Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung trotz Insol­venz­eröff­nung

Das Fest­stel­lungs­ver­fah­ren und nach­fol­gend das Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zungs­ver­fah­ren wer­den nicht ana­log § 240 ZPO unter­bro­chen, sofern es sich bei der Ein­kom­men­steu­er auf den Gewinn­an­teil nicht um eine Insol­venz­for­de­rung han­delt.

Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung trotz Insol­venz­eröff­nung

Bei einer Mas­se­for­de­rung muss dage­gen weder das Kla­ge­ver­fah­ren nach § 74 FGO aus­ge­setz wer­den noch hat die Insol­venz­eröff­nung zu einer par­ti­el­len Unter­bre­chung des Fest­stel­lungs­ver­fah­rens geführt, die Ein­fluss auf das Kla­ge­ver­fah­ren haben könn­te.

Zwar muss ein Kla­ge­ver­fah­ren gegen einen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid regel­mä­ßig aus­ge­setzt wer­den, wenn in ihm Ein­wen­dun­gen erho­ben wer­den, über die in einem geson­der­ten Grund­la­gen­be­scheid ‑unab­hän­gig davon, ob er bereits ergan­gen ist- zu ent­schei­den ist. Vor­aus­set­zung ist jedoch eine Vor­greif­lich­keit, die fehlt, wenn die Vor­fra­ge im anhän­gi­gen Rechts­streit nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist. Dies ist der Fall, wenn die Ein­wen­dun­gen nicht das Gewinn­fest­stel­lungs­ver­fah­ren, son­dern die insol­venz­recht­li­che Zuord­nung der Ein­kom­men­steu­ern betref­fen 1.

Über die Fra­ge, ob die nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­de­ten Ein­kom­men­steu­er­for­de­run­gen aus Gewinn­an­tei­len an der D‑GbR als Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten zu qua­li­fi­zie­ren oder dem insol­venz­frei­en Ver­mö­gen des Insol­venz­schuld­ners zuzu­ord­nen sind, ist nicht im ein­heit­li­chen und geson­der­ten Gewinn­fest­stel­lungs­ver­fah­ren, son­dern im Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu ent­schei­den 2.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht für den Fall, dass das Fest­stel­lungs­ver­fah­ren feh­ler­haft durch­ge­führt wor­den sein soll­te. Sol­che Feh­ler wären im Fest­stel­lungs­ver­fah­ren gel­tend zu machen und dort zu prü­fen.

Die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens führ­te nicht zu einer (par­ti­el­len) Unter­bre­chung des Fest­stel­lungs­ver­fah­rens. Dies wäre nur inso­weit der Fall, als Insol­venz­for­de­run­gen (§ 38 InsO) betrof­fen sind 3. Vor­lie­gend sind jedoch kei­ne Insol­venz­for­de­run­gen im Streit, da der Ein­künft­e­tat­be­stand nicht vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens im Jahr 2007 ver­wirk­licht wur­de 4, so dass das Fest­stel­lungs­ver­fah­ren fort­ge­setzt wer­den kann 5. Folg­lich kann (und muss) ein Fest­stel­lungs­be­scheid erlas­sen wer­den, eine Unter­bre­chung ana­log § 240 der Zivil­pro­zess­ord­nung (ZPO) tritt nicht ein. Schließ­lich ist es not­wen­dig, auch nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter für Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten bzw. gegen­über dem Schuld­ner für insol­venz­frei­es Ver­mö­gen Steu­er­be­schei­de erlas­sen und die insol­venz­recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on vor­neh­men zu kön­nen 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 1. Juni 2016 – X R 26/​14

  1. wei­ter­füh­rend: BFH, Urteil vom 16.07.2015 – III R 32/​13, BFHE 251, 102, BSt­Bl II 2016, 251, unter II. 1., m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urteil in BFHE 251, 102, BSt­Bl II 2016, 251, unter II. 1.b, m.w.N.[]
  3. eben­so BFH, Urteil vom 24.08.2004 – VIII R 14/​02, BFHE 207, 10, BSt­Bl II 2005, 246; auch Roth, Insol­venz­steu­er­recht, 2. Aufl., Rz 3207[]
  4. vgl. zur Abgren­zung inso­weit und zur Ver­wirk­li­chung des Besteue­rungs­tat­be­stands z.B. BFH, Urteil vom 09.12 2014 – X R 12/​12, BFH/​NV 2015, 988, unter II. 2.a[]
  5. vgl. Frot­scher, Besteue­rung bei Insol­venz, 8. Aufl., S. 303[]
  6. so wohl auch Waza/​Uhländer/​Schmittmann, Insol­ven­zen und Steu­ern, 11. Aufl., Rz 536[]