Sti­pen­di­en – und ihre Steu­er­frei­heit

Sti­pen­di­en für an einer Hoch­schu­le beschäf­tig­te Wis­sen­schaft­ler zur Erfül­lung einer For­schungs­auf­ga­be oder zur Bestrei­tung des Lebens­un­ter­halts sind nach § 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. a EStG 2009 grund­sätz­lich steu­er­frei, wenn sie die zuvor aus einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis bezo­ge­nen Ein­nah­men nicht über­stei­gen, nach den von dem Geber erlas­se­nen Richt­li­ni­en ver­ge­ben wer­den und der Emp­fän­ger im Zusam­men­hang mit dem Sti­pen­di­um nicht zu einer bestimm­ten wis­sen­schaft­li­chen oder künst­le­ri­schen Gegen­leis­tung oder zu einer bestimm­ten Arbeit­neh­mer­tä­tig­keit ver­pflich­tet ist.

Sti­pen­di­en – und ihre Steu­er­frei­heit

Nach § 3 Nr. 44 EStG sind Sti­pen­di­en steu­er­frei, die unmit­tel­bar aus öffent­li­chen Mit­teln oder von zwi­schen­staat­li­chen oder über­staat­li­chen Ein­rich­tun­gen, denen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Mit­glied ange­hört, zur För­de­rung der For­schung oder zur För­de­rung der wis­sen­schaft­li­chen oder künst­le­ri­schen Aus­bil­dung oder Fort­bil­dung gewährt wer­den. Das Glei­che gilt für Sti­pen­di­en, die zu den in Satz 1 bezeich­ne­ten Zwe­cken von einer Ein­rich­tung, die von einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts errich­tet ist oder ver­wal­tet wird, oder von einer Kör­per­schaft, Per­so­nen­ver­ei­ni­gung oder Ver­mö­gens­mas­se i.S. des § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes gege­ben wer­den.

Vor­aus­set­zung für die Steu­er­frei­heit ist, dass

  • die Sti­pen­di­en einen für die Erfül­lung der For­schungs­auf­ga­be oder für die Bestrei­tung des Lebens­un­ter­halts und die Deckung des Aus­bil­dungs­be­darfs erfor­der­li­chen Betrag nicht über­stei­gen und nach den von dem Geber erlas­se­nen Richt­li­ni­en ver­ge­ben wer­den (§ 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. a EStG),
  • der Emp­fän­ger im Zusam­men­hang mit dem Sti­pen­di­um nicht zu einer bestimm­ten wis­sen­schaft­li­chen oder künst­le­ri­schen Gegen­leis­tung oder zu einer bestimm­ten Arbeit­neh­mer­tä­tig­keit ver­pflich­tet ist (§ 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. b EStG).

Dem Gesetz selbst sind wei­te­re Merk­ma­le für eine Begren­zung die­ses Betra­ges nicht zu ent­neh­men.

Immer­hin ergibt sich aus dem Zusam­men­hang der Rege­lun­gen in Satz 3 Buchst. a einer­seits und Satz 1 der Vor­schrift ande­rer­seits, dass die nach dem Gesetz gebo­te­ne Bestim­mung des Sti­pen­di­ums "zur För­de­rung" der in Satz 1 benann­ten Zwe­cke ‑anders als bei För­der­maß­nah­men i.S. des § 3 Nr. 11 EStG 1- auch die zur Bestrei­tung des Lebens­un­ter­halts die­nen­den Zuwen­dun­gen umfasst 2.

In die­sem Zusam­men­hang soll § 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. a EStG nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers ledig­lich sicher­stel­len, dass "Sti­pen­di­en nur in der Höhe steu­er­frei blei­ben, die zur Errei­chung des mit dem Sti­pen­di­um ver­folg­ten Zwecks erfor­der­lich ist" 3.

Die­se Erfor­der­lich­keit "zur Errei­chung des mit dem Sti­pen­di­um ver­folg­ten Zwecks" ist nach dem BFH, Urteil vom 15.09.2010 – X R 33/​08 4 schon dann zu beja­hen, wenn

  • die Ver­ga­be des Sti­pen­di­ums nach den Richt­li­ni­en für die Ver­ga­be der Sti­pen­di­en i.S. des § 3 Nr. 44 Satz 1 und 2 EStG erfolgt,
  • die Höhe des Sti­pen­di­ums nicht den für die Erfül­lung der For­schungs­auf­ga­be sowie für die Bestrei­tung des Lebens­un­ter­halts der Klä­ge­rin erfor­der­li­chen Betrag über­schrei­tet und
  • die Klä­ge­rin sich nicht zu einer bestimm­ten Gegen­leis­tung ver­pflich­tet.

Die Vor­aus­set­zung der Begren­zung eines Sti­pen­di­ums auf den für den Lebens­un­ter­halt erfor­der­li­chen Betrag hat der Bun­des­fi­nanz­hof für ein Sti­pen­di­um in Höhe von 35.000 $ bejaht 5. Eben­so hat der Bun­des­fi­nanz­hofH mit Urteil in BFHE 202, 168, BSt­Bl II 2004, 190 eine hin­rei­chen­de betrags­mä­ßi­ge Begren­zung des Sti­pen­di­ums bei einer Zuwen­dung von jähr­lich 22.900 DM bejaht.

Dabei ist davon aus­zu­ge­hen, dass man­gels kon­kre­ter Rege­lun­gen in § 3 Nr. 44 EStG die erfor­der­li­chen Auf­wen­dun­gen für den Lebens­un­ter­halt eines Sti­pen­dia­ten nach der all­ge­mei­nen Ver­kehrs­auf­fas­sung zu bestim­men sind 6.

Dabei ist unter Lebens­be­darf die Gesamt­heit der Mit­tel zu ver­ste­hen, die benö­tigt wer­den, um dem Ein­zel­nen ein men­schen­wür­di­ges Leben in einem sozia­len Umfeld zu sichern. Er umfasst die für den lau­fen­den Lebens­un­ter­halt unent­behr­li­chen Auf­wen­dun­gen für Woh­nung, Ver­pfle­gung, Klei­dung, Aus­bil­dung, Gesund­heit, ange­mes­se­ne Frei­zeit­ge­stal­tung und ande­re not­wen­di­ge Aus­ga­ben die­ser Art 7.

Eben­so sind die Leis­tun­gen nach dem Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz (BAföG) nicht als Höchst­sät­ze für die Aner­ken­nung von Sti­pen­di­en als steu­er­freie Zuwen­dun­gen i.S. des § 3 Nr. 44 EStG anzu­se­hen 8.

Indes­sen sind kann die im vor­lie­gen­den Fall fest­ge­stell­te Dif­fe­renz zwi­schen dem zur Deckung des Lebens­be­darfs vom Kol­leg monat­lich gezahl­ten Betrag von 2.700 € einer­seits und dem im Streit­jahr 2009 gel­ten­den BAföG-Höchst­satz von 643 € für (nicht bei ihren Eltern leben­de) Stu­den­ten ande­rer­seits zum Anlass genom­men, einen über 2.000 € hin­aus­ge­hen­den Bei­trag des Kol­legs zu den Lebens­hal­tungs­kos­ten als nicht mehr erfor­der­lich i.S. des § 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. a EStG anzu­se­hen.

Für die­sen Ansatz lässt sich auch mit Blick auf den hier­für in Bezug genom­me­nen Grund­frei­be­trag als Aus­druck der Steu­er­frei­heit des Exis­tenz­mi­ni­mums in Höhe von 7.834 EUR im Streit­jahr kei­ne hin­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge fin­den 9.

Aus­zu­ge­hen ist näm­lich von der Not­wen­dig­keit, bei der Bestim­mung des "erfor­der­li­chen Lebens­un­ter­halts" das Alter der Sti­pen­dia­ten, ihre aka­de­mi­sche Vor­bil­dung sowie deren nach der Ver­kehrs­auf­fas­sung erfor­der­li­che typi­sche Lebens­hal­tungs­kos­ten in ihrer kon­kre­ten sozia­len Situa­ti­on zu berück­sich­ti­gen.

Auf die­ser Grund­la­ge kann das vor Inan­spruch­nah­me des Sti­pen­di­ums ver­ein­nahm­te und im Bewil­li­gungs­zeit­raum des Sti­pen­di­ums zeit­wei­lig aus­fal­len­de Ent­gelt ein gewich­ti­ges Indiz dafür begrün­den, dass das Sti­pen­di­um, wel­ches betrags­mä­ßig über den Betrag der vor­her bezo­ge­nen Ein­nah­men nicht wesent­lich hin­aus­geht, ledig­lich den "erfor­der­li­chen Lebens­be­darf" der Sti­pen­dia­ten i.S. des § 3 Nr. 44 Satz 3 Buchst. a EStG abdeckt.

Dies gilt zumin­dest dann, wenn die Bemes­sung des Unter­halts zur För­de­rung des gemein­nüt­zi­gen Stif­tungs­zwecks (hier "För­de­rung her­aus­ra­gen­der For­schung durch Ein­la­dung her­vor­ra­gend qua­li­fi­zier­ter Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler") ohne Begrün­dung eines Arbeits- oder Dienst­ver­hält­nis­ses (§ 1 Satz 2, § 5a2 Satz 1 der Stif­tungs­be­stim­mun­gen) "als Bei­trag zur ange­mes­se­nen Lebens­füh­rung" ‑wie im Streit­fall- aus­ge­wie­sen ist und im Wesent­li­chen auf den Aus­gleich für den zeit­wei­li­gen Aus­fall der vor Bewil­li­gung des Sti­pen­di­ums bezo­ge­nen Ein­nah­men aus­ge­rich­tet ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Febru­ar 2015 – VIII R 43/​12

  1. vgl. dazu RFH, Urteil vom 19.05.1938 – IV 97/​38, RFHE 44, 49; BFH, Urtei­le vom 04.05.1972 – IV 133/​64, BFHE 105, 374, BSt­Bl II 1972, 566; vom 27.04.2006 – IV R 41/​04, BFHE 214, 69, BSt­Bl II 2006, 755[]
  2. BFH, Urteil vom 20.03.2003 – IV R 15/​01, BFHE 202, 168, BSt­Bl II 2004, 190; Berg­kem­per in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 3 Nr. 44 EStG Rz 2[]
  3. BT-Drs. IV/​2400, S. 62; BFH, Urteil in BFHE 202, 168, BSt­Bl II 2004, 190[]
  4. BFHE 231, 108, BSt­Bl II 2011, 637[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFHE 231, 108, BSt­Bl II 2011, 637[]
  6. vgl. HHR/​Bergkemper, § 3 Nr. 44 EStG Rz 2; von Beckerath, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 3 Nr. 44 Rz B 44/​79[]
  7. vgl. Palandt/​Brudermüller, Bür­ger­li­ches Gesetz­buch, 74. Aufl., § 1610 Rz 9[]
  8. eben­so Finanz­ge­richt Ber­lin, Urteil vom 12.12 2000 – 5 K 5192/​99, EFG 2001, 483, bestä­tigt durch BFH, Urteil in BFHE 202, 168, BSt­Bl II 2004, 190[]
  9. a.A. wohl Ross in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 3 Nr. 44 Rz 5; bei Zah­lung in Höhe übli­cher Ent­loh­nung im Berufs­um­feld des Sti­pen­dia­ten kei­ne Steu­er­frei­heit: Ver­fü­gung der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on Frank­furt am Main vom 28.07.2011 S 2121 A‑13-St 213, Tz.02.01.[]