Minderung einer Rückstellung wegen künftiger Vorteile

Eine Rückstellung ist um künftig zu erwartende Vorteile zu mindern1. Der Abschluss schuldrechtlicher Verträge ist für eine Kompensation mit künftigen Vorteilen nicht erforderlich2.

Minderung einer Rückstellung wegen künftiger Vorteile

Bei der Bewertung von Rückstellungen sind gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 3a Buchst. c EStG 2002 künftige Vorteile, die mit der Erfüllung der Verpflichtung voraussichtlich verbunden sein werden, wertmindernd zu berücksichtigen, soweit sie nicht als Forderungen zu aktivieren sind. Eine voraussichtliche Verbundenheit besteht bereits dann, wenn mehr Gründe für als gegen den Vorteilseintritt sprechen, mit anderen Worten der Vorteilseintritt überwiegend wahrscheinlich ist3. Lediglich die bloße Möglichkeit eines Erfolgseintritts ist nicht ausreichend4. Denn dem Adjektiv “voraussichtlich” kommt nach dem allgemeinen Sprachgebrauch die Bedeutung von “mit ziemlicher Gewissheit zu erwarten”5 bzw. “vermutlich”, “wahrscheinlich” oder “aller Voraussicht nach” zu6.

Soweit in den Gesetzesmaterialien und Teilen der Literatur demgegenüber die Auffassung vertreten wird, für die Berücksichtigung sog. Kippentgelte bedürfe es bereits abgeschlossener Verträge7, folgt der beschließende BFH dem nicht. Diese Auffassung hat, wovon das Finanzgericht insoweit zu Recht ausgeht, im Gesetzeswortlaut keinen Niederschlag gefunden8 und lässt sich mit dem Adjektiv “voraussichtlich” in § 6 Abs. 1 Nr. 3a Buchst. c EStG 2002 nicht vereinbaren.

Für dieses Verständnis spricht auch, dass damit die Voraussetzungen für die Bildung einer Rückstellung und ihrer Minderung aufgrund voraussichtlich mit der Erfüllung der Verpflichtung verbundener Vorteile parallel laufen. Auch eine Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten darf –neben anderen Voraussetzungen– nur gebildet werden, wenn die Geltendmachung der Verpflichtung nach den Verhältnissen am Bilanzstichtag wahrscheinlich ist9, weil mehr Gründe für als gegen die Inanspruchnahme bestehen10. Ein Gleichlauf der Voraussetzungen für die Passivierung der Rückstellung und ihre Minderung wegen zu erwartender Vorteile ist geboten, um die tatsächlich eintretende Minderung der steuerlichen Leistungsfähigkeit exakt bemessen zu können11.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 21. August 2013 – I B 60/12

  1. vgl. BFH, Beschlüsse vom 20.06.2011 – I B 108/10, BFH/NV 2011, 1924; vom 12.12.2012 – I B 27/12, BFH/NV 2013, 545; vom 25.03.2013 – I B 26/12, BFH/NV 2013, 1061; BFH-Beschlüsse vom 25.03.2013 – VII B 232/12, BFH/NV 2013, 1131; vom 13.06.2013 – X B 232/12, BFH/NV 2013, 1416 []
  2. so auch FG Köln, Urteil vom 14.12.2005 – 4 K 2927/03, EFG 2006, 877; Sächsisches FG, Urteil vom 31.08.2010 – 6 K 905/08; Frotscher in Frotscher, EStG, § 5 Rz 425; Meurer in Lademann, EStG, § 6 EStG Rz 862 []
  3. so bereits FG Köln, EFG 2006, 877; ähnlich Schmidt/Kulosa, EStG, 32. Aufl., § 6 Rz 476, und Urteil des Finanzgericht Düsseldorf vom 13.12.2010 3 K 3356/08 F, EFG 2011, 884: begründete Aussicht auf den Erfolgseintritt; vgl. auch Kiesel in Herrmann/Heuer/Raupach, § 6 EStG Rz 1178 []
  4. insoweit zutreffend BT-Drs. 14/443, 23; s. auch Blümich/Ehmcke, § 6 EStG Rz 977b; Schmidt/Kulosa, a.a.O., § 6 Rz 476; Werndl in Kirchhof/Söhn/Mellinghoff, EStG, § 6 Rz Da 24 []
  5. Duden, Das Bedeutungswörterbuch, 2. Aufl., S. 729 “voraussichtlich” []
  6. Duden, Die sinn- und artverwandten Wörter, 2. Aufl., S. 741 “voraussichtlich” i.V.m. S. 48 “anscheinend” []
  7. BT-Drs. 14/443, 23; Fischer in Kirchhof, EStG, 12. Aufl., § 6 Rz 156; Hoffmann in Littmann/Bitz/Pust, Das Einkommensteuerrecht, Kommentar, § 6 Rz 667; Werndl in Kirchhof/Söhn/Mellinghoff, ebenda; noch weiter gehend einschränkend Mayer-Wegelin in Bordewin/Brandt, § 6 EStG Rz 504g []
  8. so auch FG Köln, Urteil in EFG 2006, 877 []
  9. BFH, Urteil vom 19.09.2012 – IV R 45/09, BFHE 239, 66, BStBl II 2013, 123 []
  10. BFH, Urteile vom 01.08.1984 – I R 88/80, BFHE 142, 226, BStBl II 1985, 44; vom 06.12.1995 – I R 14/95, BFHE 180, 258, BStBl II 1996, 406; BFH, Urteile vom 27.11.1997 – IV R 95/96, BFHE 185, 160, BStBl II 1998, 375; vom 18.01.2007 – IV R 42/04, BFHE 216, 340, BStBl II 2008, 956; Crezelius in Kirchhof, a.a.O., § 5 Rz 121 []
  11. auf die effektive Minderung der steuerlichen Leistungsfähigkeit abstellend auch BT-Drs. 14/23, 172, und BT-Drs. 14/265, 173 []