Die unzu­tref­fen­de Aus­le­gung eines Kla­ge­an­trags

Hat das Finanz­ge­richt einen Kla­ge­an­trag unzu­tref­fend aus­ge­legt und daher in der Fol­ge über dass Anfech­tungs­be­geh­ren nicht ent­schie­den, so hat das Finanz­ge­richt gegen den Grund­satz der Bin­dung an das Kla­ge­be­geh­ren (§ 96 Abs. 1 Satz 2 FGO) ver­sto­ßen. Ein sol­cher Ver­stoß ist nicht im Ver­fah­ren der Urteils­er­gän­zung gemäß § 109 FGO gel­tend zu machen1, son­dern kann als Ver­fah­rens­man­gel (§ 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO) im Rah­men der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gerügt wer­den2.

Die unzu­tref­fen­de Aus­le­gung eines Kla­ge­an­trags

n der Aus­le­gung pro­zes­sua­ler Wil­lens­er­klä­run­gen, die im erst­in­stanz­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren abge­ge­ben wor­den sind, ist das Revi­si­ons­ge­richt frei; es ist inso­weit nicht gemäß § 118 Abs. 2 FGO an die Aus­le­gung durch die Vor­in­stanz gebun­den3. Für die Ein­ord­nung und Wür­di­gung einer Kla­ge­art kommt es nicht auf die Bezeich­nung, son­dern auf den Inhalt des Kla­ge­be­geh­rens, d.h. auf den Cha­rak­ter des begehr­ten Urteils­aus­spruchs an, der ggf. im Wege der Aus­le­gung zu ermit­teln ist4. Nach dem Gebot der rechts­schutz­wah­ren­den Aus­le­gung ist der­je­ni­ge Rechts­be­helf als ein­ge­legt anzu­se­hen, der nach Lage der Sache in Betracht kommt und sach­lich den Belan­gen des Rechts­schutz­su­chen­den ent­spricht5.

Das Finanz­ge­richt hat den Kla­ge­an­trag vor­lie­gend dahin aus­ge­legt, die Klä­ge­rin bean­tra­ge aus­schließ­lich die gericht­li­che Fest­stel­lung, dass der ange­grif­fe­ne Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid des Finanz­amt nich­tig sei. Die­se Aus­le­gung ist nach den vor­ste­hen­den Maß­ga­ben unzu­tref­fend. Bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung des Kla­ge­an­trags ist der Antrag dahin zu ver­ste­hen, dass die Klä­ge­rin nicht nur die Fest­stel­lung der Nich­tig­keit des Kör­per­schaft­steu­er­be­scheids begehrt (Nich­tig­keits­fest­stel­lungs­kla­ge gemäß § 41 Abs. 1 FGO), son­dern ggf. auch des­sen Auf­he­bung (Kas­sa­ti­on) errei­chen möch­te (Anfech­tungs­kla­ge gemäß § 40 Abs. 1 FGO).

Das Anfech­tungs­be­geh­ren ergibt sich mit hin­rei­chen­der Klar­heit aus dem bereits in der Kla­ge­schrift aus­drück­lich for­mu­lier­ten Antrag, den Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid „auf­zu­he­ben”. Dass die Klä­ge­rin den Kla­ge­ge­gen­stand in dem Schrift­satz vom 07.03.2013 dahin beschrie­ben hat, die Nich­tig­keit und die Unwirk­sam­keit des Bescheids fest­zu­stel­len, führt nicht zu der Annah­me, sie habe damit das bis­he­ri­ge Anfech­tungs­be­geh­ren ganz auf­ge­ben wol­len. Denn der im glei­chen Schrift­satz aus­drück­lich for­mu­lier­te Antrag war wie­der­um auf „Auf­he­bung” des Bescheids gerich­tet. Hin­zu kommt, dass die Kla­ge­be­grün­dung ‑das angeb­li­che Feh­len inlän­di­scher Ein­künf­te- kaum als Nich­tig­keits, wohl aber als zur Auf­he­bung füh­ren­der Rechts­wid­rig­keits­grund tau­gen wür­de. Dem­nach besteht kein hin­rei­chen­der Anhalt dafür, dass die Klä­ge­rin mit der Kla­ge nicht wei­ter­hin (auch) das Ziel ver­folgt hat, den Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid anzu­fech­ten. Einer Umdeu­tung des Kla­ge­an­trags, die das Finanz­ge­richt wegen der von ihm ange­nom­me­nen Fach­kun­de der X‑Ltd. abge­lehnt hat, bedarf es daher nicht.

Da das Finanz­ge­richt über das Fest­stel­lungs­be­geh­ren ent­schie­den hat, bedarf es beim gegen­wär­ti­gen Ver­fah­rens­stand kei­ner Ent­schei­dung (mehr), in wel­cher Rang­fol­ge die bei­den Kla­ge­zie­le von der Klä­ge­rin ver­folgt wor­den sind6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 30. Mai 2014 – I B 118/​13

  1. BFH, Beschluss vom 26.07.1999 – V B 71/​99, BFH/​NV 2000, 66; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, § 109 FGO Rz 2
  2. Brandt in Beermann/​Gosch, FGO § 109 Rz 24
  3. BFH, Beschluss vom 08.10.2012 – I B 76, 77/​12, BFH/​NV 2013, 219, m.w.N.
  4. BFH, Urteil vom 20.09.1996 – VI R 43/​93, BFH/​NV 1997, 249, m.w.N.
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.08.1999 – 2 BvR 184/​99, NJW 2000, 649
  6. vgl. zu den ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten bei Kom­bi­na­ti­on von Nich­tig­keits­fest­stel­lungs- und Anfech­tungs­kla­ge z.B. v. Beckerath in Beermann/​Gosch, FGO § 41 Rz 54