Psy­cho­so­ma­ti­sche Wer­bungs­kos­ten

Krank­heits­kos­ten eines berufs­tä­tig Steu­er­pflich­ti­gen kön­nen nur nur dann als Betriebs­aus­ga­ben oder Wer­bungs­kos­ten abge­zo­gen wer­den, sofern sie ‑ganz oder teil­wei­se- klar und ein­deu­tig durch die beruf­li­che Tätig­keit ver­an­lasst sind.

Psy­cho­so­ma­ti­sche Wer­bungs­kos­ten

Wer­bungs­kos­ten, näm­lich Auf­wen­dun­gen zur Erwer­bung, Siche­rung und Erhal­tung der Ein­nah­men i.S. des § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG lie­gen bei den Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit (§ 19 EStG) vor, wenn sie durch den Beruf ver­an­lasst sind. Sie sind beruf­lich ver­an­lasst, wenn ein objek­ti­ver Zusam­men­hang mit dem Beruf besteht und die Auf­wen­dun­gen sub­jek­tiv zur För­de­rung des Berufs getä­tigt wer­den 1.

Davon abzu­gren­zen sind die Kos­ten der all­ge­mei­nen Lebens­füh­rung eines Arbeit­neh­mers. Die Kos­ten der all­ge­mei­nen Lebens­hal­tung, wie Essen, Trin­ken, Klei­dung, Woh­nung usw., ste­hen zwar auch inso­fern in Bezie­hung zum Beruf, als der Steu­er­pflich­ti­ge ohne sol­che Auf­wen­dun­gen sei­nen Beruf nicht aus­üben kann. Das Gesetz will aber die typi­schen Kos­ten der Lebens­hal­tung, wie auch § 12 Nr. 1 Satz 2 EStG zu ent­neh­men ist, nicht wie Betriebs­aus­ga­ben (§ 4 Abs. 4 EStG) oder Wer­bungs­kos­ten (§ 9 EStG) bei der Ermitt­lung der Ein­künf­te abge­setzt wis­sen, son­dern betrach­tet sie als Aus­ga­ben zur Ver­wen­dung des erziel­ten Ein­kom­mens, die allen­falls als Son­der­aus­ga­ben nach § 10 EStG oder als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen nach § 33 EStG die Höhe der Ein­kom­men­steu­er beein­flus­sen 2.

Ob Auf­wen­dun­gen der beruf­li­chen Sphä­re oder der Lebens­füh­rung i.S. von § 12 Nr. 1 Satz 2 EStG zuzu­rech­nen sind, ent­schei­det sich unter Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls, ohne dass dabei aller­dings schon ein abs­trak­ter Kau­sal­zu­sam­men­hang im Sin­ne einer con­di­tio sine qua non die ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Zuord­nung der Auf­wen­dun­gen zur Erwerbs­sphä­re recht­fer­tigt. Auf­wen­dun­gen sind viel­mehr nur dann als durch eine Ein­kunfts­art ver­an­lasst anzu­se­hen, wenn sie hier­zu in einem steu­er­recht­lich anzu wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang ste­hen. Maß­ge­bend dafür, ob ein sol­cher Zusam­men­hang besteht, ist zum einen die wer­ten­de Beur­tei­lung des die betref­fen­den Auf­wen­dun­gen aus­lö­sen­den Moments und zum ande­ren die Zuwei­sung die­ses maß­ge­ben­den Besteue­rungs­grun­des zur ein­kom­men­steu­er­recht­lich rele­van­ten Erwerbs­sphä­re 3. Ein Wer­bungs­kos­ten­ab­zug kommt grund­sätz­lich auch dann in Betracht, wenn die Auf­wen­dun­gen zwar den Beruf för­dern, dane­ben aber auch der Lebens­füh­rung die­nen, sofern der den Beruf för­dern­de Teil der Auf­wen­dun­gen sich nach objek­ti­ven Maß­stä­ben zutref­fend und in leicht nach­prüf­ba­rer Wei­se abgren­zen lässt und nicht nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung ist 4.

Auch Auf­wen­dun­gen, die ein berufs­tä­ti­ger Steu­er­pflich­ti­ger für sei­ne Gesund­heit macht, kön­nen gleich­zei­tig den pri­va­ten und beruf­li­chen Lebens­be­reich des Steu­er­pflich­ti­gen betref­fen. Sie kön­nen des­halb nur dann als Betriebs­aus­ga­ben oder Wer­bungs­kos­ten abge­zo­gen wer­den, sofern sie ‑ganz oder teil­wei­se- klar und ein­deu­tig durch die beruf­li­che Tätig­keit ver­an­lasst sind.

Ein sol­cher Zusam­men­hang wird für Kos­ten zur Abwen­dung von Krank­hei­ten oder zur Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit ange­nom­men, wenn wie bei sog. typi­schen Berufs­krank­hei­ten nach den gesi­cher­ten Erfah­run­gen der Medi­zin die Ent­ste­hung der Krank­heit wesent­lich durch den Beruf mit bedingt ist. Die Recht­spre­chung des BFH erkennt dar­über hin­aus Krank­heits­kos­ten als Betriebs­aus­ga­ben oder Wer­bungs­kos­ten an, wenn im ein­zel­nen Fall der Zusam­men­hang zwi­schen dem Beruf und der Ent­ste­hung der Erkran­kung offen­kun­dig ist 5.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall sah der Bun­des­fi­nanz­hof einen sol­chen, den Abzug von Wer­bungs­kos­ten recht­fer­ti­gen­den Zusam­men­hang zwi­schen den Bur­nout-Beschwer­den des berufs­tä­ti­gen Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit nicht:

Bei einem Bur­nout han­delt es sich um kei­ne typi­sche Berufs­krank­heit. Auch sah der Bun­des­fi­nanz­hof im vor­lie­gen­den Fall kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen den gel­tend gemach­ten psy­chi­schen oder psy­cho­so­ma­ti­schen Erkran­kun­gen mit der Berufs­tä­tig­keit. Im vor­lie­gen­den Fall ergab sich aus dem Inhalt des ärzt­li­chen Attes­tes ins­be­son­de­re nicht, dass der Steu­er­pflich­ti­ge berufs­be­dingt an einem sog. "Bur­nout" litt, so dass für den Bun­des­fi­nanz­hof dahin­ste­hen konn­te, ob bei einem sog. "Bur­nout" ein offen­kun­di­ger Zusam­men­hang zwi­schen der Erkran­kung und dem Beruf ange­nom­men wer­den kann. Beschrie­ben wird ledig­lich ein dif­fu­ses Bild kör­per­li­cher und psy­chi­scher Beschwer­den, die bereits vor der erwähn­ten Umstruk­tu­rie­rung bestan­den und sich danach ver­stärkt hät­ten. Weder wer­den die Beschwer­den nach Art eines kli­ni­schen Befunds näher (z.B. Inten­si­tät, Häu­fig­keit) beschrie­ben noch wird nach­voll­zieh­bar erläu­tert, dass ein ein­deu­ti­ger Zusam­men­hang zwi­schen den Beschwer­den und der Berufs­tä­tig­keit des Klä­gers besteht. Allein der zeit­li­che Ablauf ist ange­sichts des beschrie­be­nen Cha­rak­ters gera­de durch psy­chi­sche Fak­to­ren mit­be­stimm­ter Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen nicht geeig­net, eine offen­kun­di­ge Kau­sa­li­tät zum Beruf zu begrün­den.

Die Auf­wen­dun­gen für den Auf­ent­halt in einer psy­cho­so­ma­ti­schen Kli­nik waren im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs auch nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen nach § 33 EStG zu berück­sich­ti­gen:

Nach § 33 EStG wird die Ein­kom­men­steu­er auf Antrag ermä­ßigt, wenn einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands (außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung) erwach­sen. Zwangs­läu­fig erwach­sen dem Steu­er­pflich­ti­gen Auf­wen­dun­gen dann, wenn er sich ihnen aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den nicht ent­zie­hen kann und soweit die Auf­wen­dun­gen den Umstän­den nach not­wen­dig sind und einen ange­mes­se­nen Betrag nicht über­stei­gen (§ 33 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Auf­wen­dun­gen zur Hei­lung oder Lin­de­rung einer Krank­heit wer­den typi­sie­rend als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tigt, ohne dass es im Ein­zel­fall der nach § 33 Abs. 2 Satz 1 EStG an sich gebo­te­nen Prü­fung der Zwangs­läu­fig­keit dem Grun­de und der Höhe nach bedarf 6. Indes ist die Zwangs­läu­fig­keit von krank­heits­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen für Arz­nei, Heil- und Hilfs­mit­tel (§§ 2, 23, 31 bis 33 SGB V) durch eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers nach­zu­wei­sen (§ 64 Abs. 1 Nr. 1 ESt­DV i.d.F. des 2011-). In den abschlie­ßend gere­gel­ten Kata­log­fäl­len des § 64 Abs. 1 Nr. 2 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 7 ist der Nach­weis der Zwangs­läu­fig­keit durch ein vor Beginn der Heil­maß­nah­me oder dem Erwerb des medi­zi­ni­schen Hilfs­mit­tels aus­ge­stell­tes amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten oder eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Beschei­ni­gung eines medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 275 SGB V) zu füh­ren (§ 64 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011).

Ein sol­cher qua­li­fi­zier­ter Nach­weis ist ‑auf­grund der in § 84 Abs. 3f ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 ange­ord­ne­ten ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­li­chen rück­wir­ken­den Gel­tung des § 64 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 8- auch im Streit­jahr bei psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Behand­lun­gen (§ 64 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 Buchst. b ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011) erfor­der­lich. Hier­an fehlt es im Streit­fall.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. Novem­ber 2015 – VI R 36/​13

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 24.09.2013 – VI R 35/​11, BFH/​NV 2014, 500[]
  2. BFH, Urtei­le vom 09.02.1962 – VI 10/​61 U, BFHE 74, 632, BSt­Bl III 1962, 235; und vom 17.07.1992 – VI R 96/​88, BFH/​NV 1993, 19[]
  3. BFH, Urteil vom 06.05.2010 – VI R 25/​09, BFHE 229, 297, BSt­Bl II 2010, 851[]
  4. BFH, Beschluss vom 21.09.2009 – GrS 1/​06, BFHE 227, 1, BSt­Bl II 2010, 672[]
  5. vgl. BFH-Ent­schei­dun­gen in BFHE 74, 632, BSt­Bl III 1962, 235; in BFH/​NV 1993, 19; vom 23.10.1992 – VI R 31/​92, BFHE 169, 350, BSt­Bl II 1993, 193; vom 11.07.2013 – VI R 37/​12, BFHE 242, 56, BSt­Bl II 2013, 815[]
  6. BFH, Urtei­le vom 01.02.2001 – III R 22/​00, BFHE 195, 144, BSt­Bl II 2001, 543; und vom 03.12 1998 – III R 5/​98, BFHE 187, 503, BSt­Bl II 1999, 227[]
  7. vgl. BFH, Urtei­le vom 06.02.2014 – VI R 61/​12, BFHE 244, 395, BSt­Bl II 2014, 458; vom 26.02.2014 – VI R 27/​13, BFHE 245, 18, BSt­Bl II 2014, 824[]
  8. BFH, Urteil vom 19.04.2012 – VI R 74/​10, BFHE 237, 156, BSt­Bl II 2012, 577[]