Trink­geld für den Nota­ras­ses­sor

Frei­wil­li­ge Zah­lun­gen von Nota­ren an Nota­ras­ses­so­ren für deren Ver­tre­tungs­tä­tig­keit sind kei­ne Trink­gel­der i.S. des § 3 Nr. 51 EStG, son­dern steu­er­pflich­ti­ger Arbeits­lohn.

Trink­geld für den Nota­ras­ses­sor

Die recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Notar­be­rufs schließt es aus, frei­wil­li­ge Zah­lun­gen von Nota­ren an Nota­ras­ses­so­ren für deren Ver­tre­tung als Trink­gel­der i.S. des § 3 Nr. 51 EStG anzu­se­hen. Es liegt ins­be­son­de­re kein Kun­den- oder kun­den­ähn­li­ches Ver­hält­nis vor, wie es der Begriff des Trink­gelds, der auch § 3 Nr. 51 EStG zugrun­de liegt, vor­aus­setzt. Nota­ras­ses­so­ren gehö­ren nicht zu der typi­schen Berufs­grup­pe, in der Arbeit­neh­mer­trink­gel­der tra­di­tio­nell einen flan­kie­ren­den Bestand­teil der Ent­loh­nung dar­stel­len.

um Arbeits­lohn gemäß § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG gehö­ren nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs alle Vor­tei­le, die für eine Beschäf­ti­gung im öffent­li­chen oder pri­va­ten Dienst gewährt wer­den. Dies gilt auch für die Zuwen­dung eines Drit­ten, wenn die­se ein Ent­gelt "für" eine Leis­tung bil­det, die der Arbeit­neh­mer im Rah­men des Dienst­ver­hält­nis­ses für sei­nen Arbeit­ge­ber erbringt, erbracht hat oder erbrin­gen soll. Vor­aus­set­zung ist, dass sie sich für den Arbeit­neh­mer als Frucht sei­ner Arbeit für den Arbeit­ge­ber dar­stellt und im Zusam­men­hang mit dem Dienst­ver­hält­nis steht 1.

Danach waren die von den ver­tre­te­nen Nota­ren an die Nota­ras­ses­so­rin geleis­te­ten Zah­lun­gen ‑wie das Finanz­ge­richt zutref­fend geur­teilt hat- Arbeits­lohn i.S. des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG.

Die­ser Arbeits­lohn war nicht gemäß § 3 Nr. 51 EStG steu­er­frei.

Nach § 3 Nr. 51 EStG sind ohne betrags­mä­ßi­ge Begren­zung Trink­gel­der steu­er­frei, die anläss­lich einer Arbeits­leis­tung dem Arbeit­neh­mer von Drit­ten frei­wil­lig und ohne dass ein Rechts­an­spruch auf sie besteht, zusätz­lich zu dem Betrag gege­ben wer­den, der für die­se Arbeits­leis­tung zu zah­len ist.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist Trink­geld i.S. des § 3 Nr. 51 EStG eine dem dienst­leis­ten­den Arbeit­neh­mer vom Kun­den oder Gast gewähr­te zusätz­li­che Ver­gü­tung, die eine gewis­se per­sön­li­che Bezie­hung zwi­schen dem Arbeit­neh­mer und dem Drit­ten vor­aus­setzt. Trink­geld ist eine frei­wil­li­ge und typi­scher­wei­se per­sön­li­che Zuwen­dung an den Bedach­ten als eine Art hono­rie­ren­de Aner­ken­nung sei­ner dem Leis­ten­den gegen­über erwie­se­nen Mühe­wal­tung in Form eines klei­ne­ren Geld­ge­schen­kes 2. Zum Begriff des Trink­gelds gehört es dem­nach, dass in einem nicht unbe­dingt recht­li­chen, jeden­falls aber tat­säch­li­chen Sin­ne Geld­fluss und hono­rier­te Leis­tung kor­re­spon­die­rend ein­an­der gegen­über­ste­hen, weil die durch die Zuwen­dung "belohn­te" Dienst­leis­tung dem Leis­ten­den unmit­tel­bar zugu­te­kommt. Fak­tisch steht der Trink­geld­emp­fän­ger damit in einer dop­pel­ten Leis­tungs­be­zie­hung und erhält kor­re­spon­die­rend dazu auch dop­pel­tes Ent­gelt, näm­lich das Arbeits­ent­gelt sei­tens sei­nes Arbeit­ge­bers und das Trink­geld sei­tens des Kun­den 3.

Der Trink­geld­be­griff ist durch den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch geprägt 4 und erfasst ins­be­son­de­re Zuwen­dun­gen an Arbeit­neh­mer, bei denen Trink­gel­der tra­di­tio­nell einen flan­kie­ren­den Bestand­teil der Ent­loh­nung dar­stel­len 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen sind die von den ver­tre­te­nen Nota­ren an die Nota­ras­ses­so­rin geleis­te­ten, frei­wil­li­gen Zah­lun­gen in Höhe von ins­ge­samt 1.000 EUR kei­ne steu­er­frei­en Trink­gel­der i.S. des § 3 Nr. 51 EStG, son­dern steu­er­pflich­ti­ger Arbeits­lohn. Die recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Notar­be­rufs schließt es aus, die Zah­lun­gen der Nota­re an die Nota­ras­ses­so­rin als Nota­ras­ses­so­rin für die Ver­tre­tung als Trink­gel­der i.S. des § 3 Nr. 51 EStG anzu­se­hen. Zu den Nota­ren besteht ins­be­son­de­re kein Kun­den- oder kun­den­ähn­li­ches Ver­hält­nis, wie es der Typus-Begriff des Trink­gelds, der auch § 3 Nr. 51 EStG zugrun­de liegt, vor­aus­setzt.

Der Notar steht nach gel­ten­dem Recht als Trä­ger eines öffent­li­chen Amtes (§ 1 der Bun­des­no­tar­ord­nung ‑BNo­tO-) nach sei­nen Auf­ga­ben, sei­nen Amts­be­fug­nis­sen und sei­ner Rechts­stel­lung dem Beam­ten oder dem Rich­ter nahe und erfüllt staat­li­che Auf­ga­ben 6. Denn der Notar beur­kun­det Rechts­vor­gän­ge und wird auf dem Gebiet der vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge tätig (§ 1 BNo­tO), nimmt also eine staat­li­che Auf­ga­be wahr, die mate­ri­ell zum Bereich der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit gehört 7. Dem ent­spricht die recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Amts­ver­hält­nis­ses des Notars, für das in wei­tem Umfang Vor­schrif­ten gel­ten, die denen des Beam­ten­rechts nach­ge­bil­det sind. Der Beruf des Notars ist sowohl nach der Eigen­art der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben wie nach der posi­ti­ven Aus­ge­stal­tung des Berufs­rechts dem öffent­li­chen Dienst sehr nahe gerückt 8.

Dem Notar kann für die Zeit sei­ner Abwe­sen­heit oder Ver­hin­de­rung durch die Auf­sichts­be­hör­de (§ 92 Nr. 1 BNo­tO, Prä­si­dent des Land­ge­richts über die Nota­re und Nota­ras­ses­so­ren des Land­ge­richts­be­zirks) gemäß § 39 Abs. 1 BNo­tO auf sei­nen Antrag ein Ver­tre­ter bestellt wer­den. Auf die­sen Ver­tre­ter sind gemäß § 39 Abs. 4 BNo­tO die für den Notar gel­ten­den Vor­schrif­ten grund­sätz­lich ent­spre­chend anzu­wen­den. Auch der Ver­tre­ter ist mit­hin wie der Notar selbst Inha­ber eines öffent­li­chen Amtes; er hat grund­sätz­lich die­sel­ben Rech­te und Pflich­ten wie der Notar 9.

Zwi­schen den Nota­ren, zu deren Ver­tre­te­rin die Nota­ras­ses­so­rin durch die Auf­sichts­be­hör­de bestellt wor­den war, und der Auf­sichts­be­hör­de bestand ange­sichts der vor­be­zeich­ne­ten recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für Amt und Funk­ti­on des Notars kein trink­geld­ty­pi­sches kun­den­ähn­li­ches Dienst­leis­tungs- oder sons­ti­ges Haupt­ver­trags­ver­hält­nis, zu des­sen Erfül­lung sich die Auf­sichts­be­hör­de der Nota­ras­ses­so­rin bedient hät­te.

Der Haupt­zweck der Ver­tre­tung, an dem sich auch die Ermes­sens­aus­übung der Auf­sichts­be­hör­de bei der Bestel­lung eines Ver­tre­ters für den Notar zu ori­en­tie­ren hat, besteht dar­in, den Erfor­der­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge gerecht zu wer­den, die durch den mehr oder min­der lan­ge oder oft ein­tre­ten­den Aus­fall des Notars für die Aus­übung sei­nes Amtes im Gan­zen gestört wird 10. Dage­gen hat sie jeden­falls nicht in ers­ter Linie den Zweck, die Pra­xis des Notars vor einem Rück­gang zu schüt­zen 11. Viel­mehr obliegt den Auf­sichts­be­hör­den (§ 92 BNo­tO) gemäß § 93 Abs. 1 BNo­tO die Dienst­auf­sicht über die Nota­re und Nota­ras­ses­so­ren auf­grund der staat­li­chen Jus­tiz­ho­heit 12. All das spricht gegen ein kun­den­ähn­li­ches Dienst­leis­tungs- und Haupt­ver­trags­ver­hält­nis zwi­schen den Nota­ren und der Auf­sichts­be­hör­de.

Eben­so wenig lässt sich das Ver­hält­nis der Nota­re zur Notar­kam­mer Meck­len­burg-Vor­pom­mern und zur Län­der­no­tar­kas­se als kun­den­ähn­li­ches Dienst­leis­tungs- und Haupt­ver­trags­ver­hält­nis cha­rak­te­ri­sie­ren. Die Nota­re sind gemäß § 65 BNo­tO Zwangs­mit­glie­der der Notar­kam­mer 13 als einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts (§ 66 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO), deren Auf­ga­ben ins­be­son­de­re in § 67 BNo­tO gesetz­lich gere­gelt sind. Zu die­sen Auf­ga­ben gehört es nicht, den Kam­mer­mit­glie­dern im Sin­ne einer Dienst­leis­tung Nota­ras­ses­so­ren, deren Aus­bil­dung die Notar­kam­mer auf­grund der von der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung vor­ge­ge­be­nen Aus­bil­dungs­ord­nung gestal­tet, zu Ver­tre­tungs­zwe­cken zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die Zustän­dig­keit der Län­der­no­tar­kas­se beschränkt sich ‑soweit es für den Streit­fall von Bedeu­tung ist- auf die Zah­lung der Bezü­ge der Nota­ras­ses­so­rin an Stel­le der Notar­kam­mer (§ 113 Abs. 2, Abs. 3 Nr. 6 BNo­tO).

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. März 2015 – VI R 6/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 18.12 2008 – VI R 49/​06, BFHE 224, 103, BSt­Bl II 2009, 820; und vom 03.05.2007 – VI R 37/​05, BFHE 218, 122, BSt­Bl II 2007, 712, m.w.N.[]
  2. BFH, Urtei­le vom 19.07.1963 – VI 73/​62 U, BFHE 77, 433, BSt­Bl III 1963, 479; in BFHE 218, 122, BSt­Bl II 2007, 712, und in BFHE 224, 103, BSt­Bl II 2009, 820; so auch die in der Lite­ra­tur ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, vgl. Berg­kem­per in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 3 Nr. 51 EStG Rz 2; v. Beckerath, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 3 Nr. 51 Rz B 51/​51; Blümich/​Erhard, § 3 Nr. 51 EStG Rz 3[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 218, 122, BSt­Bl II 2007, 712[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 224, 103, BSt­Bl II 2009, 820[]
  5. BT-Drs. 14/​9029, 3[]
  6. BVerfG, Beschlüs­se vom 02.04.1963 – 2 BvL 22/​60, BVerfGE 16, 6; vom 05.05.1964 – 1 BvL 8/​62, BVerfGE 17, 371; und vom 19.06.2012 – 1 BvR 3017/​09, BVerfGE 131, 130[]
  7. BVerfG, Beschlüs­se in BVerfGE 16, 6, und in BVerfGE 131, 130, jeweils m.w.N.[]
  8. BVerfG, Beschlüs­se in BVerfGE 17, 371; und vom 18.06.1986 – 1 BvR 787/​80, BVerfGE 73, 280[]
  9. Lerch in Arndt/​Lerch/​Sandkühler, BNo­tO, 7. Aufl., § 7 Rz 38; Bau­mann in Eylmann/​Vaasen, BNo­tO, 3. Aufl.2011, § 7 Rz 35, 36 und 47[]
  10. BGH, Beschluss vom 09.01.1995, NotZ 6/​93, NJW-RR 1995, 1081[]
  11. BGH, Beschluss vom 08.11.1976 NotZ 4/​76, BGHZ 67, 296, 298[]
  12. Lerch in Arndt/​Lerch/​Sandkühler, a.a.O., § 93 Rz 2; Bau­mann in Eylmann/​Vaasen, a.a.O., § 93 Rz 3; Lem­ke in Schippel/​Bracker, BNo­tO, 8. Aufl., § 93 Rz 1[]
  13. vgl. Lerch in Arndt/​Lerch/​Sandkühler, a.a.O., § 65 Rz 11[]