Kos­ten krank­heits­be­ding­ter Heim­un­ter­brin­gung

Die Kos­ten einer krank­heits­be­ding­ten Heim­un­ter­brin­gung stel­len ein­kom­men­steu­er­lich eine außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung dar. Daher sind Kos­ten für einen krank­heits­be­ding­ten Auf­ent­halt in einem Senio­ren­heim auch dann als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung ein­kom­men­steu­er­lich abzieh­bar, wenn kei­ne stän­di­ge Pfle­ge­be­dürf­tig­keit besteht und auch kei­ne zusätz­li­chen Pfle­ge­kos­ten abge­rech­net wor­den sind. Dies ent­schied jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof und rück­te damit von sei­nen bis­her stren­ge­ren Grund­sät­zen 1 ab, wonach ein Abzug ent­we­der zusätz­li­che Kos­ten für Pfle­ge­leis­tun­gen oder die Aus­stel­lung eines Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses mit den Merk­zei­chen „H” oder „Bl” vor­aus­setz­te.

Kos­ten krank­heits­be­ding­ter Heim­un­ter­brin­gung

Bei einem durch Krank­heit ver­an­lass­ten Auf­ent­halt in einem Senio­ren­heim sind die Kos­ten für die Unter­brin­gung als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen gemäß § 33 Abs. 1 EStG abzieh­bar.

Der Auf­ent­halt kann auch dann krank­heits­be­dingt sein, wenn kei­ne zusätz­li­chen Pfle­ge­kos­ten ent­stan­den sind und kein Merk­zei­chen „H” oder „Bl” im Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis fest­ge­stellt ist.

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall war die damals 74-jäh­ri­ge Klä­ge­rin nach einer sta­tio­nä­ren Behand­lung in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik auf ärzt­li­che Emp­feh­lung in ein Senio­ren­heim gezo­gen. Ihre Woh­nung in einem Zwei­fa­mi­li­en­haus hat­te die Klä­ge­rin wäh­rend­des­sen nicht auf­ge­ge­ben. Das Finanz­amt erkann­te die gel­tend gemach­ten Kos­ten des Senio­ren­heims nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung an, weil die Klä­ge­rin nicht in eine Pfle­ge­stu­fe ein­grup­piert gewe­sen sei und auch das Merk­mal „H” im Behin­der­ten­aus­weis feh­le.

Der Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tig­te nun jedoch die Ent­schei­dung des erst­in­stanz­lich mit dem Fall befass­ten Finanz­ge­richts, wonach die Miet- und Ver­pfle­gungs­kos­ten abzüg­lich einer Haus­halts­er­spar­nis als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tigt wer­den kön­nen. Anders als der alters­be­ding­te Auf­ent­halt füh­re die krank­heits­be­ding­te Unter­brin­gung in einem Senio­ren­heim zu Krank­heits­kos­ten, die als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung abge­zo­gen wer­den könn­ten. Pfle­ge­be­dürf­tig­keit sei kei­ne Vor­aus­set­zung für den Abzug, wenn – wie hier auf­grund ärzt­li­cher Beschei­ni­gun­gen – fest­ge­stellt wer­den kön­ne, dass der Heim­auf­ent­halt infol­ge einer Erkran­kung not­wen­dig gewe­sen sei.

Nach § 33 Abs. 1 EStG wird die Ein­kom­men­steu­er auf Antrag ermä­ßigt, wenn einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stan­des erwach­sen (außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung). Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs sind Auf­wen­dun­gen außer­ge­wöhn­lich, wenn sie nicht nur ihrer Höhe, son­dern auch ihrer Art und dem Grun­de nach außer­halb des Übli­chen lie­gen. Die übli­chen Auf­wen­dun­gen der Lebens­füh­rung, die in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums durch den Grund­frei­be­trag abge­gol­ten sind, sind aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 33 EStG aus­ge­schlos­sen 2. Krank­heits­kos­ten sind regel­mä­ßig eine außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung im Sin­ne des § 33 EStG.

Zu den übli­chen Auf­wen­dun­gen der Lebens­füh­rung rech­nen regel­mä­ßig auch die Kos­ten für die alters­be­ding­te Unter­brin­gung in einem Alters­heim. Liegt dage­gen ein durch Krank­heit ver­an­lass­ter Auf­ent­halt in einem Alters- oder Pfle­ge­heim vor, stel­len sich die Auf­wen­dun­gen für die Heim­un­ter­brin­gung als Krank­heits­kos­ten dar 3. Es gel­ten die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze über die Abzieh­bar­keit von Krank­heits­kos­ten 4.

Nach die­sen Grund­sät­zen stel­len in dem geschil­der­ten Fall die Auf­wen­dun­gen der Klä­ge­rin für den Bun­des­fi­nanz­hof Krank­heits­kos­ten dar, denn die Klä­ge­rin war krank­heits­be­dingt und nicht wegen ihres Alters im Senio­ren­heim unter­ge­bracht. Für den Nach­weis der Krank­heits­be­dingt­heit ist auch amts­ärzt­li­ches Attest zu ver­lan­gen 5.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Klä­ge­rin kei­ne Pfle­ge­kos­ten in Rech­nung gestellt wor­den sind. Zwar ist der Abzug von Unter­brin­gungs­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung vor­nehm­lich bei krank­heits­be­ding­ter Pfle­ge­be­dürf­tig­keit von Bedeu­tung 6. Das bedeu­tet jedoch nicht, dass die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für den Abzug ist. Viel­mehr kann, wie der Streit­fall zeigt, der Auf­ent­halt in einem Alters­heim auch dann krank­heits­be­dingt sein, wenn eine stän­di­ge Pfle­ge­be­dürf­tig­keit (noch) nicht gege­ben ist.

Soweit der III. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs 7 die Auf­fas­sung ver­tre­ten hat, dass ein aus­schließ­lich krank­heits­be­ding­ter Auf­ent­halt noch nicht gege­ben sei, wenn kei­ne zusätz­li­chen Pfle­ge­kos­ten ent­stan­den sei­en und kein Merk­zei­chen „H” oder „Bl” im Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis nach § 69 Abs. 5 SGB IX i.V.m. § 1 SchwbA­wV fest­ge­stellt sei, folgt dem der im vor­lie­gen­den Fall ent­schei­den­de VI. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht. Einer Vor­la­ge an den Gro­ßen Senat gemäß § 11 Abs. 3 FGO bedurf­te es trotz die­ser wider­strei­ten­den Auf­fas­sun­gen jedoch es nicht, weil der VI. Senat seit 2009 für außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen sach­lich allein zustän­dig ist.

Wer­den Kos­ten einer Heim­un­ter­brin­gung dem Grund nach als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung (Krank­heits­kos­ten) berück­sich­tigt, sind sie aller­dings nur inso­weit gemäß § 33 Abs. 1 EStG abzieh­bar, als sie die zumut­ba­re Belas­tung (§ 33 Abs. 3 EStG) sowie die sog. Haus­halts­er­spar­nis über­stei­gen 8. Im vor­lie­gen­den Streit­fall hat­te das Finanz­ge­richt – nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs zu Recht – die Haus­halts­er­spar­nis ent­spre­chend dem in § 33a Abs. 1 EStG vor­ge­se­he­nen Höchst­be­trag zu Recht auf 7.680 € geschätzt und dabei die Kos­ten für Ver­pfle­gung, deren Berück­sich­ti­gung die Klä­ge­rin nicht aus­drück­lich bean­tragt hat­te, gegen­ge­rech­net.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Okto­ber 2010 – VI R 38/​09

  1. vgl. noch BFH, Urteil vom 18.12.2008 – III R 12/​07, BFH/​NV 2009, 1102
  2. BFH, Urteil vom 15.04.2010 – VI R 51/​09, BFHE 229, 206, BSt­Bl II 2010, 794, m.w.N.
  3. BFH, Urtei­le vom 24.02.2000 – III R 80/​97, BFHE 191, 280, BSt­Bl II 2000, 294; vom 23.05.2002 – III R 24/​01, BFHE 199, 296, BSt­Bl II 2002, 567; vom 18.04.2002 – III R 15/​00, BFHE 199, 135, BSt­Bl II 2003, 70; sie­he auch R 33.3 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 EStR 2008
  4. Schmidt/​Loschelder, EStG, 29. Aufl., § 33 Rz 35, Stich­wort Alters­heim
  5. BFH, Urteil in BFHE 199, 296, BSt­Bl II 2002, 567
  6. BFH, Urtei­le vom 18.12.2008 – III R 12/​07, BFH/​NV 2009, 1102; in BFHE 199, 135, BSt­Bl II 2003, 70
  7. BFH, Urteil in BFH/​NV 2009, 1102
  8. BFH, Urteil in BFHE 229, 206, BSt­Bl II 2010, 794