Mehr­stu­fi­ge Organ­schaft – und die Haf­tung der Organ­ge­sell­schaft

Der Gegen­stand der Haf­tung (§ 73 Satz 1 AO) ist für eine kör­per­schaft­steu­er­recht­li­che Organ­schaft (§ 14 Abs. 1 Satz 1 KStG) auf sol­che Steu­er­an­sprü­che beschränkt, die gegen den durch das kon­kre­te Organ­schafts­ver­hält­nis bestimm­ten Organ­trä­ger gerich­tet sind. Dies ist auch bei mehr­stu­fi­gen Organ­schaf­ten zu beach­ten.

Mehr­stu­fi­ge Organ­schaft – und die Haf­tung der Organ­ge­sell­schaft

Nach § 73 Satz 1 AO haf­tet eine Organ­ge­sell­schaft für sol­che Steu­ern des Organ­trä­gers, für wel­che die Organ­schaft zwi­schen ihnen steu­er­lich von Bedeu­tung ist. Die Haf­tung der im Organ­kreis unter­ge­ord­ne­ten Organ­ge­sell­schaft für Steu­er­schul­den des die Organ­ge­sell­schaft beherr­schen­den Organ­trä­gers soll die steu­er­li­chen Risi­ken aus­glei­chen, die mit der Ver­la­ge­rung der steu­er­li­chen Rechts­zu­stän­dig­keit auf den Organ­trä­ger ver­bun­den sind. Durch den haf­tungs­recht­li­chen Zugriff auf das Ver­mö­gen der Organ­ge­sell­schaft sol­len bei Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Organ­trä­gers Steu­er­aus­fäl­le ver­mie­den wer­den, die infol­ge von Ver­mö­gens­ver­la­ge­run­gen inner­halb des Organ­krei­ses ent­ste­hen könn­ten 1. Inso­weit wird in der die Rege­lung betref­fen­den Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung einer Abga­ben­ord­nung (AO 1977) aus­ge­führt, die Haf­tungs­vor­schrift fin­de ihre Recht­fer­ti­gung dar­in, "daß bei steu­er­li­cher Aner­ken­nung einer Organ­schaft die vom Organ­trä­ger zu zah­len­de Steu­er auch die Beträ­ge umfaßt, die ohne die­se Organ­schaft von der Organs­ge­sell­schaft geschul­det wor­den wären" 2. Im Übri­gen heißt es, man habe sich der öster­rei­chi­schen Rege­lung, wonach die Haf­tung auf sol­che Steu­ern beschränkt wird, die auf den Betrieb des beherrsch­ten Unter­neh­mens ent­fal­len, nicht ange­schlos­sen. In die­sem Zusam­men­hang wird auf die Not­wen­dig­keit einer prak­ti­ka­blen Rege­lung ver­wie­sen; dar­über hin­aus kön­ne es "durch­aus als sach­ge­recht ange­se­hen wer­den, den Organ­kreis als ein­heit­li­ches Gan­zes zu betrach­ten" 3.

Der Gegen­stand der Haf­tung ist für eine Organ­ge­sell­schaft auf die gegen den ‑durch das kon­kre­te Organ­schafts­ver­hält­nis bestimm­ten- Organ­trä­ger gerich­te­ten Steu­er­an­sprü­che beschränkt.

Letz­te­res ergibt sich aus dem Wort­laut, der die Haf­tung der Organ­ge­sell­schaft für die Steu­ern des Organ­trä­gers anord­net, für die "die Organ­schaft zwi­schen ihnen" ‑also das zwei­per­so­na­le Organ­schafts­ver­hält­nis- von Bedeu­tung ist. Im Streit­fall, in dem kei­ne sog. mit­tel­ba­re Organ­schaft bzw. Klam­mer­or­gan­schaft 4 zwi­schen der B GmbH und der D (spä­ter: E) AG i.S. einer finan­zi­el­len Ein­glie­de­rung ver­mit­tels der mit­tel­ba­ren Beherr­schung und einem direk­ten Ergeb­nis­ab­füh­rungs­ver­trag bestand, fehlt es hier­an 5.

Auch wenn die Haf­tungs­norm bezweckt, die steu­er­li­chen Risi­ken aus­zu­glei­chen, die mit der Ver­la­ge­rung der steu­er­li­chen Rechts­zu­stän­dig­keit auf den Organ­trä­ger ver­bun­den sind, bezieht sich die Haf­tung auf die Steu­er­schuld­ner­schaft 6, die nach der ein­zel­ge­setz­li­chen Begriffs­be­stim­mung der im Streit­fall ein­schlä­gi­gen Organ­schafts­re­ge­lung 7 per­so­nell an den Organ­trä­ger geknüpft ist 8.

Dabei ver­kennt der Bun­des­fi­nanz­hof nicht, dass nach Ansicht der Finanz­be­hör­de bei gestuf­ten Organ­schafts­ver­hält­nis­sen ein wei­ter­ge­hen­der Haf­tungs­um­fang zweck­ge­recht erschei­nen mag 9. Hier­bei han­delt es sich jedoch um eine rechts­po­li­ti­sche Fra­ge, die nicht von den Gerich­ten, son­dern zuvör­derst vom Gesetz­ge­ber zu beant­wor­ten ist und die ‑wie auf­ge­zeigt- ins­be­son­de­re mit Rück­sicht auf den kla­ren Wort­laut des § 73 AO nicht Gegen­stand einer aus­deh­nen­den Geset­zes­aus­le­gung sein kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 31. Mai 2017 – I R 54/​15

  1. z.B. BFH, Urteil vom 05.10.2004 – VII R 76/​03, BFHE 207, 18, BSt­Bl II 2006, 3[]
  2. BT-Drs. VI/​1982, S. 120[]
  3. BT-Drs., a.a.O.; s. inso­weit auch Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22.10.1992 – IX ZR 244/​91, BGHZ 120, 50[]
  4. s. Lüdi­cke in Kessler/​Förs­ter/​Watrin [Hrsg.], Unter­neh­mens­be­steue­rung, Fest­schrift für Nor­bert Her­zig, 2010, S. 259, 280; Schmidt, Die Inan­spruch­nah­me der Organ­ge­sell­schaft für Steu­er­schul­den des Organ­trä­gers gemäß § 73 AO, 2014, S. 161; Dötsch in Dötsch/​Pung/​Möhlenbrock, Die Kör­per­schaft­steu­er, § 14 KStG Rz 682; Schimmele/​Weber, Der Kon­zern 2015, 437, 438[]
  5. gl.A. Lüdi­cke in Fest­schrift für Nor­bert Her­zig, a.a.O., S. 259, 279 ff.; Schmidt, a.a.O., S. 188 f.; Schwet­lik, GmbH-Steu­er­be­ra­ter 2015, 307[]
  6. Lüdi­cke in Fest­schrift für Nor­bert Her­zig, a.a.O., S. 259, 272[]
  7. s. inso­weit BT-Drs. VI/​1982, S. 120 – hier: § 14 Abs. 1 Satz 1 KStG[]
  8. s.a. Elicker/​Hartrott, Betriebs-Bera­ter ‑BB- 2011, 2775[]
  9. zur "Haf­tungs­lü­cke" – s. z.B. Lüdi­cke in Fest­schrift für Nor­bert Her­zig, a.a.O., S. 259, 261 und 279 ff.; Schmidt, a.a.O., S. 187 ff.; Braunagel/​Paschke, Die Unter­neh­mens­be­steue­rung 2011, 233, 238; Schimmele/​Weber, BB 2013, 2263, 2268; die­sel­ben, Der Kon­zern 2015, 437, 438 f.; s.a. ‑wohl zustim­mend- Brink in Schnitger/​Fehrenbacher, KStG, § 14 Rz 688[]