Kran­ken­geld – und der Pro­gres­si­ons­vor­be­halt

Auch nach der Ein­füh­rung des sog. Basis­ta­rifs in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist es für den Bun­des­fi­nanz­hof ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass zwar das Kran­ken­geld aus der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung, nicht aber das Kran­ken­ta­ge­geld aus einer pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung in den Pro­gres­si­ons­vor­be­halt nach § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b EStG ein­be­zo­gen wird.

Kran­ken­geld – und der Pro­gres­si­ons­vor­be­halt

Nach § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b EStG ist ein beson­de­rer Steu­er­satz anzu­wen­den, wenn ein Steu­er­pflich­ti­ger in einem Ver­an­la­gungs­zeit­raum Lohn­er­satz­leis­tun­gen, zu denen auch das Kran­ken­geld gehört, bezo­gen hat. Die­ser beson­de­re Steu­er­satz ergibt sich, wenn ‑bezo­gen auf den Streit­fall- bei der Berech­nung der Ein­kom­men­steu­er das Kran­ken­geld dem zu ver­steu­ern­den Ein­kom­men hin­zu­ge­zählt wird (§ 32b Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG – Pro­gres­si­ons­vor­be­halt).

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat für die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 1999 und 2002 ent­schie­den, dass die Ein­be­zie­hung des Kran­ken­gel­des der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen in den Pro­gres­si­ons­vor­be­halt ver­fas­sungs­ge­mäß ist, obwohl das Kran­ken­ta­ge­geld aus einer pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung nicht dem Pro­gres­si­ons­vor­be­halt unter­liegt 1. Aus­schlag­ge­bend waren für den BFH in ers­ter Linie die unter­schied­li­che Aus­ge­stal­tung in öffent­lich-recht­li­cher bzw. pri­va­ter Orga­ni­sa­ti­ons­form und die dadurch beding­ten unter­schied­li­chen Grund­struk­tu­ren sowie die unter­schied­li­che Aus­rich­tung durch das Soli­dar­prin­zip bei der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung einer­seits und das Äqui­va­lenz­prin­zip bei der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ande­rer­seits.

An die­ser grund­sätz­li­chen Unter­schei­dung, wel­che die abwei­chen­de steu­er­recht­li­che Behand­lung von Kran­ken­geld und Kran­ken­ta­ge­geld beim Pro­gres­si­ons­vor­be­halt recht­fer­tigt, hält der Bun­des­fi­nanz­hof auch für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2009 fest. Die ab dem Jahr 2009 gel­ten­de all­ge­mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rungs­pflicht (§ 193 Abs. 3 VVG) und der in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ab die­sem Jahr ein­ge­führ­te Basis­ta­rif mit Kon­tra­hie­rungs­zwang (§ 12 Abs. 1a, 1b VAG) recht­fer­ti­gen kei­ne ande­re Beur­tei­lung 2. Auch nach der Ein­füh­rung der all­ge­mei­nen Kran­ken­ver­si­che­rungs­pflicht und des Basis­ta­rifs bestehen wei­ter­hin grund­sätz­li­che Unter­schie­de zwi­schen gesetz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung. Es kam inso­fern ledig­lich zu punk­tu­el­len Annä­he­run­gen.

Die all­ge­mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rungs­pflicht und der Basis­ta­rif wur­den durch das Gesetz zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung vom 26.03.2007 3 ein­ge­führt. Nach der Ent­wurfs­be­grün­dung der Regie­rungs­frak­tio­nen zu die­sem Gesetz soll­te die Eigen­stän­dig­keit der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung in ihrer her­kömm­li­chen Form erhal­ten blei­ben. Die Ent­wurfs­be­grün­dung ging davon aus, dass pri­va­te und gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung als getrenn­te Sys­te­me neben­ein­an­der bestehen und dabei auch der Basis­ta­rif dem Sys­tem der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung zuzu­rech­nen ist 4. Die Ein­füh­rung einer Ein­heits­kran­ken­ver­si­che­rung ("soli­da­ri­sche Bür­ger­ver­si­che­rung") 5 wur­de in der Beschluss­emp­feh­lung des feder­füh­ren­den Aus­schus­ses zurück­ge­wie­sen 6. In der Fol­ge­zeit wur­de der Basis­ta­rif ledig­lich von einem gerin­gen Anteil der pri­vat Ver­si­cher­ten in Anspruch genom­men. Aus den vom Finanz­amt über­mit­tel­ten Daten ergibt sich, dass im Streit­jahr 2009 nur 0, 15 % und im Jahr 2011 nur 0, 29 % der pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­ten den Basis­ta­rif gewählt haben. Auch aus die­sem Grund ist es nicht gerecht­fer­tigt, die grund­le­gen­de Unter­schei­dung zwi­schen gesetz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung auf­zu­ge­ben.

Dar­über hin­aus konn­te der Gesetz­ge­ber davon aus­ge­hen, dass die im Basis­ta­rif ver­si­cher­ten Per­so­nen typi­scher­wei­se kein Kran­ken­ta­ge­geld erhal­ten. Die Mög­lich­keit zur Ver­si­che­rung im Basis­ta­rif besteht ins­be­son­de­re für Selb­stän­di­ge und Beam­te (vgl. § 12 Abs. 1b Satz 1 VAG). Der Leis­tungs­um­fang des Basis­ta­rifs ist dem der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­gleich­bar (§ 12 Abs. 1a Satz 1 VAG). Selb­stän­di­ge erhal­ten Kran­ken­geld aus der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nur im Aus­nah­me­fall (§ 44 Abs. 2 Nr. 2 SGB V). Der Kran­ken­geld­an­spruch von Beam­ten ruht regel­mä­ßig, da die Besol­dung auch wäh­rend der Erkran­kung gewährt wird (vgl. § 49 Abs. 1 Nr. 1 SGB V). Die Nicht­ein­be­zie­hung des pri­va­ten Kran­ken­ta­ge­gel­des in den Pro­gres­si­ons­vor­be­halt bei einer Ver­si­che­rung im Basis­ta­rif ist somit nur in Aus­nah­me­fäl­len von prak­ti­scher Bedeu­tung.

Die Ein­be­zie­hung des Kran­ken­gel­des der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­stößt auch nicht gegen das Sozi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 1 GG). Die­ses gebie­tet im Steu­er­recht ledig­lich, das Exis­tenz­mi­ni­mum vor einem steu­er­li­chen Zugriff zu ver­scho­nen 7. Dem Sozi­al­staats­prin­zip ist kein Gebot zu ent­neh­men, Sozi­al­leis­tun­gen in einer bestimm­ten Wei­se oder einem bestimm­ten Umfang zu gewäh­ren 8. Der Gesetz­ge­ber ist daher unter dem Gesichts­punkt des Sozi­al­staats­prin­zips nicht gezwun­gen, Ange­hö­ri­ge der gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung im Ver­hält­nis zu Ange­hö­ri­gen ande­rer Siche­rungs­sys­te­me in ansons­ten ver­gleich­ba­rer Lage steu­er­recht­lich gleich­zu­stel­len.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Novem­ber 2014 – III R 36/​13

  1. BFH, Urtei­le vom 26.11.2008 – X R 53/​06, BFHE 223, 435, BSt­Bl II 2009, 376, und – X R 59/​06, BFH/​NV 2009, 739, jeweils unter II. 2.; krit. Hey in Tipke/​Lang, Steu­er­recht, 21. Aufl., § 8 Rz 810[]
  2. so im Ergeb­nis auch Ton­i­us, Der Pro­gres­si­ons­vor­be­halt für Sozi­al­leis­tun­gen – Unwe­sen im deut­schen Ein­kom­men­steu­er­recht?, Diss. Müns­ter 2013, S. 133 f.[]
  3. BGBl I 2007, 378[]
  4. BT-Drs. 16/​3100, S. 92[]
  5. s. BT-Drs. 16/​3096[]
  6. BT-Drs. 16/​4200, S. 5, 7[]
  7. BVerfG, Beschlüs­se vom 10.11.1998 – 2 BvL 42/​93, BVerfGE 99, 246, 259; und vom 27.07.2010 – 2 BvR 2122/​09, HFR 2010, 1109, unter II. 1.; eben­so Bran­dis, Deut­sche Steu­er­ju­ris­ti­sche Gesell­schaft 29, 93, 103 f.[]
  8. BFH, Urteil vom 11.03.2003 – VIII R 76/​02, BFH/​NV 2003, 1303, unter 2.c, bestä­tigt durch BVerfG, Beschluss vom 06.05.2004 2 BvR 1375/​03, HFR 2004, 692, unter II. 2.b; vgl. auch BFH, Urteil vom 17.06.2010 – III R 35/​09, BFHE 230, 523, BSt­Bl II 2011, 176, Rz 40, und BFH, Beschluss vom 24.02.2010 – III B 105/​09, BFH/​NV 2010, 884, Rz 4[]