Kin­der­geld­an­spruch für ein voll­jäh­ri­ges, beein­träch­tig­tes Kind

Gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG in der im Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sung besteht für ein voll­jäh­ri­ges Kind ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, und die Behin­de­rung vor Voll­endung des 25. Lebens­jah­res ein­ge­tre­ten ist.

Kin­der­geld­an­spruch für ein voll­jäh­ri­ges, beein­träch­tig­tes Kind

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 1, ist ein Mensch behin­dert, wenn sei­ne kör­per­li­che Funk­ti­on, geis­ti­ge Fähig­keit oder see­li­sche Gesund­heit mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht und daher sei­ne Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist (§ 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX). Der Nach­weis der Behin­de­rung kann dabei nicht nur durch Vor­la­ge eines ent­spre­chen­den Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses oder Fest­stel­lungs­be­scheids gemäß § 69 SGB – IX sowie eines Ren­ten­be­scheids erfol­gen, son­dern auch in ande­rer Form wie bei­spiels­wei­se durch Vor­la­ge einer Beschei­ni­gung bzw. eines Zeug­nis­ses des behan­deln­den Arz­tes oder auch eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens erbracht wer­den 2. Wird der Nach­weis der behin­de­rungs­be­ding­ten Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt nicht geführt, geht dies nach den Regeln der objek­ti­ven Beweis­last (Fest­stel­lungs­last) zu Las­ten des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten, der sich zu sei­nen Guns­ten auf die behin­de­rungs­be­ding­te Unfä­hig­keit sei­nes Kin­des zum Selbst­un­ter­halt beruft 3.

Ein Kin­der­geld­an­spruch kann in Fäl­len des feh­len­den Nach­wei­ses auch nicht dar­aus abge­lei­tet wer­den, dass sich das Kind in die­sem Monat noch in Berufs­aus­bil­dung befand, wenn es bereits über 25 Jah­re alt ist.

Nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG wird ein voll­jäh­ri­ges Kind, das für einen Beruf aus­ge­bil­det wird, nur dann kin­der­geld­recht­lich berück­sich­tigt, wenn es noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat.

Da S im Mai 1983 gebo­ren wur­de, unter­fällt er nicht der Über­gangs­re­ge­lung des § 52 Abs. 40 Satz 4 EStG in der im Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sung. Viel­mehr gilt bereits die durch das Steu­er­än­de­rungs­ge­setz 2007 vom 19.07.2006 4 erfolg­te voll­stän­di­ge Absen­kung der Alters­gren­ze auf das voll­ende­te 25. Lebens­jahr.

Der III. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs –dem sich der XI. Senat hier inso­weit anschließt– hat bereits ent­schie­den, dass gegen die Absen­kung der Alters­gren­ze weder im Hin­blick auf das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot der steu­er­li­chen Ver­scho­nung des Fami­li­en­exis­tenz­mi­ni­mums (Art. 6 GG), noch mit Blick auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) oder das aus dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) fol­gen­de Rück­wir­kungs­ver­bot ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken bestehen 5. Die gegen das BFH-Urteil in BFHE 230, 523, BSt­Bl II 2011, 176 gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men 6.

Die Alters­gren­ze wird im Streit­fall auch nicht nach den in § 32 Abs. 5 Satz 1 Nrn. 1 bis 3 EStG gere­gel­ten Tat­be­stän­den über die Voll­endung des 25. Lebens­jah­res hin­aus­ge­scho­ben.

Nach den nicht mit zuläs­si­gen und begrün­de­ten Revi­si­ons­rügen ange­grif­fe­nen, den BFH nach § 118 Abs. 2 FGO bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt hat S weder den gesetz­li­chen Grund­wehr­dienst oder Zivil­dienst geleis­tet, noch sich an Stel­le des gesetz­li­chen Grund­wehr­diens­tes frei­wil­lig für die Dau­er von nicht mehr als drei Jah­ren zum Wehr­dienst ver­pflich­tet, noch eine vom gesetz­li­chen Grund­wehr­dienst oder Zivil­dienst befrei­en­de Tätig­keit als Ent­wick­lungs­hel­fer i.S. des § 1 Abs. 1 des Ent­wick­lungs­hel­fer-Geset­zes aus­ge­übt.

Schließ­lich folgt aus der vor­ge­tra­ge­nen unge­rech­ten Behand­lung des Kin­des in der Schu­le kein kin­der­geld­recht­li­cher Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 EStG. Der Gesetz­ge­ber hat sich bewusst ent­schie­den, voll­jäh­ri­ge Kin­der nur in den in § 32 Abs. 4 Satz 1 EStG abschlie­ßend auf­ge­zähl­ten Fall­kon­stel­la­tio­nen im Rah­men des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs zu berück­sich­ti­gen. Ins­be­son­de­re zeigt § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG, dass län­ger­fris­ti­ge kör­per­li­che, geis­ti­ge oder see­li­sche Beein­träch­ti­gun­gen nur unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen einer behin­de­rungs­be­ding­ten Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt und einer vor Voll­endung des 25. Lebens­jah­res ein­ge­tre­te­nen Behin­de­rung zur Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit des Kin­des füh­ren sol­len.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Mai 2013 – XI R 44/​11

  1. z.B. BFH, Urteil vom 09.02.2012 – III R 5/​08, BFHE 236, 396, BSt­Bl II 2012, 891[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 09.02.2012 – III R 47/​08, BFH/​NV 2012, 939[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 09.06.2011 – III R 61/​08, BFHE 234, 143, BSt­Bl II 2012, 141[]
  4. BGBl I 2006, 1652, BSt­Bl I 2006, 432[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 17.06.2010 – III R 35/​09, BFHE 230, 523, BSt­Bl II 2011, 176; vgl. fer­ner auch BFH, Urteil vom 11.04.2013 – III R 83/​09[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.10.2012 – 2 BvR 2875/​10[]