Schuld­zin­sen als Wer­bungs­kos­ten für den Erwerb von Akti­en

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs setzt die Aner­ken­nung von Wer­bungs­kos­ten­über­schüs­sen bei den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen das Vor­lie­gen einer sog. Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht vor­aus. Eine sol­che Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht ist dann gege­ben, wenn die Finan­zie­rung der Anschaf­fung oder dem Hal­ten einer Kapi­tal­an­la­ge dient, bei der nicht die Absicht der Rea­li­sie­rung von Wert­stei­ge­run­gen, son­dern – auf Dau­er gese­hen 1 – die Absicht besteht, durch die Ver­mö­gens­nut­zung ein posi­ti­ves Ergeb­nis, d.h. einen (Total-)Überschuss der Kapi­tal­ein­nah­men über die Wer­bungs­kos­ten zu erzie­len. Maß­ge­bend ist dabei das Gesamt­ergeb­nis der vor­aus­sicht­li­chen Ver­mö­gens­nut­zung, wobei aller­dings nicht­steu­er­ba­re und steu­er­freie Ver­äu­ße­rungs­ge­win­ne außer Betracht blei­ben 2.

Schuld­zin­sen als Wer­bungs­kos­ten für den Erwerb von Akti­en

Die Absicht zur Erzie­lung von Ein­nah­me­über­schüs­sen stellt eine inne­re Tat­sa­che dar, die – wie alle sich in der Vor­stel­lung von Men­schen abspie­len­den Vor­gän­ge – nur anhand äuße­rer Merk­ma­le beur­teilt wer­den kann. Das Vor­lie­gen oder Feh­len einer sol­chen Absicht ist daher aus in der Außen­welt erkenn­ba­ren – objek­ti­ven – Umstän­den (Indi­zi­en und Beweis­an­zei­chen) zu erschlie­ßen 3.

Die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob der Steu­er­pflich­ti­ge Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht hat­te, hängt nach die­sen Grund­sät­zen von einer unter Her­an­zie­hung aller objek­ti­ven Umstän­de zu tref­fen­den (Wahr­schein­lich­keits-)Pro­gno­se ab über

  • die vor­aus­sicht­li­che Dau­er der Ver­mö­gens­nut­zung, d.h. die mut­maß­li­che Zeit­span­ne des Hal­tens der (kon­kre­ten) Kapi­tal­an­la­ge,
  • die in die­ser Zeit­span­ne vor­aus­sicht­lich zu erzie­len­den steu­er­pflich­ti­gen Erträ­ge und
  • die in die­ser Zeit­span­ne vor­aus­sicht­lich anfal­len­den Erwerbs­auf­wen­dun­gen 4.

Ein Beweis­an­zei­chen für das Vor­lie­gen der Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht kann auch sein, ob bei objek­ti­ver Beur­tei­lung ein sol­cher Über­schuss erwar­tet wer­den kann 5. Ist auf­grund einer sol­chen Pro­gno­se nach den maß­geb­li­chen Ver­hält­nis­sen des Streit­jah­res nicht zu erwar­ten, dass der Steu­er­pflich­ti­ge auf die Dau­er der Ver­mö­gens­nut­zung gese­hen ein – wenn auch beschei­de­nes – posi­ti­ves Gesamt­ergeb­nis wird erzie­len kön­nen, ist die Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht zu ver­nei­nen 6. Auch spricht die Ver­äu­ße­rung der Kapi­tal­an­la­ge mit Gewinn, ohne dass die Schuld­zin­sen durch die lau­fen­den Erträ­ge gedeckt wer­den konn­ten, für die Absicht der Erzie­lung steu­er­frei­er Wert­stei­ge­run­gen unter blo­ßer Mit­nah­me lau­fen­der Erträ­ge 7. Ent­spre­chen­des gilt, wenn die Kapi­tal­an­la­ge lan­ge gehal­ten wird und die Finan­zie­rungs­kos­ten die lau­fen­den Erträ­ge stän­dig über­stei­gen 8. Außer­dem ist in Fäl­len, in denen die Wer­bungs­kos­ten (hier: die Schuld­zin­sen) die bis­he­ri­gen Erträ­ge über­stei­gen, zu berück­sich­tig­ten, dass es sich dem Cha­rak­ter nach um vor­ab ent­stan­de­ne Wer­bungs­kos­ten han­deln wür­de 9. Inso­weit ist ein wirt­schaft­li­cher Zusam­men­hang (§ 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 EStG) nicht nur zu dem nied­ri­gen Ertrag des Streit­jah­res, son­dern zu zukünf­ti­gen Erträ­gen zu for­dern, die die hohen Auf­wen­dun­gen ein­mal aus­glei­chen sol­len. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits all­ge­mein bei einem mit­tel­ba­ren Zusam­men­hang von Auf­wen­dun­gen mit Ein­künf­ten ver­langt, dass der Zusam­men­hang nicht zu lose sein darf 10. Zin­sen gehö­ren grund­sätz­lich zu den mit­tel­ba­ren Wer­bungs­kos­ten. Gera­de bei vor­ab ent­stan­de­nen Schuld­zin­sen folgt dar­aus auch, dass die Ein­nah­men zeit­lich gese­hen zumin­dest abseh­bar sein müs­sen 11. Davon kann aber jeden­falls inso­weit nicht die Rede sein, als es um die Ein­nah­men geht, die ins­ge­samt die Ver­lus­te der Vor­jah­re aus­glei­chen sol­len 12. Ins­be­son­de­re stellt die blo­ße Erwar­tung künf­ti­ger Ren­di­teer­hö­hun­gen kei­nen kon­kre­ten wirt­schaft­lich nach­voll­zieh­ba­ren Anhalts­punkt dar, der auf Dau­er gese­hen einen Gesamt­über­schuss erwar­ten lässt 6.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist bei der Gesamt­be­ur­tei­lung des Akti­en­de­pots unter Berück­sich­ti­gung eines bereits über 10 Jah­re oder mehr andau­ern­den Über­schus­ses der Aus­ga­ben über die Ein­nah­men das Vor­lie­gen einer Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht zu ver­nei­nen, wenn kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich sind, dass sich in Zukunft noch ein Total­über­schuss erge­ben könn­te. Denn das Ent­ste­hen eines Total­über­schus­ses müs­se zeit­lich abseh­bar sein 13.

Bei der Beur­tei­lung, ob im kon­kre­ten Fall eine Über­schuss­erzie­lungs­ab­sicht gege­ben ist, ist grund­sätz­lich auf jede ein­zel­ne Kapi­tal­an­la­ge abzu­stel­len 14, wobei ver­schie­de­ne Wert­pa­pie­re mit wirt­schaft­lich glei­cher Funk­ti­on als ein­heit­li­che Kapi­tal­an­la­ge im o.g. Sin­ne anzu­se­hen sind 15.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 28. Juli 2010 – 4 K 289/​06

  1. BFH, Urteil vom 05.03.1991 – VIII R 6/​88, BFHE 164, 319, BSt­Bl II 1991, 744 m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 21.07.1981 – VIII R 154/​76, BFHE 134, 113, BSt­Bl II 1982, 37; vom 08.10.1985 – VIII R 234/​84, BFHE 145, 335, BSt­Bl II 1986, 596; vom 14.11.1989 – VIII R 270/​84, BFH/​NV 1990, 776; vom 30.10.1990 – VIII R 42/​87, BFHE 163, 324, BSt­Bl II 1991, 340; und vom 04.05.1993 – VIII R 89/​90, BFH/​NV 1994, 225[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 23.03.1982 – VIII R 132/​80, BFHE 135, 320, BSt­Bl II 1982, 463; vgl. auch BFH, Beschluss vom 25.06.1984 – GrS 4/​82, BFHE 141, 405, BSt­Bl II 1984, 751[]
  4. BFH, Urteil vom 28.10.1999 – VIII R 7/​97, BFH/​NV 2000, 564 m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 21.07.1981 – VIII R 154/​76, BFHE 134, 113, BSt­Bl II 1982, 37; und vom 08.10.1985 – VIII R 234/​84, BFHE 145, 335, BSt­Bl II 1986, 596[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 28.10.1999 – VIII R 7/​97, BFH/​NV 2000, 564 m.w.N.[][]
  7. vgl. BFH, Urtei­le vom 21.07.1981 – VIII R 154/​76, BFHE 134, 113, BSt­Bl II 1982, 37; und vom 23.03.1982 – VIII R 132/​80, BFHE 135, 320, BSt­Bl II 1982, 463[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 134, 113, BSt­Bl II 1982, 37; und vom 23.03.1982 – VIII R 132/​80, BFHE 135, 320, BSt­Bl II 1982, 463[]
  9. vgl. dazu all­ge­mein BFH, Beschluss vom 04.07.1990 – GrS 1/​89, BFHE 160, 466, 478, BSt­Bl II 1990, 830[]
  10. BFH, Urteil vom 01.10.1982 – VI R 192/​79, BFHE 136, 488, BSt­Bl II 1983, 17[]
  11. vgl. auch BFH, Urteil vom 14.06.1988 – VIII R 252/​82, BFHE 154, 72, 76, BSt­Bl II 1988, 992[]
  12. BFH, Urteil vom 05.03.1991 – VIII R 6/​88, BFHE 164, 319, BSt­Bl II 1991, 744[]
  13. vgl. auch BFH, Urtei­le vom 23.03.1982 – VIII R 132/​80, BFHE 135, 320, BSt­Bl II 1982, 463; vom 05.03.1991 – VIII R 6/​88, BFHE 164, 319, BSt­Bl II 1991, 744; vom 24.03.1992 – VIII R 12/​89, BFHE 168, 415, BSt­Bl II 1993, 18; und vom 31.08.1999 – VIII R 23/​98, BFH/​NV 2000, 420[]
  14. BFH, Urteil vom 24.03.1992 – VIII R 12/​89, BSt­Bl II 1993, 18; BFH, Beschluss vom 26.08.1999 – VIII B 9/​99, BFH/​NV 2000, 311[]
  15. vgl. BFH, Urteil vom 24.03.1992 – VIII R 12/​89, BSt­Bl II 1993, 18 m.w.N.[]