Kin­der­geld­an­spruch eines tür­ki­schen Staats­bür­gers

Ab einem Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet von sechs Mona­ten besteht nach dem Vor­läu­fi­gen Euro­päi­schen Abkom­men über sozia­le Sicher­heit vom 11. Dezem­ber 1953 (VEA) für tür­ki­sche Staats­bür­ger ein Anspruch auf Kin­der­geld unter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen wie für einen deut­schen Staats­bür­ger.

Kin­der­geld­an­spruch eines tür­ki­schen Staats­bür­gers

Das am 11. Dezem­ber 1953 u.a. von der Bun­des­re­pu­blik und der Tür­kei unter­zeich­ne­te VEA basiert auf der Sat­zung des Euro­pa­ra­tes vom 5. Mai 1949 und hat mit Gesetz vom 7. Mai 1956 1 inner­staat­li­che Gel­tung erlangt. Ent­ge­gen sei­ner ursprüng­li­chen Inten­ti­on als "vor­läu­fi­ges" Abkom­men ist es nach wie vor gül­tig. Das VEA ist in eng­li­scher und fran­zö­si­scher Spra­che abge­fasst, wobei bei­de Fas­sun­gen glei­cher­ma­ßen als authen­tisch fest­ge­legt wur­den (Art. 16 VEA). Art. 1 VEA gibt ein Grund­mus­ter vor, wel­che Leis­tungs­sys­te­me von dem Abkom­men grund­sätz­lich erfasst wer­den; ori­en­tiert an die­sem Grund­mus­ter bestim­men die ver­trag­schlie­ßen­den Staa­ten sodann im Anhang I (Art. 7 Abs. 1 und 2 VEA) jeweils für sich, auf wel­che natio­na­len Sys­te­me sozia­ler Sicher­heit das VEA ange­wen­det wer­den soll 2.

Das VEA ist auf alle Geset­ze und Rege­lun­gen über sozia­le Sicher­heit anzu­wen­den, die in jedem Teil des Gebie­tes der Ver­trag­schlie­ßen­den am Tage der Unter­zeich­nung Gel­tung haben oder in der Fol­ge in Kraft tre­ten und sich auf Fami­li­en­bei­hil­fen bezie­hen (Art. 1 Abs. 1 Buchst. d VEA). Durch das Schrei­ben des Stän­di­gen Ver­tre­ters der Bun­des­re­pu­blik vom 19. August 1956 wur­de der Anhang I zum VEA in Bezug auf die Bun­des­re­pu­blik um "(d) Fami­ly allo­wan­ces" erwei­tert. Ent­spre­chend berück­sich­ti­gen die Bekannt­ma­chung über das Inkraft­tre­ten sowie über den Gel­tungs­be­reich des VEA vom 8. Janu­ar 1958 3 sowie die Neu­fas­sun­gen der Anhän­ge I, II und III vom 8. März 1972 4 und vom 25. Janu­ar 1985 5 im Anhang I für die Bun­des­re­pu­blik unter Buchst. d "Fami­ly allo­wan­ces" bzw. "Les allo­ca­ti­ons fami­lia­les" und in der deut­schen Über­set­zung "Kin­der­geld".

Gemäß Art. 2 Abs. 1 Buchst. d VEA haben die Staats­an­ge­hö­ri­gen eines der Ver­trag­schlie­ßen­den Anspruch auf die Leis­tun­gen nach den Geset­zen und Rege­lun­gen jedes ande­ren Ver­trag­schlie­ßen­den unter den­sel­ben Bedin­gun­gen wie die Staats­an­ge­hö­ri­gen des letz­te­ren, sofern sie bezüg­lich der nicht auf Bei­trä­gen beru­hen­den Leis­tun­gen, unter Aus­schluss der Leis­tun­gen bei Arbeits­un­fäl­len oder Berufs­krank­hei­ten, seit wenigs­tens sechs Mona­ten im Gebiet des letz­te­ren Ver­trag­schlie­ßen­den "woh­nen".

Tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die seit wenigs­tens sechs Mona­ten in der Bun­des­re­pu­blik woh­nen, haben daher wie deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge einen Anspruch auf Kin­der­geld unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 1 EStG. Obwohl sie nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­der sind, gel­ten für sie auf­grund des VEA die Ein­schrän­kun­gen des § 62 Abs. 2 EStG nicht.

Der Begriff "Woh­nen" ist im VEA nicht defi­niert. Für die Begriffs­aus­le­gung sind im Rah­men der inner­staat­li­chen Rechts­an­wen­dung die Grund­sät­ze des Teil III Abschnitt 3 des Wie­ner Über­ein­kom­mens über das Recht der Ver­trä­ge (WÜRV) vom 23. Mai 1969 6 her­an­zu­zie­hen. Das WÜRV ist für die Bun­des­re­pu­blik seit dem 20. August 1987 in Kraft 7. Sei­ne Aus­le­gungs­grund­sät­ze sind zugleich Aus­druck all­ge­mei­ner Regeln des Völ­ker­rechts, die als sol­che auch auf Ver­trä­ge ange­wen­det wer­den kön­nen, die wie das VEA bereits vor dem Inkraft­tre­ten des WÜRV abge­schlos­sen wur­den 8.

Wur­de ein Ver­trag in zwei oder mehr Spra­chen als authen­tisch fest­ge­legt, ist nach Art. 33 Abs. 1 WÜRV der Text in jeder Spra­che in glei­cher Wei­se maß­ge­bend, sofern nicht der Ver­trag vor­sieht oder die Ver­trags­par­tei­en ver­ein­ba­ren, dass bei Abwei­chun­gen ein bestimm­ter Text vor­ge­hen soll. Eine Ver­trags­fas­sung in einer ande­ren Spra­che als einer der Spra­chen, deren Text als authen­tisch fest­ge­legt wur­de, gilt nach Art. 33 Abs. 2 WÜRV nur dann als authen­ti­scher Wort­laut, wenn der Ver­trag dies vor­sieht oder die Ver­trags­par­tei­en dies ver­ein­ba­ren. Danach gilt die deut­sche Über­set­zung des VEA nicht als authen­ti­scher Wort­laut. Die Aus­le­gung hat sich viel­mehr an dem eng­li­schen und dem fran­zö­si­schen Ver­trags­text zu ori­en­tie­ren.

Nach Art. 31 Abs. 1 WÜRV ist ein Ver­trag "nach Treu und Glau­ben in Über­ein­stim­mung mit der gewöhn­li­chen, sei­nen Bestim­mun­gen in ihrem Zusam­men­hang zukom­men­den Bedeu­tung und im Lich­te sei­nes Zie­les und Zwe­ckes aus­zu­le­gen". Die Prä­am­bel des VEA betont den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung der Ange­hö­ri­gen aller Ver­trag­schlie­ßen­den bei Anwen­dung der in jedem die­ser Staa­ten gel­ten­den Geset­ze und Rege­lun­gen über sozia­le Sicher­heit. Ziel des VEA ist danach –soweit die jewei­li­ge Rege­lung reicht– die Gleich­stel­lung Ange­hö­ri­ger ande­rer Ver­trag­schlie­ßen­der mit Inlän­dern.

Gemäß der Sys­te­ma­tik des VEA wer­den alle Ver­trag­schlie­ßen­den durch Art. 2 VEA dem Grun­de nach glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet. Ver­pflich­tun­gen im Beson­de­ren kann sich ein Ver­trag­schlie­ßen­der ent­we­der durch Nicht­auf­nah­me des betref­fen­den Sys­tems der sozia­len Sicher­heit in Anhang I (Art. 7 Abs. 1 VEA) oder durch einen in Anhang III auf­zu­neh­men­den Vor­be­halt (Art. 9 VEA) ent­zie­hen. Das bun­des­deut­sche Kin­der­geld ist im Anhang I zum VEA ange­führt, einen Vor­be­halt i.S. des Art. 9 VEA hat die Bun­des­re­pu­blik nicht for­mu­liert. Danach ver­bie­tet es sich, den Anwen­dungs­be­reich des für alle Ver­trag­schlie­ßen­den glei­cher­ma­ßen gel­ten­den Art. 2 VEA in Bezug auf die Bun­des­re­pu­blik durch eine nicht authen­ti­sche Über­set­zung des eng­li­schen und fran­zö­si­schen Ver­trags­tex­tes ein­zu­schrän­ken.

Nach der eng­li­schen Fas­sung hän­gen die unter­schied­li­chen zu gewäh­ren­den Leis­tun­gen gemäß Art. 2 Abs. 1 Buchst. a bis d VEA davon ab, ob jemand im Inland "resi­des" (Buchst. a), "is ordi­na­ri­ly resi­dent" bzw. "had beco­me ordi­na­ri­ly resi­dent" (Buchst. b und c) oder "has been resi­dent for six mon­ths" (Buchst. d). Die fran­zö­si­sche Fas­sung unter­schei­det danach, ob die Per­so­nen "rési­dent" (Buchst. a), "aient leur résin­dence nor­ma­le" (Buchst. b und c) oder "rési­dent depuis six mois" (Buchst. d). Es wird offen­sicht­lich ange­knüpft an den Auf­ent­halt oder den –in den ein­zel­nen Rechts­ord­nun­gen unter­schied­lich defi­nier­ten– gewöhn­li­chen Auf­ent­halt, oder an einen Auf­ent­halt von min­des­tens sechs Mona­ten Dau­er. Dem­entspre­chend sind nach der deut­schen Fas­sung die Leis­tun­gen geknüpft an den Auf­ent­halt (Buchst. a) und den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt (Buchst. b und c). Abwei­chend von der eng­li­schen und fran­zö­si­schen Fas­sung wird in der deut­schen Fas­sung in Buchst. d aber nicht der­sel­be Begriff wie in Buchst. a bis c ver­wen­det ("sich auf­hal­ten" oder "Auf­ent­halt"), son­dern der Begriff "Woh­nen". Nach dem Wort­sinn umfasst der Begriff "Woh­nen" auch den Auf­ent­halt in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft. Eine ‑wegen der von Buchst. a bis c abwei­chen­den Wort­wahl- ein­schrän­ken­de Aus­le­gung in dem Sin­ne, dass zu Leis­tun­gen nach Buchst. d nur der Auf­ent­halt in einer eige­nen Woh­nung berech­tigt, wür­de dem authen­ti­schen eng­li­schen und fran­zö­si­schen Text wider­spre­chen. Auch nach der Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach dem X. Abschnitt des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes 2009 9 62.4.3 Abs. 3 Satz 6 folgt aus dem VEA nach einem sechs­mo­na­ti­gen Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet ein Anspruch auf Kin­der­geld für tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge 10.

Da der Klä­ger nach Art. 2 Abs. 1 Buchst. d VEA einem Inlän­der gleich­zu­stel­len ist, waren die Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG zu prü­fen. Der Klä­ger hat­te bis zuletzt –wie die übri­gen Fami­li­en­mit­glie­der– im Inland sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Sin­ne des § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG. Nach § 9 Satz 2 AO ist als gewöhn­li­cher Auf­ent­halt im Gel­tungs­be­reich der AO stets und von Beginn an ein zeit­lich zusam­men­hän­gen­der Auf­ent­halt von mehr als sechs Mona­ten Dau­er anzu­se­hen. Auf­grund der unwi­der­leg­ba­ren gesetz­li­chen Ver­mu­tung des § 9 Satz 2 AO 11 kommt es nicht dar­auf an, ob in einem Über­gangs­wohn­heim ein gewöhn­li­cher Auf­ent­halt im Sin­ne des § 30 Abs. 3 SGB I begrün­det wer­den kann 12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Juni 2010 – III R 42/​09

  1. BGBl II 1956, 507[]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 23.09.2004 – B 10 EG 3/​04 R, BSGE 93, 194[]
  3. BGBl II 1958, 18[]
  4. BGBl II 1972, 175[]
  5. BGBl II 1985, 311[]
  6. BGBl II 1985, 926[]
  7. BGBl II 1987, 757[]
  8. vgl. BSG-Urteil in BSGE 93, 194[]
  9. DA-FamEStG 2009, BSt­Bl I 2009, 1030[]
  10. so bereits Bun­des­agen­tur für Arbeit, Ver­fü­gung vom 13.06.2007 zur Ände­rung der DA-FamEStG 2004, BSt­Bl I 2007, 489, 492; zustim­mend Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach D, II. Kom­men­tie­rung VEA Rz 5; a.A. noch die Geschäfts­an­wei­sung der Bun­des­agen­tur für Arbeit vom 03.12.2002, BA-Rund­brief 76/​2002, Anla­ge 2, Tz. 2.5 Abs. 4, abge­druckt bei Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach D, III. Rund­schrei­ben, 3.[]
  11. vgl. BFH, Urteil vom 11.09.1987 – III R 148/​86, BFHE 151, 46, BSt­Bl II 1988, 14[]
  12. beja­hend BVerwG, Urteil vom 18.03.1999 – 5 C 11/​98, Buch­holz, Sam­mel- und Nach­schla­ge­werk der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, 436.0, § 107 BSHG Nr. 1; ableh­nend für die Dau­er des Asyl­ver­fah­rens noch BSG, Urteil vom 31.01.1980 – 8b RKg 4/​79, BSGE 49, 254[]

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