Zeit­li­che Ein­schrän­kung eines Kin­der­geld­an­trags

Auch wenn ein Kin­der­geld­an­trag kei­ne Anga­ben zu den Zeit­räu­men ent­hält, für die Kin­der­geld begehrt wird, kann er den­noch auf­grund sei­nes objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halts dahin aus­zu­le­gen sein, dass die Fest­set­zung ab dem Monat bean­tragt wird, in dem erst­mals die für nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­der erfor­der­li­chen aus­län­der­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen.

Zeit­li­che Ein­schrän­kung eines Kin­der­geld­an­trags

Das Kin­der­geld wird nach § 31 Satz 3 EStG als Steu­er­ver­gü­tung gezahlt. Auf Steu­er­ver­gü­tun­gen sind nach § 155 Abs. 4 AO die Vor­schrif­ten über die Steu­er­fest­set­zung (§§ 155 bis 177 AO) sinn­ge­mäß anzu­wen­den, somit auch die Vor­schrif­ten über die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nach §§ 169 bis 171 AO 1. Die Fest­set­zungs­frist für Steu­er­ver­gü­tun­gen beträgt vier Jah­re (§ 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO) und war im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall im Juli 2008, als der Klä­ger das Kin­der­geld für die Mona­te vor Novem­ber 1997 begehr­te, bereits abge­lau­fen. Der Bun­des­fi­nanz­hof bejah­te gleich­wohl einen Anspruch des auf das Kin­der­geld für die­sen Zeit­raum wegen eines bereits frü­her gestell­ten Antrags:

Die Fami­li­en­kas­sen haben grund­sätz­lich die Pflicht, einen Antrag auf Kin­der­geld, der kei­ne zeit­li­che Ein­schrän­kung ent­hält, umfas­send und damit auch für die Ver­gan­gen­heit zu prü­fen. In den von den Fami­li­en­kas­sen ver­wen­de­ten Vor­dru­cken sind kei­ne Ein­tra­gun­gen für eine zeit­li­che Kon­kre­ti­sie­rung vor­ge­se­hen, obwohl dies aus Grün­den der Rechts­klar­heit wün­schens­wert wäre. Ein zeit­lich nicht beschränk­ter Antrag ist nach sei­nem objek­ti­ven Inhalt in der Regel dahin zu ver­ste­hen, dass die Fest­set­zung von Kin­der­geld für den längst­mög­li­chen Zeit­raum und somit auch für die Zeit vor der Antrag­stel­lung begehrt wird. Ein Bescheid, durch den ein zeit­lich nicht ein­ge­schränk­ter Antrag auf Kin­der­geld bestands­kräf­tig abge­lehnt wird, erfasst dem­nach nicht nur den Monat der Antrag­stel­lung und die dar­auf­fol­gen­de Zeit bis zum Monat der Bekannt­ga­be der Ableh­nungs­ent­schei­dung oder ggf. der dazu ergan­ge­nen Ein­spruchs­ent­schei­dung 2, son­dern auch den Zeit­raum vor der Antrag­stel­lung 3.

Gleich­wohl kann im Ein­zel­fall die Aus­le­gung eines Kin­der­geld­an­trags hin­sicht­lich des Zeit­raums, für den Kin­der­geld begehrt wird, erfor­der­lich sein. Ein Kin­der­geld­an­trag ist als außer­pro­zes­sua­le emp­fangs­be­dürf­ti­ge Ver­fah­rens­er­klä­rung ent­spre­chend §§ 133, 157 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches aus­zu­le­gen, sofern er aus­le­gungs­be­dürf­tig ist. Hier­nach ist ent­schei­dend, wie die Fami­li­en­kas­se als Erklä­rungs­emp­fän­ge­rin einen Antrag nach sei­nem objek­ti­ven Erklä­rungs­wert ver­ste­hen muss­te. Dabei kann ggf. auch auf Umstän­de zurück­ge­grif­fen wer­den, die außer­halb der aus­zu­le­gen­den Erklä­rung lie­gen und einen Rück­schluss auf den vom Antrag­stel­ler erklär­ten Wil­len erlau­ben 4.

Das Finanz­ge­richt hat im Streit­fall eine Aus­le­gungs­be­dürf­tig­keit des im Novem­ber 1997 gestell­ten Kin­der­geld­an­trags still­schwei­gend ver­neint, weil die­ser nicht aus­drück­lich zeit­lich beschränkt war 5. Eine Aus­le­gung des Antrags durf­te jedoch nicht unter­blei­ben. Da die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt hier­für aus­rei­chen, kann der BFH als Revi­si­ons­ge­richt die Aus­le­gung selbst vor­neh­men 6.

Der Kin­der­geld­an­trag konn­te nach sei­nem ein­deu­ti­gen Erklä­rungs­in­halt nur dahin ver­stan­den wer­den, dass der Klä­ger die Fest­set­zung ab dem Monat begehr­te, in dem er erst­mals die aus­län­der­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfüll­te, die nach der im Jahr 1997 gel­ten­den Fas­sung des § 62 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­lie­gen muss­ten. Hier­nach hat­te ein nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ter Aus­län­der nur dann einen Anspruch auf Kin­der­geld, wenn er im Besitz einer Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung oder Auf­ent­halts­er­laub­nis war. Der Klä­ger hat­te sei­nem Kin­der­geld­an­trag eine Kopie der erst kurz zuvor erteil­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis bei­gefügt. Damit woll­te er offen­sicht­lich gegen­über der Fami­li­en­kas­se zum Aus­druck brin­gen, dass nun­mehr die aus­län­der­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung erfüllt waren. Die Fami­li­en­kas­se hat­te kei­nen Anhalts­punkt dafür, den Kin­der­geld­an­trag, auch wenn er kei­ne aus­drück­li­che zeit­li­che Ein­schrän­kung ent­hielt, dahin aus­zu­le­gen, dass auch für die Zeit vor Novem­ber 1997 Kin­der­geld begehrt wer­den soll­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. Febru­ar 2012 – III R 45/​10

  1. vgl. BFH, Urteil vom 18.05.2006 – III R 80/​04, BFHE 214, 1, BSt­Bl II 2008, 371[]
  2. s. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 71/​10, BFH/​NV 2012, 298[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 28.01.2004 – VIII R 12/​03, BFH/​NV 2004, 786[]
  4. sie­he BFH, Urteil vom 14.07.1989 – III R 54/​84, BFHE 158, 273, BSt­Bl II 1989, 1024, zum Antrag auf Inves­ti­ti­ons­zu­la­ge[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2004, 786[]
  6. s. BFH, Urteil vom 04.11.1997 – VIII R 18/​94, BFHE 184, 374, BSt­Bl II 1999, 344, a.E.; Gräber/​Ruban, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 118 Rz 24, m.w.N.[]