Straf­ba­rer Bezug von Kin­der­geld – und die Hem­mung der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung

Nach § 171 Abs. 7 i.V.m. § 169 Abs. 2 Satz 2 AO endet die Fest­set­zungs­frist in Fäl­len der Steu­er­hin­ter­zie­hung oder der leicht­fer­ti­gen Steu­er­ver­kür­zung nicht, bevor die Ver­fol­gung der Steu­er­straf­tat oder der Steuer­ord­nungs­wid­rig­keit ver­jährt ist. Dies gilt auch im Rah­men eines straf­ba­ren Kin­der­geld­be­zugs.

Straf­ba­rer Bezug von Kin­der­geld – und die Hem­mung der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te die Mut­ter das Kin­der­geld für ihre bei­den Kin­der von August 1997 bis Sep­tem­ber 2012 dop­pelt bezo­gen, näm­lich sowohl von der Fami­li­en­kas­se ihres öffent­lich-recht­li­chen Arbeit­ge­bers als auch von der gemäß § 72 EStG unzu­stän­di­gen Fami­li­en­kas­se des Arbeits­amts bzw. der Bun­des­agen­tur für Arbeit in D.

Wenn die zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se ‑z.B. durch Ein­tritt oder Aus­schei­den des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten aus dem öffent­li­chen Dienst (§ 72 EStG)- wech­selt, kann die bis­he­ri­ge Kin­der­geld­fest­set­zung auf­ge­ho­ben und das Kin­der­geld von der zustän­dig gewor­de­nen Fami­li­en­kas­se neu fest­ge­setzt wer­den. Statt­des­sen kann die Kin­der­geld­zah­lung aber auch auf Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Fest­set­zung von der ande­ren Behör­de fort­ge­führt wer­den 1. Im Streit­fall ist die Mut­ter aber unun­ter­bro­chen im öffent­li­chen Dienst beschäf­tigt gewe­sen, näm­lich bis zum 31.07.1997 in C und seit dem 1.08.1997 in D. Die Fami­li­en­kas­se des Arbeits­amts bzw. der Bun­des­agen­tur für Arbeit in D ist daher nicht zustän­dig gewor­den und konn­te ihre Fest­set­zung auf­he­ben. Ob sich ihre Ände­rungs­be­fug­nis ‑wie das Finanz­ge­richt ange­nom­men hat- aus § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b AO, aus § 70 Abs. 2 EStG oder ‑was zutref­fen dürf­te- aus § 174 Abs. 2 AO ergibt 2, kann dahin­ste­hen.

Vor­lie­gend war der Mut­ter auf­grund des auf ihre Anträ­ge erfolg­ten dop­pel­ten Bezugs eine Steu­er­hin­ter­zie­hung vor­zu­wer­fen (§ 370 Abs. 1 AO), so dass sich die Fest­set­zungs­frist auf zehn Jah­re ver­län­gert hat (§ 169 Abs. 2 Satz 2 AO).

Da die Ver­fol­gung der von der Mut­ter began­ge­nen Steu­er­hin­ter­zie­hung noch nicht ver­jährt war, wur­de der Ablauf der Fest­set­zungs­frist nach § 171 Abs. 7 AO gehemmt.

Nach § 171 Abs. 7 i.V.m. § 169 Abs. 2 Satz 2 AO endet die Fest­set­zungs­frist in Fäl­len der Steu­er­hin­ter­zie­hung oder der leicht­fer­ti­gen Steu­er­ver­kür­zung nicht, bevor die Ver­fol­gung der Steu­er­straf­tat oder der Steuer­ord­nungs­wid­rig­keit ver­jährt ist.

Die straf­recht­li­che Ver­fol­gung vor­sätz­li­cher Steu­er­ver­kür­zun­gen ver­jährt, falls ‑wie im Streit­fall- nicht § 376 AO ein­greift, in fünf Jah­ren (§ 78 Abs. 3 Nr. 4 des Straf­ge­setz­buchs ‑StGB- i.V.m. § 370 Abs. 1 AO). Die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung beginnt, sobald die Hand­lung been­det ist (§ 78a Satz 1 StGB). Tritt ein zum Tat­be­stand gehö­ren­der Erfolg jedoch erst spä­ter ein, so beginnt die Ver­jäh­rung mit die­sem Zeit­punkt (§ 78a Satz 2 StGB).

Die Mut­ter hat durch den zwei­fa­chen Bezug von Kin­der­geld, das als Steu­er­ver­gü­tung gewährt wird (§ 31 Satz 3 EStG), nicht gerecht­fer­tig­te Steu­er­vor­tei­le erlangt. Dies beruh­te sowohl auf ihren i.S. des § 370 Abs. 1 Nr. 1 AO unrich­ti­gen Anga­ben in dem an die Stadt D gerich­te­ten Kin­der­geld­an­trag vom 25.08.1997, wor­in sie die Fra­ge ver­neint hat­te, ob sie ander­wei­tig Kin­der­geld bean­tragt oder erhal­ten habe, obwohl sie seit August 1997 Kin­der­geld von der Fami­li­en­kas­se des Arbeits­amts C erhielt, als auch dar­auf, dass sie die Fami­li­en­kas­se des Arbeits­amts bzw. der Bun­des­agen­tur für Arbeit in D pflicht­wid­rig dar­über in Unkennt­nis ließ (§ 370 Abs. 1 Nr. 2 AO), dass sie seit August 1997 bei einem ande­ren öffent­lich-recht­li­chen Arbeit­ge­ber beschäf­tigt war.

Der Erfolg ihrer Hand­lung bzw. der pflicht­wid­ri­gen Unter­las­sung trat erst mit der letz­ten Aus­zah­lung ein, d.h. der Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des für Sep­tem­ber 2012. Aus dem das Kin­der­geld­recht beherr­schen­den Monats­prin­zip (§ 66 Abs. 2 EStG) ist nicht her­zu­lei­ten, dass jede monat­li­che Aus­zah­lung eine been­de­te Steu­er­straf­tat dar­stellt, was zur Fol­ge hät­te, dass mit jeder Aus­zah­lung für den jewei­li­gen Monat auch die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung begän­ne 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2014 – III R 13/​14

  1. BFH, Urteil vom 25.09.2014 – III R 25/​13, BFHE 247, 233, BFH/​NV 2015, 99[]
  2. so BFH, Urteil vom 11.12 2013 – XI R 42/​11, BFHE 244, 302, BSt­Bl II 2014, 840[]
  3. BFH, Urteil vom 26.06.2014 – III R 21/​13, BFHE 247, 102, BFH/​NV 2015, 248[]