Über­tra­gung des hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­tra­ges – bei feh­len­der Unter­halts­be­dürf­tig­keit

Die Über­tra­gung des hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­tra­ges schei­det bei feh­len­der Unter­halts­be­dürf­tig­keit aus.

Über­tra­gung des hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­tra­ges – bei feh­len­der Unter­halts­be­dürf­tig­keit

Nach § 32 Abs. 6 Satz 1 EStG wird bei der Ver­an­la­gung zur Ein­kom­men­steu­er für jedes zu berück­sich­ti­gen­de Kind des Steu­er­pflich­ti­gen ein Frei­be­trag von 2.184 € für das säch­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des (Kin­der­frei­be­trag) sowie ein Frei­be­trag von 1.320 € für Betreu­ungs- und Erzie­hungs- oder Aus­bil­dungs­be­darf (BEA-Frei­be­trag) des Kin­des vom Ein­kom­men abge­zo­gen.

Die Frei­be­trä­ge für Kin­der bil­den neben dem Kin­der­geld die wesent­li­chen Kom­po­nen­ten des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs. Das Gesetz unter­schei­det zwei ver­schie­de­ne Arten von Frei­be­trä­gen, den Kin­der­frei­be­trag, der das säch­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum abde­cken soll und BEA-Frei­be­trag, der Bedarfs­la­gen jen­seits des Exis­tenz­mi­ni­mums aus­glei­chen soll.

Das Gesetz ermög­licht in § 32 Abs. 6 Satz 6 EStG auf Antrag eines Eltern­teils, den Kin­der­frei­be­trag des ande­ren Eltern­teil auf ihn zu über­tra­gen, wenn er, nicht jedoch der ande­re Eltern­teil sei­ner Unter­halts­pflicht gegen­über dem Kind für das Kalen­der­jahr im Wesent­li­chen nach­kommt oder der ande­re Eltern­teil man­gels Leis­tungs­fä­hig­keit nicht unter­halts­pflich­tig ist.

Nach § 32 Abs. 6 Satz 6 EStG (in der Fas­sung ab 2012) wird bei einem unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen Eltern­paar, bei dem die Vor­aus­set­zun­gen des § 26 Abs. 1 Satz 1 EStG nicht vor­lie­gen, auf Antrag eines Eltern­teils der dem ande­ren Eltern­teil zuste­hen­de Kin­der­frei­be­trag auf ihn über­tra­gen, wenn er, nicht jedoch der ande­re Eltern­teil, sei­ner Unter­halts­pflicht gegen­über dem Kind für das Kalen­der­jahr im Wesent­li­chen nach­kommt oder der ande­re Eltern­teil man­gels Leis­tungs­fä­hig­keit nicht unter­halts­pflich­tig ist. Die Über­tra­gung bedarf kei­ner Zustim­mung des ande­ren Eltern­teils 1.

Die Unter­halts­pflicht im Sin­ne die­ser Vor­schrift bestimmt sich nach bür­ger­li­chem Recht 2. Für den Unter­halt, der den gesam­ten Lebens­be­darf umfasst (§ 1610 Abs. 2 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs ‑BGB-), haf­ten Eltern als gleich nahe Ver­wand­te ihren Kin­dern antei­lig nach ihren Erwerbs- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen (§ 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB; z.B. BFH, Urteil vom 24.03.2006 – III R 57/​00, BFH/​NV 2006, 1815). Eine Über­tra­gung ist hin­ge­gen aus­ge­schlos­sen, wenn der ande­re Eltern­teil sei­ner Unter­halts­pflicht nach Maß­ga­be sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit nach­kommt, selbst wenn sein Bei­trag zum Unter­halts­be­darf ver­hält­nis­mä­ßig gering­fü­gig ist 3. Sei­ner Bar­un­ter­halts­ver­pflich­tung kommt ein Eltern­teil im Wesent­li­chen nach, wenn er sie min­des­tens zu 75 % erfüllt 3. Soweit die Bar­un­ter­halts­ver­pflich­tung nicht durch gericht­li­che Ent­schei­dung, Ver­pflich­tungs­er­klä­rung, Ver­gleich oder ander­wei­tig durch Ver­trag fest­ge­legt ist, ist in der Regel auf die Unter­halts­ta­bel­len der OLG, ins­bes. die "Düs­sel­dor­fer Tabel­le" abzu­stel­len. Maß­geb­lich ist die rela­ti­ve Erfül­lung der kon­kre­ten Unter­halts­pflicht.

Mit der Ände­rung von § 32 Abs. 6 Satz 6 EStG durch das Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­setz 2011 vom 01.11.2011 4 trägt der Gesetz­ge­ber dem Umstand Rech­nung, dass nach dama­li­ger Rechts­la­ge eine Über­tra­gung des Kin­der­frei­be­trags des einen Eltern­teils nicht in Betracht kam, wenn die­ser Eltern­teil man­gels Leis­tungs­fä­hig­keit nicht unter­halts­pflich­tig gegen­über dem Kind war 5. Die Neu­fas­sung des Sat­zes 6 soll in die­sen Fäl­len die Über­tra­gung des Kin­der­frei­be­trags ermög­li­chen, um den Eltern­teil, der gezwun­ge­ner­ma­ßen allein für den Unter­halt des Kin­des auf­kommt, auch allein zu ent­las­ten 6. Steht die man­geln­de Leis­tungs­fä­hig­keit eines Eltern­teils gemäß § 1603 BGB fest, kann die­ser die Über­tra­gung nicht durch frei­wil­li­ge Leis­tun­gen ver­hin­dern 7, denn es han­delt sich um gleich­wer­ti­ge Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ven 8.

Wei­te­re Vor­aus­set­zung ist, dass das Kind unter­halts­be­dürf­tig ist. Die Unter­halts­pflicht im Sin­ne die­ser Vor­schrift bestimmt sich nach bür­ger­li­chem Recht. Nach § 1602 BGB sind Kin­der unter­halts­be­rech­tigt, wenn sie außer­stan­de sind, sich selbst zu unter­hal­ten 9. Eine Über­tra­gung schei­det daher aus, wenn das Kind wegen eige­nen Ein­kom­mens oder Ver­mö­gens nicht unter­halts­be­dürf­tig ist 10.

Unter Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze erfolg­te eine Über­tra­gung der hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­trä­ge auf die Bei­gela­de­ne für B für die Mona­te März 2014 bis Dezem­ber 2014 und für A für die Mona­te Janu­ar 2014 bis Juli 2014 zu Recht. Ledig­lich für A für die Mona­te August bis Dezem­ber 2014 kommt eine Über­tra­gung nicht in Betracht, da A durch die Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und das Kin­der­geld nicht mehr unter­halts­be­dürf­tig ist.

Nach Anga­ben des Klä­gers und der Bei­gela­de­nen bestehen kei­ne zivil­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen, viel­mehr berech­nen sie den Unter­halt nach der Düs­sel­dor­fer Tabel­le und gehen unstrei­tig davon aus, dass der Klä­ger nicht leis­tungs­fä­hig und daher für die voll­jäh­ri­gen Kin­der B und A nicht (bar-) unter­halts­pflich­tig ist. Danach ist die Über­tra­gung des hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­tra­ges für B für die Mona­te März bis Dezem­ber 2014 und für A für die Mona­te Janu­ar bis Juli 2014 zu Recht erfolgt. Die frei­wil­li­gen Zah­lun­gen des Klä­gers kön­nen nicht berück­sich­tigt wer­den.

Ab August 2014 besteht kei­ne Unter­halts­ver­pflich­tung des Klä­gers und der Bei­gela­de­nen gegen­über A mehr. Durch die Aus­bil­dungs­ver­gü­tung ab August 2014 von monat­lich brut­to 685, 00 € stan­den für den Unter­halt von A unter Berück­sich­ti­gung der Kür­zung um den aus­bil­dungs­be­ding­ten Mehr­be­darf von 90, 00 € monat­lich 595, 00 € zur Ver­fü­gung. Das Kin­der­geld ist gemäß § 1612b Abs. 1 Nr. 2 BGB in vol­ler Höhe zur Deckung des Bar­be­dar­fes des Kin­des zu ver­wen­den 11. Der Unter­halt nach der Düs­sel­dor­fer Tabel­le (hier: Stand 1.01.2013 /​volljährige Kin­der im Haus­halt eines Eltern­teils = 4. Alters­stu­fe – V Anmer­kung 7) beträgt 562, 00 € abzüg­lich Kin­der­geld von 184, 00 € = 378, 00 € und ist folg­lich abge­deckt.

Auch wenn von den gemel­de­ten Net­to­be­trä­gen laut Daten­ab­gleich von 3.710, 42 € – Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung von ins­ge­samt 748, 58 € = 2.961, 84 € und einem monat­li­chen Net­to­ein­kom­men von 592, 37 € unter Berück­sich­ti­gung von monat­li­chen Fahrt­kos­ten von 120, 00 € (durch­schnitt­lich 20 Arbeits­ta­ge x 20 km x 0, 30 €) statt 90, 00 € (pau­schal) = 472, 37 € aus­ge­gan­gen wird, war der Unter­halts­be­darf der Düs­sel­dor­fer Tabel­le von 562, 00 € abzüg­lich Kin­der­geld von 184, 00 € = 378, 00 € abge­deckt. Damit bestand für A ab August 2014 kei­ne Unter­halts­be­dürf­tig­keit und folg­lich für den Klä­ger und die Bei­gela­de­ne kei­ne Unter­halts­pflicht mehr. Eine Über­tra­gung des hälf­ti­gen Kin­der­frei­be­tra­ges schei­det daher aus.

Schles­wig ‑Hol­stei­ni­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 8. Juni 2018 – 2 K 46/​17

  1. Sei­ler in Kirch­hof, EStG, 16. Aufl.2017, § 32 EStG Rn. 28; H/​H/​R, § 32 Rn. 170[]
  2. K/​S/​M, § 32 Rn. A 111 – 117.10[]
  3. BFH, Urteil vom 12.04.2000 – VI R 148/​97, BFH/​NV 2000, 1194[][]
  4. BGBl I 2011, 2131[]
  5. vgl. BT-Drs. 17/​6146, S. 14; zu der dies­be­züg­li­chen Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 25.07.1997 – VI R 107/​96, BSt­Bl II 1998, 329; vom 27.10.2004 – VIII R 11/​04, BFH/​NV 2005, 343 und BFH, Beschluss vom 08.12 2009 – III B 227/​08, BFH/​NV 2010, 639[]
  6. BT-Drs. 17/​6146, S. 14; BFH, Urteil vom 15.06.2016 – III R 18/​15, BFHE 254, 314, BSt­Bl II 2016, 893; Sel­der in Blü­mich, EStG, § 32 Rn. 137; Loschel­der in Schmidt, EStG, § 32 Rn. 85[]
  7. Loschel­der in Schmidt, EStG, § 32 Rn. 85; BMF in BSt­Bl I 2013, 845 Rz. 4[]
  8. BFH, Urteil vom 15.06.2016 – III R 18/​15, BFHE 254, 314, BSt­Bl II 2016, 893[]
  9. BFH, Urteil vom 24.03.2006 – III R 57/​00, BFH/​NV 2006, 1815; Grön­ke-Rei­mann in Herrmann/​Heuer/​Raupach, EStG, § 32 Anm. 184 mit wei­te­ren Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung; Jach­mann in Kirchhof/​Söhn, EStG, § 32 Rn. D 21; Sta­che in Bordewin/​Brandt, EStG, § 32 Rn. 189; Pust in Littmann/​Pust, EStG, § 32 Rn. 866; Loschel­der in Schmidt, EStG, 36. Aufl., § 32 Rn. 85[]
  10. Debus in Frot­scher, EStG, 197. Lfg. 2/​2017, § 32 Rn. 130[]
  11. sie­he auch Düs­sel­dor­fer Tabel­le – V Anmer­kung 10[]