Über­tra­gung des Frei­be­tra­ges für Betreu­ungs­be­darf, Erzie­hungs­be­darf oder Aus­bil­dungs­be­darf

Die Über­tra­gung des Frei­be­tra­ges für den Betreu­ungs- und Erzie­hungs- oder Aus­bil­dungs­be­darf auf Antrag des Eltern­teils, bei dem das Kind gemel­det ist, ver­stößt nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht gegen das Grund­ge­setz.

Über­tra­gung des Frei­be­tra­ges für Betreu­ungs­be­darf, Erzie­hungs­be­darf oder Aus­bil­dungs­be­darf

Bei min­der­jäh­ri­gen Kin­dern wird der dem Eltern­teil, in des­sen Woh­nung das Kind nicht gemel­det ist, zuste­hen­de BEA-Frei­be­trag auf Antrag des ande­ren Eltern­teils auf die­sen über­tra­gen (§ 32 Abs. 6 Satz 6 Halb­satz 2 EStG). Die­se Vor­schrift sieht der Bun­des­fi­nanz­hof nicht als ver­fas­sungs­wid­rig an.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die unter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen zuläs­si­ge Über­tra­gung des Betreu­ungs­frei­be­tra­ges gemäß § 32 Abs. 6 Satz 7 Halb­satz 2 EStG i.d.F. des Geset­zes zur Fami­li­en­för­de­rung vom 22.12.1999 1 für ver­fas­sungs­ge­mäß erach­tet 2. Nach herr­schen­der Mei­nung gilt für die Über­tra­gung des mit dem Zwei­ten Gesetz zur Fami­li­en­för­de­rung vom 16.08.2001 3 ein­ge­führ­ten BEA-Frei­be­tra­ges nichts ande­res 4. Der Bun­des­fi­nanz­hof schließt sich der herr­schen­den Mei­nung an.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 2 darf der Gesetz­ge­ber typi­sie­rend davon aus­ge­hen, dass das Kind in dem Haus­halt des Eltern­teils, bei dem es gemel­det ist, auf­ge­nom­men ist und von die­sem Eltern­teil umfas­send betreut wird. Da die­ser Eltern­teil im Regel­fall einen höhe­ren Betreu­ungs­auf­wand hat als der ande­re Eltern­teil, der das Kind ggf. an Wochen­en­den oder in den Schul­fe­ri­en betreut oder der Fremd­be­treu­ungs­leis­tun­gen (mit-)finanziert, ist es sach­ge­recht, den Betreu­ungs­frei­be­trag auf Antrag aus­schließ­lich dem Eltern­teil, bei dem das Kind allein gemel­det ist, zu gewäh­ren. Die unter­schied­li­chen gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Über­tra­gung des Kin­der­frei­be­tra­ges einer­seits und des Betreu­ungs­frei­be­tra­ges ande­rer­seits sind eben­falls sach­lich gerecht­fer­tigt 2. An sei­ner Bewer­tung hält der BFH nach noch­ma­li­ger Über­prü­fung fest. Er ist wei­ter der Auf­fas­sung, dass die­se Gesichts­punk­te auch die strei­ti­ge Über­tra­gung des BEA-Frei­be­tra­ges recht­fer­ti­gen.

Hin­sicht­lich des Betreu­ungs­be­darfs kom­men die Grund­sät­ze des BFH-Urteils in BFHE 214, 120, BSt­Bl II 2008, 352 unmit­tel­bar zum Tra­gen. Ins­be­son­de­re trifft das Vor­brin­gen der Revi­si­on nicht zu, dass erst die Bar­un­ter­halts­zah­lun­gen des einen Eltern­teils dem betreu­en­den Eltern­teil die per­sön­li­che Betreu­ung ermög­li­chen. Denn Letz­te­res hängt vom nach­ehe­li­chen Unter­halts­an­spruch des geschie­de­nen Eltern­teils ab (vgl. § 1570 BGB), nicht vom hier zur Beur­tei­lung anste­hen­den Kin­des­un­ter­halt.

Dar­über hin­aus erscheint es auch nicht sach­wid­rig, den auf den Erzie­hungs- oder Aus­bil­dungs­be­darf ent­fal­len­den Frei­be­trags­an­teil bei dem Eltern­teil zu berück­sich­ti­gen, bei dem das Kind gemel­det ist. Die Betreu­ungs- und Erzie­hungs- oder Aus­bil­dungs­be­dar­fe eines Kin­des sind auf prak­ti­ka­ble Wei­se kaum zu tren­nen, wie schon die For­mu­lie­rung in der Geset­zes­be­grün­dung zeigt, wonach der zunächst über­wie­gen­de Betreu­ungs­be­darf im Lau­fe der Zeit durch den Erzie­hungs­be­darf und für älte­re Kin­der durch den Aus­bil­dungs­be­darf über­la­gert bzw. abge­löst wird 5. Der umfas­send betreu­en­de Eltern­teil wird auch häu­fig über­wie­gend den nicht auf die Schu­le und ähn­li­che Insti­tu­tio­nen, son­dern auf die Eltern selbst ent­fal­len­den Aus­bil­dungs­be­darf eines min­der­jäh­ri­gen Kin­des, also regel­mä­ßig eines Schü­lers, etwa durch Hil­fe bei der Vor­be­rei­tung auf Klas­sen­ar­bei­ten, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung, Fahr­ten zur Schu­le, Teil­nah­me an Eltern­aben­den, Orga­ni­sa­ti­on von Nach­hil­fe u.ä., befrie­di­gen. Es liegt in der Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers, den Auf­wand des Eltern­teils, bei dem das Kind gemel­det ist und von dem es typi­sie­rend betrach­tet- daher rund um die Uhr umfas­send betreut und erzo­gen wird, im Ergeb­nis sach­lich höher zu gewich­ten als etwa die Bezah­lung von Nach­hil­fe­stun­den oder Musik­schul­un­ter­richt durch den bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil. Damit ist kein sach­wid­ri­ger Aus­schluss des bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils von kind­be­ding­ten Steu­er­ent­las­tun­gen ver­bun­den 6. Viel­mehr wird die Steu­er­ent­las­tung bei dem Eltern­teil wirk­sam, der den im BEAF­rei­be­trag erfass­ten Auf­wand nach der gesetz­ge­be­ri­schen Ein­schät­zung im Gro­ßen und Gan­zen über­wie­gend trägt und des­sen Belas­tungs­si­tua­ti­on mit einer ledig­lich hälf­ti­gen Betei­li­gung an der kind­be­ding­ten Steu­er­ent­las­tung nicht aus­rei­chend Rech­nung getra­gen wür­de.

Schließ­lich spre­chen Prak­ti­ka­bi­li­täts­grün­de dafür, dass der Gesetz­ge­ber ver­fas­sungs­recht­lich nicht gehal­ten war, vom Kon­zept eines ein­heit­li­chen BEA-Frei­be­tra­ges und der antrags­ab­hän­gi­gen aus­schließ­li­chen Berück­sich­ti­gung die­ses Frei­be­tra­ges beim Eltern­teil, bei dem das Kind gemel­det ist, abzu­rü­cken. Bei Preis­ga­be des Kon­zepts wären näm­lich zahl­rei­che auf­wän­di­ge Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen nach den ver­schie­de­nen Bedarfs­ar­ten (Betreu­ung, Erzie­hung, Aus­bil­dung) und Alters­stu­fen (Klein­kin­der mit höhe­rem (Fremd-)Betreuungsbedarf, Schul­kin­der, Aus­zu­bil­den­de u.ä.)) sowie ggf. eine Ermitt­lung und Gewich­tung der von den jewei­li­gen Eltern­tei­len erbrach­ten Leis­tun­gen mate­ri­el­ler wie imma­te­ri­el­ler Art- zur Befrie­di­gung der jewei­li­gen Bedar­fe erfor­der­lich gewe­sen (z.B. Bewer­tung der vom bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil über­nom­me­nen Kin­der­gar­ten­ge­büh­ren und der Eigen­be­treu­ungs­leis­tun­gen des ande­ren Eltern­teils für die übri­ge Zeit). Die damit ein­her­ge­hen­de erheb­li­che Ver­kom­pli­zie­rung der Rechts­an­wen­dung wider­strei­tet dem Ziel der Prak­ti­ka­bi­li­tät und der Ein­fach­heit des Rechts, das beson­ders auf dem Gebiet der steu­er­recht­li­chen Mas­sen­ver­wal­tung Gel­tung bean­sprucht 7. Außer­dem ent­sprä­che sie auch nicht der Aus­sa­ge des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die die­ses spe­zi­ell im Hin­blick auf die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Berück­sich­ti­gung des Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­darfs getrof­fen hat. Danach kann näm­lich im Inter­es­se der Ein­fach­heit und Klar­heit der gesetz­li­chen Rege­lun­gen die kind­be­ding­te Min­de­rung der steu­er­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit in einem ver­ein­heit­lich­ten Ent­las­tungs­tat­be­stand des Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­darfs berück­sich­tigt wer­den, des­sen Vor­aus­set­zun­gen allein durch die Anga­be fami­li­en­be­zo­ge­ner Daten vom Steu­er­pflich­ti­gen dar­ge­legt wer­den kön­nen 8. Einen Anlass, von die­sem "Ver­ein­fa­chungs­auf­trag" abzu­wei­chen und gera­de in Tren­nungs­fäl­len auf­wän­di­ge Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen vor­zu­neh­men, sieht der Bun­des­fi­nanz­hof nicht.

Die Anknüp­fung an die Ein­tra­gung im Mel­de­re­gis­ter ist sach­lich zu recht­fer­ti­gen und damit eben­falls ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich 9. Ob, wie teil­wei­se ver­tre­ten wird, das Merk­mal der Haus­halts­zu­ge­hö­rig­keit sach­ge­rech­ter wäre 10, kann dahin­ste­hen. Denn bei der Über­prü­fung einer gesetz­li­chen Rege­lung am Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ist nicht zu unter­su­chen, ob der Gesetz­ge­ber die zweck­mä­ßigs­te oder gerech­tes­te Lösung gefun­den hat, son­dern nur, ob er die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen sei­ner Gestal­tungs­frei­heit über­schrit­ten hat 11.

Dass der Gesetz­ge­ber nun­mehr mit dem Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­setz 2011 12 dem Anlie­gen des Klä­gers der Sache nach Rech­nung trägt, da der Eltern­teil, bei dem das Kind nicht gemel­det ist, der Über­tra­gung wider­spre­chen kann, weil er Kin­der­be­treu­ungs­kos­ten trägt oder das Kind regel­mä­ßig in einem nicht unwe­sent­li­chen Umfang betreut (§ 32 Abs. 6 Satz 9 EStG i.d.F. des StVer­einfG 2011), recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Mit der Neu­re­ge­lung trägt der Gesetz­ge­ber dem Umstand Rech­nung, dass in zuneh­men­dem Maße in Tren­nungs­fäl­len bei­de Eltern­tei­le den Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­darf ihres Kin­des sicher­stel­len 13. Der Gesetz­ge­ber hat also die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung beob­ach­tet und sei­ne Ein­schät­zung den ver­än­der­ten Rea­li­tä­ten ange­passt. Damit hat er aber mit­nich­ten zum Aus­druck gebracht, dass sei­ne frü­he­re Ein­schät­zung einer aus sei­ner Sicht noch anders gela­ger­ten gesell­schaft­li­chen Situa­ti­on unver­tret­bar gewe­sen sei.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Okto­ber 2011 – III R 42/​07

  1. BGBl I 1999, 2552, BSt­Bl I 2000, 4[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 214, 120, BSt­Bl II 2008, 352[][][]
  3. BGBl I 2001, 2074, BSt­Bl I 2001, 533[]
  4. so auch FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16.01.2009 – 13 K 299/​04, EFG 2011, 1703; Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach A, I. Kom­men­tie­rung, § 32 Rz 134; Pust in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 32 Rz 932; Schmidt/​Loschelder, EStG, 30. Aufl., § 32 Rz 92; Dürr in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 32 Rz 134; kri­tisch Blümich/​Selder, § 32 EStG Rz 231; Grei­te, BFH-Recht­spre­chung zum Kin­der­geld im Jahr 2006, NWB Fach 3a, 2465, 2476[]
  5. BT-Drucks 14/​6160, S. 11[]
  6. hier­zu BVerfG, Beschluss vom 08.06.1977 – 1 BvR 265/​75, BVerfGE 45, 104, BSt­Bl II 1977, 526[]
  7. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BGBl I 2004, 2570; vom 27.07.2010 – 2 BvR 2122/​09, HFR 2010, 1109[]
  8. BVerfG, Beschluss vom 10.11.1998 – 2 BvR 1057/​91 u.a., BVerfGE 99, 216, BSt­Bl II 1999, 182[]
  9. BFH, Urteil in BFHE 214, 120, BSt­Bl II 2008, 352; vgl. fer­ner BFH, Beschluss vom 26.01.2001 – VI B 250/​00, BFH/​NV 2001, 779, m.w.N.[]
  10. z.B. Heu­er­mann, Deut­sches Steu­er­recht 2000, 1546[]
  11. z.B. BVerfG, Beschluss vom 08.10.1991 – 1 BvL 50/​86, BVerfGE 84, 348, BGBl – I 1991, 2170, m.w.N.[]
  12. vom 01.11.2011, BGBl – I 2011, 2131[]
  13. BT-Drucks 17/​6146, S.19[]