Kapi­tal­ertrag­steu­er bei aus­län­di­schen "Brief­käs­ten"

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die Aus­nut­zung von Steu­er­vor­tei­len durch zwi­schen­ge­schal­te­te, aber funk­ti­ons­lo­se aus­län­di­sche Zwi­schen­ge­sell­schaf­ten erschwert:

Kapi­tal­ertrag­steu­er bei aus­län­di­schen

Aus der Mut­ter/Toch­ter-Richt­li­nie des Rates der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten (EG) erge­ben sich für ver­bun­de­ne Unter­neh­men inner­halb der EG bestimm­te Steu­er­ent­las­tun­gen, die aber nur in einem EG-Mit­glied­staat ansäs­si­gen Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten zugu­te kom­men. Um auch dann in den Vor­teil die­ser Steu­er­ent­las­tun­gen zu gelan­gen, wenn sie einer Gesell­schaft man­gels Ansäs­sig­keit eigent­lich nicht zuste­hen, ent­spricht es einer weit ver­brei­te­ten Pra­xis, in den Mit­glied­staa­ten ‚Brief­kas­ten’-Gesell­schaf­ten zu grün­den und ‚zwi­schen­zu­schal­ten’. Man spricht von Trea­ty shop­ping. Da sol­che Gestal­tun­gen oft­mals miss­bräuch­lich sind, schlie­ßen ein­zel­ne Rege­lun­gen des deut­schen Steu­er­rechts die Inan­spruch­nah­me der besag­ten Steu­er­ent­las­tun­gen aus (§ 42 der Abga­ben­ord­nung, § 50d Abs. 3 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes).

Der BFH ver­steht in sei­nem aktu­el­len Urteil unter einem zwi­schen­ge­schal­te­ten ‚Brief­kas­ten’ “rein künst­li­che Gestal­tun­gen” ohne Büro­räu­me, Per­so­nal oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Bei Kapi­tal­an­la­ge- und Finan­zie­rungs­ge­sell­schaf­ten kön­nen sol­che Sub­stan­zer­for­der­nis­se zwar ver­zicht­bar sein. Die Anla­ge- und Finan­zie­rungs­ent­schei­dun­gen müs­sen jedoch auch dann von der Zwi­schen­ge­sell­schaft selbst getrof­fen wer­den, nicht aber von deren Mut­ter­ge­sell­schaf­ten oder von ande­ren ‚Hin­ter­män­nern’.

Im Urteils­fall ging es um eine luxem­bur­gi­sche Akti­en­ge­sell­schaft in der Rechts­form der SOPARFI, die als ‚Man­tel’ durch ein luxem­bur­gi­sches Treu­hand­un­ter­neh­men für eine auf den Bri­ti­schen Jung­fern­in­seln ansäs­si­ge ‚Briefkasten’-Ltd. und auf Ver­an­las­sung einer in der Schweiz ansäs­si­gen Per­son gegrün­det wor­den war. “Eigent­li­cher” Gesell­schaf­ter und auch Ver­wal­tungs­rats­mit­glied der SOPARFI war ein Gesell­schaf­ter des luxem­bur­gi­schen Treu­hand­un­ter­neh­mens, unter des­sen Anschrift die SOPARFI auch resi­dier­te. Die SOPARFI hielt Antei­le an Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land, in der Schweiz, in der Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik, in Rumä­ni­en und in Ungarn. Eine der deut­schen Toch­ter­ge­sell­schaf­ten schüt­te­te in den Jah­ren 1994 bis 1996 an die SOPARFI Divi­den­den in Höhe von 13,6 Mio. DM aus. Die SOPARFI bean­trag­te, ihr in Ein­klang mit der Mut­ter­/­Toch­ter-Richt­li­nie der EG die auf die­sen Divi­den­den las­ten­de Kapi­tal­ertrag­steu­er zu erstat­ten, was die Finanz­be­hör­de ablehn­te, dem das ange­ru­fe­ne Finanz­ge­richt aber ent­sprach. Der BFH sah es hin­ge­gen als erfor­der­lich an, die wirt­schaft­li­che Exis­tenz der SOPARFI und die Akti­vi­tä­ten ihrer ‚Hin­ter­män­ner’ noch wei­ter auf­zu­klä­ren.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 29. Janu­ar 2008 – I R 26/​06