Bin­dungs­wir­kung einer Lohn­steu­er­an­ru­fungs­aus­kunft gegen­über dem Arbeit­neh­mer

Erteilt das Betriebs­stät­ten­fi­nanz­amt dem Arbeit­ge­ber eine Lohn­steu­er­an­ru­fungs­aus­kunft, sind die Finanz­be­hör­den im Rah­men des Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens an die­se auch gegen­über dem Arbeit­neh­mer gebun­den. Das Finanz­amt kann daher die vom Arbeit­ge­ber auf­grund einer (unrich­ti­gen) Anru­fungs­aus­kunft nicht ein­be­hal­te­ne und abge­führ­te Lohn­steu­er vom Arbeit­neh­mer nicht nach § 42d Abs. 3 Satz 4 Nr. 1 EStG nach­for­dern.

Bin­dungs­wir­kung einer Lohn­steu­er­an­ru­fungs­aus­kunft gegen­über dem Arbeit­neh­mer

Nach § 42d Abs. 3 Satz 4 Nr. 1 EStG kann das Finanz­amt den Arbeit­neh­mer als Schuld­ner der Lohn­steu­er in Anspruch neh­men, wenn der Arbeit­ge­ber die Lohn­steu­er nicht vor­schrifts­mä­ßig ange­mel­det hat 1.

Nach § 38 Abs. 2 Satz 1 EStG ist der Arbeit­neh­mer Schuld­ner der Lohn­steu­er. Nicht ein­be­hal­te­ne und nicht abge­führ­te Lohn­steu­er kann des­halb von der Finanz­be­hör­de grund­sätz­lich von ihm nach­ge­for­dert wer­den, und zwar auch dann, wenn das Kalen­der­jahr abge­lau­fen ist 2. Denn der Lohn­steu­er­an­spruch erlischt nicht, wenn die Ein­kom­men­steu­er nach Ablauf des Kalen­der­jah­res gemäß § 36 Abs. 1 EStG ent­steht 3. Aller­dings ist der Lohn­steu­er-Nach­for­de­rungs­be­scheid auch in die­sem Fall ein Vor­aus­zah­lungs­be­scheid, sofern das Finanz­amt –wie vor­lie­gend– ledig­lich die Lohn­steu­er des feh­ler­haf­ten Abfüh­rungs­zeit­raums fest­setzt 4.

Zugleich haf­tet der Arbeit­ge­ber nach § 42d Abs. 1 Nr. 1 EStG für nicht ein­be­hal­te­ne und nicht abge­führ­te Lohn­steu­er. Soweit die­se Haf­tung reicht, sind der Arbeit­ge­ber und der Arbeit­neh­mer Gesamt­schuld­ner (§ 42d Abs. 3 Satz 1 EStG). Das Betriebs­stät­ten­fi­nanz­amt kann die Steu­er­schuld oder Haf­tungs­schuld nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen gegen­über jedem Gesamt­schuld­ner gel­tend machen (§ 42d Abs. 3 Satz 2 EStG). Aller­dings kann der Arbeit­neh­mer nach § 42d Abs. 3 Satz 4 Nr. 1 EStG für sei­ne Lohn­steu­er als (Gesamt-)Schuldner neben dem Arbeit­ge­ber nur in bestimm­ten Fäl­len in Anspruch genom­men wer­den, etwa wenn der Arbeit­ge­ber die Lohn­steu­er nicht vor­schrifts­mä­ßig vom Arbeits­lohn ein­be­hal­ten hat 5.

An einer vor­schrifts­wid­ri­gen Ein­be­hal­tung und Abfüh­rung der Lohn­steu­er fehlt es, wenn der Arbeit­ge­ber eine Anru­fungs­aus­kunft ein­ge­holt hat und danach ver­fah­ren ist. In einem sol­chen Fall kann ihm nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, er habe die Lohn­steu­er nicht vor­schrifts­mä­ßig ein­be­hal­ten. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die Anru­fungs­aus­kunft mate­ri­ell rich­tig oder unrich­tig ist 6. Ist der Arbeit­ge­ber ent­spre­chend einer Anru­fungs­aus­kunft ver­fah­ren, hat er den "Wei­sun­gen und Vor­schrif­ten" des Auf­trag geben­den Finanz­amts Rech­nung getra­gen und damit die Lohn­steu­er vor­schrifts­mä­ßig ein­be­hal­ten und abge­führt 7. Der Haf­tungs­tat­be­stand ist in die­sen Fäl­len nicht erfüllt 8.

Über­dies führt die ord­nungs­ge­mä­ße Abfüh­rung der aus­kunfts­ge­mäß ein­be­hal­te­nen Lohn­steu­er zum Erlö­schen des Lohn­steu­er­an­spruchs des Finanz­amt (§ 47 AO). Der Arbeit­neh­mer (Steu­er­schuld­ner) kann damit nicht mehr auf Zah­lung der Lohn­steu­er in Anspruch genom­men wer­den, und zwar auch dann nicht, wenn der Arbeit­ge­ber die Lohn­steu­er auf­grund einer mate­ri­ell unrich­ti­gen Lohn­steu­er­an­ru­fungs­aus­kunft ein­be­hal­ten und abge­führt hat. In einem sol­chen Fall wird zwar nicht die Ein­kom­men­steu­er­schuld, aber die Lohn­steu­er­schuld i.S. des § 38 Abs. 2 EStG des Arbeit­neh­mers wie auch die Ent­rich­tungs­schuld des Arbeit­ge­bers durch das Finanz­amt im Wege der Anru­fungs­aus­kunft ver­bind­lich fest­ge­stellt. Es kann daher die vom Arbeit­ge­ber auf­grund einer unrich­ti­gen Anru­fungs­aus­kunft nicht ein­be­hal­te­ne und abge­führ­te Lohn­steu­er vom Arbeit­neh­mer nicht nach § 42d Abs. 3 Satz 4 Nr. 1 EStG nach­for­dern 9. Denn die Finanz­be­hör­den sind zwar nicht im Ver­an­la­gungs­ver­fah­ren, aber im Rah­men des Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens und damit des Vor­aus­zah­lungs­ver­fah­rens 10 auch gegen­über dem Arbeit­neh­mer gebun­den 11. Die Fra­ge nach der Anwen­dung der lohn­steu­er­recht­li­chen Vor­schrif­ten ist ein­heit­lich zu beant­wor­ten 12. Ob die Anru­fungs­aus­kunft nach § 42e EStG inso­weit als Ver­wal­tungs­akt mit Dritt­wir­kung zu beur­tei­len ist, braucht der Bun­des­fi­nanz­hof hier­bei nicht zu ent­schei­den 13. Jeden­falls kann sich der Arbeit­ge­ber auf eine dem Arbeit­neh­mer erteil­te Aus­kunft beru­fen und umge­kehrt 14. An der gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung, nach der das Finanz­amt nicht gehin­dert ist, im Lohn­steu­er­ver­fah­ren dem Arbeit­neh­mer gegen­über einen ande­ren, ungüns­ti­ge­ren Rechts­stand­punkt zu ver­tre­ten als im Aus­kunfts­ver­fah­ren gegen­über dem Arbeit­ge­ber 15, hält der Bun­des­fi­nanz­hof nicht fest. Denn das dem Arbeit­neh­mer ein­ge­räum­te Antrags­recht wäre ansons­ten prak­tisch wert­los. Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer wären gezwun­gen, jeweils einen gemein­sa­men Antrag nach § 42e EStG zu stel­len 16.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Okto­ber 2013 – VI R 44/​12

  1. zu § 42d Abs. 3 Satz 4 Nr. 1 EStG als "Anspruchs­grund­la­ge" vgl. BFH, Ent­schei­dung vom 13.01.1989 – VI R 153/​85, BFHE 156, 99, BSt­Bl II 1989, 447; FG Mün­chen, Urteil vom 15.05.2003 – 11 K 2986/​02, EFG 2003, 1281; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42d Rz D 5, D 7; Wag­ner, in Heuermann/​Wagner, Lohn­steu­er J Rz 131; Hartz/​Meeßen/​Wolf, ABC-Füh­rer Lohn­steu­er, Nach­for­de­rung von Lohn­steu­er Rz 31, 35[]
  2. Schmidt/​Krüger, EStG, 32. Aufl., § 42d Rz 22; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42d Rz D 7; Wag­ner, a.a.O., Lohn­steu­er J Rz 132[]
  3. Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42d Rz 22; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42d Rz D 7; Wag­ner, a.a.O., Lohn­steu­er J Rz 132[]
  4. Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42d Rz 22[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 13.01.2011 – VI R 61/​09, BFHE 232, 5, BSt­Bl II 2011, 479[]
  6. BFH, Urteil vom 16.11.2005 – VI R 23/​02, BFHE 212, 59, BSt­Bl II 2006, 210, m.w.N.; Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42d Rz 3 und § 42e Rz 8 f.[]
  7. Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42d Rz 3[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 212, 59, BSt­Bl II 2006, 210, m.w.N.; Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42d Rz 3; Blümich/​Wagner, § 42d EStG Rz 51; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42d Rz B 1; Gersch in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 42e EStG Rz 24[]
  9. Blümich/​Heuermann, § 42e EStG Rz 31; Seer in Tipke/​Kruse, § 89 AO Rz 109; Wag­ner, a.a.O., Lohn­steu­er K Rz 32[]
  10. vgl. BFH, Urteil in BFHE 232, 5, BSt­Bl II 2011, 479, m.w.N.[]
  11. Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42e Rz B 13; Diß­ars, Die Infor­ma­ti­on für Steu­er­be­ra­ter und Wirt­schafts­prü­fer (INF) 2003, 862, 865; Blümich/​Heuermann, § 42e EStG Rz 38; Schmidt/​Krüger, a.a.O, § 42d Rz 24 bis zum Abschluss des Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens; a.A. Eis­gru­ber in Kirch­hof, EStG, 12. Aufl., § 42e Rz 6 f.; Frot­scher in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 42e Rz 23[]
  12. Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42e Rz B 13; Blümich/​Heuermann, § 42e EStG Rz 31; Wag­ner, a.a.O., Lohn­steu­er K Rz 32[]
  13. so Drens­eck, Ver­wal­tungs­ak­te im Lohn- und Ein­kom­men­steu­er­ver­fah­ren, in Stol­ter­foht, Grund­fra­gen des Lohn­steu­er­rechts 1986, 377,, 396; Schmidt/​Krüger, a.a.O., § 42e Rz 9; Diß­ars, INF 2003, 862, 865; Blümich/​Heuermann, § 42e EStG Rz 31; Seer, a.a.O., § 89 AO Rz 109[]
  14. Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 42e Rz B 13; Diß­ars, INF 2003, 862, 864 f.; Blümich/​Heuermann, § 42e EStG Rz 31; Seer, a.a.O., § 89 AO Rz 109[]
  15. BFH, Beschluss vom 22.05.2007 – VI B 143/​06, BFH/​NV 2007, 1658[]
  16. Seer, a.a.O., § 89 AO Rz 109[]