Schul­geld­zah­lun­gen vor dem EuGH

Die deut­schen Rechts­vor­schrif­ten über den Abzug von Schul­geld­zah­lun­gen im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er ver­sto­ßen nach einem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs gegen das Gemein­schafts­recht. Eine steu­er­li­che Begüns­ti­gung von Schuld­geld­zah­lun­gen an bestimm­te Pri­vat­schu­len darf nach die­sem EuGH-Urteil in Deutsch­land steu­er­pflich­ti­gen Per­so­nen bei Schul­geld­zah­lun­gen an Schu­len in ande­ren EU-Mit­glied­staa­ten nicht gene­rell ver­sagt wer­den.

Schul­geld­zah­lun­gen vor dem EuGH

Nach einer Vor­schrift des deut­schen Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes dür­fen Steu­er­pflich­ti­ge 30% des Ent­gelts (mit Aus­nah­me des Ent­gelts für Beher­ber­gung, Betreu­ung und Ver­pfle­gung) abzie­hen, das sie für unter­halts­be­rech­tig­te Kin­der für den Besuch von Pri­vat­schu­len ent­rich­ten, die in Deutsch­land bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen erfül­len.

Da die­se steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung nicht für Schul­geld­zah­lun­gen an Schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten gilt, haben sich das Finanz­ge­richt Köln und die Kom­mis­si­on an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten gewandt, damit sich die­ser zur Ver­ein­bar­keit der betref­fen­den Vor­schrift mit dem Gemein­schafts­recht äußert.

In dem ers­ten Ver­fah­ren klag­ten Eltern vor dem Finanz­ge­richt Köln, die beim Finanz­amt Ber­gisch Glad­bach ver­geb­lich die Berück­sich­ti­gung ihrer Schul­geld­zah­lun­gen an die von zwei ihrer Kin­der besuch­te Cade­muir Inter­na­tio­nal School in Schott­land bean­tragt hat­ten. Auf die ihm vom Finanz­ge­richt Köln zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­leg­te Fra­ge ent­schei­det der Gerichts­hof, dass das Gemein­schafts­recht dem ent­ge­gen­steht, dass die steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung bei Schul­geld­zah­lun­gen an Schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten gene­rell ver­sagt wird.

In sei­ner Begrün­dung unter­schei­det der Gerichts­hof zwi­schen zwei Arten der Schul­fi­nan­zie­rung.
Er weist dar­auf hin, dass sich nur die­je­ni­gen Schu­len, die im Wesent­li­chen aus pri­va­ten Mit­teln finan­ziert wer­den, auf die Dienst­leis­tungs­frei­heit beru­fen kön­nen. Wol­len sol­che in ande­ren Mit­glied­staa­ten als Deutsch­land ansäs­si­ge Schu­len den Kin­dern von in Deutsch­land woh­nen­den Steu­er­pflich­ti­gen eine Schul­aus­bil­dung anbie­ten, beein­träch­tigt der Aus­schluss der Schul­gel­der für aus­län­di­sche Schu­len von der steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung die Dienst­leis­tungs­frei­heit die­ser Schu­len.

Auf Schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten als Deutsch­land, die nicht im Wesent­li­chen aus pri­va­ten Mit­teln finan­ziert wer­den, fin­det die Dienst­leis­tungs­frei­heit kei­ne Anwen­dung. Die steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung darf jedoch in Bezug auf die Schul­geld­zah­lun­gen an die­se Schu­len nicht ver­sagt wer­den. Die Frei­zü­gig­keit der Uni­ons­bür­ger steht einem sol­chen Aus­schluss ent­ge­gen.
Der Gerichts­hof stellt fest, dass die Kin­der der Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens mit dem Besuch einer Schu­le in einem ande­ren Mit­glied­staat von ihrem Recht auf Frei­zü­gig­keit Gebrauch gemacht haben. Eine natio­na­le Rege­lung, die bestimm­te eige­ne Staats­an­ge­hö­ri­ge allein des­we­gen benach­tei­ligt, weil sie von ihrer Frei­heit, sich in einen ande­ren Mit­glied­staat zu bege­ben und sich dort auf­zu­hal­ten, Gebrauch gemacht haben, stellt eine Beschrän­kung die­ser Frei­hei­ten dar.

Die frag­li­che Rege­lung, die dazu führt, dass die steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung Steu­er­pflich­ti­gen ver­sagt wird, die ihre Kin­der zur Schul­aus­bil­dung in einen ande­ren Mit­glied­staat geschickt haben, benach­tei­ligt die Kin­der eige­ner Staats­an­ge­hö­ri­ger allein des­we­gen, weil sie von ihrem Recht auf Frei­zü­gig­keit Gebrauch gemacht haben.
Die Beein­träch­ti­gung der Dienst­leis­tungs­frei­heit und die Beschrän­kung der Frei­zü­gig­keit der Uni­ons­bür­ger las­sen sich nicht mit den Argu­men­ten recht­fer­ti­gen, die die deut­sche Regie­rung vor­ge­tra­gen hat.

Ins­be­son­de­re lässt sich die Beein­träch­ti­gung der Dienst­leis­tungs­frei­heit nicht mit der Begrün­dung recht­fer­ti­gen, dem Grund­satz der Dienst­leis­tungs­frei­heit kön­ne kei­ne Ver­pflich­tung ent­nom­men wer­den, die steu­er­li­che Vor­zugs­be­hand­lung bestimm­ter dem Schul­sys­tem eines Mit­glied­staats zuge­hö­ren­der Schu­len auf einem ande­ren Mit­glied­staat zuge­hö­ren­de Schu­len zu erstre­cken. Zwar fal­len die direk­ten Steu­ern wie auch die Lehr­in­hal­te und die Gestal­tung des Bil­dungs­sys­tems in die Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten, doch müs­sen die­se ihre Befug­nis­se unter Wah­rung des Gemein­schafts­rechts aus­üben. Im Übri­gen sieht die frag­li­che Rege­lung kei­ne Direkt­sub­ven­tio­nie­rung der betref­fen­den Schu­len durch den deut­schen Staat vor, son­dern viel­mehr eine steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung für Eltern wegen der Schul­geld­zah­lun­gen an die­se Schu­len.

Die Nicht­er­stre­ckung der in Rede ste­hen­den steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung auf Schul­geld­zah­lun­gen an Pri­vat­schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten kann auch nicht mit dem Argu­ment gerecht­fer­tigt wer­den, die­se Schu­len und die von der frag­li­chen Rege­lung erfass­ten deut­schen Schu­len, denen unter­sagt sei, Schul­geld in einer Höhe zu erhe­ben, die eine Son­de­rung der Schü­ler nach den Besitz­ver­hält­nis­sen ihrer Eltern zulas­se, befän­den sich nicht in einer objek­tiv ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on. Die Rege­lung macht näm­lich die steu­er­li­che Ver­güns­ti­gung davon abhän­gig, dass die betref­fen­de Pri­vat­schu­le in Deutsch­land geneh­migt, erlaubt oder aner­kannt ist, ohne objek­ti­ve Kri­te­ri­en auf­zu­stel­len, die es ermög­li­chen wür­den, zu bestim­men, wel­che Arten des von deut­schen Schu­len ver­lang­ten Schul­gelds abzugs­fä­hig sind. Jede in einem ande­ren Mit­glied­staat als Deutsch­land ansäs­si­ge Pri­vat­schu­le ist somit auf­grund der blo­ßen Tat­sa­che, dass sie nicht in Deutsch­land ansäs­sig ist, auto­ma­tisch von der steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung aus­ge­schlos­sen, ohne dass es dar­auf ankä­me, ob sie Kri­te­ri­en erfüllt wie die Erhe­bung von Schul­geld in einer Höhe, die kei­ne Son­de­rung der Schü­ler nach den Besitz­ver­hält­nis­sen ihrer Eltern zulässt.

Schließ­lich kön­nen die fest­ge­stell­ten Beein­träch­ti­gun­gen auch nicht mit dem Ziel gerecht­fer­tigt wer­den, eine über­mä­ßi­ge finan­zi­el­le Belas­tung zu ver­mei­den. Der Gerichts­hof stellt hier­zu fest, dass die Beschrän­kung der Abzugs­fä­hig­keit des Schul­gelds auf einen bestimm­ten Betrag, der der steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung ent­spricht, die der deut­sche Staat gemäß bestimm­ten eige­nen Wert­vor­stel­lun­gen für den Besuch von Schu­len im Inland gewährt, ein mil­de­res Mit­tel als die Ver­sa­gung der betref­fen­den Steu­er­vergüns­ti­gung wäre. Es ist jeden­falls offen­kun­dig unver­hält­nis­mä­ßig, Schul­geld­zah­lun­gen von Steu­er­pflich­ti­gen an Schu­len, die in ande­ren Mit­glied­staa­ten ansäs­sig sind, von der steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung voll­stän­dig aus­zu­schlie­ßen. Dadurch wer­den näm­lich die Schul­geld­zah­lun­gen die­ser Steu­er­pflich­ti­gen an Schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten von der steu­er­li­chen Ver­güns­ti­gung unab­hän­gig davon aus­ge­schlos­sen, ob die betref­fen­den Schu­len objek­ti­ve Kri­te­ri­en erfül­len, die nach inner­staat­li­chen Grund­sät­zen auf­ge­stellt wor­den sind und anhand deren sich bestim­men lässt, wel­che Arten von Schul­geld einen Anspruch auf die Steu­er­ver­güns­ti­gung geben.

In dem zwei­ten jetzt vom EuGH ent­schie­de­nen Ver­fah­ren hat­te die EU-Kom­mis­si­on die­se Bestim­mun­gen des deut­schen Ein­kom­men­steu­er­rechts moniert: Auf die Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge der Kom­mis­si­on hin hat der Gerichts­hof ent­schie­den, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dadurch gegen ihre Ver­pflich­tun­gen aus den Frei­zü­gig­keits­rech­ten der Uni­ons­bür­ger und der Arbeit­neh­mer, der Nie­der­las­sungs­frei­heit sowie der Dienst­leis­tungs­frei­heit ver­sto­ßen hat, dass sie Schul­geld­zah­lun­gen für den Besuch von Schu­len in ande­ren Mit­glied­staa­ten gene­rell von dem im deut­schen Ein­kom­men­steu­er­ge­setz vor­ge­se­he­nen Son­der­aus­ga­ben­ab­zug aus­ge­schlos­sen hat.

Zusätz­lich zu den in der Vor­la­ge­sa­che des Finanz­ge­richts Köln fest­ge­stell­ten Beein­träch­ti­gun­gen stellt der Gerichts­hof fest, dass die deut­sche Rege­lung die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer und die Nie­der­las­sungs­frei­heit der steu­er­pflich­ti­gen Eltern ver­letzt. Die Rege­lung benach­tei­ligt ins­be­son­de­re Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge, die nach Deutsch­land gezo­gen sind oder dort ihren Arbeits­platz haben und deren Kin­der wei­ter­hin eine kos­ten­pflich­ti­ge Schu­le in einem ande­ren Mit­glied­staat besu­chen. Die­sen Arbeit­neh­mern und Selb­stän­di­gen ist der Son­der­ab­zug ver­wehrt, anders als wenn ihre Kin­der eine Schu­le in Deutsch­land besuch­ten.

Euro­päi­scher Gerichts­hof, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2007 – C‑76/​05 und C‑318/​05