Zeit­li­cher Rege­lungs­um­fang eines Kin­der­geld-Auf­he­bungs­be­scheids

Ein Bescheid, mit dem die Fest­set­zung von Kin­der­geld mit Wir­kung vom 1. Janu­ar eines frü­he­ren Jah­res unter Hin­weis auf § 70 Abs. 4 EStG auf­ge­ho­ben wird, weil die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des in die­sem Jahr den Grenz­be­trag nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG über­schrit­ten hät­ten, ist aus Emp­fän­ger­sicht dahin aus­zu­le­gen, dass nur für die­ses Jahr eine Ver­wal­tungs­ent­schei­dung getrof­fen wer­den soll, nicht aber für den nach­fol­gen­den Zeit­raum bis zur Bekannt­ga­be des Auf­he­bungs­be­scheids.

Zeit­li­cher Rege­lungs­um­fang eines Kin­der­geld-Auf­he­bungs­be­scheids

Zwar erstreckt sich die Bestands­kraft eines nicht ange­foch­te­nen Bescheids, durch den die Gewäh­rung von Kin­der­geld abge­lehnt oder auf Null Euro (DM) fest­ge­setzt oder durch den eine Kin­der­geld­fest­set­zung auf­ge­ho­ben wird, in zeit­li­cher Hin­sicht grund­sätz­lich bis zum Ende des Monats sei­ner Bekannt­ga­be [1]. Aller­dings ist es der Fami­li­en­kas­se unbe­nom­men, in einem Ableh­nungs- oder Auf­he­bungs­be­scheid eine hier­von abwei­chen­de zeit­li­che Rege­lung zu tref­fen.

Nach § 119 Abs. 1 AO muss ein Ver­wal­tungs­akt inhalt­lich hin­rei­chend bestimmt sein. Einem Ver­wal­tungs­akt muss der Rege­lungs­in­halt ein­deu­tig zu ent­neh­men sein [2]. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, ist im Wege der Aus­le­gung unter Berück­sich­ti­gung der Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 157 BGB zu ermit­teln. Ent­schei­dend sind der erklär­te Wil­le der Behör­de und der sich dar­aus erge­ben­de objek­ti­ve Erklä­rungs­in­halt der Rege­lung, wie ihn der Betrof­fe­ne nach den ihm bekann­ten Umstän­den unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben ver­ste­hen konn­te [3]. Bei der Aus­le­gung ist nicht allein auf den Tenor des Bescheids abzu­stel­len, son­dern auch auf den mate­ri­el­len Rege­lungs­ge­halt ein­schließ­lich der für den Bescheid gege­be­nen Begrün­dung [4].

Der Klä­ger konn­te den Bescheid vom 1. August 2002 dahin ver­ste­hen, dass nur für das Jahr 2000 eine (ableh­nen­de) Rege­lung getrof­fen wer­den soll­te. Zwar ist dar­in nur der 1. Janu­ar 2000 als Zeit­punkt genannt, ab dem die Kin­der­geld­fest­set­zung auf­ge­ho­ben wer­den soll­te. Eine aus­drück­li­che zeit­li­che Begren­zung der Ver­wal­tungs­ent­schei­dung fehlt. Jedoch geht aus dem gesam­ten Inhalt des Bescheids her­vor, dass die Fami­li­en­kas­se nur das Jahr 2000 beur­tei­len woll­te. Zum einen wur­de die Auf­he­bung damit begrün­det, dass die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des im Jahr 2000 die maß­geb­li­che Jah­res­gren­ze über­schrit­ten hät­ten. Zum ande­ren ergibt sich aus dem Hin­weis auf § 70 Abs. 4 EStG, dass nur eine auf das Jahr 2000 bezo­ge­ne Betrach­tung ange­stellt wer­den soll­te, auch wenn die zitier­te Vor­schrift im Streit­fall nicht ein­schlä­gig war, weil die Fami­li­en­kas­se bereits ab Janu­ar 2000 kein Kin­der­geld mehr gezahlt hat­te.

Die durch das Zwei­te Gesetz zur Fami­li­en­för­de­rung vom 16. August 2001 [5] mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2002 ein­ge­führ­te Vor­schrift ermög­licht die Kor­rek­tur von Kin­der­geld­be­schei­den in den Fäl­len, in denen sich nach­träg­lich her­aus­stellt, dass die Pro­gno­se über die zu erwar­ten­den Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des unzu­tref­fend war [6]. Ein Bescheid, durch den eine Kin­der­geld­fest­set­zung nach § 70 Abs. 4 EStG auf­ge­ho­ben wird, betrifft einen Pro­gno­se­zeit­raum und nicht dar­über hin­aus den Zeit­raum bis zum Monat der Bekannt­ga­be. Der Klä­ger konn­te den Hin­weis auf § 70 Abs. 4 EStG und des­sen wört­li­che Wie­der­ga­be dahin ver­ste­hen, dass nur die Fest­set­zung für den Zeit­raum, in dem die Ein­künf­te und Bezü­ge den Grenz­be­trag über­schrit­ten (2000), auf­ge­ho­ben wer­den soll­te. Für die Zeit danach gab die Fami­li­en­kas­se kei­ne Ände­rungs­vor­schrift an. Der Klä­ger hat­te somit allen Anlass zu der Annah­me, der Auf­he­bungs­be­scheid betref­fe nur das Jahr 2000.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Novem­ber 2009 – III R 87/​07

  1. z.B. BFH, Urtei­le vom 25.07.2001 – VI R 78/​98, BFHE 196, 253, BStBl II 2002, 88; und VI R 164/​98, BFHE 196, 257, BStBl II 2002, 89; vom 14.12.2006 – III R 24/​06, BFHE 216, 225, BStBl II 2007, 530[]
  2. BFH, Urteil vom 22.08.2007 – II R 44/​05, BFHE 218, 494, BStBl II 2009, 754[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 18.02.1997 – VII R 96/​95, BFHE 182, 282, BStBl II 1997, 339; vom 11.07.2006 – VIII R 10/​05, BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96; vom 09.04.2008 – II R 31/​06, BFH/​NV 2008, 1435[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 218, 494, BStBl II 2009, 754, m.w.N.[]
  5. BGBl I 2001, 2074, BStBl I 2001, 533[]
  6. BFH; Urteil vom 28.06.2006 – III R 13/​06, BFHE 214, 287, BStBl II 2007, 714; Blümich/​Trei­ber, § 70 EStG Rz 32; Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach A, I. Kom­men­tie­rung, § 70 Rz 18.1; Pust in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 70 EStG Rz 242[]