Kin­der­geld­be­rech­ti­gung eines aus­län­di­schen Sai­son­ar­bei­ters

Für die Fra­ge, ob der per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​711 eröff­net ist, kommt es nicht dar­auf an, ob der Arbeit­neh­mer bzw. Selb­stän­di­ge auch die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, die in ihrem Anhang I Teil I Buchst. D auf­ge­führt sind2. Viel­mehr wird der per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 im Rah­men der all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des Titels I in Art. 2 der VO Nr. 1408/​71 fest­ge­legt3.

Kin­der­geld­be­rech­ti­gung eines aus­län­di­schen Sai­son­ar­bei­ters

Nach ihrem Art. 2 Abs. 1 gilt die Ver­ord­nung ins­be­son­de­re für Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge, für wel­che die Rechts­vor­schrif­ten eines oder meh­re­rer Mit­glied­staa­ten gel­ten, soweit sie Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats sind, sowie für deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge und Hin­ter­blie­be­ne. Dage­gen gel­ten die in Anhang – I Teil – I Buchst. D ent­hal­te­nen Ein­schrän­kun­gen nur für die Vor­schrif­ten des Titels – III Kapi­tel 7 der VO Nr. 1408/​71, d.h. bei Anwen­dung ihrer Art. 72 ff.4.

Aus­gangs­punkt der Prü­fung ist die Fra­ge, ob der Sai­son­ar­bei­ter die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen der §§ 62 ff. EStG erfüllt hat.

Für Kin­der i.S. des § 63 EStG hat nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG Anspruch auf Kin­der­geld, wer ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird. Hier­zu hat der Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­den, dass das Gesetz die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG –anders als die nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG– von der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Behand­lung des Antrag­stel­lers durch das Finanz­amt abhän­gig macht. Eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG setzt daher vor­aus, dass der Anspruch­stel­ler auf­grund eines ent­spre­chen­den Antrags vom zustän­di­gen Finanz­amt nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird5. Die Tat­sa­che allein, dass bei­spiels­wei­se bei einem aus­län­di­schen Sai­son­ar­beit­neh­mer im Ein­kom­men­steu­er­be­scheid von einer unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht aus­ge­gan­gen wur­de, besagt nicht not­wen­di­ger­wei­se, dass es sich um eine Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG gehan­delt hat. Viel­mehr kann einem sol­chen Bescheid z.B. auch eine –für die Fami­li­en­kas­se und das Finanz­ge­richt nicht bin­den­de– unzu­tref­fen­de Beja­hung der Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 1 EStG zugrun­de lie­gen. Soweit sich daher eine Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG nicht unmit­tel­bar aus dem Wort­laut des Steu­er­be­scheids selbst ergibt, ist zu prü­fen, ob der Anspruch­stel­ler sein Antrags­wahl­recht gegen­über dem Finanz­amt ent­spre­chend aus­ge­übt hat (ins­be­son­de­re durch ent­spre­chen­de Erklä­rung im Antrags­for­mu­lar). Da § 124 Abs. 1 Satz 2 AO die Aus­le­gung des Ver­wal­tungs­akts nach dem "objek­ti­ven Ver­ständ­nis- bzw. Emp­fän­ger­ho­ri­zont” für maß­ge­bend erklärt, ist ein ent­spre­chen­der Ein­kom­men­steu­er­be­scheid so aus­zu­le­gen, wie der Emp­fän­ger ihn ver­ste­hen konn­te und muss­te6. Für die mit der Wirk­sam­keit des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids ver­bun­de­nen Rechts­fol­gen kommt es damit nicht auf das von der Behör­de Gewoll­te an, son­dern dar­auf, wie der Emp­fän­ger nach den ihm im Lau­fe des Ver­an­la­gungs­ver­fah­rens bekannt gewor­de­nen Umstän­den den mate­ri­el­len Gehalt (objek­ti­ven Inhalt) der Erklä­rung unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben mit Rück­sicht auf die Ver­kehrs­sit­te ver­ste­hen konn­te. Das Erklär­te gilt damit auch dann, wenn der Steu­er­be­scheid nach dem Wil­len der Finanz­be­hör­de einen ande­ren Inhalt haben soll­te7. Es ist daher –ggf. unter Rück­griff auf die Ver­an­la­gungs­ak­ten– zu klä­ren, wie der Anspruch­stel­ler den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid ver­ste­hen konn­te.

Wur­de dem Anspruch­stel­ler im Lau­fe des jewei­li­gen Ver­an­la­gungs­zeit­raums eine Beschei­ni­gung nach § 39c Abs. 4 EStG in der bis zum Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2011 gel­ten­den Fas­sung erteilt, ist gleich­wohl zu prü­fen, ob in der in die­sem Fall von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Ver­an­la­gung (§ 46 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. b EStG in der bis zum Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2011 gel­ten­den Fas­sung) die Behand­lung des Anspruch­stel­lers als nach § 1 Abs. 3 EStG unbe­schränkt Steu­er­pflich­ti­ger vom Finanz­amt bei­be­hal­ten wur­de.

Wur­de dem Antrag des Anspruch­stel­lers auf Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG ent­spro­chen, lässt sich dar­aus –ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Klä­gers– nicht ablei­ten, dass des­halb in jedem Fall eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG für das gesam­te Kalen­der­jahr gege­ben ist. Inso­weit ist viel­mehr zu beach­ten, dass nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 24. Okto­ber 20128 eine sol­che Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nur in den Mona­ten des betref­fen­den Kalen­der­jah­res besteht, in denen der Anspruch­stel­ler Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt hat.

Danach ist zunächst fest­zu­stel­len, ob der Sai­son­ar­bei­ter sein Wahl­recht –trotz Feh­lens eines Wohn­sit­zes oder eines gewöhn­li­chen Auf­ent­halts im Inland als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig behan­delt zu wer­den– aus­ge­übt hat, ob ihn das Finanz­amt ent­spre­chend nach § 1 Abs. 3 EStG behan­delt hat und in wel­chen Mona­ten er nach § 49 Abs. 1 Nr. 4 i.V.m. § 11 EStG inlän­di­sche Ein­künf­te erzielt hat.

Soweit sich danach das Vor­lie­gen der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ergibt, wäre wei­ter zu prü­fen, wie eine Kon­kur­renz zu etwai­gen von der Kinds­mut­ter in Polen bezo­ge­nen Fami­li­en­leis­tun­gen auf­zu­lö­sen ist. Hin­sicht­lich der inso­weit durch­zu­füh­ren­den Prü­fungs­schrit­te ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof auf sei­ne Aus­füh­run­gen in sei­nem Urteil vom 16. Mai 20139.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil­vom 16. Mai 2013 – III R 63/​10

  1. in ihrer durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 118/​97 des Rates vom 02.12.1996, ABl.EG 1997 Nr. L 28, S. 1, geän­der­ten und aktua­li­sier­ten Fas­sung []
  2. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 55/​08, BFHE 234, 316 []
  3. vgl. hier­zu im Ein­zel­nen: BFH, Urtei­le in BFHE 234, 316; und vom 05.07.2012 – III R 76/​10, BFHE 238, 87 []
  4. BFH, Urteil in BFHE 234, 316 []
  5. BFH, Urteil vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897 []
  6. Mül­ler-Fran­ken in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler –HHSp – , § 124 AO Rz 183 []
  7. Mül­ler-Fran­ken in HHSp, § 124 AO Rz 183 f. []
  8. BFH, Urteil vom 24.10.2012 – V R 43/​11, BFHE 239, 327 []
  9. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, DStR 2013, 1879 []