Ände­rung eines Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­des bei Organ­schaf­ten

§ 35b GewStG 1999 ermög­licht in Organ­schafts­fäl­len auch bei einer Gewinn­än­de­rung auf der Ebe­ne der Organ­ge­sell­schaft eine Ände­rung des bestands­kräf­ti­gen Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­des.

Ände­rung eines Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­des bei Organ­schaf­ten

Gemäß § 35b Abs. 1 Satz 1 GewStG 1999 ist der Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid von Amts wegen auf­zu­he­ben oder zu ändern, wenn der Ein­kom­men­steu­er­be­scheid, der Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid oder ein Fest­stel­lungs­be­scheid auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird und die Auf­he­bung oder Ände­rung den Gewinn aus Gewer­be­be­trieb berührt. Die Ände­rung des Gewinns aus Gewer­be­be­trieb ist inso­weit zu berück­sich­ti­gen, als sie die Höhe des Gewer­be­er­trags oder des vor­trags­fä­hi­gen Gewer­be­ver­lus­tes beein­flusst (§ 35b Abs. 1 Satz 2 GewStG 1999).

Ist eine Kapi­tal­ge­sell­schaft Organ­ge­sell­schaft i.S. des § 14, § 17 oder § 18 KStG 1999, so gilt sie gemäß § 2 Abs. 2 Satz 2 GewStG 1999 gewer­be­steu­er­recht­lich als Betriebs­stät­te des Organ­trä­gers. Trotz die­ser Betriebs­stät­ten­fik­ti­on bil­den Organ­ge­sell­schaft und Organ­trä­ger jedoch kein ein­heit­li­ches Unter­neh­men. Sie blei­ben viel­mehr selb­stän­di­ge Gewer­be­be­trie­be, die ein­zeln für sich bilan­zie­ren und deren Gewer­be­er­trä­ge getrennt zu ermit­teln sind (sog. gebro­che­ne oder ein­ge­schränk­te Ein­heits­theo­rie) 1. Die Organ­schaft führt dazu, dass die per­sön­li­che Gewer­be­steu­er­pflicht der Organ­ge­sell­schaf­ten für die Dau­er der Organ­schaft dem Organ­trä­ger zuge­rech­net wird 2. Des­halb ist der ein­heit­li­che Gewer­be­steu­er­mess­be­trag allein gegen­über dem Organ­trä­ger fest­zu­set­zen.

Obwohl hier­nach die Gewer­be­er­trä­ge für die Organ­ge­sell­schaft einer­seits und den Organ­trä­ger ande­rer­seits getrennt ermit­telt wer­den und erst danach in einem –ein­heit­li­chen– Gewer­be­er­trag des Organ­trä­gers auf­ge­hen, ermög­licht § 35b GewStG 1999 auch bei einer Gewinn­än­de­rung auf der Ebe­ne der Organ­ge­sell­schaft eine Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­de, sofern die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen der Vor­schrift erfüllt sind.

Der dem Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid zu Grun­de lie­gen­de Gewer­be­er­trag umfasst zum einen den ori­gi­nä­ren Gewer­be­er­trag des Organ­trä­gers, zum ande­ren den der Organ­ge­sell­schaft. Der Gewinn der Organ­ge­sell­schaft ist daher als unselb­stän­di­ge Besteue­rungs­grund­la­ge im Gewer­be­er­trag des Organ­trä­gers ent­hal­ten. Ändert sich der Gewinn der Organ­ge­sell­schaft, wirkt sich dies in glei­cher Wei­se auf den Gewer­be­er­trag des Organ­trä­gers aus wie eine ent­spre­chen­de Ände­rung sei­nes eige­nen Gewinns. Das Gesetz, das für Organ­schafts­fäl­le kei­ne geson­der­te Rege­lung trifft, spricht nur davon, dass der Gewinn aus Gewer­be­be­trieb durch die Ände­rung der Kör­per­schaft­steu­er- oder Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zun­gen "berührt" sein muss. Es for­dert jedoch nicht, dass die Gewinn­än­de­rung den näm­li­chen Gewer­be­be­trieb betrifft, son­dern ver­langt nur, dass eine Gewinn­än­de­rung den Gewer­be­er­trag beein­flusst hat. Dies ist jedoch auch dann der Fall, wenn sich der Gewinn der Organ­ge­sell­schaft ändert.

Eben­so gebie­tet der Zweck der Vor­schrift, Gewinn­än­de­run­gen bei der Organ­ge­sell­schaft in den Anwen­dungs­be­reich des § 35b GewStG 1999 ein­zu­be­zie­hen. Die Vor­schrift dient der Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chung. Sie bezweckt die Ver­mei­dung einer uner­wünsch­ten Ver­dop­pe­lung von Rechts­be­helfs­ver­fah­ren, in denen der Steu­er­pflich­ti­ge sowohl gegen den Ein­kom­men- oder Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid als auch gegen den Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid ein und die­sel­ben mate­ri­ell-recht­li­chen Ein­wen­dun­gen erhebt 3. Zu einer sol­chen Ver­dop­pe­lung von Rechts­be­hel­fen käme es jedoch auch dann, wenn in Organ­schafts­fäl­len, in denen bei der Fest­set­zung der Ein­kom­men- oder Kör­per­schaft­steu­er um die Höhe des Gewinns der Organ­ge­sell­schaft gestrit­ten wird, stets mit den­sel­ben Ein­wen­dun­gen der Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid ange­grif­fen wer­den müss­te.

Ob § 35b GewStG 1999 eine Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­de auch dann ermög­licht, wenn zwar gewer­be­steu­er­recht­lich, nicht aber kör­per­schaft­steu­er­recht­lich eine Organ­schaft vor­lag, bedarf im Streit­fall kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Okto­ber 2009 – I R 29/​09

  1. sie­he zur inso­weit stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs: BFH, Urtei­le vom 04.06.2003 – I R 100/​01, BFHE 203, 171, BSt­Bl II 2004, 244, m.w.N.; vom 14.01.2009 – I R 47/​08, BFHE 224, 126[]
  2. BFH, Urtei­le vom 27.06.1990 – I R 183/​85, BFHE 161, 157, BSt­Bl II 1990, 916; in BFHE 203, 171, BSt­Bl II 2004, 244[]
  3. BFH, Urteil vom 23.06.2004 – X R 59/​01, BFHE 206, 449, BSt­Bl II 2004, 901[]