Ver­zins­li­che Wert­pa­pie­re – und die vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung

Bei ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren, die eine For­de­rung in Höhe ihres Nomi­nal­werts ver­brie­fen, ist eine Teil­wert­ab­schrei­bung unter den Nenn­wert allein wegen gesun­ke­ner Kur­se regel­mä­ßig nicht zuläs­sig1.

Ver­zins­li­che Wert­pa­pie­re – und die vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ermit­tel­te die kla­gen­de Anle­ge­rin ihren Gewinn nach § 8 Abs. 1 Satz 1 KStG i.V.m. § 4 Abs. 1 EStG. Sie muss dabei gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 EStG für den Schluss eines jeden Wirt­schafts­jah­res das Betriebs­ver­mö­gen anset­zen, das nach den han­dels­recht­li­chen Grund­sät­zen ord­nungs­mä­ßi­ger Buch­füh­rung aus­zu­wei­sen ist und die Bewer­tung jenes Betriebs­ver­mö­gens nach § 6 EStG vor­neh­men.

Nach § 6 Abs. 1 Nr. 2 EStG sind die nicht in § 6 Abs. 1 Nr. 1 EStG genann­ten Wirt­schafts­gü­ter ‑u.a. Wirt­schafts­gü­ter des Anla­ge­ver­mö­gens, die nicht der Abnut­zung unter­lie­gen und Wirt­schafts­gü­ter des Umlauf­ver­mö­gens- grund­sätz­lich mit den Anschaf­fungs- oder Her­stel­lungs­kos­ten anzu­set­zen. Jedoch kann an Stel­le jener Kos­ten der Teil­wert i.S. des § 6 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG ange­setzt wer­den, wenn er auf Grund einer vor­aus­sicht­lich dau­ern­den Wert­min­de­rung nied­ri­ger ist (§ 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 EStG). Sol­che "Teil­wert­ab­schrei­bun­gen" hat die Anle­ge­rin vor­lie­gend für die Anlei­hen in den Streit­jah­ren 2005 und 2007 vor­ge­nom­men.

Bei ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren fehlt es in der Regel an einer "vor­aus­sicht­lich dau­ern­den" Wert­min­de­rung, soweit die Kurs­wer­te der Papie­re unter den Nomi­nal­wert abge­sun­ken sind ‑so im Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2005- oder schon vor ihrem (wei­te­ren) Absin­ken unter jenem Wert lagen ‑so im Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2007-2.

Der Begriff "vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung" ist weder im Han­dels­ge­setz­buch noch im Steu­er­recht defi­niert. Er bezeich­net im Grund­satz eine Min­de­rung des Teil­werts (han­dels­recht­lich: des bei­zu­le­gen­den Werts), die einer­seits nicht end­gül­tig sein muss, ande­rer­seits aber nicht nur vor­über­ge­hend sein darf. Ob eine Wert­min­de­rung "vor­aus­sicht­lich dau­ernd" ist, muss unter Berück­sich­ti­gung der Eigen­art des jeweils in Rede ste­hen­den Wirt­schafts­guts beur­teilt wer­den3.

Im Zusam­men­hang mit ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren ist inso­weit zu berück­sich­ti­gen, dass die­se regel­mä­ßig ‑wie auch im vor­lie­gen­den Fall- eine For­de­rung in Höhe ihres Nomi­nal­werts ver­brie­fen. Der Inha­ber eines sol­chen Papiers hat mit­hin das gesi­cher­te Recht, am Ende der Lauf­zeit die­sen Nomi­nal­wert zu erhal­ten. Die­se Sicher­heit hat er an jedem Bilanz­stich­tag, und zwar unab­hän­gig davon, ob zwi­schen­zeit­lich infol­ge bestimm­ter Markt­ge­ge­ben­hei­ten der Kurs­wert des Papiers unter des­sen Nomi­nal­wert liegt. Ein Absin­ken des Kurs­werts unter den Nomi­nal­wert erweist sich unter die­sem zeit­li­chen Blick­win­kel mit­hin jeden­falls dann, wenn sich dar­in nicht ein Risi­ko hin­sicht­lich der Rück­zah­lung wider­spie­gelt, als nur vor­über­ge­hend und folg­lich als nicht dau­er­haft4. Das schließt die Annah­me einer "vor­aus­sicht­lich dau­ern­den" Wert­min­de­rung aus5.

Das gilt auch dann, wenn die Wert­pa­pie­re zum Umlauf­ver­mö­gen gehö­ren. Denn in einem sol­chen Fall sind die Papie­re zwar nicht dazu bestimmt, dem Betrieb auf Dau­er zu die­nen; sie sol­len viel­mehr nach dem Wil­len des Unter­neh­mers ggf. ‑bei Bedarf oder unter bestimm­ten sons­ti­gen Gege­ben­hei­ten- vor dem Ende ihrer Lauf­zeit ver­äu­ßert wer­den. Auch kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass bei einer in die­sem Sin­ne "vor­zei­ti­gen" Ver­äu­ße­rung nur ein unter­halb des Nomi­nal­werts lie­gen­der Wert erlöst wer­den kann. Ob ‑und ggf. unter wel­chen wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen- hier­aus auf eine vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung i.S. von § 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 EStG geschlos­sen wer­den kann, bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung, da im Streit­fall an den Bilanz­stich­ta­gen der Streit­jah­re kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te dafür bestan­den, dass die Anle­ge­rin beab­sich­tigt hät­te, die in Fra­ge ste­hen­den Antei­le zu ver­äu­ßern.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. April 2018 – I R 37/​16

  1. Bestä­ti­gung des BFH, Urteils vom 08.06.2011 – I R 98/​10, BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716 []
  2. BFH, Urteil vom 08.06.2011 – I R 98/​10, BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716 []
  3. BFH, Urtei­le vom 27.11.1974 – I R 123/​73, BFHE 114, 415, BSt­Bl II 1975, 294; in BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716 []
  4. Schmidt/​Kulosa, EStG, 36. Aufl., § 6 Rz 373, m.w.N. []
  5. BFH, Urteil in BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716; die­sem fol­gend nun­mehr auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen, Schrei­ben vom 02.09.2016, BSt­Bl I 2016, 995, Rz 21 []