Kirch­geld in glau­bens­ver­schie­de­ner Ehe – und der Ein­spruch des kir­chen­frem­den Ehe­gat­ten

Nach Kirch­geld-Fest­set­zung allein gegen die kir­chen­an­ge­hö­ri­ge Steu­er­pflich­ti­ge (Ehe­frau) im zusam­men­ge­fass­ten Bescheid wahrt der vom Ehe­mann in "Ich"-Form ein­ge­leg­te Ein­spruch nicht die Ein­spruchs­frist. Die danach für die Kla­ge der Ehe­frau feh­len­de Sachur­teils­vor­aus­set­zung wird nicht dadurch ersetzt, dass eine Sach­prü­fung in der Ein­spruchs­ent­schei­dung statt­ge­fun­den hat.

Kirch­geld in glau­bens­ver­schie­de­ner Ehe – und der Ein­spruch des kir­chen­frem­den Ehe­gat­ten

Die Kla­ge ist bereits auf­grund der Bestands­kraft des – mit dem Ein­kom­men­steu­er­be­scheid zusam­men­ge­fass­ten – Kir­chen­steu­er­be­scheids auf­grund for­ma­ler Sach­prü­fung, jedoch ohne mate­ri­el­le Sach­prü­fung als unbe­grün­det abzu­wei­sen, weil die Ehe­frau die Ein­spruchs­frist ver­säumt hat.

Zwar ist die Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zung des erfolg­lo­sen Vor­ver­fah­rens nach § 44 FGO auch erfüllt, wenn über­haupt eine Ein­spruchs­ent­schei­dung ergan­gen ist.

Das führt jedoch nicht dazu, dass das Kla­ge­be­geh­ren trotz ver­säum­ter Ein­spruchs­frist in vol­lem Umfang sach­lich-recht­lich nach­ge­prüft wer­den darf. Die frist­ge­rech­te Ein­le­gung des Ein­spruchs stellt eine bei der Sach­ent­schei­dung zu beach­ten­de mate­ri­ell-recht­li­che Vor­fra­ge dar 1.

Gemäß § 8 Abs. 2 Satz 1 Hmb­KiStG fin­det die AO auf das Besteue­rungs­ver­fah­ren der Kir­chen­steu­er ent­spre­chen­de Anwen­dung, soweit sich aus den kirch­li­chen Steu­er­vor­schrif­ten – wie hier – nichts ande­res ergibt.

Der Ein­spruch als nach § 347 AO statt­haf­ter Rechts­be­helf gegen Steu­er­be­schei­de ist gemäß § 355 AO bin­nen eines Monats nach Bekannt­ga­be des Bescheids ein­zu­le­gen.

Im Sin­ne von §§ 355, 122 AO bekannt­ge­ge­ben ist die als Ver­wal­tungs­akt ange­foch­te­ne Kir­chen­steu­er-Fest­set­zung aus­drück­lich der Ehe­frau. Aus der in den – nach § 155 Abs. 2 AO – zusam­men­ge­fass­ten Bescheid auf­ge­nom­me­nen For­mu­lie­rung, dass die Fest­set­zung der Kir­chen­steu­er nur gegen die Ehe­frau erfolgt, ergibt sich unmiss­ver­ständ­lich, dass die Fest­set­zung sich an die Ehe­frau als Inhalts­adres­sa­tin und damit als inso­weit beschwer­te Steu­er­pflich­ti­ge rich­tet 2.

Nach § 357 Abs. 1 Satz 1 AO ist der Ein­spruch schrift­lich ein­zu­rei­chen oder zur Nie­der­schrift zu erklä­ren; auf­grund Satz 2 genügt es, wenn aus dem Schrift­stück her­vor­geht, wer den Ein­spruch ein­ge­legt hat.

Gemäß höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung muss sich aus der Rechts­be­helfs­schrift hin­rei­chend klar erge­ben, wer die Ver­wal­tungs­ent­schei­dung angreift 3. So muss etwa bei Zusam­men­ver­an­la­gung fest­ste­hen, wel­cher Ehe­gat­te sich beschwert fühlt und die Nach­prü­fung des Steu­er­be­schei­des begehrt. Dabei hat ein von dem einen Ehe­gat­ten ein­ge­leg­ter Rechts­be­helf nicht ohne Wei­te­res die Wir­kung eines auch von dem ande­ren Ehe­gat­ten ein­ge­leg­ten Rechts­be­helfs. Selbst unter der Annah­me, dass der den Rechts­be­helf ein­le­gen­de Ehe­gat­te bereits auf­grund der gemein­sa­men, von bei­den Ehe­leu­ten unter­schrie­be­nen Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung von dem ande­ren Ehe­gat­ten wirk­sam zur Vor­nah­me aller im Besteue­rungs­ver­fah­ren erfor­der­li­chen Rechts­hand­lun­gen bevoll­mäch­tigt sein könn­te, wäre für die wirk­sa­me Rechts­be­helfs­ein­le­gung des einen Ehe­gat­ten auch für den ande­ren erfor­der­lich, dass der das Rechts­mit­tel füh­ren­de Ehe­gat­te unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck bringt, er lege den Rechts­be­helf auch für den ande­ren Ehe­gat­ten ein 4.

Letz­te­res gilt erst recht, wenn es um die Fest­set­zung des Kirch­gel­des gegen­über einem Ehe­gat­ten geht und nur die­ser auf­grund sei­ner Beschwer im Sin­ne von § 350 AO das Rechts­mit­tel ein­le­gen kann 5.

Nach den vor­ste­hen­den Maß­stä­ben hat die Ehe­frau in dem hier vom Finanz­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall inner­halb der Monats­frist kei­nen Ein­spruch ein­ge­legt.

Aus dem nach Kirch­geld-Fest­set­zung ein­ge­leg­ten Ein­spruch geht nicht her­vor, dass der Ein­spruch von der Ehe­frau oder für sie ein­ge­legt wur­de. Trotz des gemein­sa­men Absen­ders auf dem Brief­pa­pier spre­chen die Umstän­de erkenn­bar für eine Ein­spruchs­ein­le­gung allein durch den Ehe­mann der Ehe­frau. Das Schrei­ben ist ledig­lich vom Ehe­mann unter­schrie­ben, ist in der Ich-Form geschrie­ben und nimmt eine ein­deu­ti­ge Unter­schei­dung zwi­schen dem Ver­fas­ser des Schrei­bens (dem Ehe­mann) und sei­ner jet­zi­gen Ehe­frau vor. Auch sonst wur­de dem Finanz­amt nicht inner­halb der Ein­spruchs­frist mit­ge­teilt, dass die Ehe­frau Ein­spruchs­füh­re­rin sein sol­le.

Zu einer Sach­prü­fung im Kla­ge­ver­fah­ren kommt es auch nicht dadurch, dass das Finanz­amt sich mate­ri­ell mit dem Begeh­ren befasst und eine Ein­spruchs­ent­schei­dung gemäß § 367 AO gegen­über der Ehe­frau erlas­sen und deren angeb­li­chen Ein­spruch als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen hat.

Im Finanz­pro­zess kommt es nicht dar­auf an, ob in der ange­foch­te­nen Ein­spruchs­ent­schei­dung unnö­tig noch­mals in eine Sach­prü­fung ein­ge­tre­ten wur­de; anders als u. U. Im Ver­wal­tungs­pro­zess gemäß VwGO oder nach § 51 VwVfG 6.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 1. Sep­tem­ber 2015 – 3 K 167/​15

  1. vgl. FG Ham­burg, Urteil vom 18.02.2014 – 3 K 257/​13, EFG 2014, 1563; vom 04.06.2002 – III K 16/​02, EFG 2002, 1394; BFH vom 24.07.1984 – VII R 122/​80, BFHE 141, 470, BSt­Bl II 1984, 791[]
  2. vgl. FG Ham­burg, Urteil vom 15.12.1995 – II 81/​94, EFG 1996, 498, nach­ge­hend BFH, Beschluss vom 27.09.1996 – I B 22/​96, BFH/​NV 1997, 311, Kir­chE 34, 367, nach­ge­hend BVerfG, Beschluss vom 07.03.1997 – 2 BvR 163/​97: vgl. i. Ü. BFH, Urteil vom 01.07.2009 – I R 81/​08, BFHE 226, 90, BSt­Bl II 2011, 379[]
  3. BFH, Urtei­le vom 08.05.2008 – VI R 12/​05 BFHE 222, 196, BSt­Bl II 2009, 116; vom 26.10.2004 – IX R 23/​04, BFH/​NV 2005, 325; vom 31.10.2000 – VIII R 47/​98, HFR 2001, 562, BFH/​NV 2001, 589; Beschluss vom 01.07.2003 – IX B 208/​02, BFH/​NV 2003, 1534, DSt­RE 2003, 1417[]
  4. BFH, Urtei­le vom 20.12.2012 – III R 59/​12, BFH/​NV 2013, 709; vom 20.12.2006 – X R 38/​05, BFHE 216, 297, BSt­Bl II 2007, 823; vom 27.11.1984 – VIII R 73/​82, BFHE 143, 32, BSt­Bl II 1985, 296[]
  5. vgl. Thü­rin­ger FG, Frei­re­li­giö­sen Urteil vom 31.03.2009 2 K 648/​08, EFG 2009, 1250, Kir­chE 53, 169, Juris Rz. 8, nach­ge­hend BFH, Beschluss vom 16.11.2009 – I B 58/​09, BFH/​NV 2010, 905, nach­ge­hend BVerfG, Beschluss vom 28.10.2010 2 BvR 591/​06, HFR 2011, 98, Kir­chE 56, 346; FG Ham­burg, Urteil vom 15.12.1995 – II 81/​94, EFG 1996, 498, nach­ge­hend BFH, Beschluss vom 27.09.1996 – I B 22/​96, BFH/​NV 1997, 311, Kir­chE 34, 367, nach­ge­hend BVerfG, Beschluss vom 07.03.1997 – 2 BvR 163/​97[]
  6. FG Ham­burg, Urteil vom 18.02.2014 – 3 K 257/​13, EFG 2014, 1563; BFH, Beschluss vom 27.04.2011 – III B 207/​10, BFH/​NV 2011, 1184; Urteil vom 24.07.1984 – VII R 122/​80, BFHE 141, 470, BSt­Bl II 1984, 791[]