Geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung nega­ti­ver Ein­künf­te – und der Streit­wert

Bei Anfech­tungs­kla­gen wegen einer geson­der­ten und ein­heit­li­chen Gewinn­fest­stel­lung bemisst der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung den Streit­wert gemäß § 52 Abs. 1 GKG nach der typi­sier­ten ein­kom­men­steu­er­li­chen Bedeu­tung für die Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten. Die­se ist grund­sätz­lich ‑i.S. einer Ver­ein­fa­chungs­re­ge­lung- mit 25 % des strei­ti­gen Gewinns oder Ver­lusts zu bemes­sen. Die tat­säch­li­chen steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen bei den ein­zel­nen Gesell­schaf­tern wer­den nicht ermit­telt.

Geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung nega­ti­ver Ein­künf­te – und der Streit­wert

Der vor­ge­nann­te Pro­zent­satz ist bei Streit um die Höhe des Gewinns aller­dings kei­ne fes­te Grö­ße. Aus­nahms­wei­se kommt der Ansatz eines höhe­ren Pro­zent­sat­zes in Betracht, wenn ohne beson­de­re Ermitt­lun­gen im Gewinn­fest­stel­lungs­ver­fah­ren erkenn­bar ist, dass der Pau­schal­satz der tat­säch­li­chen ein­kom­men­steu­er­li­chen Aus­wir­kung nicht gerecht wird. Daher ist der Satz von 25 % bei höhe­ren Gewinn- bzw. Ver­lust­an­tei­len wegen der infol­ge des pro­gres­si­ven Ein­kom­men­steu­er­ta­rifs zu erwar­ten­den höhe­ren ein­kom­men­steu­er­li­chen Aus­wir­kung ange­mes­sen zu erhö­hen 1. Die Ober­gren­ze des Pau­schal­sat­zes beträgt für die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2001 bis 2003 nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 2 45 %.

Betrifft die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung gewerb­li­che Ein­künf­te, ist wegen der Mög­lich­keit der Anrech­nung von Gewer­be­steu­er nach § 35 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes bei der Bemes­sung des typi­sier­ten Sat­zes ein ange­mes­se­ner Abschlag zu machen 3. Bei Fest­stel­lung eines Ver­lusts ist eine sol­che Kor­rek­tur des Pau­schal­sat­zes aller­dings im Regel­fall nicht vor­zu­neh­men, weil Bemes­sungs­grund­la­ge für die Anrech­nung der Gewer­be­steu­er­mess­be­trag ist, der im Fall eines Ver­lusts jedoch grund­sätz­lich Null beträgt 4. Viel­mehr kann bei Ver­lus­ten aus den Umstän­den zu schlie­ßen sein, dass die­se bei den Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten zum Aus­gleich hoher posi­ti­ver Ein­künf­te die­nen sol­len, was eine Anwen­dung des höchs­ten Pau­schal­sat­zes auch dann recht­fer­tigt, wenn mög­li­cher­wei­se nicht bei allen Betei­lig­ten ein Grenz­steu­er­satz in die­ser Höhe erreicht wird 5.

Die pau­scha­lier­te Streit­wert­be­mes­sung im Ver­fah­ren der geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung der Ein­künf­te ist auch dann maß­ge­bend, wenn an der strei­ti­gen Fest­stel­lung aus­schließ­lich Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten betei­ligt sind. Aller­dings bleibt der auf einen pro­gres­si­ven Steu­er­ta­rif abzie­len­de Erhö­hungs­grund eines hohen Streit­werts außer Betracht, wenn alle Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten nach einem ein­heit­li­chen Steu­er­ta­rif her­an­ge­zo­gen wer­den 6.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen hat die Kos­ten­stel­le des BFH im vor­lie­gen­den Fall einen Pau­schal­satz von 40 % auf den strei­ti­gen Ver­lust­be­trag ange­wen­det: In Bezug auf die betei­lig­ten natür­li­chen Per­so­nen ist der Satz von 40 % auch dann sach­ge­recht, wenn sich bei einer durch­schnitt­li­chen Betrach­tung pro Kopf ein Betrag in der von der Klä­ge­rin ange­ge­be­nen Grö­ßen­ord­nung von ca. 44.000 EUR erge­ben soll­te. Sind Ver­lus­te einer Fonds­ge­sell­schaft strei­tig, deren Geschäfts­mo­dell die Ver­lus­ter­zie­lung aus­drück­lich vor­sieht, ist grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass die Ver­lust­an­tei­le der Gesell­schaf­ter bei deren Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung hohe ande­re Ein­künf­te aus­glei­chen und sich des­halb mit dem Spit­zen­steu­er­satz ein­kom­men­steu­er­min­dernd aus­wir­ken 7. Die Anwen­dung des Höchst­sat­zes für die typi­sier­te Bemes­sung der ein­kom­men­steu­er­li­chen Aus­wir­kung einer sol­chen Ver­lust­fest­stel­lung ist des­halb im Regel­fall nicht zu bean­stan­den. Ein Abschlag für die Mög­lich­keit zur Anrech­nung der Gewer­be­steu­er ist dabei nicht zu machen. Im Streit­fall war danach ein Pau­schal­satz von 45 % in Bezug auf die betei­lig­ten natür­li­chen Per­so­nen ange­mes­sen.

Für die betei­lig­ten Kör­per­schaf­ten wäre zwar grund­sätz­lich der Kör­per­schaft­steu­er­satz als Maß­stab für die typi­sier­te Streit­wert­be­rech­nung her­an­zu­zie­hen. Ist eine Kör­per­schaft aller­dings an einer Fonds­ge­sell­schaft mit plan­mä­ßi­ger Ver­lus­ter­zie­lung betei­ligt, kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Kör­per­schaft ledig­lich als Treu­hän­der für natür­li­che Per­so­nen fun­giert und dass im Ergeb­nis den Treu­ge­bern die Ver­lust­an­tei­le zuzu­rech­nen sind. Des­halb ist es auch in einem sol­chen Fall gerecht­fer­tigt, den Anteil der Kör­per­schaft dem Höchst­satz zu unter­wer­fen, es sei denn, es steht aus­nahms­wei­se offen­sicht­lich fest, dass kein Treu­hand­ver­hält­nis besteht. Ein sol­cher Aus­nah­me­fall ist hier nicht gege­ben.

Im Ergeb­nis kann die Bemes­sung des Streit­werts mit 40 % des strei­ti­gen Ver­lusts danach nicht als sach­wid­rig ange­se­hen wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 14. April 2016 – IV E 1/​16

  1. vgl. aus jün­ge­rer Zeit etwa BFH, Beschluss vom 31.07.2014 – IV E 2/​14, BFH/​NV 2014, 1766, m.w.N.[]
  2. BFH, Beschluss vom 10.10.2006 – VIII B 177/​05, BFHE 214, 208, BSt­Bl II 2007, 54[]
  3. BFH, Beschluss in BFHE 214, 208, BSt­Bl II 2007, 54[]
  4. BFH, Beschluss vom 12.11.2015 – IV E 8/​15, BFH/​NV 2016, 221[]
  5. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 13.03.1980 – IV E 2/​80, BFHE 130, 363, BSt­Bl II 1980, 520; vom 02.10.1980 – IV R 235/​75, BFHE 131, 288, BSt­Bl II 1981, 38; vom 17.11.1987 – VIII R 346/​83, BFHE 152, 5, BSt­Bl II 1988, 287[]
  6. BFH, Beschluss vom 04.09.2008 – I E 5/​08, BFH/​NV 2008, 2041[]
  7. vgl. etwa BFH, Beschlüs­se in BFHE 131, 288, BSt­Bl II 1981, 38; vom 13.05.1986 – IV E 2/​86, BFH/​NV 1988, 110; vom 22.01.2001 – IV S 10/​00, BFH/​NV 2001, 806[]