Rechts­be­hel­fe und ihre Aus­le­gung – und der Soli­da­ri­täts­zu­schlag

Sowohl außer­pro­zes­sua­le Rechts­be­hel­fe, wie etwa der Ein­spruch, als auch pro­zes­sua­le sind in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 133 BGB aus­zu­le­gen. Danach ist nicht an dem buch­stäb­li­chen Sin­ne des Aus­drucks zu haf­ten, son­dern der wirk­li­che Wil­le zu erfor­schen 1.

Rechts­be­hel­fe und ihre Aus­le­gung – und der Soli­da­ri­täts­zu­schlag

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall betrag das Ein­spruchs­schrei­ben und der wei­te­re Schrift­ver­kehr nur die Kör­per­schaft­steu­er, nicht den Soli­da­ri­täts­zu­schlag. Bereits im Rubrum der Schrift­sät­ze der fach­kun­dig ver­tre­te­nen GmbH wird allein der Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid 2006 ange­führt, obgleich im Streit­fall ein Sam­mel­be­scheid über Kör­per­schaft­steu­er und Soli­da­ri­täts­zu­schlag ergan­gen war 2.

Da der Soli­da­ri­täts­zu­schlag im Sam­mel­be­scheid mit 0 EUR fest­ge­setzt wor­den war und sich auch die Ein­spruchs­be­grün­dung nicht mit Fra­gen des Soli­da­ri­täts­zu­schlags befass­te, konn­te ein objek­ti­ver Emp­fän­ger die Erklä­rung nicht so ver­ste­hen, dass auch eine den Soli­da­ri­täts­zu­schlag betref­fen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Beschwer i.S. des Vor­la­ge­be­schlus­ses des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 10.08.2011 3 gel­tend gemacht wer­den soll­te.

Auch wenn nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung bei aus­le­gungs­fä­hi­gen Rechts­be­hel­fen davon aus­zu­ge­hen ist, dass der Steu­er­pflich­ti­ge den­je­ni­gen Rechts­be­helf ein­le­gen will, der sei­nem mate­ri­ell-recht­li­chen Begeh­ren am ehes­ten zum Erfolg ver­hilft 4, recht­fer­tigt dies im Streit­fall kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Denn der Ein­spruch (nur) gegen die Kör­per­schaft­steu­er­fest­set­zung ist geeig­net, das aus der Ein­spruchs­be­grün­dung zu ent­neh­men­de Begeh­ren, den Ver­lust von Kör­per­schaft­steu­er­gut­ha­ben wegen einer Begren­zung der Kör­per­schaft­steu­er­min­de­rung auf 1/​6 der Liqui­da­ti­ons­aus­keh­rung zu ver­mei­den, sach­lich durch die zur Ent­schei­dung über den Ein­spruch beru­fe­ne Ver­wal­tungs­be­hör­de und ‑ggf. spä­ter- durch das Finanz­ge­richt zu über­prü­fen.

Hier­aus folgt zugleich, dass die nach­fol­gend erho­be­ne Kla­ge Kla­ge, soweit sie sich gegen die begehr­te Aus­zah­lung eines Soli­da­ri­täts­zu­schlag­gut­ha­bens rich­te­te, man­gels Durch­füh­rung des gemäß § 44 Abs. 1 FGO erfor­der­li­chen Vor­ver­fah­rens als unzu­läs­sig abzu­wei­sen ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 2. Febru­ar 2016 – I R 21/​14

  1. BFH, Urteil vom 28.11.2001 – I R 93/​00, BFH/​NV 2002, 613; BFH, Urteil vom 19.08.2013 – X R 44/​11, BFHE 243, 304, BSt­Bl II 2014, 234[]
  2. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2002, 613 zur Anfech­tung von Sam­mel­be­schei­den[]
  3. BFH, Beschluss vom 10.08.2011 – I R 39/​10, BFHE 234, 396, BSt­Bl II 2012, 603[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 243, 304, BSt­Bl II 2014, 234[]