Kin­der­geld­fest­set­zung – und ihre Auf­he­bung in Dop­pel­zah­lungs­fäl­len

Hat ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter Kin­der­geld von einer Fami­li­en­kas­se der Bun­des­agen­tur für Arbeit bezo­gen und nimmt auf­grund sei­nes Arbeits­ver­hält­nis­ses im öffent­li­chen Dienst die Fami­li­en­kas­se des Dienst­herrn die Zah­lung von Kin­der­geld auf, kann die nun sach­lich unzu­stän­di­ge Fami­li­en­kas­se die Kin­der­geld­fest­set­zung nach § 70 Abs. 2 EStG auf­he­ben.

Kin­der­geld­fest­set­zung – und ihre Auf­he­bung in Dop­pel­zah­lungs­fäl­len

Die fünf­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­frist auf­grund leicht­fer­ti­ger Steu­er­ver­kür­zung endet nicht, bevor die Ver­fol­gung der Steuer­ord­nungs­wid­rig­keit ver­jährt; die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung beginnt jedoch erst mit der letzt­mals zu Unrecht erlang­ten Kin­der­geld­zah­lung 1.

Der Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich nach Maß­ga­be der §§ 31, 62 bis 78 EStG obliegt gemäß § 16 AO i.V.m. § 5 Abs. 1 Nr. 11 FVG dem Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern (vor­mals Bun­des­amt für Finan­zen) und wird durch die Dienst­stel­len der Bun­des­agen­tur für Arbeit (Bun­des­agen­tur, vor­mals Bun­des­an­stalt für Arbeit) als Fami­li­en­kas­sen durch­ge­führt. Die­se Dienst­stel­len sind indes­sen sach­lich nicht zustän­dig, wenn gemäß § 72 EStG eine Kör­per­schaft, Anstalt oder Stif­tung des öffent­li­chen Rechts oder die Deut­sche Post AG, Deut­sche Post­bank AG oder Deut­sche Tele­kom AG als Fami­li­en­kas­se das Kin­der­geld an Ange­hö­ri­ge des öffent­li­chen Diens­tes fest­zu­set­zen und zu zah­len haben 2. Davon geht auch die Dienst­an­wei­sung zum Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (DA-KG) 2014 aus 3. Durch den Ein­tritt oder das Aus­schei­den des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten aus dem öffent­li­chen Dienst ändert sich mit­hin die sach­li­che Zustän­dig­keit für die Kin­der­geld­fest­set­zung.

Wenn die sach­lich zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se danach durch Ein­tritt des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten in den öffent­li­chen Dienst wech­selt, kann die bis­he­ri­ge Kin­der­geld­fest­set­zung auf­ge­ho­ben und das Kin­der­geld von der zustän­dig gewor­de­nen Fami­li­en­kas­se neu fest­ge­setzt wer­den. Statt­des­sen kann sich die zustän­dig gewor­de­ne Behör­de aber auch die bis­he­ri­ge Fest­set­zung zu Eigen machen und die Kin­der­geld­zah­lung auf Grund­la­ge des Bescheids der zuvor zustän­di­gen Fami­li­en­kas­se fort­füh­ren 4.

Der Wech­sel der sach­li­chen Zustän­dig­keit der für die Kin­der­geld­ge­wäh­rung zustän­di­gen Behör­de, d.h. der Über­gang der Ver­pflich­tung von einem auf einen ande­ren Rechts­trä­ger, ist eine i.S. des § 70 Abs. 2 EStG für den Anspruch auf Kin­der­geld erheb­li­che Ände­rung. Die Fami­li­en­kas­se konn­te des­halb die Kin­der­geld­fest­set­zung mit Wir­kung ab Novem­ber 1999 auf­he­ben.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass beim Wech­sel der sach­li­chen Zustän­dig­keit nicht zwin­gend ein neu­er Bescheid erge­hen muss, son­dern ‑was im Streit­fall aller­dings nicht gesche­hen ist- die zustän­dig gewor­de­ne Fami­li­en­kas­se aus Ver­ein­fa­chungs­grün­den auf­grund des bis­he­ri­gen Bescheids leis­ten kann, wenn sie den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten schrift­lich dar­auf hin­weist, dass sie als nun­mehr zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se das Kin­der­geld in der bis­her fest­ge­setz­ten Höhe unver­än­dert aus­zahlt und die ursprüng­lich zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se sach­lich unzu­stän­dig gewor­den ist und des­halb die Kin­der­geld­zah­lun­gen ein­stellt 5.

Im Hin­blick auf die hier strei­ti­ge Auf­he­bung nach § 70 Abs. 2 EStG ab Novem­ber 1999 kann dahin­ste­hen, ob die Fami­li­en­kas­se des Dienst­herrn erst mit der Ver­be­am­tung des Vaters zustän­dig wur­de oder bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt, weil sie auch für Ange­stell­te im öffent­li­chen Dienst, die län­ger als vor­aus­sicht­lich sechs Mona­te beschäf­tigt sind, zustän­dig war (vgl. § 72 Abs. 4 EStG).

Die Auf­he­bung nach § 70 Abs. 2 EStG ist zwar "mit Wir­kung vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se" vor­zu­neh­men, d.h. auch rück­wir­kend. Dar­aus ergibt sich indes­sen nicht, dass eine Auf­he­bung zu einem spä­te­ren Zeit­punkt als dem der "Ände­rung der Ver­hält­nis­se" aus­ge­schlos­sen ist. Denn die Befug­nis der Fami­li­en­kas­se zur Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung ver­braucht sich nicht, wenn sie ‑z.B. wegen Fest­set­zungs­ver­jäh­rung, wegen eines nicht zwei­fels­frei auf­klär­ba­ren Sach­ver­halts oder einer unkla­ren Rechts­la­ge- erst zu einem spä­te­ren Monat neu beschei­det. Daher hät­te eine Zustän­dig­keits­än­de­rung zu einem frü­he­ren Zeit­punkt jeden­falls auch zur Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung durch die beklag­te Fami­li­en­kas­se für den hier strei­ti­gen Zeit­raum ab Novem­ber 1999 geführt.

Da die Fest­set­zung nach § 70 Abs. 2 EStG auf­ge­ho­ben wer­den konn­te, kann dahin­ste­hen, ob oder von wel­chem Zeit­punkt an die Auf­he­bung auch auf § 174 Abs. 2 AO gestützt wer­den konn­te, weil Erklä­run­gen des Vaters zum Fami­li­en­zu­schlag auch i.S. von § 174 Abs. 2 Satz 2 AO als "Antrag oder … Erklä­rung" zur Kin­der­geld­fest­set­zung zu wer­ten wären.

Das Finanz­ge­richt hat auch zu Recht ent­schie­den, dass die Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung nicht durch Fest­set­zungs­ver­jäh­rung (§ 169 Abs. 1 Satz 1 AO) aus­ge­schlos­sen war.

Das Finanz­ge­richt hat zutref­fend fest­ge­stellt, dass der Vater nach § 68 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 1 EStG ver­pflich­tet war, der Fami­li­en­kas­se Ver­än­de­run­gen in den für die Leis­tung erheb­li­chen Ver­hält­nis­sen unver­züg­lich mit­zu­tei­len.

Der Vater hat­te in sei­nem im Febru­ar 1996 an die Fami­li­en­kas­se gerich­te­ten Antrag die Fra­ge nach ander­wei­tig erhal­te­nem Kin­der­geld ver­neint. Des­halb war er nach der Auf­nah­me der Kin­der­geld­zah­lun­gen durch den Dienst­herrn ver­pflich­tet, die­se Ver­än­de­rung anzu­zei­gen, weil er dar­über eine Erklä­rung abge­ge­ben hat­te (§ 68 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 EStG).

Der Vater hat durch den zwei­fa­chen Bezug von Kin­der­geld, das als Steu­er­ver­gü­tung gewährt wird (§ 31 Satz 3 EStG), nicht gerecht­fer­tig­te Steu­er­vor­tei­le erlangt. Denn er hat­te die Fami­li­en­kas­se über sei­ne Ver­be­am­tung im Novem­ber 1999 pflicht­wid­rig in Unkennt­nis gelas­sen (§ 370 Abs. 1 Nr. 2 AO). Er han­del­te nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt auch leicht­fer­tig, so dass der Tat­be­stand der leicht­fer­ti­gen Steu­er­ver­kür­zung nach § 378 AO erfüllt ist. Inso­weit ist uner­heb­lich, dass gegen ihn kein Straf- oder Buß­geld­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de. Denn die Fra­ge, ob Steu­er­be­trä­ge leicht­fer­tig ver­kürzt wur­den, ist von den Finanz­be­hör­den und Finanz­ge­rich­ten in eige­ner Zustän­dig­keit zu ent­schei­den 6.

Die Ver­fol­gung von Steuer­ord­nungs­wid­rig­kei­ten ver­jährt gemäß § 384 AO in fünf Jah­ren. Dabei beginnt die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung erst mit der letzt­mals zu Unrecht erlang­ten Kin­der­geld­zah­lung. Denn der Erfolg der pflicht­wid­ri­gen Unter­las­sung trat erst mit der letz­ten Aus­zah­lung ein, d.h. der Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des für August 2008. Aus dem das Kin­der­geld­recht beherr­schen­den Monats­prin­zip (§ 66 Abs. 2 EStG) ist nicht her­zu­lei­ten, dass jede monat­li­che Aus­zah­lung eine been­de­te Ord­nungs­wid­rig­keit dar­stellt, was zur Fol­ge hät­te, dass mit jeder Aus­zah­lung für den jewei­li­gen Monat auch die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung begän­ne 7.

Die bei leicht­fer­ti­ger Steu­er­ver­kür­zung anzu­wen­den­de fünf­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­frist (§ 169 Abs. 2 Satz 2 AO) ende­te gemäß § 171 Abs. 7 AO nicht, bevor die Ver­fol­gung der Steuer­ord­nungs­wid­rig­keit ver­jähr­te, d.h. nicht vor Juli 2013. Sie war somit bei Erlass des Auf­he­bungs­be­scheids vom 12.11.2009 noch nicht abge­lau­fen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. April 2017 – III R 33/​15

  1. Bestä­ti­gung des BFH, Urteils vom 26.06.2014 – III R 21/​13, BFHE 247, 102, BSt­Bl II 2015, 886[]
  2. BFH, Urteil vom 19.01.2017 – III R 31/​15, BFHE 256, 502, BSt­Bl II 2017, 642; BFH, Beschluss vom 28.12 2006 – III B 91/​05, BFH/​NV 2007, 864[]
  3. DA-KG 2014 unter V.01.1[]
  4. BFH, Urteil vom 25.09.2014 – III R 25/​13, BFHE 247, 233, BSt­Bl II 2015, 847[]
  5. vgl. DA-KG 2016 unter V.03.2 Abs. 2[]
  6. BFH, Beschluss vom 05.03.1979 – GrS 5/​77, BFHE 127, 140, BSt­Bl II 1979, 570; Ban­niz­za in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 169 AO Rz 67, m.w.N.[]
  7. BFH, Urtei­le vom 26.06.2014 – III R 21/​13, BFHE 247, 102, BSt­Bl II 2015, 886; vom 18.12 2014 – III R 13/​14, BFH/​NV 2015, 948, Leit­satz, und Rz 22, 23[]