Dar­lehns­zin­sen bei der Gewer­be­steu­er

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten in einem bei ihm anhän­gi­ges Revi­si­ons­ver­fah­ren ein Vor­ab­ents­schei­dungs­er­su­chen über die Fra­ge vor­ge­legt, ob die gewer­be­steu­er­li­che Hin­zu­rech­nung von Dar­le­hens­zin­sen mit der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie 1 ver­ein­bar ist.

Dar­lehns­zin­sen bei der Gewer­be­steu­er

Der Vor­la­ge­bech­luss erging zwar zu der im Jahr 2004 gül­ti­gen Rechts­la­ge (§ 8 Nr. 1 GewStG 2002). Der Vor­la­ge­be­schluss des BFH hat aber auch Bedeu­tung für die ab 2008 gel­ten­de Neu­re­ge­lung der gewer­be­steu­er­li­chen Hin­zu­rech­nung von Dar­le­hens­zin­sen in § 8 Nr. 1 Buchst. a GewStG.

1. Steht Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​49/​EG des Rates vom 3. Juni 2003 über eine gemein­sa­me Steu­er­re­ge­lung für Zah­lun­gen von Zin­sen und Lizenz­ge­büh­ren zwi­schen ver­bun­de­nen Unter­neh­men ver­schie­de­ner Mit­glied­staa­ten (ABlEU Nr. L 157, 49) –EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie (ZLR)– einer Rege­lung ent­ge­gen, wonach die von einem Unter­neh­men eines Mit­glied­staa­tes an ein ver­bun­de­nes Unter­neh­men eines ande­ren Mit­glied­staa­tes gezahl­ten Dar­le­hens­zin­sen bei dem erst­ge­nann­ten Unter­neh­men der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Gewer­be­steu­er hin­zu­ge­rech­net wer­den?

2. Falls die ers­te Fra­ge bejaht wird: Ist Art. 1 Abs. 10 ZLR dahin aus­zu­le­gen, dass es den Mit­glied­staa­ten auch dann frei­steht, die Richt­li­nie nicht anzu­wen­den, wenn die in Art. 3 Buchst. b ZLR genann­ten Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen eines ver­bun­de­nen Unter­neh­mens zum Zeit­punkt der Zins­zah­lung noch nicht wäh­rend eines unun­ter­bro­che­nen Zeit­raums von min­des­tens zwei Jah­ren erfüllt waren? Kön­nen sich die Mit­glied­staa­ten in die­sem Fall gegen­über dem zah­len­den Unter­neh­men unmit­tel­bar auf Art. 1 Abs. 10 ZLR beru­fen?

In dem beim Bun­des­fi­nanz­hof anhän­gi­gen Streit­fall wur­den die von einer inlän­di­schen Kapi­tal­ge­sell­schaft an ihre allei­ni­ge Anteils­eig­ne­rin, eine in den Nie­der­lan­den ansäs­si­ge Kapi­tal­ge­sell­schaft, gezahl­ten Dar­le­hens­zin­sen ent­spre­chend der im Streit­jahr 2004 gel­ten­den Rege­lung in § 8 Nr. 1 GewStG der gewer­be­steu­er­li­chen Bemes­sungs­grund­la­ge zur Hälf­te wie­der hin­zu­ge­rech­net.

Besteue­rungs­grund­la­ge für die Gewer­be­steu­er (als einer Gemein­de­steu­er, vgl. § 1 GewStG 2002) ist nach § 6 GewStG 2002 der Gewer­be­er­trag. Die­ser ist nach § 7 Satz 1 GewStG 2002 defi­niert als "der nach den Vor­schrif­ten des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes oder des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes zu ermit­teln­de Gewinn aus dem Gewer­be­be­trieb, der bei der Ermitt­lung des Ein­kom­mens für den (…) ent­spre­chen­den Ver­an­la­gungs­zeit­raum zu berück­sich­ti­gen ist, ver­mehrt und ver­min­dert um die in den §§ 8 und 9 bezeich­ne­ten Beträ­ge". Gemäß § 8 Nr. 1 GewStG 2002 wer­den dem Gewinn aus Gewer­be­be­trieb u.a. die Hälf­te der Ent­gel­te für Schul­den, die der nicht nur vor­über­ge­hen­den Ver­stär­kung des Betriebs­ka­pi­tals die­nen, wie­der hin­zu­ge­rech­net, soweit sie bei der Ermitt­lung des Gewinns abge­setzt wor­den sind. Zu der­ar­ti­gen Ent­gel­ten für sog. Dau­er­schul­den gehö­ren Zin­sen für ein Dar­le­hen, des­sen tat­säch­li­che Lauf­zeit mehr als ein Jahr beträgt.

Die Hin­zu­rech­nung nach § 8 Nr. 1 GewStG 2002 führt damit im Ergeb­nis dazu, dass die Hälf­te der Dar­le­hens­zin­sen bei der Ermitt­lung des Gewer­be­er­trags des zah­len­den Unter­neh­mens nicht abzugs­fä­hig ist. Die­se Rege­lung dient, wie die Hin­zu­rech­nungs­vor­schrif­ten des § 8 GewStG 2002 ins­ge­samt, der Ermitt­lung des objek­ti­ven, von den Bezie­hun­gen des Inha­bers zum Betrieb los­ge­lös­ten Gewer­be­er­trags. Ihr Zweck liegt in einer weit­ge­hen­den gewer­be­steu­er­recht­li­chen Gleich­stel­lung von Erträ­gen aus eigen- und fremd­fi­nan­zier­tem Kapi­tal.

Nach der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie sind grenz­über­schrei­ten­de Zins­zah­lun­gen zwi­schen Unter­neh­men, die durch eine Betei­li­gung von min­des­tens 25 % mit­ein­an­der ver­bun­den sind, im Sitz­staat des zah­len­den Unter­neh­mens von der Steu­er befreit. Der BFH hält es für frag­lich, ob die in der Richt­li­nie ange­ord­ne­te Steu­er­be­frei­ung auch die vol­le steu­er­li­che Abzugs­fä­hig­keit der Zin­sen beim zah­len­den Unter­neh­men gebie­tet.

Der vor­le­gen­de Bun­des­fi­nanz­hof erach­tet die Hin­zu­rech­nung der Dar­le­hens­zin­sen gemäß § 8 Nr. 1 GewStG 2002 aus gemein­schafts­recht­li­cher Sicht nicht als zwei­fels­frei. Die Hin­zu­rech­nung könn­te gegen Art. 1 Abs. 1 der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ver­sto­ßen, des­sen Aus­le­gung dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vor­be­hal­ten ist (vgl. Art. 234 Abs. 1 Buchst. b EG).

Nach Art. 1 Abs. 1 der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie wer­den in einem Mit­glied­staat ange­fal­le­ne Ein­künf­te in Form von Zin­sen von allen in die­sem Staat dar­auf erheb­ba­ren Steu­ern –unab­hän­gig davon, ob sie an der Quel­le abge­zo­gen oder durch Ver­an­la­gung erho­ben wer­den– befreit, sofern der Nut­zungs­be­rech­tig­te der Zin­sen ein Unter­neh­men eines ande­ren Mit­glied­staa­tes ist. Gemäß Art. 1 Abs. 7 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie fin­det Art. 1 Abs. 1 der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie nur Anwen­dung auf grenz­über­schrei­ten­de Zins­zah­lun­gen zwi­schen ver­bun­de­nen Unter­neh­men.

Im Streit­fall füh­ren die Zins­zah­lun­gen der Klä­ge­rin an S nach Art. 1 Abs. 1 ZLR zu Ein­künf­ten in Form von Zin­sen (vgl. Art. 2 Buchst. a EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie), die nach Art. 1 Abs. 2 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie in Deutsch­land als Quel­len­staat ange­fal­len sind. S ist als Nut­zungs­be­rech­tig­ter der Zin­sen (vgl. Art. 1 Abs. 4 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie) ein Unter­neh­men eines ande­ren Mit­glied­staa­tes i.S. des Art. 3 Buchst. a ZLR. Die Klä­ge­rin ist ein der S ver­bun­de­nes Unter­neh­men, da S allei­ni­ge Anteils­eig­ne­rin der Klä­ge­rin ist (vgl. Art. 3 Buchst. b EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie).

Aus der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ergibt sich indes nicht ein­deu­tig, ob die in Art. 1 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ange­ord­ne­te Steu­er­be­frei­ung im Quel­len­staat die steu­er­li­che Abzugs­fä­hig­keit der Zin­sen beim zah­len­den Unter­neh­men gebie­tet.

Für eine Beschrän­kung der Steu­er­be­frei­ung auf das die Zin­sen emp­fan­gen­de Unter­neh­men spricht, dass "Ein­künf­te in Form von Zin­sen" i.S. des Art. 1 Abs. 1 ZLR nur der Zah­lungs­emp­fän­ger haben kann.

Der Aus­schluss des zah­len­den Unter­neh­mens von der Steu­er­be­frei­ung nach Art. 1 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie lässt sich zudem aus dem Zweck der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ablei­ten. Nach der 1. Begrün­dungs­er­wä­gung der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie sol­len grenz­über­schrei­ten­de Finanz­be­zie­hun­gen zwi­schen Unter­neh­men nicht gegen­über gleich­ar­ti­gen Bezie­hun­gen inner­halb eines Mit­glied­staa­tes benach­tei­ligt wer­den. Die Hin­zu­rech­nung der Dar­le­hens­zin­sen beim zah­len­den Unter­neh­men erfolgt jedoch nach § 8 Nr. 1 GewStG 2002 unab­hän­gig davon, ob der Zah­lungs­emp­fän­ger im Inland oder im Aus­land ansäs­sig ist. Sie führt damit nicht zu einer Ungleich­be­hand­lung grenz­über­schrei­ten­der Zins­zah­lun­gen gegen­über ver­gleich­ba­ren inlän­di­schen Finanz­be­zie­hun­gen.

Nach der dor­ti­gen 2. Begrün­dungs­er­wä­gung bezweckt die EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie die Ver­mei­dung der Dop­pel­be­steue­rung. Durch die Hin­zu­rech­nung der Dar­le­hens­zin­sen nach § 8 Nr. 1 GewStG 2002 kommt es indes­sen weder beim zah­len­den Unter­neh­men noch beim Zah­lungs­emp­fän­ger zu einer Dop­pel­be­steue­rung, son­dern ledig­lich zu einer kumu­la­ti­ven Belas­tung bei­der Unter­neh­men.

Für die Ein­be­zie­hung des zah­len­den Unter­neh­mens in die Steue­rer­be­frei­ung nach Art. 1 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie spricht, dass die Steu­er­be­frei­ung sich nach ande­ren Sprach­fas­sun­gen nicht auf "Ein­künf­te in Form von Zin­sen", son­dern auf die Zins­zah­lung bezieht.

Die Steu­er­be­frei­ung ist zudem nicht auf den Steu­er­ab­zug an der Quel­le beschränkt; sie erfasst viel­mehr aus­drück­lich auch die im Wege der Ver­an­la­gung erho­be­nen Steu­ern. Im Gegen­satz zu den vom EuGH zum Steu­er­ab­zug an der Quel­le auf­ge­stell­ten Grund­sät­zen 2 setzt die Steu­er­be­frei­ung nach Art. 1 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie daher mög­li­cher­wei­se nicht vor­aus, dass die Steu­er­be­las­tung den Zah­lungs­emp­fän­ger trifft.

Der in der 2. Begrün­dungs­er­wä­gung ver­wen­de­te Begriff der Dop­pel­be­steue­rung ist nicht zwin­gend auf die recht­li­che Dop­pel­be­steue­rung des­sel­ben Unter­neh­mens beschränkt; er kann auch im Sin­ne einer wirt­schaft­li­chen Dop­pel­be­steue­rung ver­stan­den wer­den. In die­sem Fall wäre der Zweck der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie nach der 2. Begrün­dungs­er­wä­gung dar­auf gerich­tet, die durch die Hin­zu­rech­nung der Dar­le­hens­zin­sen aus­ge­lös­te Dop­pel­be­las­tung des zah­len­den Unter­neh­mens einer­seits und des Zah­lungs­emp­fän­gers ande­rer­seits zu besei­ti­gen.

Für die Erstre­ckung der Steu­er­be­frei­ung auf das zah­len­de Unter­neh­men spricht schließ­lich die Effek­ti­vi­tät der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie. Denn bei einer Beschrän­kung der Steu­er­be­frei­ung auf den Zah­lungs­emp­fän­ger könn­te die Steu­er­be­frei­ung im Quel­len­staat durch die steu­er­li­che Belas­tung des zah­len­den Unter­neh­mens unter­lau­fen wer­den.

Für den Fall, dass die Steu­er­be­frei­ung nach Art. 1 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie die steu­er­li­che Abzugs­fä­hig­keit der Zin­sen beim zah­len­den Unter­neh­men gebie­tet, hält es der Bun­des­fi­nanz­hof für zwei­fel­haft, ob im Streit­fall die Aus­nah­me­re­ge­lung des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ein­greift.

Nach Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie steht es den Mit­glied­staa­ten frei, die EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie nicht auf ein Unter­neh­men eines ande­ren Mit­glied­staats anzu­wen­den, wenn die in Art. 3 Buchst. b EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie genann­ten Vor­aus­set­zun­gen wäh­rend eines unun­ter­bro­che­nen Zeit­raums von min­des­tens zwei Jah­ren nicht erfüllt waren. Die­se Rege­lung könn­te im Streit­fall des­halb ein­grei­fen, weil S die Betei­li­gung an der Klä­ge­rin im August 2003 erwor­ben hat und die in Rede ste­hen­den Zins­zah­lun­gen im Jahr 2004 geleis­tet wor­den sind.

Für das Ein­grei­fen der Aus­nah­me­re­ge­lung im Streit­fall spricht die Ver­wen­dung der Ver­gan­gen­heits­form im Wort­laut des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie. Denn der EuGH hat für die mit Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ver­gleich­ba­re Aus­nah­me­re­ge­lung des Art. 3 Abs. 2 der Mut­ter-Toch­ter-Richt­li­nie 3 unter Beru­fung auf die Ver­wen­dung des Prä­sens im Wort­laut des Art. 3 Abs. 2 Mut­ter-Toch­ter-Richt­li­nie ange­nom­men, dass der Zeit­punkt der Steu­er­be­frei­ung für den Ablauf der Min­dest­be­tei­li­gungs­zeit ohne Bedeu­tung ist 4.

Dem Wort­laut des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie kommt auch im Hin­blick auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Aus­nah­me­re­ge­lung beson­de­re Bedeu­tung zu. Danach wur­de im ursprüng­li­chen Richt­li­ni­en­vor­schlag der Kom­mis­si­on 5 zunächst – in Über­ein­stim­mung mit Art. 3 Abs. 2 Mut­ter-Toch­ter-Richt­li­nie – die Gegen­warts­form ver­wen­det. Im Gegen­satz dazu ent­hielt Art. 3 Abs. 2 des –erneu­ten– Richt­li­ni­en­vor­schlags der Kom­mis­si­on 6 die Ver­gan­gen­heits­form, die sodann in Art. 1 Abs. 10 ZLR über­nom­men wur­de.

Die aus dem Wort­laut des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie abge­lei­te­te Schluss­fol­ge­rung, dass die Min­dest­be­tei­li­gungs­zeit zum Zeit­punkt der Zins­zah­lung bereits abge­lau­fen sein müs­se, ist indes­sen nicht zwin­gend. Denn die Ver­wen­dung der Ver­gan­gen­heits­form im deut­schen Text ist in dem erneu­ten Richt­li­ni­en­vor­schlag und bei deren Über­nah­me in Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie nicht in allen Sprach­fas­sun­gen ein­heit­lich erfolgt.

Der Aus­nah­me­cha­rak­ter des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie könn­te eben­falls dafür spre­chen, dass für die Erfül­lung der Min­dest­be­tei­li­gungs­zeit nicht auf den Zeit­punkt der Zins­zah­lung abzu­stel­len ist 7.

Für den Fall, dass der Streit­fall von Art. 1 Abs. 1 ZLR erfasst wird und Art. 1 Abs. 10 ZLR ein­greift, ist schließ­lich zwei­fel­haft, ob sich die Klä­ge­rin unmit­tel­bar auf Art. 1 Abs. 1 ZLR beru­fen kann. Der vor­le­gen­de Senat neigt dazu, die­se Fra­ge zu beja­hen.

Die EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ist hin­sicht­lich der in Art. 1 Abs. 1 ange­ord­ne­ten Steu­er­be­frei­ung inhalt­lich unbe­dingt und hin­rei­chend genau, da sie inso­weit die Bestim­mung von Min­dest­rech­ten ermög­licht. Durch den in Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie ent­hal­te­nen Umset­zungs­spiel­raum wird die Bestim­mung von Min­dest­rech­ten nicht aus­ge­schlos­sen 8. Die Umset­zungs­frist ist nach Art. 7 Abs. 1 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie zum 1. Janu­ar 2004 abge­lau­fen; die Steu­er­be­frei­ung ent­fal­tet daher im Streit­jahr unmit­tel­ba­re Wir­kung.

Richt­li­ni­en begrün­den zwar nach Art. 249 Abs. 3 EG Ver­pflich­tun­gen nur für die Mit­glied­staa­ten, an die sie gerich­tet sind. Ver­letzt aber ein Mit­glied­staat sei­ne Ver­pflich­tung zur Umset­zung der Bestim­mun­gen einer Richt­li­nie, so kann er sich nach stän­di­ger Recht­spre­chung des EuGH gegen­über den Gemein­schafts­bür­gern nicht auf Beschrän­kun­gen beru­fen, die sich aus den Bestim­mun­gen der Richt­li­nie erge­ben, von ihm aber nicht in sei­ne inner­staat­li­che Rechts­ord­nung umge­setzt wor­den sind 9.

Die unmit­tel­ba­re Wir­kung der EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie wird danach durch die Aus­nah­me­re­ge­lung des Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie auch dann nicht aus­ge­schlos­sen, wenn der Quel­len­staat die Bestim­mun­gen der Richt­li­nie –ein­schließ­lich der Aus­nah­me­re­ge­lung– nicht in sei­ne inner­staat­li­che Rechts­ord­nung umge­setzt hat. Denn ein Mit­glied­staat darf aus der Ver­let­zung sei­ner Umset­zungs­pflicht aus Art. 249 Abs. 3 EG kei­nen Nut­zen zie­hen, da die­ser Ver­pflich­tung ansons­ten jede Wirk­sam­keit genom­men wäre 10.

Ein Mit­glied­staat kann sich fer­ner bei unvoll­stän­di­ger Umset­zung einer Richt­li­nie nicht auf einen Umset­zungs­spiel­raum beru­fen, wenn er hier­von im Hin­blick auf die in sei­ne inner­staat­li­che Rechts­ord­nung umge­setz­ten Bestim­mun­gen kei­nen Gebrauch gemacht hat 11. Für den Bereich der Ein­kom­men- und Kör­per­schaft­steu­er ist die EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie unter Ver­zicht auf die in Art. 1 Abs. 10 EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Ein­schrän­kun­gen des per­so­nel­len Anwen­dungs­be­reichs voll­stän­dig und ord­nungs­ge­mäß umge­setzt wor­den. Ein Rück­griff auf die Aus­nah­me­re­ge­lung schei­det damit auch für den Bereich der Gewer­be­steu­er aus, in dem die EU-Zins- und Lizenz­richt­li­nie –bei Erstre­ckung des Anwen­dungs­be­reichs auf das zah­len­de Unter­neh­men– nicht umge­setzt wor­den ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 27. Mai 2009 – I R 30/​08

  1. Richt­li­nie 2003/​49/​EG des Rates vom 3. Juni 2003 über eine gemein­sa­me Steu­er­re­ge­lung für Zah­lun­gen von Zin­sen und Lizenz­ge­büh­ren zwi­schen ver­bun­de­nen Unter­neh­men ver­schie­de­ner Mit­glied­staa­ten, ABlEU Nr. L 157, 49[]
  2. vgl. EuGH, Urtei­le vom 08.06.2000 – C‑375/​98 "Epson Euro­pe BV", Slg. 2000, I‑4243, Rz 23; vom 04.10.2001 – C‑294/​99 "Athinaïki Zytho­poiia", Slg. 2001, I‑6797, Rz 28; vom 26.06.2008 – C‑284/​06 "Bur­da", IStR 2008, 515, Rz 52, m.w.N.[]
  3. Richt­li­nie 90/​435/​EWG des Rates vom 23. Juli 1990 über das gemein­sa­me Steu­er­sys­tem der Mut­ter- und Toch­ter­ge­sell­schaf­ten ver­schie­de­ner Mit­glied­staa­ten, ABlEG Nr. L 225, 6, berich­tigt ABlEG Nr. L 226, 20[]
  4. EuGH, Urteil vom 17.10.1996 – C‑283/​94, C‑291/​94, C‑292/​94 "Denka­vit Inter­na­tio­nal BV", Slg. 1996, I‑5063, Rz 24[]
  5. KOM (90) 571 endg. vom 06.12.1990, ABlEG Nr. C 53, 26 vom 28.02.1991[]
  6. KOM (98) 67 endg. vom 06.03.1998, ABlEG Nr. C 123, 9 vom 22.04.1998[]
  7. vgl. EuGH-Urteil in Slg. 1996, I‑5063, Rz 27[]
  8. vgl. EuGH, Urteil in Slg. 1996, I‑5063, Rz 39[]
  9. EuGH, Urtei­le vom 19.11.1991 – C‑6/​90, C‑9/​90 "Fran­co­vich", Slg. 1991, I‑5357, Rz 21; vom 14.07.2005 – C‑142/​04 "Asla­ni­dou", Slg. 2005, I‑7181, Rz 35; vom 30.03.2006 – C‑184/​04 "Uuden­kau­pun­gin kau­pun­ki", Slg. 2006, I‑3039, Rz 28; vom 12.02.2009 – C‑138/​07 "Cobel­fret NV", IStR 2009, 167, Rz 49[]
  10. EuGH, Urtei­le vom 19.01.1982 – 8/​81 "Becker", Slg. 1982, 53, Rz 29; vom 14.07.1994 – C‑91/​92 "Fac­ci­ni Dori", Slg. 1994, I‑3325, Rz 22, m.w.N.[]
  11. vgl. EuGH, Urteil vom 17. Febru­ar 2005 C‑453/​02, C‑462/​02 "Lin­ne­we­ber und Akriti­dis", Slg. 2005, I‑1131, Rz 35[]