Ver­mö­gens­ver­wal­ten­der Ver­si­che­rungs­ver­trag

Die Mög­lich­keit des Berech­tig­ten einer Lebens­ver­si­che­rung, deren Ver­si­che­rungs­leis­tung von der Wert­ent­wick­lung eines Anla­ge­stocks abhängt, aus meh­re­ren stan­dar­di­sier­ten Anla­ge­stra­te­gi­en zu wäh­len, begrün­det allein kei­ne mit­tel­ba­re Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis i.S. von § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG.

Ver­mö­gens­ver­wal­ten­der Ver­si­che­rungs­ver­trag

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall schloss die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin auf Ver­mitt­lung der X (Deutsch­land) AG (im Fol­gen­den: X), bei der sie ein Wert­pa­pier­de­pot unter­hielt, im Jahr 2007 eine lebens­läng­li­che Todes­fall­ver­si­che­rung mit Ein­mal­prä­mie (A) bei der Y (Liech­ten­stein) AG (im Fol­gen­den: Y) ab. Der Spar­an­teil der Ver­si­che­rungs­prä­mie in Höhe von 1.200.000 EUR wur­de von der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin mit­tels Bank­über­wei­sung gezahlt. Er wur­de in ver­schie­de­ne Ver­mö­gens­wer­te inves­tiert, die in einem bestimm­ten, dem Ver­si­che­rungs­ver­trag zuge­ord­ne­ten Depot­kon­to gehal­ten wur­den. Die Ver­si­che­rungs­leis­tung war, abge­se­hen von einer Min­dest­to­des­fall­leis­tung, an die Wert­ent­wick­lung des Depots gebun­den. Die ab dem 1.12 2008 gel­ten­den, über­ar­bei­te­ten All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen (AVB) ent­hiel­ten unter ande­rem fol­gen­de Rege­lun­gen: Der Ver­si­che­rungs­neh­mer konn­te die Anla­ge­stra­te­gie wäh­rend der Ver­trags­dau­er belie­big oft, kos­ten­frei bis zu vier­mal jähr­lich, ändern. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat­te wäh­rend der Ver­trags­dau­er kei­nen direk­ten Ein­fluss auf die Aus­wahl und Ver­wal­tung der dem Ver­si­che­rungs­ver­trag zuzu­ord­nen­den Ver­mö­gens­wer­te. Er konn­te ins­be­son­de­re weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar über die Ver­äu­ße­rung der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de und die Wie­der­an­la­ge der Erlö­se bestim­men. Die X wur­de von der Y als Ver­mö­gens­ver­wal­ter bestimmt. Ein Wahl­recht, ein Rechts­an­spruch oder ein Wei­sungs­recht des Ver­si­che­rungs­neh­mers auf Beauf­tra­gung eines bestimm­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ters oder einer bestimm­ten Depot­bank bestand nicht. Anla­ge­ent­schei­dun­gen wur­den aus­schließ­lich vom beauf­trag­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ter getrof­fen.

Im Rah­men einer Prü­fung durch das Finanz­amt für Steu­er­straf­sa­chen und Steu­er­fahn­dung kam der zustän­di­ge Prü­fer zu dem Ergeb­nis, dass es sich bei der Ver­si­che­rung um eine ver­mö­gens­ver­wal­ten­de Ver­si­che­rung i.S. von § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes in der ab dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2009 gel­ten­den Fas­sung (EStG) han­de­le. Die dar­aus erziel­ten Erträ­ge sei­en des­halb im Streit­jahr (2011) unmit­tel­bar der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin zuzu­rech­nen. Der Prü­fer schätz­te die Kapi­tal­erträ­ge auf 4 % der gezahl­ten Ein­mal­prä­mie, mit­hin auf 48.000 € jähr­lich. Das Finanz­amt folg­te der Auf­fas­sung der Steu­er­fahn­dung und erließ am 24.05.2013 einen nach § 164 Abs. 2 AO geän­der­ten Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2011, in dem Zin­sen aus der Ver­si­che­rung in Höhe von 48.000 € als zusätz­li­che Ein­nah­men aus Kapi­tal­ver­mö­gen berück­sich­tigt wur­den.

Den Ein­spruch der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin wies das Finanz­amt als unbe­grün­det zurück. Der dage­gen erho­be­nen Kla­ge gab das Finanz­ge­richt Köln statt 1. Der Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tig­te nun die­ses Urteil und wies die Revi­si­on des Finanz­am­tes zurück:

Das Finanz­ge­richt ist rechts­feh­ler­frei davon aus­ge­gan­gen, dass kein ver­mö­gens­ver­wal­ten­der Ver­si­che­rungs­ver­trag i.S. von § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG vor­liegt. Die Erträ­ge aus dem Anla­ge­stock sind daher im Streit­jahr nicht der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin zuzu­rech­nen und von die­ser nicht zu ver­steu­ern.

Nach § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG liegt ein ver­mö­gens­ver­wal­ten­der Ver­si­che­rungs­ver­trag vor, wenn in dem Ver­si­che­rungs­ver­trag eine geson­der­te Ver­wal­tung von spe­zi­ell für die­sen Ver­trag zusam­men­ge­stell­ten Kapi­tal­an­la­gen ver­ein­bart wor­den ist, die nicht auf öffent­lich ver­trie­be­ne Invest­ment­fonds­an­tei­le oder Anla­gen, die die Ent­wick­lung eines ver­öf­fent­lich­ten Inde­xes abbil­den, beschränkt ist, und der wirt­schaft­lich Berech­tig­te unmit­tel­bar oder mit­tel­bar über die Ver­äu­ße­rung der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de und die Wie­der­an­la­ge der Erlö­se bestim­men kann. Auf sol­che ver­mö­gens­ver­wal­ten­den Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge sind die Sät­ze 1 bis 4 des § 20 Abs. 1 Nr. 6 EStG nicht anzu­wen­den (§ 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG). Kapi­tal­erträ­ge z.B. in Form von Zin­sen, Divi­den­den oder Ver­äu­ße­rungs­ge­win­nen aus den der Ver­si­che­rung zuge­ord­ne­ten Kapi­tal­an­la­gen wer­den statt­des­sen dem wirt­schaft­lich Berech­tig­ten zuge­rech­net und nach den all­ge­mei­nen Rege­lun­gen ‑trans­pa­rent- bei ihm besteu­ert 2. § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG ist auf alle Kapi­tal­erträ­ge anwend­bar, die dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men nach dem 31.12 2008 zuflie­ßen (§ 52 Abs. 36 Satz 10 EStG i.d.F. des Jah­res­steu­er­ge­set­zes 2009).

Zwar han­delt es sich bei der Ver­si­che­rung der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin, wie das Finanz­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat und auch vom Finanz­amt nicht in Abre­de gestellt wird, um eine Kapi­tal­ver­si­che­rung mit Spar­an­teil i.S. von § 20 Abs. 1 Nr. 6 EStG. Der Tat­be­stand des § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG ist vor­lie­gend jedoch nicht erfüllt. Es fehlt jeden­falls an der Vor­aus­set­zung, dass die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin als wirt­schaft­lich Berech­tig­te des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges unmit­tel­bar oder mit­tel­bar über die Ver­äu­ße­rung der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de und die Wie­der­an­la­ge der Erlö­se bestim­men konn­te.

Eine unmit­tel­ba­re Dis­po­si­ti­ons­mög­lich­keit i.S. von § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG besteht, wenn der Berech­tig­te selbst unmit­tel­bar über die Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de ver­fü­gen kann 3. Dar­über hin­aus begrün­det ein Wei­sungs­recht des Berech­tig­ten gegen­über dem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men oder dem Ver­mö­gens­ver­wal­ter eine unmit­tel­ba­re 4, jeden­falls aber eine mit­tel­ba­re Dis­po­si­ti­ons­mög­lich­keit. Ein sol­ches Wei­sungs­recht besteht nicht ledig­lich in den Fäl­len, in denen dies ver­trag­lich zwi­schen den Betei­lig­ten ver­ein­bart ist, son­dern kann ‑nach den all­ge­mei­nen steu­er­li­chen Grund­sät­zen (vgl. § 41 AO)- auch auf tat­säch­li­cher Grund­la­ge beru­hen. In allen die­sen Fäl­len bestimmt der Berech­tig­te als Herr des Gesche­hens die Aus­wahl der kon­kre­ten Kapi­tal­an­la­gen 3.

Ob tat­säch­lich die Mög­lich­keit der Ein­fluss­nah­me des wirt­schaft­lich Berech­tig­ten auf die Anla­ge­ent­schei­dun­gen besteht, hängt von den Gesamt­um­stän­den des Ein­zel­falls ab. Die Fest­stel­lung und Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de obliegt dem Tat­sa­chen­ge­richt und ist für das Revi­si­ons­ge­richt bin­dend (§ 118 Abs. 2 FGO), wenn sie ver­fah­rens­recht­lich ord­nungs­ge­mäß durch­ge­führt wur­de und nicht gegen Denk­ge­set­ze ver­stößt oder Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt 5. Im Rah­men der Gesamt­wür­di­gung kann es nach zutref­fen­der Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein, ob der wirt­schaft­lich Berech­tig­te einen Wech­sel in der Per­son des Ver­mö­gens­ver­wal­ters ver­lan­gen kann und ob eine nach indi­vi­du­el­len Gesichts­punk­ten und auf kon­kre­te Kapi­tal­an­la­gen aus­ge­rich­te­te Anla­ge­stra­te­gie mit dem wirt­schaft­lich Berech­tig­ten ver­ein­bart wur­de 6.

Kei­ne ‑auch nur mit­tel­ba­re- Mög­lich­keit der Ein­fluss­nah­me auf die Anla­ge­ent­schei­dun­gen wird dage­gen begrün­det, wenn der wirt­schaft­lich Berech­tig­te ledig­lich aus stan­dar­di­sier­ten Anla­ge­stra­te­gi­en, die einer unbe­stimm­ten Viel­zahl von Ver­si­che­rungs­neh­mern ange­bo­ten wird, wäh­len kann 7. Die kon­kre­te Anla­ge­ent­schei­dung liegt bei einer stan­dar­di­sier­ten Anla­ge­stra­te­gie im Ermes­sen des Ver­mö­gens­ver­wal­ters, das ledig­lich durch die abs­trak­ten Anla­ge­zie­le ein­ge­schränkt wird.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist die Tat­sa­chen­wür­di­gung des Finanz­ge­richt revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Nach den nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt sind der steu­er­li­chen Beur­tei­lung des Ver­si­che­rungs­ver­trags im Streit­jahr die AVB vom 01.12 2008 zugrun­de­zu­le­gen. Danach hat­te die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin kein ver­bind­li­ches (recht­li­ches) Wei­sungs­recht gegen­über der X oder der Y. Sie konn­te aus­weis­lich der AVB auch kei­nen Wech­sel des Ver­mö­gens­ver­wal­ters ver­lan­gen. Dass eine von die­sen AVB abwei­chen­de tat­säch­li­che Hand­ha­bung vor­lag, hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Die Tat­sa­che, dass die Beauf­tra­gung der X als Ver­mö­gens­ver­wal­te­rin bereits bei Ver­trags­schluss fest­stand, führt nicht zu einer Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 5 EStG. Auch die Mög­lich­keit, den Ver­si­che­rungs­ver­trag zu kün­di­gen, begrün­det kei­ne steu­er­schäd­li­che Ein­fluss­mög­lich­keit der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin, son­dern kann als "ver­meint­li­ches" Druck­mit­tel bei jeder Lebens­ver­si­che­rung aus­ge­übt wer­den.

Für die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin bestand nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt ledig­lich die Mög­lich­keit, aus meh­re­ren stan­dar­di­sier­ten Anla­ge­stra­te­gi­en, die einer unbe­stimm­ten Viel­zahl von Ver­si­che­rungs­neh­mern ange­bo­ten wur­den, zu wäh­len. Dies ist, wie bereits aus­ge­führt wur­de, steue­run­schäd­lich 8. Das Recht der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin, die gewähl­te Anla­ge­stra­te­gie belie­big oft zu wech­seln, begrün­det kein ande­res Ergeb­nis. Auch inso­weit bestand ledig­lich die Wahl zwi­schen abs­trakt vor­ge­ge­be­nen, stan­dar­di­sier­ten Anla­ge­zie­len, ohne dass dadurch eine indi­vi­du­el­le Anla­ge­stra­te­gie ver­ein­bart oder eine sons­ti­ge mit­tel­ba­re Dis­po­si­ti­ons­mög­lich­keit über die Ver­mö­gens­wer­te eröff­net wur­de.

Ob mit dem BMF ange­nom­men wer­den kann, dass (allein) die Ein­brin­gung eines bereits vor­han­de­nen Depots in den Ver­si­che­rungs­ver­trag die wider­leg­ba­re (tat­säch­li­che) Ver­mu­tung einer fort­be­stehen­den Ein­fluss­mög­lich­keit erbringt 9, kann dahin­ge­stellt blei­ben 10. Das Finanz­ge­richt hat bin­dend fest­ge­stellt, dass für eine der­ar­ti­ge Ver­mu­tung wegen der Bar­leis­tung der Ein­mal­prä­mie kei­ne tat­säch­li­che Grund­la­ge besteht. Über­dies wäre die Ver­mu­tung nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt jeden­falls auf­grund der kon­kre­ten Ver­trags­ge­stal­tung wider­legt. Dabei geht das Finanz­ge­richt zutref­fend davon aus, dass maß­ge­bend nur der fort­dau­ern­de tat­säch­li­che Ein­fluss wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit sein kann 11. Einen sol­chen tat­säch­li­chen Ein­fluss hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Dass aus der Sicht des Finanz­amt auch eine ande­re Tat­sa­chen­wür­di­gung mög­lich gewe­sen wäre, ver­hilft der Revi­si­on nicht zum Erfolg, da die Wür­di­gung des Finanz­ge­richt nicht wider­sprüch­lich ist und auch nicht gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 26. März 2019 – VIII R 36/​15

  1. FG Köln, Urteil vom 29.09.2015 – 10 K 3587/​13, EFG 2016, 26[]
  2. BT-Drs. 16/​11108, S. 15[]
  3. BT-Drs. 16/​11108, S. 14[][]
  4. so BT-Drs. 16/​11108, S. 15; und BMF, Schrei­ben vom 01.10.2009 – IV C 1‑S 2252/​07/​0001, BSt­Bl I 2009, 1172, Rz 34g[]
  5. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. nur BFH, Urteil vom 08.07.2015 – VI R 77/​14, BFHE 250, 518, BSt­Bl II 2016, 60, Rz 24, m.w.N.[]
  6. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2009, 1172, Rz 34g, zwei­ter und drit­ter Spie­gel­strich[]
  7. zutref­fend: BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2009, 1172, Rz 34h[]
  8. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2009, 1172, Rz 34h[]
  9. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2009, 1172, Rz 34i[]
  10. kri­tisch Win­kels, BB 2016, 1310, 1312[]
  11. vgl. auch Win­kels, BB 2016, 1310, 1312[]