Krank­heits­kos­ten bei der Berech­nung des Jah­res­grenz­be­trags fürs Kin­der­geld

Für ein über 18 Jah­re altes Kind, das das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat­te, besteht nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a und Satz 2 EStG ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn das Kind für einen Beruf aus­ge­bil­det wird und sei­ne zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimm­ten oder geeig­ne­ten Ein­künf­te und Bezü­ge den für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Jah­res­grenz­be­trag von 7.680 € nicht über­stei­gen.

Krank­heits­kos­ten bei der Berech­nung des Jah­res­grenz­be­trags fürs Kin­der­geld

Der Begriff der Ein­künf­te i.S. von § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG ent­spricht dem in § 2 Abs. 2 EStG defi­nier­ten Begriff und ist je nach Ein­kunfts­art als Gewinn oder Über­schuss der Ein­nah­men über die Wer­bungs­kos­ten zu ver­ste­hen. Erzielt das Kind –wie im Streit­fall A– Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit, sind daher von den Brut­to­ein­nah­men die Wer­bungs­kos­ten abzu­zie­hen1.

Dar­über hin­aus sind nach dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 11. Janu­ar 20052 im Wege ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG Ein­künf­te –eben­so wie die Bezü­ge– nur zu berück­sich­ti­gen, soweit sie zur Bestrei­tung des Unter­halts und der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sind. Es ist jeweils im Ein­zel­fall zu prü­fen, wel­che Tei­le der Ein­künf­te i.S. des § 2 Abs. 2 EStG wegen eines sonst vor­lie­gen­den Grund­rechts­ver­sto­ßes im Wege ver­fas­sungs­kon­for­mer Ein­schrän­kung nicht ange­setzt wer­den dür­fen3.

Krank­heits­kos­ten kön­nen bei der Prü­fung der Über­schrei­tung des Jah­res­grenz­be­trags Berück­sich­ti­gung fin­den, soweit es sich dabei um Zuzah­lun­gen im Sin­ne des Fünf­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch (SGB V) han­delt4.

Die Ein­künf­te und Bezü­ge i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG sind nicht um außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen zu ver­min­dern. Außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen sind nach § 2 Abs. 4 EStG vom Gesamt­be­trag der Ein­künf­te abzu­zie­hen, las­sen aber die für die Prü­fung der Grenz­be­trags­über­schrei­tung maß­geb­li­che Höhe der Ein­künf­te i.S. des § 2 Abs. 2 EStG unbe­rührt5. Eine gene­rel­le Berück­sich­ti­gung von außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen bei der Ermitt­lung der eige­nen Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des kommt daher nicht in Betracht. Dies gilt grund­sätz­lich auch für Krank­heits­kos­ten4.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nan­zu­hofs sind jedoch Ein­künf­te des Kin­des nicht in die Bemes­sungs­grund­la­ge für den Jah­res­grenz­be­trag des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG ein­zu­be­zie­hen, soweit sie durch unver­meid­ba­re (zwangs­läu­fi­ge) Auf­wen­dun­gen gebun­den sind. Die Bei­trä­ge zu einer frei­wil­li­gen gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sind sol­che unver­meid­ba­ren Auf­wen­dun­gen. Die (Mindest-)Vorsorge für den Krank­heits­fall führt zu Kos­ten, die die steu­er­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des Steu­er­pflich­ti­gen unver­meid­bar min­dern und für ihn indis­po­ni­bel sind6.

Soweit sich Ver­si­cher­te an bestimm­ten Leis­tun­gen zur Kran­ken­be­hand­lung durch Zuzah­lun­gen betei­li­gen müs­sen (vgl. § 61 SGB V betref­fend Zuzah­lun­gen, die Ver­si­cher­te zu leis­ten haben zu Medi­ka­men­ten, zu sta­tio­nä­ren Maß­nah­men und zu Auf­wen­dun­gen für Heil­mit­tel und häus­li­che Kran­ken­pfle­ge, sowie die sog. Pra­xis­ge­bühr gemäß § 28 Abs. 4 SGB V), ermög­li­chen die Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung allein nicht die not­wen­di­ge Min­dest­vor­sor­ge für den Krank­heits­fall. Unver­meid­bar im Sin­ne der genann­ten Recht­spre­chung sind in die­sem Fall somit auch die vom Kind zu ent­rich­ten­den Zuzahlungen((BFH, Urteil in BFHE 238, 93, Rz 24, m.w.N.)).

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2013 – XI R 49/​10

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urtei­le vom 17.06.2010 – III R 59/​09, BFHE 230, 142, BSt­Bl II 2011, 121, und vom 05.07.2012 – VI R 99/​10, BFHE 238, 93
  2. BVerfG, Beschluss vom 11.01.2005 – 2 BvR 167/​02, BVerfGE 112, 164
  3. BFH, Urtei­le vom 09.02.2012 – - III R 73/​09, BFHE 236, 407, BSt­Bl II 2012, 463, und in BFHE 238, 93
  4. BFH, Urteil in BFHE 238, 93
  5. BFH, Urteil in BFHE 236, 407, BSt­Bl II 2012, 463, m.w.N.
  6. BFH, Urteil vom 16.11.2006 – III R 74/​05, BFHE 216, 69, BSt­Bl II 2007, 527