Abga­be von Blut­ge­rin­nungs­prä­pa­ra­ten zur Heim­selbst­be­hand­lung durch ein Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum

Die Abga­be von Medi­ka­men­ten zur Blut­ge­rin­nung (sog. Fak­tor­prä­pa­ra­te) an Hämo­phi­lie­pa­ti­en­ten ist auch dann dem Zweck­be­trieb Kran­ken­haus (§ 67 AO) zuzu­ord­nen, wenn sich der Pati­ent selbst das Medi­ka­ment im Rah­men einer ärzt­lich kon­trol­lier­ten Heim­selbst­be­hand­lung ver­ab­reicht.

Abga­be von Blut­ge­rin­nungs­prä­pa­ra­ten zur Heim­selbst­be­hand­lung durch ein Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof im Fal­le eines nord­rhein-west­fä­li­schen Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums. Die­ses ist eine rechts­fä­hi­ge Anstalt des öffent­li­chen Rechts und ver­folgt nach § 2 Abs. 1 Satz 5 der Ver­ord­nung über die Errich­tung von Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken als Anstalt des öffent­li­chen Rechts (UK-VO) vom 01.12 2000 1 aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke im Sin­ne der Abga­ben­ord­nung (AO) und nimmt Auf­ga­ben in der Kran­ken­ver­sor­gung ein­schließ­lich der Hoch­leis­tungs­me­di­zin und im öffent­li­chen Gesund­heits­we­sen wahr (§ 2 Abs. 1 Satz 2 UK-VO).

Im Rah­men von ärzt­lich kon­trol­lier­ten Heim­selbst­be­hand­lun­gen gab das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum im Streit­jahr (2007) Blut­ge­rin­nungs­fak­to­ren an eige­ne Pati­en­ten ab. Hier­zu kamen die Pati­en­ten ‑je nach Alter- zwi­schen zwei- und sechs­mal jähr­lich sowie zusätz­lich bei auf­ge­tre­te­nen Blu­tun­gen in das Behand­lungs­zen­trum des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums. Dabei wur­den die Gerin­nungs­fak­to­ren unmit­tel­bar von den behan­deln­den Ärz­ten an die Pati­en­ten abge­ge­ben. Der jewei­li­ge Arzt hat­te die Abga­be für Zwe­cke der ärzt­li­chen Behand­lung der von der Anwen­dung betrof­fe­nen Per­so­nen und für Zwe­cke der Risi­ko­er­fas­sung nach dem Arz­nei­mit­tel­ge­setz zu doku­men­tie­ren (§ 14 Abs. 1 des Geset­zes zur Rege­lung des Trans­fu­si­ons­we­sens, Trans­fu­si­ons­ge­setz). Im wei­te­ren Ver­lauf der Behand­lung doku­men­tier­te der Pati­ent die Ein­nah­me der Prä­pa­ra­te. Die­se Doku­men­ta­ti­on wur­de von dem behan­deln­den Arzt über­wacht und geprüft.

In der Kör­per­schaft­steu­er­erklä­rung des Streit­jah­res ging das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum davon aus, dass die Gewin­ne aus der Ver­äu­ße­rung von Fak­tor­prä­pa­ra­ten zu sei­nem (steu­er­frei­en) Zweck­be­trieb (§ 67 AO) gehör­ten. Das Finanz­amt setz­te die Kör­per­schaft­steu­er des Streit­jah­res zunächst antrags­ge­mäß auf 0 EUR fest. Im Anschluss an eine Außen­prü­fung ging das Finanz­amt davon aus, dass die Abga­be der Fak­tor­prä­pa­ra­te dem steu­er­pflich­ti­gen wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums zuzu­rech­nen sei und unter­warf den hier­aus erziel­ten Gewinn durch Ände­rungs­be­scheid vom 07.08.2014 der Kör­per­schaft­steu­er. Im Ein­spruchs­ver­fah­ren änder­te das Finanz­amt die Kör­per­schaft­steu­er­fest­set­zung nur inso­weit, als es den bis­her ange­setz­ten Gewinn um den Betrag min­der­te, den das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum aus dem Ver­kauf von Fak­tor­prä­pa­ra­ten an ambu­lant behan­del­te Pati­en­ten erziel­te; im Übri­gen wies es den Ein­spruch als unbe­grün­det zurück.

Der dage­gen erho­be­nen Kla­ge gab des Finanz­ge­richt Köln statt 2. Die Abga­be der Fak­tor­prä­pa­ra­te gehö­re zum steu­er­be­güns­tig­ten Zweck­be­trieb "Kran­ken­haus". Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 31.07.2013 3 lie­ge ein Zusam­men­hang mit ärzt­li­chen Leis­tun­gen an Pati­en­ten jeden­falls dann vor, wenn das Kran­ken­haus zur Sicher­stel­lung sei­nes Ver­sor­gungs­auf­trags von Geset­zes wegen zur Leis­tung befugt sei und der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger als Kos­ten­trä­ger für sei­ne Ver­si­cher­ten des­halb grund­sätz­lich zah­len müs­se. Bei­de Vor­aus­set­zun­gen sei­en im Streit­fall erfüllt. Der Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tig­te nun die­se Ent­schei­dung und wies die Revi­si­on des Finanz­am­tes zurück; das Finanz­ge­richt Köln hat zu Recht ent­schie­den, dass das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum auch inso­weit von der Kör­per­schaft­steu­er befreit ist, als er Fak­tor­prä­pa­ra­te an Hämo­phi­le im Rah­men der ärzt­lich kon­trol­lier­ten Heim­selbst­be­hand­lung abgibt.

Gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 9 Satz 1 und 2 KStG sind die Kör­per­schaf­ten, Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen und Ver­mö­gens­mas­sen, die nach der Sat­zung, dem Stif­tungs­ge­schäft oder der sons­ti­gen Ver­fas­sung und nach der tat­säch­li­chen Geschäfts­füh­rung aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­gen, mild­tä­ti­gen oder kirch­li­chen Zwe­cken die­nen (§§ 51 bis 68 AO), von der Kör­per­schaft­steu­er befreit. Wird ein wirt­schaft­li­cher Geschäfts­be­trieb unter­hal­ten, ist die Steu­er­be­frei­ung inso­weit aus­ge­schlos­sen. Trotz Vor­lie­gens eines wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­triebs bleibt die Steu­er­frei­heit bestehen, wenn es sich um einen Zweck­be­trieb (§§ 64 ff. AO) han­delt.

Danach ist das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum als rechts­fä­hi­ge Anstalt des öffent­li­chen Rechts mit sei­nem wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb i.S. des § 14 AO im Streit­jahr steu­er­be­freit.

Das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum dient sowohl nach sei­ner Ver­fas­sung (§ 2 Abs. 1 UK-VO) als auch nach der tat­säch­li­chen Geschäfts­füh­rung aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­gen Zwe­cken. Denn sei­ne Tätig­keit ist dar­auf gerich­tet, die All­ge­mein­heit auf mate­ri­el­lem, geis­ti­gem oder sitt­li­chem Gebiet selbst­los zu för­dern (§ 52 Abs. 1 Satz 1 AO).

Unter die För­de­rung der All­ge­mein­heit fällt auch die För­de­rung des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens (§ 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AO i.d.F. des Geset­zes zur wei­te­ren Stär­kung des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments vom 10.10.2007 4). Hier­von erfasst wer­den alle Tätig­kei­ten, die der Gesund­heit der Bür­ger die­nen, ins­be­son­de­re die Ver­hin­de­rung und Bekämp­fung von Seu­chen und Krank­hei­ten 5. Dies kann ‑wie im Streit­fall- auch durch Kran­ken­häu­ser als begüns­tig­te Ein­rich­tun­gen gesche­hen 6.

Der Aner­ken­nung als gemein­nüt­zi­ge Kör­per­schaft steht nicht ent­ge­gen, dass es sich beim Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum um eine Anstalt des öffent­li­chen Rechts han­delt, die vom Bun­des­land Nord­rhein-West­fa­len errich­tet wur­de. Die Gemein­nüt­zig­keits­be­stim­mun­gen sind jeden­falls dann auf die öffent­li­che Hand anwend­bar, wenn eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts durch einen Betrieb gewerb­li­cher Art (BgA) zu Pri­va­ten in Wett­be­werb tritt 7. Die Tätig­keit von Hoch­schul­kli­ni­ken hat über­wie­gend wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter und erfolgt daher im Rah­men eines ein­heit­li­chen BgA 8; dabei tre­ten die­se Kli­ni­ken zu pri­va­ten Kran­ken­haus­be­trei­bern in Wett­be­werb.

Das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum betreibt mit der Abga­be der Fak­tor­prä­pa­ra­te zwar einen wirt­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb i.S. des § 14 AO, die­ser erfüllt jedoch die spe­zi­el­len Vor­aus­set­zun­gen eines Zweck­be­triebs nach § 67 AO.

Ein Kran­ken­haus ist gemäß § 67 Abs. 1 AO ein Zweck­be­trieb, wenn es in den Anwen­dungs­be­reich des KHEntgG oder der Bun­des­pfle­ge­satz­ver­ord­nung (BPflV) fällt und min­des­tens 40 % der jähr­li­chen Bele­gungs­ta­ge oder Berech­nungs­ta­ge auf Pati­en­ten ent­fal­len, bei denen nur Ent­gel­te für all­ge­mei­ne Kran­ken­haus­leis­tun­gen (§ 7 KHEntgG, § 10 BPflV) berech­net wer­den. Zwi­schen den Betei­lig­ten ist unstrit­tig, dass das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum die Erfor­der­nis­se die­ser Quo­ten­re­ge­lun­gen erfüllt 9.

Die Abga­be der Fak­tor­prä­pa­ra­te zur Ver­ab­rei­chung im Rah­men der ärzt­lich beglei­te­ten Heim­selbst­be­hand­lung von Hämo­phi­len ist dem Zweck­be­trieb "Kran­ken­haus" zuzu­rech­nen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs sind alle Ein­nah­men und Aus­ga­ben, die mit den ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Leis­tun­gen an die Pati­en­ten als Benut­zer des jewei­li­gen Kran­ken­hau­ses zusam­men­hän­gen, auf­grund der weit gefass­ten Legal­de­fi­ni­tio­nen des Kran­ken­hau­ses in § 2 Nr. 1 des Geset­zes zur wirt­schaft­li­chen Siche­rung der Kran­ken­häu­ser und zur Rege­lung der Kran­ken­haus­pfle­ge­sät­ze und § 107 Abs. 1 SGB V dem Zweck­be­trieb Kran­ken­haus zuzu­rech­nen 10. Aus­ge­hend von dem Zweck des § 67 AO, die Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger als Kos­ten­trä­ger für ihre Ver­si­cher­ten steu­er­lich zu ent­las­ten 11 han­delt es sich jeden­falls solan­ge um eine typi­scher­wei­se gegen­über den Pati­en­ten erbrach­te Leis­tung, als das Kran­ken­haus zur Sicher­stel­lung sei­nes Ver­sor­gungs­auf­tra­ges von Geset­zes wegen zu die­ser Leis­tung befugt ist und der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger als Kos­ten­trä­ger für sei­ne Ver­si­cher­ten des­halb grund­sätz­lich zah­len muss 12.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze hat das Finanz­ge­richt zu Recht ent­schie­den, dass die Abga­be der Gerin­nungs­fak­to­ren zur Heim­selbst­be­hand­lung zum Ver­sor­gungs­auf­trag des Kran­ken­hau­ses gehört und deren Kos­ten von den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern finan­ziert wer­den:

Der Ver­sor­gungs­auf­trag regelt, wel­che Leis­tun­gen ein Kran­ken­haus ‑unab­hän­gig von der Art der Kran­ken­ver­si­che­rungs­trä­ger- erbrin­gen darf (vgl. § 8 Abs. 1 Satz 4 KHEntgG). Nach Abs. 2 des mit "Ambu­lan­te Behand­lung im Kran­ken­haus" über­schrie­be­nen § 116b SGB V in der im Streit­jahr gel­ten­den Fas­sung (§ 116b SGB V a.F.) sind zuge­las­se­ne Kran­ken­häu­ser berech­tigt, Ver­trä­ge über die ambu­lan­te Behand­lung der in dem Kata­log nach Abs. 3 und 4 genann­ten Erkran­kun­gen mit Ver­si­che­rungs­trä­gern zu schlie­ßen.

Das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum gehört zu den zuge­las­se­nen Kran­ken­häu­sern (vgl. § 108 Nr. 1 SGB V), da er nach lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten (§ 1 Abs. 1 und § 2 Abs. 1 Satz 2 UK-VO) als Uni­ver­si­täts­kli­nik errich­tet und zur Wahr­neh­mung von Auf­ga­ben in der Kran­ken­ver­sor­gung aner­kannt wur­de.

In Gestalt der Ver­ein­ba­rung über die Abga­be von Blut­pro­duk­ten zwi­schen dem Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum und Kran­ken­kas­sen vom 10.09.2008 liegt auch ein Ver­trag i.S. von § 116b Abs. 2 SGB V a.F. vor. Gegen­stand die­ses Ver­tra­ges ist die "ambu­lan­te Ver­sor­gung der Ver­si­cher­ten der Kran­ken­kas­sen … auf Grund ver­trags­ärzt­li­cher Ver­ord­nung mit Gerinnungspräparaten/​Faktorkonzentraten, die nach § 47 Abs. 1 Nr. 2 Arz­nei­mit­tel­ge­setz vom Ver­triebs­weg Apo­the­ke aus­ge­nom­men sind, durch das Hämo­phi­lie­zen­trum des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums.

Zum Kata­log der in § 116b SGB V gere­gel­ten Behand­lun­gen gehört die "Dia­gno­se und Ver­sor­gung von Pati­en­ten mit Hämo­phi­lie" (§ 116b Abs. 3 Nr. 2 Spie­gel­strich 7 SGB V a.F.).

Der Behand­lungs­um­fang rich­tet sich nach § 116b Abs. 4 SGB V a.F. i.V.m. der ein­schlä­gi­gen Richt­li­nie des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses. Danach gehört zur Dia­gnos­tik und Ver­sor­gung von Pati­en­ten mit Hämo­phi­lie die sog. Gerin­nungs­the­ra­pie. Wird dabei als The­ra­pie­form die sog. Heim­selbst­be­hand­lung gewählt, erfor­dert dies zwin­gend die Abga­be des ent­spre­chen­den Prä­pa­ra­tes. Denn neben der The­ra­pie­form ist auch die Prä­pa­rate­wahl (Heim­selbst­be­hand­lung, rekom­bi­nan­te vs Plas­ma­prä­pa­ra­te, Dosis) der ambu­lan­ten Behand­lung im Kran­ken­haus zuge­ord­net. Das Finanz­ge­richt hat daher zutref­fend ent­schie­den, dass es sich bei der Abga­be der Medi­ka­men­te (Fak­tor­prä­pa­ra­te) um einen inte­gra­len Bestand­teil der The­ra­pie han­delt.

Der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang die­ser ambu­lan­ten Behand­lung zum Zweck­be­trieb wird nicht dadurch gelöst, dass der Pati­ent selbst einen Teil der Behand­lung (Ver­ab­rei­chung der Prä­pa­ra­te) zu Hau­se aus­führt. Denn die Heim­selbst­be­hand­lung steht im Kon­text einer fort­be­stehen­den Kran­ken­haus­be­hand­lung. Dies ergibt sich zunächst dar­aus, dass nur die Abga­be von Fak­tor­prä­pa­ra­ten an Pati­en­ten als Benut­zer des Kran­ken­hau­ses im Streit steht. Die Prä­pa­ra­te wer­den auch unmit­tel­bar im Kran­ken­haus den Pati­en­ten über­ge­ben, die sie sich ledig­lich ‑nach ent­spre­chen­der Schu­lung- zu Hau­se ver­ab­rei­chen. Die­se Heim­selbst­be­hand­lung voll­zieht sich unter stän­di­ger ärzt­li­cher Kon­trol­le und Bera­tung, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Anpas­sung der Fak­tor­prä­pa­ra­te an die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se des jewei­li­gen Pati­en­ten. Über­dies kom­men die Pati­en­ten je nach Alter zwi­schen zwei- und sechs­mal jähr­lich sowie bei zusätz­lich auf­tre­ten­den Blu­tun­gen in das Behand­lungs­zen­trum des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums. Die Abga­be der Gerin­nungs­fak­to­ren wird schließ­lich durch den behan­deln­den Arzt für Zwe­cke der Risi­ko­er­fas­sung nach dem Arz­nei­mit­tel­ge­setz doku­men­tiert. Im wei­te­ren Behand­lungs­ver­lauf hat zwar der Pati­ent die Ein­nah­me der Prä­pa­ra­te zu doku­men­tie­ren, die­se Doku­men­ta­ti­on wird jedoch von dem behan­deln­den Arzt über­wacht und geprüft.

Die Kos­ten der Behand­lung wer­den auch von den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern über­nom­men.

Dies ergibt sich zunächst aus § 116b Abs. 2 SGB V a.F.; danach wer­den die auf Grund eines Ver­tra­ges nach Absatz 2 von den Kran­ken­häu­sern erbrach­ten Leis­tun­gen unmit­tel­bar von den Kran­ken­kas­sen ver­gü­tet.

Im Streit­fall zahl­te der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger nach Maß­ga­be der bezeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung über die Abga­be von Blut­pro­duk­ten für die ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums. Nach § 4 Abs. 1 die­ser Ver­ein­ba­rung stellt das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum bei Abga­be von Gerin­nungs­kon­zen­tra­ten u.a. die bedarfs­ge­rech­te und kos­ten­be­wuss­te Abga­be der Prä­pa­ra­te an die Pati­en­ten sicher. Die Kran­ken­kas­sen erstat­ten nach § 8 der Ver­ein­ba­rung die Kos­ten. Dies geschieht inner­halb von 14 Tagen nach Rech­nungs­ein­gang bei den Kran­ken­kas­sen (§ 10 Abs. 2 der Ver­ein­ba­rung).

Die vom Finanz­amt und dem bei­getre­te­nen BMF gel­tend gemach­ten Ein­wen­dun­gen gegen die Qua­li­fi­zie­rung als steu­er­be­güns­tig­ter Zweck­be­trieb grei­fen nicht durch:

Es trifft zwar zu, dass sich der Streit­fall und der vom Bun­des­fi­nanz­hof in BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123 ent­schie­de­ne Zyto­sta­ti­ka-Fall dadurch unter­schei­den, dass dort eine ambu­lan­te Behand­lung im Kran­ken­haus statt­fand, wäh­rend vor­lie­gend die Prä­pa­ra­te durch den Pati­en­ten selbst zu Hau­se ver­ab­reicht wer­den. Dies steht einer Zurech­nung zum Zweck­be­trieb aber nicht ent­ge­gen, weil die in der Zyto­sta­ti­ka, Ent­schei­dung als maß­geb­lich erach­te­ten Kri­te­ri­en (Ver­sor­gungs­auf­trag des Kran­ken­hau­ses sowie Kos­ten­tra­gung durch den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger) auch im Streit­fall vor­lie­gen.

Soweit das BMF für die Zurech­nung zum Zweck­be­trieb den Ort der Ver­ab­rei­chung des Prä­pa­ra­tes (im Kran­ken­haus) für maß­geb­lich erach­tet, ergibt sich die­se Vor­aus­set­zung weder aus dem sog. Zyto­sta­ti­ka-Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs in BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123 noch aus dem Sinn und Zweck des § 67 AO. Maß­geb­lich ist viel­mehr, dass die Ver­ab­rei­chung der Prä­pa­ra­te der Ver­sor­gung von eige­nen Pati­en­ten des Kran­ken­hau­ses dient; und vom Ver­sor­gungs­auf­trag des Kran­ken­hau­ses umfasst wird. Abge­se­hen davon führ­te die­se Auf­fas­sung, wonach die Abga­be von Prä­pa­ra­ten nur dann dem Zweck­be­trieb zuzu­ord­nen sei, wenn sie ört­lich in einer Ambu­lanz des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums (also im Kran­ken­haus) erbracht wer­de, zu einem nicht fol­ge­rich­ti­gen Aus­schluss von Leis­tun­gen aus dem Zweck­be­trieb, der mit dem gemein­nüt­zig­keits­recht­li­chen Sinn und Zweck (umfas­sen­de Ent­las­tung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger) nicht zu ver­ein­ba­ren wäre.

Die Auf­fas­sung des BMF, wonach es sich bei der Abga­be von Fak­tor­prä­pa­ra­ten zur Heim­selbst­be­hand­lung nicht um eine ambu­lan­te Kran­ken­haus­be­hand­lung nach § 115b SGB V han­de­le, son­dern um eine ambu­lan­te spe­zi­al­fach­ärzt­li­che Ver­sor­gung i.S. von § 116b SGB V, beruht auf einer Ver­ken­nung der maß­geb­li­chen Geset­zes­la­ge. Erst seit dem 1.01.2012 ist § 116b SGB V mit "Ambu­lan­te spe­zi­al­fach­ärzt­li­che Ver­sor­gung" über­schrie­ben. In der bis zum 31.12 2011 und damit im Streit­jahr gel­ten­den Fas­sung trägt § 116b SGB V dage­gen den Titel "Ambu­lan­te Behand­lung im Kran­ken­haus". Abge­se­hen davon ist durch die Neu­fas­sung des § 116b SGB V kei­ne Ände­rung der Zuord­nung des Leis­tungs­spek­trums zu den ambu­lan­ten Kran­ken­haus­leis­tun­gen ein­ge­tre­ten. Wie das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum zu Recht aus­ge­führt hat, wur­de ledig­lich ein neu­er Leis­tungs­be­reich in die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung ein­ge­führt mit der Fol­ge, dass die im Rah­men der spe­zi­el­len ambu­lant zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen nun­mehr sowohl den an der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung teil­neh­men­den Leis­tungs­er­brin­gern als auch den nach § 108 SGB V zuge­las­se­nen Kran­ken­häu­sern unter glei­chen qua­li­ta­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen offen ste­hen 13.

Nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist das Vor­brin­gen des BMF, wonach die Abga­be von Fak­tor­prä­pa­ra­ten zur Heim­selbst­be­hand­lung kei­ne Kran­ken­haus­be­hand­lung i.S. des § 39 Abs. 1 SGB V sei. Danach wird die Kran­ken­haus­be­hand­lung "voll­sta­tio­när, sta­ti­ons­äqui­va­lent, teil­sta­tio­när, vor- und nach­sta­tio­när sowie ambu­lant" erbracht. Abge­se­hen davon, dass es sich bei der Abga­be der Fak­tor­prä­pa­ra­te nach der Spe­zi­al­norm des § 116b SGB V a.F. um eine ambu­lan­te Behand­lung im Kran­ken­haus han­delt, dient die Norm ledig­lich der Abgren­zung von Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen zu ande­ren For­men der Kran­ken­be­hand­lung 14 und hat damit ledig­lich sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che, aber kei­ne steu­er­recht­li­che Bedeu­tung.

Ohne Erfolg macht das BMF schließ­lich unter Hin­weis auf Tz. 7 des BMF-Schrei­bens in BSt­Bl I 2015, 76 gel­tend, die Medi­ka­men­ten­ab­ga­be gehö­re nur dann zum steu­er­be­güns­tig­ten Zweck­be­trieb, wenn sie der Ver­sor­gung von ambu­lant behan­del­ten Pati­en­ten im Kran­ken­haus die­ne. Das BMF, Schrei­ben stellt eine nor­min­ter­pre­tie­ren­de Ver­wal­tungs­an­wei­sung dar. Der­ar­ti­ge Anwei­sun­gen ste­hen kon­klu­dent unter dem Vor­be­halt einer abwei­chen­den Aus­le­gung der Norm durch die Recht­spre­chung 15 und bin­den daher die Gerich­te nicht 16.

Die Ent­schei­dung steht nicht in Wider­spruch zum BFH-Urteil vom 18.10.1990 17, wonach Arz­nei­mit­tel­lie­fe­run­gen der (unselb­stän­di­gen) Kran­ken­haus­apo­the­ke eines gemein­nüt­zi­gen Kran­ken­haus­trä­gers an ande­re Kran­ken­häu­ser kei­nen Zweck­be­trieb dar­stel­len. Die­ses Urteil betrifft nicht die Abga­be von Medi­ka­men­ten an Kran­ken­haus­pa­ti­en­ten und äußert sich im Übri­gen nur zur Fra­ge eines (feh­len­den) Zweck­be­triebs nach § 66 AO (Wohl­fahrts­pfle­ge) und § 68 Nr. 2b AO (Selbst­ver­sor­gung), ent­hält aber kei­ner­lei Aus­sa­ge zum Zweck­be­trieb nach § 67 AO.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist ‑ent­ge­gen der Ansicht des BMF- nicht durch das Durch­füh­rungs­ver­bot des Art. 108 Abs. 3 Satz 3 AEUV gehal­ten, das FG-Urteil auf­zu­he­ben und die Kla­ge abzu­wei­sen.

Gemäß Art. 108 Abs. 3 Satz 3 AEUV darf ein Mit­glied­staat eine Bei­hil­fe nicht ein­füh­ren oder umge­stal­ten, bevor die Kom­mis­si­on einen abschlie­ßen­den Beschluss erlas­sen hat. Die­ses Ver­bot gilt allein für neue Bei­hil­fen; dem­ge­gen­über dür­fen bestehen­de Bei­hil­fen regel­mä­ßig durch­ge­führt wer­den, solan­ge die Kom­mis­si­on nicht ihre Uni­ons­rechts­wid­rig­keit fest­ge­stellt hat 18. Bestehen­de Bei­hil­fen sind ins­be­son­de­re die Bei­hil­fe­re­ge­lun­gen, die vor Inkraft­tre­ten des Ver­trags ein­ge­führt wor­den sind und auch nach des­sen Inkraft­tre­ten noch anwend­bar sind (Art. 1 Buchst. b Unter­buchst. i der Ver­ord­nung (EG) Nr. 659/​1999 des Rates vom 22.03.1999 über beson­de­re Vor­schrif­ten für die Anwen­dung von Art. 93 des EG-Ver­trags).

Von die­sen Grund­sät­zen aus­ge­hend ist das Durch­füh­rungs­ver­bot im Streit­fall nicht anwend­bar. § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG i.V.m. § 67 AO a.F. ist eine bestehen­de Bei­hil­fe ("Alt-Bei­hil­fe"), für die das Durch­füh­rungs­ver­bot nicht gilt. Die Steu­er­be­frei­ung bestand schon vor dem Inkraft­tre­ten des Ver­trags über die Grün­dung der Euro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft am 1.01.1958. Dass zwi­schen­zeit­lich die sozi­al­recht­li­chen Bestim­mun­gen geän­dert wur­den und sich hier­durch die Wei­te der Steu­er­be­frei­ung ver­än­dert hat, ist hier­nach nicht von Bedeu­tung. Denn die allein maß­geb­li­che Rege­lung des § 67 AO a.F. hat sich inhalt­lich nicht geän­dert 19.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Okto­ber 2017 – V R 46/​16

  1. GVBl. NW 2000, S. 734[]
  2. FG Köln, Urteil vom 17.03.2016 – 10 K 775/​15, DStR/​E 2017, 370[]
  3. BFH, Urteil vom vom 31.07.2013 – I R 82/​12, BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123[]
  4. BGBl I 2007, 2332, BSt­Bl I 2007, 815[]
  5. BFH, Urtei­le vom 07.03.2007 – I R 90/​04, BFHE 217, 413, BSt­Bl II 2007, 628, sowie vom 06.02.2013 – I R 59/​11, BFHE 241, 101, BSt­Bl II 2013, 603[]
  6. vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 101, BSt­Bl II 2013, 603; Hüt­te­mann, Gemein­nüt­zig­keits- und Spen­den­recht, 3. Aufl., S. 187, Rz 3.92[]
  7. BFH, Urteil vom 27.11.2013 – I R 17/​12, BFHE 244, 194, BSt­Bl II 2016, 68; eben­so Finanz­ver­wal­tung im Anwen­dungs­er­lass zur Abga­ben­ord­nung zu § 51 Abs. 1 AO, Tz. 1, BSt­Bl I 2014, 290[]
  8. vgl. Meier/​Semelka in Herrmann/​Heuer/​Raupach, EStG/​KStG, 21. Aufl., 2006, § 4 KStG Rz 76, Stich­wort "Hoch­schul­kli­ni­ken", m.w.N.[]
  9. zur Berech­nung der Jah­res­pfle­ge­ta­ge vgl. BFH, Urteil vom 26.08.2010 – V R 5/​08, BFHE 231, 298, BSt­Bl II 2011, 296[]
  10. BFH, Urteil in BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123, Rz 17, m.w.N.[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 31.05.2007 – 1 BvR 1316/​04, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 4, 449, unter IV.03.b[]
  12. BFH, Urteil in BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123, Rz 18[]
  13. vgl. Hess, Kas­se­ler Kom­men­tar Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, § 116b SGB V, Rz 2[]
  14. vgl. Gam­perl, Kas­se­ler Kom­men­tar Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, § 39 SGB V, Rz 3[]
  15. BFH, Urteil vom 23.10.2003 – V R 48/​01, BFHE 203, 531, BSt­Bl II 2004, 196, Rz 35[]
  16. vgl. BFH, Urteil vom 16.09.2015 – XI R 27/​13, BFH/​NV 2016, 252, Rz 30, m.w.N.[]
  17. BFH, Urteil vom 18.10.1990 – V R 76/​89, BFHE 162, 510, BSt­Bl II 1991, 268, Leit­satz 3[]
  18. EuGH, Urtei­le Ban­co Exte­rior de España vom 15.03.1994 – C‑387/​92, EU:C:1994:100, Rz 20; Kre­mi­kovt­zi vom 29.11.2012 – C‑262/​11, EU:C:2012:760, Rz 49, sowie zuletzt P Oy vom 18.07.2013 – C‑6/​12, EU:C:2013:525, Rz 36[]
  19. zur wei­te­ren Begrün­dung sie­he BFHE 243, 180, BSt­Bl II 2015, 123, Rz 36 ff., ins­be­son­de­re Rz 40[]