Auf­lö­sung einer GbR und der rich­ti­ge Adres­sat eines Gewer­ber­steu­er­be­schei­des

Ein Ver­wal­tungs­akt muss gemäß § 119 Abs. 1 AO inhalt­lich hin­rei­chend bestimmt sein. Er ist nich­tig und damit nach § 124 Abs. 3 AO unwirk­sam, soweit er an einem beson­ders schwer­wie­gen­den Feh­ler lei­det und dies bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller in Betracht kom­men­den Umstän­de offen­kun­dig ist (§ 125 Abs. 1 AO).

Auf­lö­sung einer GbR und der rich­ti­ge Adres­sat eines Gewer­ber­steu­er­be­schei­des

Ein Ver­wal­tungs­akt lei­det an schwe­ren und offen­kun­di­gen Män­geln und ist des­halb nich­tig, wenn er inhalt­lich nicht so bestimmt ist, dass ihm hin­rei­chend sicher ent­nom­men wer­den kann, was von wem ver­langt wird. Kon­sti­tu­ie­ren­der Bestand­teil jedes Ver­wal­tungs­akts ist daher die Anga­be des Inhalts­adres­sa­ten, d.h. des­je­ni­gen, dem gegen­über der Ein­zel­fall gere­gelt wer­den soll [1].

Bei einem Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid ist Inhalts­adres­sat der Steu­er­schuld­ner [2]. Gewer­be­steu­er­mess­be­schei­de sind im Fal­le einer Gesamt­rechts­nach­fol­ge an den das Unter­neh­men fort­füh­ren­den Gesamt­rechts­nach­fol­ger zu adres­sie­ren. Ein an den erlo­sche­nen und damit nicht mehr exis­ten­ten Rechts­vor­gän­ger gerich­te­ter Bescheid ist unwirk­sam [3].

Um einen Fall der Gesamt­rechts­nach­fol­ge han­delt es sich auch dann, wenn ein Drit­ter alle Antei­le an einer Per­so­nen­ge­sell­schaft erwirbt [4]; das Gesell­schafts­ver­hält­nis endet infol­ge Kon­fu­si­on. Die GbR wird durch Ver­ei­ni­gung der Gesell­schaf­ter­stel­lung in einer Hand auf­ge­löst und zugleich ohne Aus­ein­an­der­set­zung been­det [5].

Jedoch ist der Ver­kauf der Antei­le der GbR abzu­gren­zen von dem Vor­gang, dass die GbR (d.h. die Gesell­schaf­ter in ihrer gesamt­hän­de­ri­schen Ver­bun­den­heit) das Ver­mö­gen der GbR ganz oder teil­wei­se an einen Drit­ten ver­äu­ßert; denn der Gesell­schaf­ter kann nicht über sei­nen Anteil am Gesell­schafts­ver­mö­gen und an den ein­zel­nen dazu gehö­ren­den Gegen­stän­den ver­fü­gen (§ 719 Abs. 1 BGB). Das Gesell­schafts­ver­mö­gen, auch soweit es Grund­stü­cke betrifft, steht im Eigen­tum der Gesell­schaft [6]. Bei einem Gesell­schaf­ter­wech­sel ist das Gesell­schafts­ver­mö­gen stets dem jewei­li­gen Gesell­schaf­ter­kreis zuge­ord­net [7]. Kein Gesell­schaf­ter kann über einen Bruch­teil an Gegen­stän­den des Gesell­schafts­ver­mö­gens ver­fü­gen [8]. Durch eine Anteils­über­tra­gung ändert sich am Gesell­schafts­ver­mö­gen nichts [9]. Der erwer­ben­de Gesell­schaf­ter haf­tet nach außen gegen­über Drit­ten auch für die vor Erwerb begrün­de­ten Schul­den der GbR [10].

Nach § 133 BGB ist bei der Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen der wirk­li­che Wil­le zu erfor­schen und nicht an dem buch­stäb­li­chen Sinn des Aus­drucks zu haf­ten. Außer­dem sind nach § 157 BGB Ver­trä­ge so aus­zu­le­gen, wie Treu und Glau­ben mit Rück­sicht auf die Ver­kehrs­sit­te es erfor­dern.

Dabei ist der wirk­li­che Wil­le des Erklä­ren­den zu ermit­teln; es ist nicht an dem buch­stäb­li­chen Sin­ne des Aus­drucks haf­ten zu blei­ben [11]. Ver­bo­ten ist eine Buch­sta­ben­in­ter­pre­ta­ti­on; gebo­ten ist hin­ge­gen die Berück­sich­ti­gung des sprach­li­chen Zusam­men­hangs der abge­ge­be­nen Wil­lens­er­klä­run­gen, der Stel­lung der aus­le­gungs­be­dürf­ti­gen For­mu­lie­rung im Gesamt­zu­sam­men­hang des Tex­tes und sämt­li­cher Begleit­um­stän­de [12]. Auch die Art der Durch­füh­rung des Ver­tra­ges ist zu berück­sich­ti­gen [13]. Nur wenn der Ver­trag nach Wort­laut und Zweck einen ein­deu­ti­gen Inhalt hat, ist für eine Aus­le­gung kein Raum [14]. Die Aus­le­gung eines Ver­trags ver­stößt hin­ge­gen gegen die gesetz­li­chen Aus­le­gungs­re­geln, wenn sie kei­nen Anhalt im Wort­laut des Ver­trags fin­det [15]. Bei der Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen gebührt außer­dem im Zwei­fel der Aus­le­gung der Vor­zug, die die Nich­tig­keit oder Unwirk­sam­keit des Geschäf­tes ver­mei­det [16].

Ein von dem objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halt einer For­mu­lie­rung über­ein­stim­mend abwei­chen­des Ver­ständ­nis der Ver­trags­par­tei­en geht nach §§ 133, 157 BGB dem objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halt vor [17]. Für die Aus­le­gung eines Ver­tra­ges tritt die Bedeu­tung des Wort­lauts völ­lig zurück, wenn die Ver­trag­schlie­ßen­den mit einem unvoll­kom­me­nen, einem unrich­ti­gen oder einem sogar sinn­lo­sen Aus­druck eine über­ein­stim­men­de Vor­stel­lung bestimm­ten Inhalts ver­bun­den haben, der von dem Wort­laut nicht ohne wei­te­res oder über­haupt nicht gedeckt ist; in einem sol­chen Fall gilt unbe­scha­det des gewähl­ten Wort­lauts das von den Ver­trag­schlie­ßen­den wirk­lich Gewoll­te als Inhalt des Ver­tra­ges [18]. Wäh­len die Betei­lig­ten ver­se­hent­lich einen fal­schen Aus­druck, kommt der Ver­trag, sofern die Vor­stel­lun­gen der Betei­lig­ten über das wirk­lich Gewoll­te voll über­ein­stim­men (§§ 154, 155 BGB), nicht mit dem (schein­bar) erklär­ten, son­dern mit dem gewoll­ten Inhalt zustan­de [19]. Ein abwei­chen­der Wort­laut der Erklä­rung ist dann uner­heb­lich, mag er auch einen ande­ren Sinn erge­ben [20]. Die­ser Grund­satz ist auch auf form­ge­bun­de­ne Rechts­ge­schäf­te anzu­wen­den [21]. Der aus § 133 BGB abzu­lei­ten­de und grund­sätz­lich auch auf form­be­dürf­ti­ge Ver­trä­ge anzu­wen­den­de Grund­satz „fal­sa demons­tra­tio non nocet“, nach dem ohne Rück­sicht auf einen abwei­chen­den Wort­laut das von den Ver­trag­schlie­ßen­den tat­säch­lich Gemein­te als Inhalt des Ver­trags gilt, kann jedoch im Bereich der Aus­le­gung kör­per­schaft­li­cher Ver­ein­ba­run­gen nicht unein­ge­schränkt ange­wen­det wer­den: Fin­det sich im Ver­trag und in den all­ge­mein zugäng­li­chen Unter­la­gen kein ein­deu­ti­ger Beleg für den dem Wort­laut ent­ge­gen­ste­hen­den sub­jek­ti­ven Wil­len der Ver­trags­par­tei­en, ist kein Raum für des­sen Berück­sich­ti­gung [22].

  1. z.B. BFH, Urteil vom 13.10.2005 – IV R 55/​04, BFHE 211, 387, BStBl II 2006, 404[]
  2. BFH, Urteil vom 15.04.2010 IV R 67/​07, BFH/​NV 2010, 1606[]
  3. z.B. BFH, Urteil vom 13.12.2007 – IV R 91/​05, BFH/​NV 2008, 1289; sie­he auch Tz. 4.1.2 AEAO[]
  4. Kars­ten Schmidt, Gesell­schafts­recht, § 8 IV.02.b und Fuß­no­ten 123 und 125 mit zahl­rei­chen Bei­spie­len; BGH, Urteil vom 10.05.1978 – VIII ZR 32/​77, BGHZ 71, 296; BGH, Beschluss vom 24.11.1978 – V ZB 24/​78, JuS 1979, 668[]
  5. Palandt/​Sprau, BGB, vor § 723 Rz. 1 und 2, § 719 Rz. 6[]
  6. z.B. BGH, Urteil vom 04.12.2008 – ZB 84/​08, BGHZ 179, 102; Palandt/​Sprau, BGB, § 705 Rz. 24a; sie­he jetzt auch § 899a BGB[]
  7. BGH, Urtei­le vom 02.10.1997 II ZR 249/​96, DStR 1998, 46; vom 02.12.2010 V ZB 84/​10, NJW 2011, 615; Palandt/​Sprau, BGB, § 719 Rz. 1[]
  8. BGH, Urteil vom 31.01.1983 II ZR 288/​81, BGHZ 86, 367; Kars­ten Schmidt, Gesell­schafts­recht, § 45 III.2.a und § 59 IV.1.[]
  9. Kars­ten Schmidt, Gesell­schafts­recht, § 59 II.2.c[]
  10. BGH, Urtei­le vom 07.04.2003 – II ZR 56/​02, BGHZ 154, 370; vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341; Palandt/​Sprau, BGB, § 719 Rz. 7[]
  11. BFH, Urteil vom 09.12.2009 – X R 41/​07, BFH/​NV 2010, 860[]
  12. z.B. BFH, Urteil vom 22.01.2004 – IV R 32/​03, BFH/​NV 2004, 1092[]
  13. BFH, Urteil vom 25.11.2008 – II R 38/​06, BFH/​NV 2009, 772[]
  14. BFH, Urteil vom 02.04.2008 – X R 61/​06, BFH/​NV 2008, 1491[]
  15. BFH, Urteil vom 22.01.2003 – II R 76/​01, BFH/​NV 2003, 1137[]
  16. BFH, Urteil vom 16.06.1999 – II R 20/​98, BFH/​NV 2000, 80[]
  17. z.B. BGH, Urtei­le vom 19.05.2006 – V ZR 264/​05, BGHZ 168, 35; vom 17.06.2010 – III ZR 243/​09[]
  18. z.B. BGH, Urtei­le vom 23.02.1956 – II ZR 207/​54. BGHZ 20, 109; vom 07.12.2001 – V ZR 65/​01, NJW 2002, 1038[]
  19. BFH, Urteil vom 07.04.1976 – II R 89/​70, BFHE 119, 300, BStBl II 1976, 632[]
  20. BGH, Urteil vom 25.01.1990 – IX ZR 101/​89, m.w.N.[]
  21. z.B. BGH, Urteil vom 18.01.2008 – V ZR 174/​06, NJW 2008, 1658[]
  22. BFH, Urteil vom 28.11.2007 – I R 94/​06, BFHE 220, 51, BFH/​NV 2008, 1270[]