Erwei­ter­te gewer­be­steu­er­li­che Kür­zung bei Grund­stücks­un­ter­neh­men

Eine erwei­ter­te Kür­zung nach § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG 2002 ist bei einer­un­ter­jäh­ri­gen Ver­äu­ße­rung des ein­zi­gen Betriebs­grund­stücks nicht zu gewäh­ren.

Erwei­ter­te gewer­be­steu­er­li­che Kür­zung bei Grund­stücks­un­ter­neh­men

Soweit § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG 2002 die aus­schließ­li­che Ver­wal­tung und Nut­zung eige­nen Grund­be­sit­zes for­dert, ist durch die Recht­spre­chung geklärt, dass der Begriff der Aus­schließ­lich­keit glei­cher­ma­ßen qua­li­ta­tiv, quan­ti­ta­tiv wie zeit­lich zu ver­ste­hen ist1. Zwar ist nicht erfor­der­lich, dass die Grund­stücks­ver­wal­tung wäh­rend des gesam­ten Erhe­bungs­zeit­raums bestan­den hat. Sie kann auch vor­zei­tig enden. Solan­ge aber das Unter­neh­men ‑wie im Streit­fall- wäh­rend des Erhe­bungs­zeit­raums über­haupt tätig ist, muss sei­ne Haupt­tä­tig­keit durch­gän­gig in der schlich­ten Ver­wal­tung und Nut­zung eige­nen Grund­be­sit­zes bestehen, um begüns­tigt zu sein2. Dies folgt aus dem Wesen der Gewer­be­steu­er als Jah­res­steu­er3. Die erwei­ter­te Kür­zung kann daher nicht gewährt wer­den, wenn das letz­te Grund­stück vor Ablauf des Erhe­bungs­zeit­raums ver­äu­ßert und nicht mehr aus­schließ­lich Grund­be­sitz ver­wal­tet wird4. An die­ser Recht­spre­chung hält der Bun­des­fi­nanz­hof wei­ter­hin fest.

Im Streit­fall war der Unter­neh­me­rin die erwei­ter­te Kür­zung zu ver­sa­gen, weil sie seit dem Über­gang ihres ein­zi­gen Grund­stücks auf die Käu­fe­rin am 30.11.2007 ‑und damit vor Ablauf des Erhe­bungs­zeit­raums (§ 14 Satz 2 GewStG 2002)- kei­nen eige­nen Grund­be­sitz mehr genutzt hat, aber wei­ter­hin wer­bend tätig blieb. Soweit sie noch eige­nes Kapi­tal­ver­mö­gen in Form von For­de­run­gen gegen­über ihren Gesell­schaf­tern ver­wal­te­te, erfolg­te dies nicht mehr (unschäd­lich) zeit­lich neben, son­dern nach der Grund­stücks­nut­zung. Eine nur "tech­nisch" beding­te Aus­nah­me liegt hier ersicht­lich nicht vor5.

Dar­auf, ob es tat­säch­lich ihre Absicht war, neu­en Grund­be­sitz zu erwer­ben, und sie im Erhe­bungs­zeit­raum bereits dies­be­züg­li­che Maß­nah­men unter­nom­men hat, kommt es nicht an. Das Bestre­ben, wie­der eine Grund­stücks­nut­zung auf­zu­neh­men, ist der Grund­stücks­nut­zung nicht gleich­zu­stel­len.

Die nach dem Wort­laut des § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG 2002 erfor­der­li­che Ver­wal­tung und Nut­zung eige­nen Grund­be­sit­zes grenzt die Ver­mö­gens­ver­wal­tung auf der einen Sei­te von gewerb­li­chen Tätig­kei­ten ab. Auf der ande­ren Sei­te erfor­dert der Wort­laut aber aus­drück­lich, dass wäh­rend des gesam­ten Erhe­bungs­zeit­raums eine "Nut­zung" des Grund­stücks ‑im Sin­ne einer Frucht­zie­hung6- erfolgt. Eine sol­che Frucht­zie­hung aus eige­nem Grund­be­sitz nahm die Unter­neh­me­rin aber seit dem Ver­lust des wirt­schaft­li­chen Eigen­tums an dem Grund­stück (vgl. auch § 20 Abs. 1 Satz 1 der Gewer­be­steu­er-Durch­füh­rungs­ver­ord­nung 2002) nicht mehr vor. Die Maß­nah­men zur Vor­be­rei­tung oder Anbah­nung eines (erneu­ten) Grund­stücks­er­werbs stell­ten noch kei­ne Grund­stücks­nut­zung, also auch kei­ne "Ver­wal­tung und Nut­zung" in die­sem Sin­ne dar. Hier­über kön­nen auch der Gesell­schafts­zweck und die Absicht, neu­en Grund­be­sitz zur eige­nen Nut­zung zu erwer­ben7, nicht hin­weg­hel­fen.

Etwas ande­res ergibt sich nicht aus Sinn und Zweck des § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG 2002, Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten, die (sys­tem­be­dingt) nur kraft Rechts­form gewer­be­steu­er­pflich­tig sind, Per­so­nen­un­ter­neh­men gleich­zu­stel­len. Die Vor­schrift macht die ‑ver­fas­sungs­recht­lich nicht unbe­dingt gebo­te­ne- Begüns­ti­gung von engen tat­be­stand­li­chen Erfor­der­nis­sen abhän­gig. Sind die­se nicht vol­len Umfangs erfüllt, ist sie nicht zu gewäh­ren8. Der Gesetz­ge­ber ist grund­sätz­lich dar­in frei, tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen und Erfor­der­nis­se zu nor­mie­ren, die erfüllt sein müs­sen, um in den Genuss einer steu­er­li­chen Begüns­ti­gung, wie hier der erwei­ter­ten Kür­zung des Gewer­be­er­trags, zu gelan­gen9. Eine Erwei­te­rung der Kür­zungs­vor­schrift gegen ihren aus­drück­li­chen Wort­laut kommt daher nicht in Betracht.

Von dem Aus­schließ­lich­keits­er­for­der­nis sind auch kei­ne Aus­nah­men wegen Gering­fü­gig­keit auf­grund des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes (Art.20 Abs. 3 des Grund­ge­set­zes) gebo­ten10. Unab­hän­gig davon lagen im Streit­fall die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen wäh­rend eines Monats des Erhe­bungs­zeit­raums nicht vor, was weder abso­lut noch rela­tiv als gering­fü­gig anzu­se­hen ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Febru­ar 2014 – I R 6/​13

  1. vgl. BFH, Urteil vom 19.10.2010 – I R 1/​10, BFH/​NV 2011, 841, m.w.N.; zustim­mend Blümich/​Gosch, § 9 GewStG Rz 76; kri­tisch Jes­se, Finanz-Rund­schau 2004, 1085, 1093; Schle­gel, Neue Wirt­schafts­brie­fe 2012, 4223, 4225 []
  2. BFH, Urteil vom 20.01.1982 – I R 201/​78, BFHE 135, 327, BSt­Bl II 1982, 477 []
  3. BFH, Urteil vom 29.03.1973 – I R 199/​72, BFHE 109, 138, BSt­Bl II 1973, 563 []
  4. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2011, 841; vom 19.12 2007 – I R 46/​07, BFH/​NV 2008, 930; BFH, Beschlüs­se vom 14.04.2000 – I B 104/​99, BFH/​NV 2000, 1497; vom 12.07.1999 – I B 5/​99, BFH/​NV 2000, 79; BFH, Urteil in BFHE 135, 327, BSt­Bl II 1982, 477 []
  5. vgl. dazu BFH, Urteil vom 11.08.2004 – I R 89/​03, BFHE 207, 40, BSt­Bl II 2004, 1080 []
  6. vgl. BFH, Beschluss vom 18.10.2007 – I B 148/​07, BFH/​NV 2008, 542 []
  7. vgl. bereits Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 07.04.1967 – VI R 285/​66, BFHE 89, 215, BSt­Bl III 1967, 616 []
  8. BFH, Urteil vom 19.10.2010 – I R 67/​09, BFHE 232, 194, BSt­Bl II 2011, 367 []
  9. vgl. BFH, Urteil in BFHE 207, 40, BSt­Bl II 2004, 1080, m.w.N. []
  10. BFH, Urteil in BFHE 207, 40, BSt­Bl II 2004, 1080 []