 2009, 1010[]
  3. BGBl I 2008, 2940, 2945[]
  4. BT-Drucks. 16/​10901, S. 6[]
  5. BT-Drucks. 16/​10901, S. 15 f. a.E.[]
  6. BGBl I 2009, 1959, BStBl I 2009, 782[]
  7. BT-Drucks. 16/​13429, S. 44 f. zu Nr. 8 Buchst. a[]