Kin­der­geld­an­spruch einer pol­ni­schen Ern­te­hel­fe­rin

Nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG hat u.a. Anspruch auf Kin­der­geld, wer ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird.

Kin­der­geld­an­spruch einer pol­ni­schen Ern­te­hel­fe­rin

Die sich aus § 62 Abs. 1 EStG erge­ben­de Anspruchs­be­rech­ti­gung ent­fällt nicht dadurch, dass eine Per­son gemäß Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 nicht deut­schen Rechts­vor­schrif­ten, son­dern nur den Vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staa­tes der Euro­päi­schen Uni­on unter­liegt. Für die Anwend­bar­keit der deut­schen Rechts­vor­schrif­ten bedarf es kei­nes zusätz­li­chen Anwen­dungs­be­fehls. Inso­weit ver­weist der Senat auf das Senats­ur­teil vom 16.05.2013 III R 8/​11 1 und auf die EuGH, Urtei­le in den Rechts­sa­chen Bos­mann 2 sowie Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak 3.

Da eine euro­pa­recht­lich begrün­de­te Sperr­wir­kung des Art. 13 Abs. 1 Satz 1 der VO Nr. 1408/​71 nicht besteht, rich­tet sich die Anspruchs­be­rech­ti­gung auch bei Per­so­nen und bei Leis­tun­gen, die dem per­sön­li­chen und sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 unter­lie­gen, allein nach den Bestim­mun­gen des deut­schen Rechts 4.

Eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG besteht, wie der Bun­des­fi­nanz­hof bereits ent­schie­den hat, nur für die Mona­te, in denen der Steu­er­pflich­ti­ge –sei­ne Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG vor­aus­ge­setzt– inlän­di­sche Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt hat 5.

Soweit sich danach das Vor­lie­gen der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ergibt, ist wei­ter zu prü­fen, wie eine Kon­kur­renz zu etwai­gen von der Ern­te­hel­fe­rin in Polen bezo­ge­nen Fami­li­en­leis­tun­gen auf­zu­lö­sen ist.

Ist der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 eröff­net 6, muss geprüft wer­den, ob Deutsch­land nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 der zustän­di­ge oder der unzu­stän­di­ge Mit­glied­staat ist 7.

Der Senat weist des Wei­te­ren dar­auf hin, dass die pol­ni­sche Ern­te­hel­fe­rin nicht schon allein des­halb nach Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten unter­lä­ge, weil sie in Deutsch­land eine abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung aus­ge­übt hat. Bei der Anwen­dung der Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 ist näm­lich nur an die­je­ni­ge8 Tätig­keit9 anzu­knüp­fen, hin­sicht­lich derer der Ver­si­cher­ten­sta­tus begrün­det wur­de, aus dem sich die Eigen­schaft als "Arbeit­neh­mer" bzw. "Selb­stän­di­ger" i.S. des Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 ablei­tet 10.

Bei der Fra­ge, ob Deutsch­land nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 der zustän­di­ge oder der unzu­stän­di­ge Mit­glied­staat ist, ist auch zu über­prü­fen, ob die Ern­te­hel­fe­rin in Polen abhän­gig beschäf­tigt oder selb­stän­dig tätig war. 11

Soweit im Rah­men der Prü­fung des nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 zustän­di­gen Beschäf­ti­gungs­mit­glied­staa­tes eine Sub­sum­ti­on unter Art. 14 Nr. 2 Buchst. b der VO Nr. 1408/​71 erfor­der­lich wird, ist fest­zu­stel­len, ob die Ern­te­hel­fe­rin gewöhn­lich im Gebiet von zwei oder mehr Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on abhän­gig beschäf­tigt war 12.

Ist Deutsch­land der zustän­di­ge Mit­glied­staat, kom­men hin­sicht­lich kon­kur­rie­ren­der Ansprü­che der Ern­te­hel­fe­rin in Polen grund­sätz­lich die Anti­ku­mu­lie­rungs­vor­schrif­ten des Art. 10 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 574/​72 13, zur Anwen­dung.

Ist Deutsch­land –bei eröff­ne­tem per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71– nach den Bestim­mun­gen der Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 der nicht zustän­di­ge Mit­glied­staat, dann ist die Kon­kur­renz zu Ansprü­chen, die im zustän­di­gen Mit­glied­staat bestehen, nach natio­na­lem Recht zu lösen, weil vor­lie­gend Deutsch­land auch nicht der Wohn­mit­glied­staat der Kin­der ist.

Die natio­na­len Vor­schrif­ten sehen in § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG zwar vor, dass Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt wird, für das Leis­tun­gen für Kin­der, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder einer der unter § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind, zu zah­len ist oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wäre. Die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift hat jedoch unter Beach­tung der Anfor­de­run­gen des Pri­mär­rechts der Uni­on auf dem Gebiet der Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer zu erfol­gen 14. Danach darf in einem Fall, in dem in einem ande­ren Mit­glied­staat dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt wer­den, der Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nur in ent­spre­chen­der Höhe gekürzt, jedoch nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn ande­ren­falls das Frei­zü­gig­keits­recht des Wan­der­ar­beit­neh­mers beein­träch­tigt wäre.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. August 2013 – III R 17/​11

  1. BFH/​NV 2013, 1698[]
  2. Urteil in Slg. 2008, I‑3827[]
  3. Urteil vom 12.06.2012 C‑611/​10, C‑612/​10, Zeit­schrift für euro­päi­sches Sozi­al- und Arbeits­recht –ZESAR– 2012, 475[]
  4. Senats­ur­teil in BFH/​NV 2013, 1698[]
  5. BFH, Urteil vom 18.07.2013 III R 59/​11[]
  6. s. zu die­ser Fra­ge im Ein­zel­nen Senats­ur­teil vom 04.08.2011 III R 55/​08, BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619, unter II.2.c aa[]
  7. s. zu die­ser Fra­ge im Ein­zel­nen Senats­ur­tei­le in BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619, unter II.3.; vom 15.03.2012 III R 52/​08, BFHE 237, 412, BSt­Bl II 2013, 623, unter II.3., und vom 05.07.2012 III R 76/​10, BFHE 238, 87, unter II.3.[]
  8. n[]
  9. en[]
  10. s. dazu aus­führ­lich Senats­ur­tei­le in BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619, unter II.3.a, und in BFHE 238, 87, unter II.3.a und b[]
  11. Inso­weit ergab sich im vor­lie­gen­den Fall aus der Beschei­ni­gung E 411 ledig­lich, dass die Ern­te­hel­fe­rin vom 01.01.2006 bis 31.12.2006 in Polen eine beruf­li­che Tätig­keit aus­ge­übt hat.[]
  12. vgl. Art. 14 Nr. 2 Ein­lei­tungs­satz der VO Nr. 1408/​71[]
  13. Ver­ord­nung (EWG) Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern[]
  14. EuGH, Urteil in ZESAR 2012, 475[]